KRÄPELINS "INTELLEKTUELLER KONTRAST".

Wie schon gesagt, geht _Kräpelin_ von der Betrachtung der komischen

Objekte und Vorgänge aus. Dies Verfahren schien uns von einem Bedenken

frei, dem das _Hecker_'sche von vornherein unterlag. Aber Kräpelins Weise

der Betrachtung ist einseitig; darum das schliessliche Ergebnis durchaus

ungenügend. Dies schliessliche Ergebnis lautet: Komisch wirkt der

"unerwartete intellektuelle Kontrast, der in uns einen Widerstreit

ästhetischer, ethischer oder logischer Gefühle mit Vorwiegen der Lust

erweckt".

Ich betone hier zunächst die Anerkennung der Notwendigkeit eines

Kontrastes. Diesem Elemente begegnen wir schon in der Ästhetik von _Kant_

und _Lessing_. Wir sehen dann die Ästhetiker bemüht, schärfer und

schärfer die Besonderheit zu bestimmen, die den komischen Kontrast vor

jedem beliebigen anderen Kontrast auszeichnet. Auch Kräpelin sucht eine

solche nähere Bestimmung. Er glaubt sie gefunden zu haben, indem er den

komischen Kontrast als intellektuellen bezeichnet.

Da an dem "intellektuellen" Kontrast für _Kräpelin_ alles hängt, so

sollte man eine scharfe und unzweideutige Abgrenzung dieses Begriffes

erwarten. Dieser Erwartung wird nicht genügt. Der intellektuelle Kontrast

entsteht nach _Kräpelin_ aus dem notwendig misslingenden Versuch der

begrifflichen Vereinigung disparater Vorstellungen. Dabei dürfen zunächst

die "disparaten" Vorstellungen nicht allzu ernst genommen werden. Gemeint

sind einfach Vorstellungen, welche die ihnen angesonnene begriffliche

Vereinigung nicht zulassen, sie mögen im Übrigen von der Disparatheit

beliebig weit entfernt sein.

Was aber will die begriffliche Vereinigung? Sie soll mehr sein als ein

blosser Vergleich, demnach der intellektuelle Kontrast kein bloss

sinnlicher. Aber ich sehe nicht, worin jenes Mehr bestehen soll. "Der

Bauer lacht über den Neger, den er zum ersten Male sieht." Auch wir

können uns bisweilen "eines leisen Gefühls der Komik nicht erwehren, wenn

wir einen Freund mit veränderter Haarfrisur, abrasiertem Bart, oder zum

ersten Male in der feierlichen Kopfbedeckung des Cylinders begegnen."

Dies sind Fälle der von _Kräpelin_ sogenannten "Anschauungskomik", der

ersten Hauptgattung, die er aufstellt. Bei ihr kontrastieren jedesmal

"sinnliche Anschauungen mit Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes

unmittelbar und ohne intellektuelle Verarbeitung". Nun leugne ich das

Vorhandensein und die Bedeutung dieses Kontrastes nicht, ich sehe nur

nicht, was ihn von einem blossen Vergleichskontrast unterscheiden soll.

Es scheint mir sogar, _Kräpelin_ bezeichne ihn, indem er ihn "unmittelbar

und ohne intellektuelle Verarbeitung" entstehen lasse, ausdrücklich als

solchen. In der That können wir einen wahrgenommenen Gegenstand mit

anderen, die wir früher wahrgenommen haben, nicht vergleichen, ohne des

Kontrastes zwischen ihm und den früher wahrgenommenen, also jetzt zu

Bestandteilen unseres Vorstellungsschatzes gewordenen, inne zu werden.

Das Resultat der Vergleichung, die Unterscheidung, besteht eben in diesem

Innewerden des Kontrastes.

Statt von begrifflicher Vereinigung spricht _Kräpelin_ auch wohl von

inniger Verbindung disparater Vorstellungen. Ähnlichkeiten der disparaten

Vorstellungen werden benutzt, diese innige Verbindung herzustellen. Aber

auch damit ist kein Gegensatz zwischen begrifflicher Vereinigung und

blossem Vergleich bezeichnet. Was mich zum Vergleich veranlasst, sind

immer Ähnlichkeiten, und der Vergleich selbst besteht jederzeit in dem

Versuch der Verschmelzung oder der Identifikation von Vorstellungen, also

der denkbar _innigsten_ Verbindung derselben. Eben aus diesem Versuch der

Identifikation ergiebt sich beim Vergleiche das Unterschieds- oder

Kontrastbewusstsein. Heisst demnach intellektueller Kontrast derjenige,

der aus dem Versuch inniger, auf vorhandene Ähnlichkeiten sich gründender

Verbindung von Vorstellungen entsteht, so muss jeder Kontrast, der bei

irgendwelcher Vergleichung sich ergiebt, diesen Namen tragen.

