VERWANDTE THEORIEN.

Hier kommen für uns einstweilen nur diejenigen Definitionen der Komik in

Betracht, die auf die Komik überhaupt sich beziehen. Erwähnung verdient

vor allem _Schopenhauer_, der in "Die Welt als Wille und Vorstellung" II.

Buch I § 13 sagt: "Das Lachen entsteht jedesmal aus nichts Anderem, als

aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und

den realen Objekten, die durch ihn in irgend einer Beziehung gedacht

worden waren; und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser

Inkongruenz." "Je richtiger einerseits die Subsumtion ... unter den

Begriff ist, und je grösser und greller andererseits ihre

Unangemessenheit zu ihm, desto stärker ist die aus diesem Gegensatz

entspringende Wirkung des Lächerlichen. Jedes Lachen also entsteht auf

Anlass einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion, gleichgültig ob

diese durch Worte oder Thaten sich ausspricht. Dies ist in der Kürze die

richtige Erklärung des Lächerlichen."

Hier begegnen uns in sehr ausgesprochener Form die oben als positiv

wertvoll anerkannten Momente. Im übrigen wissen wir, warum diese

Erklärung so unzulänglich ist, wie sie kurz ist und anspruchsvoll

auftritt. _Schopenhauers_ "Lächerliches" ist lächerlich, wenn es nicht

ärgerlich, oder imponierend, sondern eben lächerlich ist.

Es ist _zunächst_ lediglich _ärgerlich_, wenn wir plötzlich wahrnehmen,

ein Objekt sei dem Begriff, unter den wir es subsumiert haben,

inkongruent. Und zwar ist zu diesem Gefühl um so mehr Grund, je richtiger

die Subsumtion schien, oder je mehr unser Urteil über das Objekt zwingend

und einleuchtend war.

Es ist zweitens _imponierend_, wenn wir ein Objekt zunächst, etwa auf

Grund einer bloss äusserlichen Betrachtung, einem Begriff subsumierten,

dessen Anwendung eine geringe Bewertung des Objektes in sich schloss, und

wenn dann plötzlich diese Subsumtion und mit ihr diese niedrige Bewertung

als für das Objekt völlig unangemessen sich ausweist.

Es ist endlich _komisch_ dann und nur dann, wenn dem Objekt vermöge der

Subsumtion, oder vermöge unserer Beurteilung desselben, irgend welche

Würde zukam, oder zuzukommen schien, und nun plötzlich _diese Würde

verleihende_ Subsumtion als inkongruent oder unangemessen sich darstellt.

Man sieht, auch _Schopenhauer_ setzt bei seiner Erklärung der Komik die

Komik voraus.

Daneben mag erwähnt werden _Lillys_ "Theory of the Ludicrous",

Fortnightly Review, Mai 1896, wonach das Lächerliche ist: an irrational

negation which arouses in the mind a rational affirmation. Sehr nahe mit

_Kräpelin_ berührt sich dann _Mélinauds_ Erklärung in einem Aufsatz der

Revue des deux mondes 1895: Pourquoi rit-on? Etude sur la cause

psychologique du rire. Die Antwort auf jene Frage lautet: Quand un objet

d'un côté est absurde, et d'autre trouve une place toute marqueé dans une

catégorie familière.

Soll auch dagegen noch eine besondere Bemerkung gemacht werden, so sei

auf folgendes hingewiesen: Ein menschliches Verhalten, ein religiöser

Gebrauch etwa, sei in sich möglichst "absurd". Diese Absurdität wird

komisch erscheinen, wenn sie überraschend oder verblüffend ist; d. h.

wenn wir die betreffenden Personen mit unserem Masse messen, sie also als

vernünftige Menschen betrachten, wenn demgemäss die Unvernunft in unseren

Augen den Anspruch erhebt, vernünftig, ja vielleicht erst recht

vernünftig zu sein, zugleich aber völlig klar in ihrer Unvernunft

einleuchtet.

