KONTRAST DES GROSSEN UND KLEINEN.

Mit den letzten Bemerkungen des vorigen Abschnittes habe ich dem

Folgenden vorgegriffen. Das dort Angedeutete wird in diesem Abschnitt

näher auszuführen sein.

Wir reden zunächst von der objektiven Komik. Die genauere Abgrenzung

derselben von den beiden anderen Gattungen der Komik, der subjektiven und

der naiven Komik, wird später, im Kapitel über die naive Komik, zu

vollziehen sein. Hier genügt uns einstweilen diejenige Bestimmung des

Begriffes der objektiven Komik, die sich aus dem hier Folgenden von

selbst ergiebt.

Ich sagte oben, _Kräpelin_ unterlasse es, uns zu sagen, welcher Kontrast

komisch wirke. Die Antwort auf diese Frage ist teilweise seit lange

gegeben. In gewisser Weise schon von der Ästhetik der _Wolff_'schen

Schule. Diese bezeichnet den komischen Kontrast als einen Kontrast

zwischen Vollkommenheiten und "Unvollkommenheiten". Deutlicher redet

Kant. Ihm zufolge entsteht die Komik aus der plötzlichen Auflösung einer

Erwartung in "Nichts". Nach _Jean Paul_ ist das Lächerliche das unendlich

"Kleine", das zu einem Erhabenen in Gegensatz tritt. Und dieselbe

Anschauung begegnet uns in der folgenden Geschichte der Ästhetik immer

wieder, in den mannigfachsten Modifikationen, in geistvollster Weise

durchgeführt von _Vischer_.

Ich erwähne speziell noch _Spencer_, für den die Komik beruht auf einer

"descending incongruity"; einem unvermerkten Übergang "from _great_

things to _small_". Ähnlich ist für _Bain_ der Anlass der Komik "the

_degradation_ of some person or interest possessing dignity in

circumstances, that excite no other strong emotion".

Die Antwort auf die Frage nach dem Grunde der Komik, die ich meine, liegt

aber im Grunde auch schon in der gewöhnlichen und jedermann geläufigen

Gegenüberstellung des _Erhabenen_ und des Komischen oder Lächerlichen.

Wie kann man es unterlassen, das Recht solcher Anschauungen und Wendungen

wenigstens zu prüfen?

Ein Kleines, ein relatives Nichts, dies liegt in allen diesen Wendungen,

bildet jederzeit die eine Seite des komischen Kontrastes; ein Kleines,

ein Nichts, nicht überhaupt, sondern im Vergleich zu demjenigen, mit dem

es kontrastiert. Die Komik entsteht eben, indem das Kleine an dem Andern,

zu dem es in Beziehung gesetzt wird, sich misst und dabei in seiner

Kleinheit zu Tage tritt.

Damit ist auch schon gesagt, dass das Kleine in der Vorstellungsbewegung,

die dem Eindruck der Komik zu Grunde liegt, jederzeit _das zweite Glied_

sein muss, d. h. dasjenige, zu dem wir in unserer Betrachtung übergehen,

nicht der Ausgangspunkt, sondern der Zielpunkt der Bewegung. Wir mögen

immerhin das Kleine schon vorher wahrgenommen oder ins Auge gefasst

haben, klein erscheinen im Vergleich zur anderen Seite des Kontrastes

kann es doch erst, nachdem wir den Massstab, den die andere Seite

liefert, aus der Betrachtung derselben schon gewonnen haben.

Dass diese Anschauung im Rechte ist, zeigen beliebige Beispiele. Auch die

von _Kräpelin_ angeführten. Wir finden uns, um zunächst ein Beispiel zu

erwähnen, das uns bei _Kräpelin_ nicht begegnet, das aber von uns bereits

oben angeführt wurde, komisch angemutet, wenn wir neben einem mächtigen

Palast ein kleines Häuschen, wohl gar ein solches, das in seiner Form den

Palast nachahmt, stehen sehen. Die komische Wirkung tritt noch sicherer

ein, wenn das kleine Häuschen eine ganze Reihe mächtiger Bauten

unterbricht. _Kräpelins_ Fehler besteht darin, dass ihm dieser Kontrast

zwischen Gross und Klein ein Kontrast ist wie jeder andere, und dass er

die Stellung der Glieder des Kontrastes nicht beachtet. Denken wir uns

eine Reihe von mächtigen Palästen durch einen Bau unterbrochen, dessen

Bauart eine ganz andere ist, der ihnen aber an Mächtigkeit nichts

nachgiebt, eine grosse Kirche, ein Theater oder dergleichen, dann

unterbleibt der Eindruck der Komik. Und angenommen, wir gehen erst

zwischen Reihen kleiner Häuser und erblicken plötzlich einen riesigen

Palast, so schlägt er gar in den des Erstaunens um; obgleich natürlich

der Kontrast zwischen Klein und Gross nicht kleiner ist, als der zwischen

Gross und Klein. Man vergleiche hier auch die Beispiele, die am Ende des

vorigen Abschnittes angeführt wurden.