Oder besteht die begriffliche Vereinigung und damit die specifische

Bedingung der Komik in den oben genannten Fällen darin, dass der Bauer

den Neger, ebenso wie den Kaukasier, dem Begriff "Mensch", oder dass wir

das Bild des anders frisierten und mit ungewohnter Kopfbedeckung

versehenen Freundes ebenso wie das gewohnte Bild dem Begriff "unser

Freund" unterzuordnen versuchen, und dabei die Erfahrung machen, dass

dies nicht ohne Widerspruch gelingt?

Dies scheint wirklich _Kräpelins_ Meinung. Weil wir in reicherer

Lebenserfahrung solche Begriffe gewonnen haben, die auch Neues und

Ungewohntes widerspruchslos in sich aufnehmen, darum ist seiner Erklärung

zufolge für uns nicht mehr, wie für den Ungebildeten, alles Neue und

Ungewohnte komisch. Aber auch darin liegt nichts, was nicht bei

beliebigen Vergleichen vorzukommen pflegte. Jeder Vergleich, so sagten

wir oben, sei Versuch der Identifikation. Dieser Versuch der

Identifikation aber ist ohne weiteres auch Versuch der Unterordnung unter

denselben Begriff. So vergleiche ich eine Pflanze, der ich irgendwo

begegne, mit den mir bekannten Arten, indem ich versuche, ihre Form mit

den Typen der letzteren zu identificieren. Damit ist der Versuch, die

Pflanze dem _Begriff_ einer der fraglichen Arten unterzuordnen, sofort

verbunden. Daher ich denn auch das Resultat des Vergleichs ohne weiteres

in der Weise ausspreche, dass ich von der Pflanze die Zugehörigkeit oder

Nichtzugehörigkeit zu einem bestimmten Artbegriff prädiziere: die Pflanze

ist eine Orchidee oder sie ist es nicht.

Ebenso kann ich den veränderten Zustand, in dem sich eine Pflanze heute

befindet, mit dem Zustand, in dem sich dieselbe Pflanze gestern

befand--sie habe etwa über Nacht Blüten getrieben--nicht vergleichen,

ohne beide Wahrnehmungsinhalte--die blühende und die blütenlose

Pflanze--demselben Begriff dieser mir bekannten Pflanze einzuordnen.

Wenigstens hat es hier ebensoviel bezw. ebensowenig Sinn, von einer

Einordnung in einen gemeinsamen Begriff zu sprechen, wie beim komischen

Kontrast zwischen dem neufrisierten Freunde einerseits und dem gewohnten

Anblick desselben andererseits.

Darnach sind wir wohl berechtigt, in der "begrifflichen Vereinigung" oder

"innigen Verbindung" und dem "intellektuellen Kontrast" das über den

blossen Vergleich und Vergleichskontrast hinausgehende Moment zu

vermissen. _Kräpelin_ ist im Rechte, insofern er ein solches Moment

überhaupt fordert. Er irrt nur, wenn er meint es damit aufgewiesen zu

haben, dass er jene Namen einführt. Die Ausdrücke, "begrifflich" und

"intellektuell" sind ja freilich so vieldeutig, dass sie alles besagen

können. Aber eben darum besagen sie in einer wissenschaftlichen Theorie

wenig oder gar nichts. Sie gehören zu den in der Psychologie so vielfach

üblichen Worten, die wohl "um die Ohren krabbeln", aber statt das

Verständnis zu fördern, vielmehr über die Notwendigkeit des

Verständnisses hinwegtäuschen.

Mögen nun aber die begriffliche Vereinigung und der intellektuelle

Kontrast sein was sie wollen. Auch für _Kräpelin_ begründen sie ja die

Komik nicht unter allen Umständen. _Kräpelin_ bezeichnet als Gegenstände

der Anschauungskomik auch die leichter zu ertragenden menschlichen

Gebrechen. Der Kontrast mit der gewohnten menschlichen Bildung lässt sie

komisch erscheinen. Warum, so fragen wir, müssen gerade Gebrechen die

eine Seite des Kontrastes bilden? Warum entsteht der Eindruck der Komik

nicht ebenso, wenn ein Mensch durch irgend welchen Vorzug zu dem, was wir

zu sehen gewohnt sind, in Gegensatz tritt? Warum lachen wir über den

ungewöhnlich Kräftigen und Wohlgebildeten nicht, wie über den

ungewöhnlich Fetten oder Hageren?--Und warum verschwindet bei uns

gebildeten Menschen sogar die Komik der Gebrechen, wenn sie schwer zu

ertragende sind? Warum lachen wir über den Armen, der beide Beine

verloren hat, nicht ebenso, wie über die rote Nase, da doch der Kontrast

in jenem Falle viel deutlicher in die Augen springt? Auf alle diese

Fragen bleibt _Kräpelin_ die Antwort schuldig.

