Wichtiger noch, als der hier erörterte, ist mir ein zweiter Punkt, den
_Heymans_ gegen mich vorbringt. Kinder, so sagte ich selbst oben, lachen
über allerlei Neues, über das wir nicht mehr lachen, weil es uns nicht
mehr neu ist. Hier meint _Heymans_: das Neue sei als solches Gegenstand
der Aufmerksamkeit, und das Lachen des Kindes entstehe, wenn es in dem
Neuen nichts finde, das die Aufmerksamkeit festhalten könne, wenn also
die dem Neuen als solchem zugewendete Aufmerksamkeit zergehe, wenn in
solcher Weise eine innere Spannung sich löse. Man versteht den
Streitpunkt: An die Stelle des Gegensatzes zwischen dem _inhaltlich
Bedeutungsvollen_ oder scheinbar Bedeutungsvollen und dem Nichtigen setzt
_Heymans_ den Gegensatz des _Neuen_ und durch _Neuheit_ Spannenden und
des inhaltlich Nichtigen.
Zunächst bitte ich auch hier wiederum zu berücksichtigen, dass unser
Problem nicht das Lachen ist, sondern die Komik. Im übrigen gilt dies:
Neuheit ist keine Eigenschaft des Neuen. Sondern "Neuheit" eines Dinges
besagt nur, dass das Ding noch kein gewohntes geworden ist. Die
Gewohntheit stumpft die Eindrucksfähigkeit ab. Der "Reiz" der Neuheit ist
also nichts, als die noch nicht durch Gewohntheit verminderte
Eindrucksfähigkeit eines Dinges. Er ist die Eindrucksfähigkeit, oder die
"Grösse", welche das Ding von Hause aus oder vermöge seiner
Beschaffenheit besitzt. Ich verweise hier auf die einschlägigen
Bemerkungen meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens".
Verhält es sich aber so, dann ist es unmöglich, dass ein Objekt vermöge
seiner Neuheit die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und dann unmittelbar
oder mit einem Male, vermöge der erkannten _Beschaffenheit_ des Objektes,
der Aufmerksamkeit wiederum verlustig geht. Es ist also auch unmöglich,
dass die Neuheit als solche jemals die Komik bedingt. Sondern so muss es
sich verhalten, wenn ein Gefühl der Komik entstehen soll: Das Neue muss
zunächst, abgesehen von seiner Neuheit, als ein Bedeutungsvolles
erscheinen, dann die Bedeutung in unseren Augen einbüssen.
Dabei ist zu bedenken, dass das Neue, das Kinder erleben, nicht isoliert,
sondern in einem Zusammenhang aufzutreten pflegt. Dieser Zusammenhang
rückt es in eine Beleuchtung. Damit wird der Gegensatz des Bedeutsamen
und des Nichtigen möglich: Eines und dasselbe kann bedeutsam erscheinen
in einem Zusammenhange, nichtig an sich. Ich begründete oben den Umstand,
dass Kindern so leicht Neues komisch erscheine, damit, dass ich sagte,
das Neue sei für sie ein noch nicht Verstandenes, also Leeres. Dies
hindert doch nicht, dass es jedesmal an der Stelle, wo es auftritt, für
das Kind eine Bedeutung beansprucht. Und eben weil oder sofern es dies
thut, zugleich aber diesen Anspruch nicht scheint aufrecht erhalten zu
können, wird es komisch.
Wie dies zu verstehen sei, zeigt wiederum am einfachsten das Beispiel der
schwarzen Hautfarbe des Negers. Sie ist dem Kinde, und dem naiven
Menschen überhaupt, neu, d. h. sie ist ihnen noch nicht als Farbe, die
ebensowohl wie die unsrige das Recht hat, Menschenfarbe zu sein,
verständlich und geläufig geworden. Darum erhebt sie doch auch in den
Augen des Kindes und des naiven Menschen den Anspruch auf diese besondere
Würde. Vielmehr sie hat diese Würde nach Aussage der Wahrnehmung
thatsächlich, d. h. sie hat sie für den Wahrnehmenden in dem Augenblick,
in dem er der Wahrnehmung hingegeben ist. Diese Würde zergeht dann aber,
sobald der erste Eindruck vorüber ist, und damit die Gewohnheit, als
menschliche Hautfarbe die weisse und nur die weisse Farbe zu betrachten,
in Wirkung tritt. Jetzt erscheint die schwarze Hautfarbe nicht mehr als
zu diesem Anspruch _berechtigt_. Sie erscheint wie ein äusserlicher
Anstrich. Damit ist die Komik ins Dasein getreten. Die komische Wirkung
unterbleibt bei uns, weil in unseren Augen jener Anspruch bestehen
bleibt.