VERSCHIEDENE THEORIEN.

Ich erwähne wiederum in erster Linie denjenigen Psychologen der Komik,

der sich von der Wahrheit am weitesten entfernt hält. Wie wir sahen, geht

_Hecker_'s Bestimmung der Komik überhaupt aus von der Betrachtung des

Gefühls der Komik, das er als beschleunigten Wettstreit der Gefühle der

Lust und Unlust bezeichnet. Beim Witze nun entsteht für ihn "die Unlust

wie die Lust aus zwei Vorstellungen, deren Unvereinbarkeit und doch

wiederum mögliche Vereinbarkeit miteinander die Quelle der Gefühle

bildet."

Diese Erklärung ist vor allem nicht allzu ernst gemeint. An Stelle der

unvereinbaren Vorstellungen treten später solche, die nichts miteinander

zu thun haben, d. h. thatsächlich in keinem Verhältnis unmittelbarer

Zusammengehörigkeit stehen. Und zu diesen gesellen sich dann solche, die

zugestandenermassen ziemlich viel miteinander zu thun haben. Überhaupt

wandeln sich die _Hecker_'schen Bedingungen des Witzes von Fall zu Fall,

bis schliesslich von der ursprünglichen Formel herzlich wenig mehr übrig

bleibt. Natürlich verfolge ich diese Wandlungen nicht. Es genügt die

Bemerkung, dass nach _Hecker_ schließlich jede zweifelhafte Aussage, jede

Annahme, die durch Thatsachen gestützt wird, während andere Thatsachen

widersprechen, jede halbwahre Theorie, ja jede thörichte Rede, der wir

den wahren Sachverhalt "substituieren", witzig heissen müsste. Als ganz

besonders witzig müsste seine eigene Theorie des Witzes und der Komik

überhaupt gelten, in der mit mancherlei Ansätzen und Elementen zu einer

richtigen Anschauung so viel Unzutreffendes so eng verbunden ist.

Mit _Hecker_'s Erklärung ist die _Kräpelin_'s verwandt. Für ihn ist der

Witz die "willkürliche Verbindung oder Verknüpfung[1] zweier miteinander

in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das

Hilfsmittel der sprachlichen Association". Es muss, so sagt er nachher,

irgend ein Band zwischen den Vorstellungen, es müssen associative

Beziehungen zwischen ihnen existieren, welche diese Verknüpfung

gestatten. Andererseits muss aber die Nichtzusammengehörigkeit derselben

klar und scharf genug ins Auge springen, dass eine Kontrastwirkung zur

Entwicklung gelangen kann.

[1] So, und nicht "Erzeugung" muss es ohne Zweifel an der betreffenden

Stelle heissen.

Diese Erklärung leidet an mehreren Fehlern. Sie stimmt nicht mit den

nachfolgenden näheren Bestimmungen; sie ist vieldeutig; man mag sie

drehen wie man will, so schliesst sie Dinge ein, die mit dem Witze nichts

zu thun haben; sie schliesst andererseits Gattungen von Vorgängen aus,

die thatsächlich dem Witze zugehören. Sie steht endlich in direktem

Widerspruch mit einzelnen ausdrücklich angeführten Fällen des Witzes.

Nur auf zwei Punkte mache ich hier gleich aufmerksam. Der Witz soll eine

_willkürliche_ Verbindung von Vorstellungen sein. Gleich nachher wird von

Witzen gesprochen, die nicht der bewusst absichtsvollen Komik angehören,

sondern unbewusst sind. Ich denke aber, wo das Bewusstsein aufhört, ist

nach gemeinem Sprachgebrauch auch von Willkür nicht mehr die Rede.

Wichtiger ist mir der andere Punkt. "Irgendwie kontrastieren" müssen die

Vorstellungen, deren Verbindung den Witz ausmacht. Mit diesem Kontrast

geht es einigermassen, wie mit der "Unvereinbarkeit" bei _Hecker_. An

seine Stelle tritt später die Nichtzusammengehörigkeit. Bald darauf

heissen die Vorstellungen einander widerstreitend, wiederum an anderer

Stelle gänzlich verschiedenartig. Als ob alle diese Ausdrücke dasselbe

sagten. In der That können die im Witze verbundenen Vorstellungen sich

auf die verschiedenartigste Weise zu einander verhalten. Das bekannte

_Lichtenberg_'sche "Messer ohne Klinge, woran der Stiel fehlt" enthält

eine Verbindung an sich unvereinbarer Vorstellungen. Das Messer

einerseits, der Mangel der Klinge und des Stieles andererseits, diese

beiden Begriffe heben sich gegenseitig auf.--Wenn ein französischer

Dichter auf die Zumutung seines Königs, ein Gedicht zu machen, dessen

sujet er sei, antwortet: le roi n'est pas sujet, so vollzieht er eine

Verbindung von Vorstellungen,--sujet = Unterthan und sujet = Gegenstand

eines Gedichtes--die an sich recht wohl vereinbar sind, und nur

thatsächlich und erfahrungsgemäss nichts miteinander zu thun haben.--"Die

Abteien sind geworden zu Raubteien", sagt der _Schiller_'sche Kapuziner.

