SITUATIONSKOMIK.

Sollte aus dem Bisherigen das Recht der an _Kräpelin_ geübten Kritik und

der an Stelle der seinigen gesetzten Anschauung noch nicht völlig

deutlich geworden sein, dann wird die Betrachtung der zweiten

_Kräpelin_'schen Hauptgattung der Komik hoffentlich zu diesem Ziele

führen. Kräpelin bezeichnet als solche die Situationskomik. "Das

gemeinsam wirkende Element der Situationskomik ist stets ein

Missverhältnis zwischen menschlichen Zwecken und deren Realisierung".

Dass diese Angabe, auch wenn wir nur _Kräpelins_ Beispiele ins Auge

fassen, zu enge ist, verschlägt uns hier um so weniger, als _Kräpelin_

selbst sie im darauf folgenden Satze wieder aufhebt und den Begriff der

Situation wesentlich erweitert: "Gerade das ist das Charakteristische der

Situation, dass sie keinen Ruhezustand zulässt, sondern einen einzelnen

Moment aus einer Reihe von Handlungen oder Begebenheiten herausgreift".

Darnach wäre die Situationskomik die Komik des Nacheinander von

Begebenheiten oder Handlungen.

Dagegen ist mir der Umstand wesentlich, dass jene Bestimmung zugleich zu

weit ist. Auch bei der Situationskomik kann nicht ein Missverhältnis als

solches das Gefühl der Komik erzeugen. Auch hier entsteht dies Gefühl

nur, indem ein Element in dem Gedankenzusammenhang, in den es

hineintritt, als ein relativ Kleines erscheint. Wiederum ist dabei

notwendig das Kleine der Zielpunkt, nicht der Ausgangspunkt der

gedanklichen Bewegung. Es ist nicht komisch, wenn Columbus, statt den

Seeweg nach Ostindien zu finden, Amerika entdeckt. Der Kontrast zwischen

"Zweck" und "Realisierung" ist hier gross genug, aber er ist nicht

zugleich ein Kontrast zwischen Gross und Klein. Dagegen wäre Columbus

Gegenstand der Komik geworden, wenn er schliesslich auf irgendwelchem

Umweg in längst bekannter Gegend gelandet wäre und diese vermeintlich

entdeckt hätte. Es ist nicht komisch, sondern furchtbar, wenn ein

Apotheker sich vergreift, und dem Kranken statt des Heilmittels ein

tötliches Gift giebt. Dagegen würde der Eindruck der Komik nicht

ausbleiben, wenn wir sähen, dass jemand seinem Feinde, in der Meinung ihn

zu vergiften, ein unschädliches Pulver eingegeben habe. _Kräpelin_

freilich glaubt Fällen jener Art ihre Beweiskraft zu nehmen, indem er

erklärt, es dürften, wo die Komik zu stande kommen solle, "keine

Unlustgefühle" erregt werden; aber wie es komme, dass in gewissen Fällen

statt des Gefühles der Komik ein Gefühl der Unlust erzeugt werde, das ist

eben die Frage, um die es sich handelt, ganz abgesehen davon, dass ja

auch nach _Kräpelins_ eigner Meinung Unlustgefühle zur Komik

hinzugehören.

Ob der anderen Bedingung, dass das Kleine _Zielpunkt_ der Bewegung sei,

in einem gegebenen Falle genügt sei, dies erfahren wir am einfachsten,

wenn wir wiederum, wie schon oben, den Begriff der Erwartung oder

Forderung verwenden. "Komisch wirkt die Erfolglosigkeit lebhafter

Bemühungen." In der That ist es komisch, wenn wir den Schulmeister sich

vergeblich mühen sehen, eine Schar ungezogener Rangen zur Ruhe zu

bringen. Dagegen irrt _Kräpelin_, wenn er dieselbe Wirkung dem

"unvermuteten Erfolg geringfügiger Bestrebungen" zuschreibt. So ist es

nicht komisch, sondern imponierend, wenn eine Person durch ihr blosses

Auftreten, einen Blick, ein Wort, eine geringfügige Bewegung, eine grosse

Menge beherrscht und leitet. Der Unterschied beider Fälle besteht aber

eben darin, dass der Erfolg dort hinter dem zurückbleibt, was wir nach

gewöhnlicher Erfahrung erwarten oder fordern, während er hier darüber

hinausgeht. Ebenso entsteht der Eindruck der Komik, wenn viel versprochen

und wenig geleistet wird, wenn jemand stolz und selbstbewusst auftritt

und über kleine Hindernisse stolpert, wenn der Erwachsene redet, handelt,

denkt wie ein Kind u. s. w.; er entsteht nicht, wenn umgekehrt wenig

versprochen und viel geleistet wird, wenn jemand bescheiden auftritt und

leistet, was nach der Art seines Auftretens niemand von ihm erwartete,

wenn das Kind, ohne doch unkindlich zu erscheinen, einen Grad des

Verständnisses verrät, dem wir in seinem Alter sonst nicht zu begegnen

gewohnt sind.

Nur unter einer Bedingung kann auch bei Fällen dieser letzteren Art das

Gefühl der Komik sich einstellen; dann nämlich, wenn sich in unseren

Gedanken der Zusammenhang der Facta in der Weise umkehrt, dass dasjenige,

was dem natürlichen Gang der Dinge zufolge an die Stelle des Erwarteten

tritt, zu dem wird, was die Erwartung erregt, und umgekehrt. Angenommen

etwa, wir sehen nicht die geringe Bemühung und auf diese folgend das

bedeutsame Ergebnis, sondern hören zuerst von dem letzteren, und erwarten

nun oder fordern an der Hand geläufiger Erfahrung, dass eine bedeutsame

Anstrengung vorausgegangen sei, oder wir sehen wohl erst die geringe

Bemühung, und dann den grossen Erfolg, wenden aber nachher unsern Blick

von dem Erfolg wiederum zurück zur geringen Bemühung und finden diese

geringfügiger als wir eigentlich glauben erwarten zu müssen,--in jedem

der beiden Fälle kann die geringfügige Bemühung komisch erscheinen. Aber

derartige Fälle wiederlegen nicht, sondern bestätigen unsere Behauptung.

Nicht der objektive Zusammenhang, sondern der Zusammenhang in unserem

Denken und das Vorher und Nachher innerhalb dieses Zusammenhangs, ist ja

für uns das Entscheidende.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 36 / 117 题