Die Wichtigkeit dieser Bestimmung erhellt noch besonders deutlich, wenn
wir jetzt mit _Kräpelin_ innerhalb der Anschauungskomik die Fülle der
Komik der Nachahmung und der Karikatur speziell ins Auge fassen. Wir
sehen nach _Kräpelin_ bei der Komik der Nachahmung "die eine von zwei uns
als verschieden bekannten Individualitäten eine teilweise Übereinstimmung
mit der andern gewinnen und werden dadurch gezwungen, jene beiden
Vorstellungen miteinander in nahe Beziehung zu setzen, ohne sie doch
natürlich zu einer vollständigen Deckung bringen zu können." Darauf
beruht hier für _Kräpelin_ die Komik. Nach dieser Theorie müsste das
Gefühl der Komik immer entstehen, wenn zwei Personen sich in gewissen
Punkten entschieden ähnlich, in andern entschieden unähnlich sind, wenn
beispielsweise von zwei Brüdern der eine ganz die Züge des Vaters hat,
während der andere teilweise dem Vater, teilweise der Mutter gleicht.
Auch hier setzen wir ja Personen in nahe Beziehung, ohne sie zur Deckung
bringen zu können.
_Kräpelins_ Theorie vergisst eben auch hier wiederum die Hauptsache. Er
übersieht in der Komik der Nachahmung die _Nachahmung_. Nachahmung ist
_Herauslösung_ von Zügen einer Person, Eigentümlichkeiten derselben,
Arten zu sprechen, zu handeln, sich zu bewegen, aus dem Zusammenhang, dem
sie angehören und in dem sie ihre Bedeutung haben.
Dabei können zwei Möglichkeiten unterschieden werden. Die nachgeahmten
Eigentümlichkeiten seien zunächst Eigentümlichkeiten _irgend welcher_
Art. Sofern wir sie an der Person wahrnehmen, der sie zugehören, sind sie
Eigentümlichkeiten dieser Person; d. h. diese Person giebt ihr Wesen
darin nach gewisser Richtung kund; sie sind nicht bloss diese
Eigentümlichkeiten, sondern Eigentümlichkeiten, in denen diese Person
_steckt_. Nun werden sie von mir nachgeahmt. Damit erscheinen sie von
dieser Person losgelöst. Zugleich erscheinen sie doch für denjenigen, der
weiss, dass ich nachahme, nicht etwa auf mich übertragen. Sie werden
nicht als mir thatsächliche zukommende Eigentümlichkeiten aufgefasst. Sie
sind also isoliert; schweben sozusagen in der Luft. Andererseits werden
sie doch immer noch als Eigentümlichkeiten der anderen Person _erkannt_.
Man weiss, ich ahme jene _Person_ nach.
Damit ist der Grund zur Komik gegeben. Die Eigentümlichkeit, die als
Eigentümlichkeit der Person ihren Sinn hat, büsst vermöge der Loslösung
von der Person diesen Sinn ein. Sie ist, als zur Person gehörig
betrachtet, Ausdruck des Wesens derselben; indem ich durch die Nachahmung
gezwungen werde, sie _für sich_ zu betrachten, geht sie dieses Anspruches
verlustig. Sie hat, sofern sie der Person zugehört, diese zum Inhalt oder
Substrat, jetzt kommt ihr dieser Inhalt oder dies Substrat abhanden. Sie
wird mit einem Worte zur leeren Form. Immer wieder, wenn ich sie im
Zusammenhang der Person betrachte, füllt sich die Form mit persönlichem
Inhalte; und jedesmal wenn ich sie in ihrer Isolierung betrachte,
schrumpft sie zur leeren Form zusammen. Ein Etwas wird zu einem Nichts.
Dies aber ist der Grund aller Komik.
Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass die komische Wirkung der Nachahmung
umso grösser sein muss, einmal je mehr das ganze Wesen der Person in der
nachgeahmten Eigentümlichkeit sich kund giebt, je _charakteristischer_
also die Eigentümlichkeit für die Person ist, zum anderen, je weniger die
Eigentümlichkeit zu mir passt, je weniger sie also als meine
Eigentümlichkeit genommen werden kann.
Andererseits steigert sich die Wirkung notwendig, wenn wir die zweite der
oben gemeinten Möglichkeiten ins Auge fassen, d. h. wenn wir annehmen die
Eigentümlichkeit sei eine "_Eigenheit_", ich meine: ein solcher Zug der
nachgeahmten Person, der im Vergleich zum normalen menschlichen Wesen,
ebenso wie die leicht zu ertragenden Gebrechen, als ein Zuviel oder ein
Zuwenig erscheint, also in jedem Falle einen Eindruck relativer
Nichtigkeit zu machen geeignet ist. Ich sage mit Absicht: geeignet ist;
denn dass solche "Eigenheiten" an der Person selbst als Kleinheiten oder
Schwächen erscheinen müssten, soll hier nicht gesagt sein. Sie erscheinen
dann um so sicherer als solche in der Nachahmung. Eine Art zu sprechen
etwa verrät eine gewisse Weichheit, ein Sichgehenlassen des Gefühls. Die
Gefühlsweichheit passt aber zur Person, ist mit anderen wertvollen
Eigenschaften derselben notwendig verbunden; wir finden sie darum an der
Person völlig in Ordnung. So finden wir ja an ganzen Gattungen von
Menschen, an den verschiedenen Geschlechtern, Lebensaltern, Ständen,
Besonderheiten in der Ordnung und fordern sie sogar, die ohne Rücksicht
auf die besondere Natur der Träger als Kleinheiten erscheinen würden.
