ZIEGLERS THEORIE.

Ich schliesse an die Kritik der _Groos_'schen Theorie unmittelbar noch

eine Bemerkung an über _Ziegler_, der in seiner Skizze des

Gefühlslebens--"Das Gefühl" Stuttgart 1898--_Groos'_ Theorie teilweise

übernimmt, und damit die _Hecker_'sche "Schadenfreude" verbindet. Auch

bei _Ziegler_ sehe ich nicht, wie weit er sich der Übereinstimmung mit

seinen Vorgängern bewusst ist. Besteht keine Abhängigkeit, so ist doch

die Identität der Gedanken nicht verwunderlich. Es liegt in jenen

Begriffen, wenn man gewisse besonders in die Augen springende Fälle der

Komik im _Ganzen_ nimmt, etwas Plausibles. Das Gefühl der Komik schlägt

in der That in gewissen Fällen leicht in das Gefühl der Überlegenheit

oder der Schadenfreude um, oder es tritt zu ihm ein solches Gefühl,

allerdings jedesmal die Komik als solche beeinträchtigend oder

zerstörend, hinzu. Genauere Untersuchung ergiebt zwar unschwer die

Eigenart der Komik. Aber auch _Ziegler_ verzichtet auf solche genauere

Untersuchung.

Ich sagte, _Ziegler_ übernehme teilweise die _Groos_'sche

"Überlegenheit". Dies thut er nicht von vornherein. _Ziegler_ operiert

zunächst mit dem von _Groos_ in zweiter Linie herbeigezogenen Gegensatz

der Düpierung und Erleuchtung. Dass _Ziegler_ dies Moment zum Primären

macht, darin scheint wiederum ein Fortschritt zu liegen.

Aber es fragt sich, wie diese Begriffe verwendet werden. Wir fallen, so

erfahren wir auch hier, auf die Verkehrtheit, Zweckwidrigkeit, Unvernunft

herein, bemerken sie nicht, werden also düpiert. Dann sehen wir sie ein.

Wir lachen dann in gewisser Weise doppelt, über die Verkehrtheit, und

über uns, die wir düpiert worden sind.--Man beachte, wie hier _Groos'_

Gefühl der Überlegenheit über uns selbst, oder _Groos'_ stolzes

Bewusstsein des Sieges zu einem Verlachen unserer selbst wird, also in

gewisser Weise sich in sein Gegenteil verkehrt.

Aber wenn bei Ziegler das beglückende Gefühl unserer Überlegenheit

wegfällt, warum lachen wir dann, über das Objekt und über uns selbst?

_Ziegler_ meint selbst, das Verkehrte oder die Unvernunft könne als

solche nur Unlust erregen, und indem die Unvernunft als solche sich

herausstelle, werde die Unlust nur verdoppelt. Wie kommt es dann, dass

das Verkehrte, in dem es als solches sich herausstellt, _belustigt_?

_Ziegler_ antwortet: Dies liege daran, dass die Unvernunft oder

Zweckwidrigkeit keine bedenkliche, der Schaden, der daraus erwachse, kein

grosser sei. Die ganze Sache, so sagt er, ist ein "Nichtssagendes; statt

Ernst ist alles, was daran resultiert, nur Scherz und Spiel"; es ist

"ohne erheblichen Schaden, also nicht ernsthaft, sondern nur spasshaft zu

nehmen".

Damit ist für _Ziegler_ die Komik erklärt. Dass das, was nur spasshaft

genommen werden kann, nur spasshaft, d. h. komisch genommen werden kann,

ist ja selbstverständlich. Aber die Frage ist eben die, wie das

Nichtssagende dazu _komme_, spasshaft, d. h. komisch genommen zu werden.

Oder verwandelt sich Unlust über einen Schaden lediglich dadurch, dass

der Schaden ein geringer ist, in "Spass", oder komische Lust? Mir scheint

vielmehr, wenn ein Schaden Unlust erzeugt, so erzeugt ein geringer

Schaden zunächst nichts anderes als verminderte Unlust. Ist der Schaden

sehr gering, so wird die Unlust schliesslich gleich Null. Aber

verminderte oder gar nicht mehr vorhandene Unlust ist doch nicht

identisch mit heiterer Lust.

Es ist deutlich, _Ziegler_ setzt in seiner Erklärung genau das voraus,

was er erklären will. Seine Erklärung der Komik besteht darin, dass er

andere Worte dafür einsetzt, nämlich die Worte "Scherz" und "Spass".

Warum erscheint uns ein Objekt komisch? Weil es uns nicht ernsthaft

sondern scherzhaft erscheint. Warum erscheinen wir selbst uns komisch?

Weil die Spannung, in die wir durch das komische Objekt versetzt worden

sind, nicht ernsthaft sondern spasshaft zu nehmen ist.

Erst wo es sich um das Zweckwidrige in oder an einer von uns

verschiedenen Person handelt, begegnen wir auch bei _Ziegler_ dem Begriff

der Schadenfreude und der Überlegenheit. Nicht das _Wort_ "Schadenfreude"

kommt vor, aber die Sache: Es geschieht dem Verkehrten "Recht, dass seine

verschuldete Unvernunft ihm den kleinen Schaden gebracht hat." Ich habe

schon oben zugestanden, dass in der That in allerlei Fällen der Komik die

Schadenfreude zu stande kommen und ein Gefühl der Überlegenheit sich

einstellen kann. Nur dass dies mit dem Gefühl der Komik als solchem

nichts zu thun hat. Gefühl der Komik ist Gefühl der Komik; und Gefühl der

Schadenfreude oder der Überlegenheit ist Gefühl der Schadenfreude oder

der Überlegenheit.--Im übrigen wiederhole ich nicht, was ich gegen die

Theorie der Überlegenheit vorhin gesagt habe.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 27 / 117 题