Wir werden zu _Kräpelin_ nachher noch einmal zurückkehren müssen. Vorerst
schliessen wir an das über seine Theorie Gesagte eine Bemerkung über
verwandte Anschauungen. Zunächst über die _Wundts_. Nur in wenigen Worten
charakterisiert _Wundt_ die Komik. Diese Worte finden sich im zweiten
Bande der "Grundzüge der physiologischen Psychologie" 4. Aufl. In seiner
Charakteristik vereinigt _Wundt_ in gewisser Weise mit der
_Kräpelin_'schen Theorie die _Hecker_'sche. _Wundt_ meint: "Beim
Komischen stehen die einzelnen Vorstellungen, welche ein Ganzes der
Anschauung oder des Gedankens bilden, unter einander oder mit der Art
ihrer Zusammenfassung teils im Widerspruch, teils stimmen sie zusammen.
So entsteht ein Wechsel der Gefühle, bei welchem jedoch die positive
Seite, das Gefallen, nicht nur vorherrscht, sondern auch in besonders
kräftiger Weise zur Geltung kommt, weil es, wie alle Gefühle, durch den
Kontrast gehoben wird."
Was ich dagegen zu sagen habe, ist der Hauptsache nach bereits gesagt:
Werden alle Gefühle durch Kontrast gehoben, so erfährt in dem Wechsel der
Gefühle, wie die Lust durch die Unlust, so auch die Unlust durch die Lust
eine Steigerung. Es bleibt also das Verhältnis dasselbe.
Zweitens: Das hier vorausgesetzte Kontrastgesetz existiert nicht. Das
_Gefühls_kontrastgesetz insbesondere ist eine psychologische
Unmöglichkeit.
Drittens: Es kann auch nicht gesagt werden, dass bei der Komik das Gefühl
der Lust überwiegen müsse. Die Komik des Verächtlichen, die Komik, die
aus dem Lachen der Verzweiflung spricht, zeigt ein Übergewicht der
Unlust, Komik ist ihrem eigentlichen Wesen nach weder Lust noch Unlust,
sondern im Vergleich mit beiden etwas Neues.
Viertens: Damit ist auch schon gesagt, dass zur Komik der Wechsel der
Lust und Unlust nicht gehört. Mag beim Gefühl der Komik bald die Lust-
bald die Unlustfärbung stärker heraustreten; das Gefühl der Komik ist an
sich ein von diesem Gegensatze unabhängiges eigenartiges Gefühl.
Fünftens, abgesehen von allem dem: Setzen wir den Fall, zwei Thatsachen
lassen sich unter einen Gesichtspunkt stellen, und fordern, dass wir dies
thun, wenn wir sie von einer bestimmten Seite her betrachten. Sie
widerstreiten dagegen dem Versuch, dies zu thun, wenn wir andere Momente
an ihnen ins Auge fassen. Hier ist für _Wundt_ die Grundbedingung der
Komik gegeben. Es kann auch daraus unter Umständen ein Wechsel der
Gefühle sich ergeben. Ich achte bald auf das Moment der Übereinstimmung,
bald auf das Moment des Widerstreites. Dann schwankt auch mein Gefühl
zwischen Lust und Unlust. Dabei wird freilich nicht das Gefühl der Lust,
sondern das der Unlust durch den "Kontrast" gesteigert: Je mehr, was
beide Thatsachen Übereinstimmendes haben, zur Zusammenfassung unter den
einen wissenschaftlichen Gesichtspunkt einladet, um so unangenehmer
berührt es uns, wenn wir dann doch wiederum von der Unmöglichkeit der
Zusammenfassung uns überzeugen müssen. Dagegen wird das Moment der
Übereinstimmung keineswegs dadurch für uns erfreulicher, dass das
gegenteilige Moment uns die Freude daran immer wiederum verkümmert.
Verkümmerte Freude ist nicht, wie es nach dem Gesetz des
"Gefühlskontrastes" sein müsste, doppelte Freude.
Indessen nehmen wir an, das Kontrastgesetz bestände, und wirkte, so wie
es nach _Wundt_ wirken müsste; es würde also im obigen Falle die Lust
"gehoben". Dann wären alle Bedingungen, die nach _Wundt_ für die Komik
charakteristisch sind, gegeben. Es müsste also eine den obigen Angaben
entsprechende Beziehung zwischen Thatsachen jederzeit komisch sein. Das
heisst jede Theorie, jede Zusammenfassung von Thatsachen, die einerseits
berechtigt, andererseits doch auch wiederum unzulässig erscheint, müsste
komisch erscheinen. Nun haftet gewiss mancher wissenschaftlichen Theorie
von der bezeichneten Art der Charakter der Komik an. Sie braucht nur etwa
sehr selbstbewusst aufzutreten und zugleich dieses Selbstbewusstsein
möglichst wenig zu rechtfertigen. Oder sie verblüfft uns momentan durch
einen Schein der Wahrheit; dann aber sinkt _eben das_, was ihr den Schein
der Wahrheit verlieh, in _nichts_ zusammen. Aber das sind ja
Voraussetzungen, die _Wundt_ nicht macht. Es fehlt so bei _Wundt_ die
Pointe der Komik, also ihr eigentlicher Sinn.
Immerhin liegt auch in _Wundts_ Charakteristik der Komik ein Hinweis auf
Richtiges und Wichtiges. Ich denke wiederum vorzugsweise an die
Anerkenntnis, dass ein Gegensatz oder ein Kontrast, und zwar, allgemein
gesagt, ein Kontrast zwischen einem Positiven und einem Negativen für die
Komik notwendig sei. Dass und wiefern diese Anschauung berechtigt ist,
werden wir nachher genauer sehen.
Dass sie ein gewisses Recht haben müsse, können wir aber auch schon aus
der Thatsache entnehmen, dass uns ähnliche Wendungen, sei es zur
Charakterisierung des Witzes, sei es zur Kennzeichnung der Komik
überhaupt früher und später immer wieder begegnen.