In dem obigen Beispiele ist das "Kleine" ein Kleines der _Ausdehnung_.

Ein solches ist es nicht in allen Fällen. Was ich mit dem Kleinen, dem

relativen Nichts oben meinte, das ist überhaupt das für uns relativ

Bedeutungslose, dasjenige, was für uns, sei es überhaupt, sei es eben

jetzt, geringeres Gewicht besitzt, was geringeren Eindruck macht, uns in

geringerem Masse in Anspruch nimmt, oder wie sonst wir uns ausdrücken

mögen. Dergleichen Prädikate kann aber ein Objekt aus gar mancherlei

Gründen verdienen.

Auf Eines muss ich besonders aufmerksam machen. Die Art, in der Objekte

auf uns wirken oder uns in Anspruch nehmen, pflegt der Hauptsache nach

nicht auf dem zu beruhen, was sie für unsere Wahrnehmung sind, sondern

auf dem, was sie uns bedeuten, oder anzeigen, woran sie gemahnen oder

erinnern. Die Wirkung der Worte liegt vor allen Dingen an dem, was sie

sagen, nicht minder die der sichtbaren Formen, sei es einzig, sei es zum

wesentlichen Teile, an den Gedanken, die sie in uns erwecken.

Schon für die Komik der "leicht zu ertragenden menschlichen Gebrechen"

kommt dies in Betracht. Inwiefern, dies wird deutlich, wenn man bedenkt,

dass von Haus aus, das heisst abgesehen von den Vorstellungen und

Gedanken, die wir auf Grund mannigfacher Erfahrungen hinzufügen, die

Bildung des menschlichen Körpers überhaupt kein Gegenstand besonderen

Interesses ist. Der menschliche Körper wäre uns sogar, wenn wir alle

diese "associativen Faktoren" einen Augenblick zum Schweigen bringen

könnten, die gleichgültigste Sache von der Welt. Er gewinnt Bedeutung,

indem mit ihm der Gedanke an ein darin waltendes körperliches und

geistiges Leben aufs Innigste verwächst. Er wird dadurch zum sinnlichen

Träger der Persönlichkeit. Nicht nur das Auge ist Spiegel des Innern,

sondern der ganze Körper in allen seinen Teilen, wenn auch nicht überall

in gleichem Grade. Dies heisst nicht, wir lesen aus jeder Form des

menschlichen Körpers ein bestimmtes, _thatsächlich_ darin verkörpertes

Leben in zutreffender Weise heraus. Nur dies ist mit jener Behauptung

gesagt, es werde durch jede Form auf Grund der Erfahrung die Vorstellung

eines bestimmt gearteten Lebens in uns erweckt, gleichgültig ob die

Vorstellung jedesmal der Wirklichkeit entspricht, oder nicht. Außerdem

muss hinzugefügt werden, dass solche Vorstellungen uns nicht zum

Bewußtsein zu kommen brauchen, wenn das Interesse an der Form entstehen,

also die Form uns bedeutungsvoll werden soll.

Die _normalen_ Formen des menschlichen Körpers sind es aber, mit denen

vor allem der Gedanke an _positives_, in gewisser Fülle, Kraft,

Ungestörtheit vorhandenes körperliches und geistiges Leben sich

verknüpft. Sie heissen eben normal, weil in ihnen überall das Mass von

"Leben" und Lebensfähigkeit sich darstellt oder darzustellen scheint, das

wir allgemein fordern oder für wünschenswert halten. Sie sind eben damit

für uns Gegenstand erheblichen _positiven_ Interesses und darum

bedeutungs- und eindrucksvoll. Mit diesem Interesse Hand in Hand geht

dann das negative Interesse, das solche abnorme Formen für uns haben, die

die Vorstellung eines erheblichen _Eingriffs_ in jenes körperliche und

geistige Leben oder einer erheblichen _Herabminderung_ desselben

erwecken. Auch dies negative Interesse involviert eine entsprechende

Eindrucksfähigkeit.

Dagegen erscheinen Abweichungen von der normalen Form, die mit keiner

derartigen Vorstellung verbunden sind, notwendig relativ "nichtssagend"

und damit psychologisch mehr oder weniger gewichtlos. Sie erscheinen

insbesondere dem Sinn und Inhalt der _normalen_ Formen gegenüber entweder

als ein Zuwenig oder als ein Zuviel oder als beides zugleich. Der

übermäßig Hagere bleibt schon rein äußerlich betrachtet hinter der

normalen Bildung zurück. Aber nicht dies äusserliche Zurückbleiben,

sondern der damit sich verbindende Gedanke einer geringeren Kraft- und

Lebensentfaltung lässt die Form relativ nichtig erscheinen. Dasselbe gilt

von der zu kleinen Nase. Sie macht den Eindruck der Verkümmertheit, als

habe der Organismus nicht Kraft genug gehabt, eine normale Nase zu

bilden; indem sie an die Bildung der kindlichen Nase erinnert, erweckt

sie zugleich die Vorstellung einer niedrigeren Stufe geistigen Lebens.