Nehmen wir dagegen an, die absurde Handlung sei uns in aller ihrer

Absurdität dennoch aus Erziehung, Gewohnheit, Unkenntnis, geistiger

Stumpfheit der Personen völlig verständlich, so dass wir uns sagen, die

Personen müssen unter diesen Umständen so absurd sich gebärden, wie sie

es thun. Dann hört die Komik auf. Es tritt dann an die Stelle der Komik

dies nüchterne Verständnis oder diese klar bestimmte Einordnung in eine

"catégorie familière". Man erinnert sich des Wortes: Nicht weinen, nicht

lachen, _sondern_ verstehen. Hier ist also die "place toute marquée dans

une catégorie familière" der Komik feindlich.

Andererseits ist doch freilich auch wiederum das Verständnis des absurden

Gebarens Bedingung einer bestimmten Art der Komik, nämlich der _naiven_

Komik. Nur muss hier die Verständlichkeit in besonderem Sinne genommen

werden. Nicht im Sinne der einfachen verstandesgemässen Einsicht, sondern

im Sinne der Anerkenntnis: Das absurde Gebaren erscheint als Gebaren

dieser Person berechtigt, sinnvoll, "natürlich"; es giebt sich darin

etwas Gutes, Gesundes, eine Einsicht, kurz eine gewisse Grösse der Person

kund. Andererseits aber bleibt doch das Gebaren an sich betrachtet

absurd. Angenommen _Mélinaud_ hätte an diese Art der Komik gedacht, dann

gehörte seine Theorie zu den zahlreichen, deren Schiefheit sich aus der

äusserlichen und unzureichenden Betrachtung bestimmter Möglichkeiten der

Komik erklärt.

Endlich erwähne ich die letzte Schrift, die mit der Frage der Komik sich

eingehender beschäftigt, nämlich _Herkenraths_ Problèmes d'éstétique et

de morale, Paris 1898. _Herkenrath_ knüpft an _Mélinauds_ Definition

unmittelbar an. Er will sie nur verallgemeinern. Zugleich bestimmt er sie

genauer. Er meint, komisch sei die "réunion soudaine de deux aspects, qui

paraissent incompatibles".

Hier ist das "soudaine" gegen _Mélinaud_ eine Verbesserung. Aber auch die

"plötzlichste" Vereinigung zweier unverträglicher "Aspekte" erzeugt nicht

ohne weiteres die Komik. _Herkenrath_ setzt den Fall: Wir hören aus einem

Wandschrank ein Wimmern, und meinen, die Katze sei darin eingesperrt.

Beim Öffnen finden wir darin unsere Tante oder unseren Schwiegervater.

Dies wäre gewiss komisch. Und es trifft auch hier thatsächlich ein

"Aspekt", nämlich die Erwartung, dass das Eingeschlossene eine Katze sei,

mit einem anderen damit unverträglichen "Aspekt", nämlich der

Wahrnehmung, dass es meine Tante oder mein Schwiegervater ist, plötzlich

zusammen. Aber die Wahrnehmung, dass ein kleiner Hund in den Schrank

eingesperrt worden sei, würde jener Erwartung ebenso widersprechen.

Worauf es ankommt, das ist: die Tante oder der Schwiegervater, diese

würdevollen oder auf Würde Anspruch machenden Personen; und weiter der

Umstand, dass eine solche würdevolle Person in den Schrank eingeschlossen

ist, und damit plötzlich in meinen Augen ihrer Würde verlustig geht, und

in dem speziellen Falle sogar auf das Niveau einer kleinen wimmernden

Katze herabsinkt. Die Komik entsteht hier nicht aus der plötzlichen

Vereinigung zweier unverträglicher Aspekte, sondern aus diesem Zergehen

der Würde der Tante oder des Schwiegervaters.

_Herkenrath_ meint, hier ein Beispiel gegeben zu haben, in welchem die

Komik entstehe, indem an die Stelle eines erwarteten Kleinen ein Grosses

oder Würdevolles tritt. In Wahrheit findet hier wie in allen Fällen der

Komik das Gegenteil statt: Ein Grosses schrumpft zu einem Kleinen

zusammen. Wäre dies nicht der Fall, so würde die Komik unterbleiben. Die

Wahrnehmung eines reissenden Stromes, wo nach vorangehenden Erfahrungen

ein wasserarmer Bach erwartet wurde, wirkt nicht komisch, sondern

imponierend. Und doch haben wir auch hier die plötzliche Vereinigung

zweier unverträglicher Aspekte.

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Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 31 / 117 题