Doch nein. Wir irren. _Kräpelin_ giebt auf diese Fragen sogar eine sehr

bestimmte Antwort. Wir wissen schon, der intellektuelle Kontrast wirkt

komisch nur, wenn er in uns einen Gefühlswiderstreit "mit _Vorwiegen der

Lust_" erweckt. Nun erweckt die ausserordentlich wohlgebildete Gestalt in

uns keine Unlust, also keinen Widerstreit der Gefühle, der Anblick des

schwer zu ertragenden Gebrechens lässt nicht die Lust, sondern die Unlust

überwiegen; es fehlt also in beiden Fällen ein wesentliches Element der

Komik.

Aber ist dies wirklich eine Antwort auf jene Fragen? Die komische Wirkung

_besteht_ ja für _Kräpelin_ in gar nichts Anderem, als dem Widerstreit

der Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust. Wenn er uns also sagt, nur

der Kontrast wirke komisch, der diesen Widerstreit erwecke, so heisst

dies, nur der Kontrast wirke komisch, der komisch wirke. Nun werden wir

uns ja freilich dieser Einsicht nicht verschliessen können. Wir erfahren

nur das nicht, was wir gerne wissen möchten, unter welchen Umständen

nämlich ein Kontrast komisch wirke, _das heisst_--nach _Kräpelin_--den

Widerstreit der Gefühle erzeuge, in dem die komische Wirkung angeblich

besteht.

Jener allgemeinen Antwort auf die Frage, warum der "intellektuelle"

Kontrast vielfach gar nicht komisch wirke, entspricht die Art, wie

_Kräpelin_ sich in speciellen Fällen hilft. Kinder finden leicht alles

komisch, weil bei ihnen der intellektuelle Kontrast leichter entsteht.

Vorausgesetzt ist, dass dabei nicht die Furcht überwiegt. Die Fälle, in

denen der intellektuelle Kontrast seine Pflicht versäumt, erscheinen also

als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Der Kontrast _würde_ das Gefühl

der Komik erzeugen, wenn nicht statt desselben ein anders geartetes oder

entgegengesetztes Gefühl einträte. Aber dies hat ebensoviel Sinn, als

wenn ich erst den allgemeinen Satz aufstellen wollte: alle Körper sinken

im Wasser, um dann hinzuzufügen: wofern sie nicht oben bleiben. Oder will

_Kräpelin_ sagen, in jenen Fällen werde das Eintreten der Komik durch

andersgeartete Gefühle aufgehoben? Auch damit ist nichts gebessert. Auch

von Körpern, die sich nicht darauf einlassen im Wasser zu sinken, kann

ich zur Not sagen, bei ihnen werde durch das Obenbleiben oder die Tendenz

des Obenbleibens der Effekt des Sinkens aufgehoben. Eine Begründung des

Sinkens dieser Körper und des Nichtsinkens jener wäre damit nicht

gegeben.

Endlich ist es aber auch, wie wir schon wissen, gar nicht richtig, dass

Widerstreit von Lust und Unlust mit Überwiegen der Lust das Gefühl der

Komik ausmacht. Weder von einem solchen Widerstreit zu reden ist

_Kräpelin_ so ohne weiteres berechtigt, noch findet das Überwiegen der

Lust jederzeit statt. Umgekehrt können, wie wir gleichfalls schon wissen,

Lust und Unlust thatsächlich in dem bezeichneten Verhältnis stehen und

doch kein Gefühl der Komik ergeben.

Es können aber auch schliesslich die ganzen _Kräpelin_'schen Bedingungen

der Komik erfüllt, also der unerwartete intellektuelle Kontrast samt dem

von _Kräpelin_ geforderten Verhältnis von Lust und Unlust gegeben sein,

ohne dass von Komik im entferntesten die Rede ist. Jedes zugleich

prächtige und furchtbare Schauspiel, das ich nie gesehen, das also zu

meinem "Vorstellungsschatz" in unerwarteten Gegensatz tritt, der

unerwartete Anblick eines mächtigen Heeres, eines mächtig aufsteigenden

Wetters und dergleichen erfüllt die Bedingungen, wenn zufällig der

erhebende Eindruck der Pracht das Gefühl der Furcht überwiegt. Darum

finden wir ein solches Schauspiel doch niemals komisch.

So bleibt schliesslich von der ganzen _Kräpelin_'schen Bestimmung der

Komik nur der Vorstellungskontrast übrig. Wie der beschaffen sein müsse,

davon erfahren wir nichts. Das heisst, wir erfahren nichts von der

eigentlichen Hauptsache.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 29 / 117 题