Hier sind die in witziger Weise verbundenen Vorstellungen weder

unvereinbar noch unzusammengehörig. Die Abteien waren in der That in der

Zeit des dreissigjährigen Krieges zu Raubteien geworden. Die

Vorstellungen gehören also genau soweit zusammen, als es der Witz

behauptet.--Gedenken wir endlich gar der witzigen Definition von der Art

der _Schleiermacher_'schen: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit

Eifer sucht, was Leiden schafft, so ergiebt sich, dass die im Witze

miteinander "kontrastierenden" Vorstellungen auch solche sein können, die

nicht nur in bestimmten Fällen und thatsächlich, sondern allgemein und

begrifflich zusammengehören, deren Zusammengehörigkeit ausserdem

jedermann denkbar geläufig ist. Dass die Eifersucht eine Leidenschaft

ist, die darauf ausgeht Dinge hervorzusuchen und selbst zu ersinnen, die

nur dazu dienen können dem Eifersüchtigen und dem Gegenstand der

Eifersucht Qualen zu bereiten, dies liegt ja im Begriff der Eifersucht

und bezeichnet kein verstecktes, sondern ein jedermann bekanntes und

selbstverständliches Moment dieses Begriffes.

Die im Witze verbundenen Vorstellungen find unvereinbare und

unzusammengehörige, anderseits zusammengehörige und sogar notwendig zu

vereinigende Vorstellungen; sie sind Vorstellungen, deren Vereinigung

einen Unsinn, eine faktische Unwahrheit, andererseits eine thatsächliche

Wahrheit oder sogar eine Selbstverständlichkeit ergiebt. Sie sind mit

einem Worte verschiedenartige Vorstellungen, die sich irgendwie zu

einander verhalten. Verschiedene und irgendwie sich zu einander

verhaltende Vorstellungen werden aber natürlich in jeder wahren oder

falschen Behauptung miteinander verbunden. Sie können also nicht das

Wesen des Witzes ausmachen.

Dann muss wohl die besondere Art der Verbindung den Witz erzeugen. Die

Verbindung, so könnte man sagen, ist beim Witz jederzeit eine solche,

welche die Unvereinbarkeit, oder auch die blosse Verschiedenheit der

Vorstellungen besonders deutlich zu Tage treten lässt. In dieser

deutlicher zu Tage tretenden Unvereinbarkeit oder Verschiedenheit

bestände dann der "Kontrast", der zum Witze erforderlich ist. In der That

kann _Kräpelin_'s Meinung im Grunde keine andere sein. Zur Komik

überhaupt gehört ja für ihn nach der allgemeinen Erklärung, die wir im

vorigen Abschnitt kennen gelernt haben, der Versuch der begrifflichen

Vereinigung und ein erst _daraus sich ergebender_ "intellektueller"

Kontrast.

Damit stimmt es, dass _Kräpelin_ für den Witz eine associative Beziehung

der Vorstellungen fordert, welche die _Verbindung gestattet_. Freilich

geht diese Forderung über das hinaus, was jener allgemeinen Erklärung

zufolge für die Komik gefordert ist und demnach auch für die Komik des

Witzes gefordert werden dürfte. Ich kann ja recht wohl in einer Aussage

Vorstellungen verbinden und andere zum Versuch ihrer begrifflichen

Vereinigung nötigen, ohne dass besondere associative Beziehungen

vorliegen. Ich sage etwa: Napoleon starb in Sibirien. Napoleon hat mit

Sibirien nichts zu thun. Aber ich verbinde in dem Satze die beiden

Vorstellungen, und wer ihn hört, kann nicht umhin den Versuch

begrifflicher Vereinigung anzustellen. Er gewinnt auch daraus ein Gefühl

des Kontrastes. Es kommt ihm zum Bewusstsein, dass Napoleon's Tod in der

That mit Sibirien _gar nichts_ zu thun hat. Die Behauptung erfüllt also

trotz der mangelnden Association die Bedingung, unter der nach _Kräpelin_

das Gefühl der Komik allgemein entstehen müsste.

Andrerseits kann aber auch die Association hinzutreten und dennoch die

Komik des Witzes, wie jede Komik überhaupt, unterbleiben. Ich brauchte

nur Napoleon statt in Sibirien auf Elba sterben zu lassen. Napoleon starb

auf einer Insel; Elba ist eine Insel; Napoleon war auf Elba. Wiederum

wird zugleich demjenigen, der die Behauptung hört, eben durch die

Behauptung die Nichtzusammengehörigkeit der verbundenen Vorstellungen zum

deutlicheren Bewusstsein gebracht.

