Am auffallendsten tritt aber schliesslich die Verwechselung, auf welcher,
nach dem eben Gesagten, _Groos'_ Begründung des ästhetischen Genusses
überhaupt beruht, bei _Groos'_ Theorie der Komik zu Tage. Ich sei
überlegen über die Verkehrtheit des komischen Objektes. Das komische
Objekt, oder das Verkehrte, ist dann natürlich nicht überlegen, sondern
inferior. Komisch aber ist für mich das Objekt, nicht ich, oder meine
Überlegenheit. Mein Gefühl der komischen Lust ist ein nicht auf das
überlegene Ich, sondern auf das inferiore Objekt bezogenes Gefühl. Ich
kann wohl auch hier meiner Überlegenheit mich freuen. Das heisst, ich
kann auf die Überlegenheit, die mir und nur mir zukommt, achten, und
dabei ein angenehmes Gefühl haben. Aber das, worum es sich hier handelt,
das ist ja das Gefühl, das ich auf das von mir so deutlich als möglich
unterschiedene Objekt und seine Inferiorität beziehe, d. h. das Gefühl,
das entsteht, indem ich--_nicht_ mich und meine Überlegenheit mir
vergegenwärtige, _nicht_ auf _diese_ Seite des Gegensatzes zwischen mir
und dem Objekte meine Aufmerksamkeit richte, sondern dem Objekte und
seiner Inferiorität, dieser _anderen_ Seite des Gegensatzes meine
Aufmerksamkeit zuwende.
Dann kann auch der _Grund_ des Gefühles der Komik nicht in meiner
Überlegenheit oder dem Bewusstsein derselben liegen. Sondern er muss in
dem Objekte, seiner Verkehrtheit, seiner Inferiorität, kurz seiner
Nichtigkeit gesucht werden. Er muss liegen in dieser Nichtigkeit selbst,
nicht etwa in dieser Nichtigkeit sofern sie meine Überlegenheit
begründet. Denn dann müsste wiederum das Achten auf mich und meine
Überlegenheit das Gefühl der Komik hervortreten lassen. Dies müsste also
doch wiederum auf mich bezogen erscheinen. Es entstände, mit anderen
Worten, von neuem der Widerspruch, der darin liegt, dass ein Gefühl, das
ich thatsächlich nicht auf mich, sondern auf ein von mir verschiedenes
Objekt beziehe, mit einem auf mich bezogenen Gefühle identisch sein soll.
Es liegt aber in _Groos'_ Anschauung nicht nur eine einfache, sondern
eine doppelte Verwechselung. Das Gefühl der Komik ist, soviel ich sehe,
nicht ein Gefühl der Überlegenheit, sondern eben--ein Gefühl der Komik.
Es ist also für _Groos_ nicht nur ein auf mich bezogenes Gefühl ein aufs
Objekt bezogenes, sondern es ist auch das Gefühl der Überlegenheit
identisch mit einem Gefühl der Komik. Das Gefühl meiner Überlegenheit ist
eine Art des Gefühles der Erhabenheit, nämlich meiner Erhabenheit. Das
Gefühl der Komik aber ist das Gegenteil jedes Gefühles der Erhabenheit.
Für _Groos_ sind beide identisch. Das ist eine zu starke Zumutung.
Achten wir schliesslich auch noch--auch sonst erweist sich dergleichen
als nützlich--auf die objektiv gegebenen Thatsachen. Fragen wir zunächst,
wer denn das Gefühl der Überlegenheit über wirkliche oder vermeintliche
Verkehrtheiten zu haben, und wer andererseits dem Gefühl der Komik
hingegeben zu sein und über das Komische herzlich zu lachen pflegt. Dann
erscheint _Groos'_ Theorie in demselben seltsamen Lichte.
Jene "Überlegenen", das sind die Suffisanten, die Eitlen, die Gecken.
Ihnen ist alles ein Mittel sich überlegen zu fühlen. Ihnen aber fehlt
eben damit der Humor dem Komischen gegenüber, d. h. die Fälligkeit die
Komik zu geniessen. Die "Überlegenen" wissen nichts von herzlichem
Lachen.
Und es kann dies auch von ihnen nicht gefordert werden. Der Humor, die
Anteilnahme an der Komik des Komischen ist nun einmal ein sich Hingeben
an das Komische, oder das in ihm liegende Verkehrte. Wer über das
Verkehrte herzlich lacht, geht in die Verkehrtheit ein, macht sich zum
Teilhaber, sozusagen zum Mitschuldigen. Er steigt von dem Piedestal, auf
dem er sonst stehen mag, herab; betrachtet die Sache von unten, nicht von
oben. Die Komik ist zu Ende in dem Momente, wo wir wiederum auf das
Piedestal heraufsteigen, d. h. wo wir beginnen, uns überlegen zu fühlen.
Das Gefühl der Überlegenheit erweist sich so als das volle Gegenteil des
Gefühls der Komik, als sein eigentlicher Todfeind. Das Gefühl der Komik
ist möglich in dem Masse, als das Gefühl der Überlegenheit nicht aufkommt
und nicht aufkommen kann.