Dagegen erscheint die zu grosse Nase, soweit sie über das normale Mass

hinausgeht, als ein Überschüssiges, Zweckwidriges, zum Ganzen des

Organismus und des ihn erfüllenden Lebens im Grunde nicht mehr

Hinzugehöriges, und insofern Sinnloses und Nichtiges. Dort ist für unsere

Vorstellung mit der Form zugleich der Inhalt vermindert; hier reicht der

Inhalt nicht zu für die Form, so dass diese teilweise inhaltlos

erscheint. Endlich vereinigen sich beide Arten relativer

Bedeutungslosigkeit beim übermässig Fetten. Das Fett erscheint als

kraftlose, also bedeutungslose Wucherung, zugleich hemmt es das gewohnte

Mass freier Bewegung und Lebensbethätigung.

Unter denselben Gesichtspunkt stellt sich der Typus und die Hautfarbe des

Negers, über welchen der Ungebildete, und das Neue, worüber das Kind

lacht. Der Negertypus erweckt allgemein gesagt die Vorstellung einer

niedrigeren Stufe der Entwicklung; die Hautfarbe ist wenigstens dem

Ungebildeten als Farbe des menschlichen Körpers _unverständlich_. An sich

besitzt ja auch die weisse Hautfarbe keine besondere Würde. Aber sie

gehört für uns, wie die normalen Formen, zum Ganzen des Menschen, ist

Mitträger des Gedankens an menschliches Leben geworden, auch auf sie hat

sich damit etwas von der Würde der menschlichen Persönlichkeit

übertragen. Diese Würde fehlt naturgemäß der schwarzen Hautfarbe, so

lange wir nicht gelernt haben, auch sie als rechtmässige menschliche

Hautfarbe zu betrachten. Sie ist also so lange ein relatives Nichts.

Ebenso ist das Neue für das Kind ein relativ Bedeutungsloses, weil das

Kind seine Bedeutung, die Zugehörigkeit zu Anderem, aus dem sich die

Bedeutung ergiebt, die Brauchbarkeit zu diesem oder jenem Zweck u. s. w.

noch nicht kennen gelernt hat. Als Unverstandenes, noch Sinnloses, und

darum Nichtiges, nicht um der Neuheit willen, ist das Neue dem Kinde

komisch,--soweit es dies ist.

Wie in den bisher besprochenen, so ist es in allen Fällen der

Anschauungskomik wesentlich, dass das relativ Nichtige als ein solches

erscheine, nicht irgendwo oder irgendwann, sondern in dem Gedanken- oder

Vorstellungszusammenhang, in den es hineintritt; oder, wie wir auch

sagen können, dass es nichtiger erscheine, als der Vorstellungs- oder

Gedankenzusammenhang, in den es sich einfügt, _fordert_ oder _erwarten

lässt_. Wir erwarten, wenn wir an einer Reihe grosser Gebäude

vorübergegangen sind, nun auch weiter grosse Gebäude anzutreffen. Wir

fordern oder erwarten von allem dem, was nun einmal zum Menschen gehört,

nicht bloss seinen Reden und Handlungen, sondern auch den Formen und

Farben seines Körpers, dass sie uns den Eindruck einer gewissen

Bedeutsamkeit machen, dass in ihnen für unser Gefühl oder Bewusstsein

ein gewisser--nicht überall identischer, auch nicht überall gleich

erhabener--Sinn, ein gewisses Mass von Zweckmäßigkeit, körperlicher

oder geistiger Lebenskraft und Leistungsfähigkeit sich ausspreche, oder

auszusprechen scheine. Wir erwarten, wenn wir unserm Freunde begegnen,

an ihm alle die Züge der äussern Erscheinung wieder wahrzunehmen, die

wir gewohnt sind als zu ihm gehörig zu betrachten und die schon dadurch

eine gewisse positive Bedeutung für uns gewonnen haben u. s. w. Die

Komik entsteht, wenn _an Stelle_ des erwarteten Bedeutungs- oder

Eindrucksvollen und unter Voraussetzung eben des

Vorstellungszusammenhanges, der es erwarten lässt, ein für uns, unser

Gefühl, unsere Auffassung, unser gegenwärtiges Verständnis minder

Eindrucksvolles sich einstellt.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 34 / 117 题