Oder: jemand zeiht meinen Freund, dessen Charakter ich erprobt habe,

einer unredlichen Handlung. Die Gründe, die er anführt, gestatten die

Vorstellungsverbindung und zwingen mich sogar immer wieder, sie

versuchsweise zu vollziehen. Dabei muss mir der Gegensatz zwischen der

behaupteten Unredlichkeit und dem erprobten Charakter in besonderem Masse

fühlbar werden. Er wird mir vielleicht in dem Masse fühlbar, dass ich die

Vorstellungsverbindung in tiefster Empörung abweise. Hier haben

wir ein Kontrastbewusstsein der intensivsten Art; zugleich ein

Kontrastbewusstsein, das sich völlig vorschriftsmässig aus versuchter

begrifflicher Vereinigung nicht nur verschiedener, sondern faktisch

unvereinbarer Vorstellungen ergiebt. Trotzdem wird niemand verlangen,

dass ich die Verleumdung als Witz oder überhaupt als komisch empfinde.

Indessen so ist die Sache nicht gemeint. Die assoziativen Beziehungen

gestatten die Verbindung, an Stelle dieses nichtssagenden Ausdrucks setzt

_Kräpelin_ später den andern, sie begründen eine bedingte oder teilweise

Zusammengehörigkeit der Vorstellungen. Damit ist dann freilich wieder zu

viel gesagt. Das Messer einerseits, der gleichzeitige Mangel des Stiels

und der Klinge anderseits, diese beiden Dinge gehören auch nicht bedingt

oder teilweise zusammen.

Trotzdem ist in dieser Bestimmung etwas Richtiges. Die associativen

Beziehungen müssen jederzeit eine Zusammengehörigkeit begründen, wenn

keine wirkliche, dann eine scheinbare. Indem sie dies thun, verleihen sie

der witzigen Aussage eine wirkliche oder scheinbare Bedeutung und damit

zugleich eine gewisse Kraft, Wichtigkeit, Eindrucksfähigkeit. Damit ist

auch schon der Punkt bezeichnet, auf den es bei der Zusammengehörigkeit

einzig und allein ankommt. Nicht die Zusammengehörigkeit, sondern die

Bedeutung, welche den Worten als Trägern derselben erwächst, bedingt den

Eindruck der Komik. Die Zusammengehörigkeit ist bei dem eben angeführten

Falle eine lediglich scheinbare. Aber indem die Worte den Schein

erwecken, leisten sie etwas. Wir hören die Wortverbindung "Messer ohne

Klinge und Stiel" und lassen uns dadurch verführen, für einen Moment an

die Möglichkeit der entsprechenden Vorstellungsverbindung zu glauben,

also derselben einen Sinn zuzuschreiben. Der Begriff eines Messers ohne

Klinge ist uns geläufig, der eines Messers ohne Stiel nicht minder. Hebt

der Mangel der Klinge den Begriff des Messers nicht auf, und der Mangel

des Stieles ebensowenig, so scheint auch der Mangel der Klinge und des

Stieles ihn nicht aufzuheben.--Dann freilich kommt uns die

Unvereinbarkeit der Vorstellungen zum Bewusstsein. Wir wissen, das wir

uns haben täuschen lassen, dass wir nach einem geläufigen Ausdruck

"hereingefallen" sind. Was wir einen Moment für sinnvoll nahmen, steht

als völlig sinnlos vor uns. Darin besteht in diesem Falle der komische

Prozess.

Analog verhält es sich mit jenem Witze des französischen Dichters. Die

Antwort, die der Dichter giebt, ist keine Antwort, oder sie ist, als

Antwort auf die Aufforderung des Königs betrachtet, sinnlos. Sie besitzt

nicht bedingte oder teilweise, sondern gar keine "Geltung". Ebensowenig

Geltung besitzt der Schluss, der sich darauf aufbaut: der König ist nicht

sujet, man kann also auch nicht fordern, dass er sujet eines Gedichtes

sei. Aber wir lassen uns die Geltung, welche die Antwort beansprucht,

verführt durch die Gleichheit der Worte sujet und sujet mit einer Art

psychologischer Notwendigkeit gefallen, wir vollziehen mit gleicher

Notwendigkeit den darauf gebauten Schluss. Indem wir so thun, messen wir

den Worten des Dichters eine doppelte Bedeutung bei, die ihnen nicht

zukommt; sie werden für uns zur zutreffenden und zugleich zur

abfertigenden Antwort. Sie werden es--für einen Augenblick nämlich. Dann

fordert die Logik ihr Recht und zerstört das ganze Gebäude. Die sinnvolle

und geschickt abfertigende Antwort wird wiederum, was sie immer war, eine

sinnlose Aussage.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 46 / 117 题