So verhält es sich, soweit Objekten der Komik gegenüber ein Gefühl der
Überlegenheit überhaupt _möglich_ ist. In vielen Fällen der Komik ist
aber gar nicht einzusehen, wie ein solches Gefühl zu stande kommen
sollte. Ich will etwa ein grosses, wohlvorbereitetes Feuerwerk abbrennen.
Und der Erfolg ist: ein Zischen, ein Lichtschein, weiter nichts. Dies
wirkt auf mich komisch, falls ich den nötigen Humor habe, d. h. meinen
etwaigen Ärger unterdrücke und mich ganz der Situation hingebe.
Worüber nun fühle ich mich hier überlegen? Die Verkehrtheit, die
vorliegt, besteht in der Thatsache, dass das Wohlvorbereitete aus
irgendwelchem Grunde, vielleicht weil mir ohne meine Schuld verdorbene
Feuerwerkskörper geliefert wurden, misslingt, meine hochgespannte
Erwartung zergeht. Aber wie kann ich mich solcher Thatsache gegenüber
überlegen fühlen? Wie würde ich wohl meine Überlegenheit über das
misslingende Feuerwerk oder über das Pulver, das seine Schuldigkeit nicht
that, in praxi dokumentieren?
Zum Gefühl der Überlegenheit gehört, dass ich mich mit dem Verkehrten
vergleiche. Mit mechanischen Vorgängen aber kann ich mich nicht
vergleichen. Ich vergleiche mich auch nicht mit leblosen Dingen. Wenn
neben einem Palast ein kleines Gebäude stände, das in seiner Form den
Palast getreu nachahmte, so könnte dies überaus komisch wirken. Was soll
es hier heissen, ich fühle mich über eine Verkehrtheit überlegen. Die
Verkehrtheit besteht hier darin, dass ein Kleines aussieht, wie ein
Grosses, und doch nicht gross ist wie dieses. Habe ich hier etwa das
Bewusstsein, mir könne dergleichen nicht begegnen?
Eher schon vergleichen wir uns mit Kindern und Tieren. Aber ein freudiges
Bewusstsein der Überlegenheit über Kinder, oder über das possierliche
Gebahren junger Katzen und Hunde, wäre doch allzu kindisch. Kinder und
Tiere sind komisch vor allem, wenn sie sich gebärden wie wir, und doch
wiederum nicht wie wir, zweckvoll und doch wiederum zwecklos oder
zweckwidrig, ernsthaft und nichtig und doch wiederum spielend und
nichtig. Im Bewusstsein hiervon liegt ein Vergleich. Aber doch eben ganz
und gar nicht der Vergleich, wie er in _Groos'_ Theorie vorausgesetzt
ist, kein Messen, kein Abwägen dessen, was das Objekt der Komik ist oder
kann, und dem, was wir sind oder können, jedenfalls nicht ein Abwägen mit
dem schliesslichen stolzen Bewusstsein, dass wir es in Vergleich mit den
Objekten, also den Kindern, oder den jungen Hunden und Katzen so herrlich
weit gebracht haben.
Auch der Witz soll endlich von _Groos'_ Definition getroffen werden.
Dieser Anspruch ist selbstverständlich, da ja der Witz eine Gattung des
Komischen ist. Man vergegenwärtige sich aber einmal etwa das zweifellos
witzige und witzig komische Rätsel _Schleiermachers_ "der Galgenstrick":
Fest vom Dritten umschlungen, so schwebt das vollendete Ganze,
Wann es die Parze gebeut, an den zwei Ersten empor.
Das Verkehrte, das hier sich findet, besteht in der abnormen oder
spielenden Form, in welcher der gar nicht verkehrte Gedanke ausgedrückt
ist. Freilich, hier ist der Ausdruck Verkehrtheit etwas--verkehrt. Aber
_Groos_ versteht unter der Verkehrtheit so vielerlei, dass wir auch diese
Abnormität als Verkehrtheit--in seinem Sinne--bezeichnen können.
Ich frage nun: Worin besteht unser Gefühl der Überlegenheit über dies
Abnorme, oder über diese witzig geistreiche Art des Ausdrucks eines
Gedankens? Trifft hier _Groos'_ Satz zu: "Wir haben bei jedem Komischen
das behagliche Pharisäergefühl, dass wir nicht und wie dieser Verkehrten
einer"? In der That sind wir vielleicht nicht wie dieser Verkehrten, d.
h. dieser Witzigen einer. Aber es ist zu befürchten, dass in diesem Falle
das Pharisäergefühl eher in ein gegenseitiges Gefühl umschlage. _Groos_
hat Sinn für Witz, vielleicht zu viel. Darum vermute ich, das er den
"Humor" des _Schleiermacher_'schen Witzes nicht etwa in dem Gefühl der
Überlegenheit finden wird, das der logische Pedant der witzigen Wendung
gegenüber allerdings haben wird. Diese Überlegenheit ist aber die
einzige, die der witzigen Komik gegenüber möglich ist.