Fragen wir schliesslich auch noch: Was ist doch eigentlich dies Gefühl
der Überlegenheit, das _Groos_ und anderen so sehr das klare Denken
verwirrt. Es scheint fast, _Groos_ hätte, der er doch einmal mit diesem
Begriffe operiert, diese Frage sich vorlegen müssen.
Schon oben sagte ich, das Gefühl der Überlegenheit ergebe sich aus einem
Messen. Dies bestimmen wir genauer. Ein Mensch begehe Verkehrtes. Darum
ist er doch Mensch, wie ich. Mit dem Gedanken an das Menschsein verknüpft
sich also der Gedanke des verkehrten Thuns. Verkehrt sich zu gebaren ist
also menschlich. Es ist also mehr als menschlich, zum mindesten mehr als
allgemein menschlich, wenn man so vernünftig ist, wie wir es sind oder zu
sein uns einbilden. Wir sind "Übermenschen", mehr als unsere "Jüngsten",
die sich als Übermenschen dünken, wenn sie nichts sind als besonders
jämmerliche Menschen.
Oder anders gesagt: Ich stehe, wenn ich jenes verkehrte Thun erlebt habe,
unter dem unmittelbaren Eindruck: Menschen können sich so unvernünftig
gebärden. Also ist mein vernünftiges Gebaren keine so selbstverständliche
Sache. Wäre sie etwas durchaus Selbstverständliches, so würde ich in
meinen Gedanken darüber zur Tagesordnung übergehen, wie über alles
Selbstverständliche. Jetzt ist diese Selbstverständlichkeit, ich kann
auch sagen: es ist die "Gewohnheit", Menschen als vernünftig zu
betrachten, wenn auch nur für einen Augenblick, durchbrochen. Es ist,
wenn ich in Ausdrücken meiner "Grundthatsachen des Seelenlebens" sprechen
darf, der freie "Vorstellungsabfluss" aufgehoben; also eine psychische
"Stauung" eingetreten. Und diese hat die Wirkung, die jede psychische
Stauung hat. Das heisst die psychische Bewegung haftet an der Stelle, wo
die Stauung geschieht, die psychische Wellenhöhe dessen, was an dieser
Stelle sich findet, wird gesteigert.
Oder wenn wir diese Ausdrücke wiederum fallen lassen: Das, was nur nicht
mehr als ein Selbstverständliches oder Gewohntes erscheint, fällt mir in
höherem Grade auf. Es wirkt wie ein Neues. Damit steigert sich auch die
Gefühlswirkung. Meine Vernünftigkeit wird also durch den Vergleich mit
der Unvernunft anderer für mich eindrucksvoller. Damit ist das
gesteigerte Selbstgefühl, der Stolz auf meine Vernünftigkeit, das Gefühl
der Überlegenheit gegeben.
Auch aus dieser Betrachtung der Entstehungsweise des Gefühles der
Überlegenheit ergiebt sich, wie wenig dasselbe mit der Komik zu thun hat.
Es ist einfach erhöhtes Gefühl des Wertes meiner selbst, höhere
Selbstachtung, Stolz. Und darin liegt nichts komisch Erheiterndes. Das
Gefühl der Komik steht dazu im Gegensatz. Es wird demnach auch vermöge
eines entgegengesetzten Prozesses entstehen.
_Groos_ zitiert beim Beginn seiner Erörterung der Komik das bekannte Wort
_Jean Pauls_: Das Lächerliche wollte von jeher nicht in die Definition
der Philosophen gehen, ausser unfreiwillig. Derselbe _Jean Paul_ sagt
auch, die Komik verwandle halbe und Viertelsähnlichkeiten in
Gleichheiten. Auch in _Groos'_ "Definition" fehlen solche halbe und
Viertelsähnlichkeiten nicht. Er meint Richtiges. So meinen, wie im Grunde
selbstverständlich, alle Theoretiker der Komik Richtiges. Aber sie meinen
oder sagen es nicht immer richtig.
Worin das Richtige bei _Groos_ besteht, wurde schon angedeutet. Es liegt
in dem von ihm übernommenen _Zeising_'schen "Choc und Gegenchoc", oder
der "Verblüffung und Erleuchtung". Schon _Hecker_ hatte einen Kontrast
statuiert. Dass dieser Kontrast hier genauer als Kontrast zwischen
Verblüffung und Erleuchtung erscheint, bedeutet einen Fortschritt.
Und noch mehr kann zugestanden werden. Auch eine "Überlegenheit" findet
bei der Komik statt, nur in völlig anderem als dem _Groos_'schen Sinne,
nämlich eine Überlegenheit meiner Auffassungskraft über ein
Aufzufassendes. Und daran schliesst sich ein entsprechendes Gefühl, wenn
nicht der "Überlegenheit", so doch der gelösten Spannung.