Oder, gehört die Eigentümlichkeit nicht zum Wesen der Person, in dem
Sinne, dass wir gar nichts Anderes von ihr erwarten, dann haben wir uns
doch vielleicht in die Person und die Eigentümlichkeit gefunden. Wir
haben gelernt die Persönlichkeit als Ganzes zu fassen; und in ihrer
Ganzheit, zu der auch die Schwäche gehört, ist sie uns vertraut.--Indem
ich nun aber die Eigentümlichkeit nachahme, reisse ich sie aus jenem
Zusammenhang heraus. Sie wird jetzt gewissermassen Gegenstand absoluter
Beurteilung, d. h. sie tritt statt in ihrer Beziehung zu ihrem Träger, in
ihrer Beziehung zum Menschen überhaupt ins Bewusstsein. Sie wird gemessen
an dem, was man vom Menschen überhaupt erwartet. Und in diesem
Zusammenhang stellt sie sich als Kleinheit dar und wirkt entsprechend.
Sie wirkt komisch.
Völlig entgegengesetzte Eigenschaften können auf diese Weise durch
Nachahmung komisch werden. Wie die Sprechweise, die ein Sichgehenlassen
des Gefühls verrät, so auch die besonders energische, trotzig
herausfordernde, kommandomässige. Der Kommandoton bleibt nicht hinter dem
zurück, was wir im allgemeinen zu erwarten pflegen, sondern geht darüber
hinaus; er lässt aber seinerseits einen entsprechenden Zweck und Inhalt
der Rede erwarten. Auch wo der fehlt, ertragen wir am Ende den Ton, wenn
die Person und Stellung dazu passen. Reissen wir ihn, nachahmend, aus
diesem Zusammenhang, so erscheint er in seiner Zweck- und Inhaltlosigkeit
und damit relativ nichtig.
Man sieht leicht, dass zwischen den beiden hier unterschiedenen Fällen
hinsichtlich des Grundes der Komik derselbe Gegensatz besteht, wie
zwischen der zu kleinen und der zu grossen Nase oder zwischen
übermässiger Hagerkeit und übermässiger Körperfülle. Ein Objekt wird
komisch das eine Mal, weil es selbst eine Erwartung unerfüllt lässt, das
andere Mal, weil es eine Erwartung erregt, die unerfüllt bleibt. Dieser
Gegensatz geht durch. Der Mann, der ein Kinderhäubchen aufsetzt, und der
kleine Junge, der sich einen Cylinder aufs Haupt stülpt, beide sind
gleich komisch. Zunächst ist dort das Häubchen komisch, weil man an
seiner Stelle die würdige männliche Kopfbedeckung erwartet, hier das
Kind, weil wir als Träger des würdigen Cylinders einen Mann erwarten.
Dann aber heftet sich die Komik auch, in jenem Falle an den Mann, in
diesem an den Cylinder, weil der Mann, indem er das Häubchen aufsetzt,
seiner Würde als Mann, der Cylinder, indem er sich herablässt das Haupt
des Kindes zu schmücken, seiner Würde als männliche Kopfbedeckung sich zu
begeben scheint.
Mit der Komik der Nachahmung ist die der Karikatur verwandt. Auch bei der
letzteren werden "Eigenheiten" herausgehoben, nicht durch Herauslösung
aus dem gewohnten Zusammenhang, aber durch Steigerung. Ich zeichne einen
Menschen im übrigen korrekt, vergrössere aber die etwas zu grosse, oder
verkleinere die etwas zu kleine Nase, verstärke die Hagerkeit oder die
Rundung der Person u. s. w. In jedem Falle handelt es sich um die
Hervorhebung eines relativ Nichtigen. Dies macht zunächst die Karikatur
selbst zum Gegenstand der Komik, dann auch das Original, mit dem wir
nicht umhin können sie zu identifizieren.
Dass _Kräpelin_ das Wesentliche dieses Vorgangs übersieht, verwundert uns
nicht mehr. Die Komik beruht ihm hier wie bei der Nachahmung auf
Ähnlichkeit und daneben bestehendem Kontrast: Die Karikatur lässt die
Ähnlichkeit prägnant hervortreten, sorgt aber zugleich dafür, dass der
Kontrast mit dem Original genügend gewahrt bleibt. Nach dieser Theorie
müsste jedes in einigen Teilen getroffene, in andern vom Original
entschieden abweichende Bildnis komisch wirken, selbst dann, wenn die
Abweichung vielmehr in einer _Vertuschung_ oder _Weglassung_ solcher
Eigentümlichkeiten bestände, die im Original abnorm oder komisch sind.