Diese Einsicht scheint nun eine sehr triviale. Aber dies hindert nicht,
dass damit eine ganze Reihe psychologisch-ästhetischer Theorien endgültig
abgewiesen sind. Ich erwähne etwa die Theorie, die das Wohlgefallen an
Linien auf das Wohlgefallen an bequemen oder leicht zu vollziehenden
Augenbewegungen zurückführt; oder derzufolge Linienschönheit nichts
anderes ist als Annehmlichkeit von Augenbewegungen. Es ergiebt sich aus
Obigem, was dagegen einzuwenden ist: Die Linien, nicht die
Augenbewegungen meine ich, wenn ich die Linien schön finde. Auf jene
nicht auf diese erscheint mein Gefühl der Lust bezogen.
Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn ich besondere Fälle annehme. Es
könnte geschehen, dass die Augenbewegungen, vermöge deren ich eine schöne
Linie--wirklich oder angeblich--"verfolge", einmal sehr unbequeme wären.
Die Linie findet sich etwa an einer Wand, so weit oben, dass ich den Kopf
und die Augen stark nach oben wenden muss, um die Linie zu betrachten.
Jetzt sind die Augenbewegungen vielleicht sogar schmerzhaft. Dann ist
doch nicht die Linie für mich hässlich, sondern eben die Augenbewegung
schmerzhaft. Ich verspüre Wohlgefallen "_an_" der Linie, d. h. ich
verspüre Lust, wenn und in dem Masse, als ich auf die Linie achte, und
damit zugleich meine Aufmerksamkeit von der Stellung und Bewegung meiner
Augen _abwende_. Ich verspüre andererseits Unlust "_an_" den
Augenbewegungen, d. h. ich verspüre Unlust, wenn und in dem Masse, als
ich auf die Augenbewegungen achte, und die Linie für eine Zeitlang Linie
sein lasse.
Also habe ich auch den _Grund_ jener Lust in der Linie zu suchen. Wenn
nicht in der sichtbaren Form der Linie, dann in etwas, das für mich in
der Linie oder ihrer Form unmittelbar liegt. Dies wird allerdings
gleichfalls eine Bewegung sein. Aber nicht eine Bewegung meiner Augen,
überhaupt nicht eine Bewegung in oder an mir, sondern eine Bewegung _der_
Linie oder _in_ der Linie selbst, eine Bewegung, die die Linie selbst zu
vollführen, oder vermöge welcher die Linie, dies von mir unterschiedene
und mir frei gegenübertretende Objekt, in jedem Augenblick von neuem
_sich selbst zu erzeugen_ scheint.--Nicht minder liegt der Grund meiner
Unlust in den Augenbewegungen, also _nicht_ in der Linie und dem, was sie
leistet, sondern in mir und dem was ich, diese von der Linie
unterschiedene und sich ihr gegenüberstellende Person, leiste oder zu
leisten jetzt genötigt bin.
Eben dahin gehört die Theorie, welche die Erhabenheit von Objekten
identifiziert mit dem Gefühl meiner Erhabenheit, etwa der Überlegenheit
meines Verstandes. In dieser Theorie liegt gewiss Richtiges. Aber es
fehlt noch die Hauptsache. Das Gefühl meiner Erhabenheit ist an sich
schlechterdings nichts, als das Gefühl meiner Erhabenheit, niemals ein
Gefühl der Erhabenheit eines _Objektes_. Wie überall, so setze ich auch
hier deutlich einander gegenüber: mich und das Objekt. Dieser Gegensatz
ist ja für uns der allerfundamentalste. Es ist der Gegensatz der
Gegensätze. Es ist damit hier wie überall absolut ausgeschlossen, dass
ich mich mit dem Objekt, das ich anschaue, verwechsele oder dem Objekte
zurechne, was mir zugehört, dass ich also auch ein Gefühl auf das Objekt
bezogen glaube, das nach Aussage meines unmittelbaren Bewusstseins auf
mich bezogen ist.
Erst wenn ich, durch das "erhabene" Objekt selbst genötigt,--nicht meine
gegenwärtige Erhabenheit, aber eine Erhabenheit, wie ich sie in mir
finden _kann_, also eine mögliche Erhabenheit menschlichen Wesens--und
eine andere Erhabenheit giebt es für uns nicht--in das Objekt _hinein
verlege_, und in ihm, als etwas ihm Zugehörigen, _wiederfinde_, oder
besser gesagt, wenn ich im Objekte, als ihm zuhörig, die persönlichen
Regungen, inneren Verhaltungsweisen, Wollungen wiederfinde, die das
Gefühl der Erhabenheit begründen, wenn mir also diese Regungen in dem
Objekte als etwas von mir Verschiedenes, "Objektives", gegenübertreten,
kann das Objekt für mich zu einem erhabenen werden, oder kann mein Gefühl
der Erhabenheit mir auf dies Objekt bezogen erscheinen. Und umgekehrt,
erscheint das Gefühl auf das Objekt bezogen, erscheint also das Objekt
mir erhaben, so liegt darin der Beweis, dass das Objekt diesen Grund des
Erhabenheitsgefühles in sich selbst trägt, dass nicht mein Erhabensein,
sondern der erhebende Sinn und Inhalt des Objektes das Gefühl
bedingt.--Dass, nebenbei bemerkt, diese Erhabenheit des Objektes keine
Erhabenheit des Verstandes sein kann, leuchtet ein. Unser
Anthropomorphisieren ist kein Objektivieren unseres Verstandes, sondern
unseres Willens.
Nicht minder gehört hierhin der ganze Grundgedanke der _Groos_'schen
Ästhetik. Freude an der Schönheit von Objekten, oder, wie _Groos_ zu
sagen vorzieht, Freude am "ästhetischen Wert" von Objekten soll _Groos_
zufolge Freude am Spiel meiner Phantasie sein. Ich entgegne: Es ist nun
einmal thatsächlich nicht so. Freude am Spiel meiner Phantasie
ist--Freude am Spiel meiner Phantasie. Solche Freude mag vorkommen.
Vielleicht gelingt es auch diesem oder jenem, solche Freude zu haben,
während er angeblich mit einem _Kunstwerke_ innerlich beschäftigt ist.
Ich mag vielleicht gelegentlich das Kunstwerk, dies mir objektiv
gegenübertretende und für mein Bewusstsein von mir total unterschiedene
Ding, eine Zeitlang aus dem Auge lassen und auf meine Phantasiethätigkeit
hinblicken; ich meine: auf die Phantasiethätigkeit, die ich jetzt eben,
wo ich noch mit dem Kunstwerk beschäftigt war, geübt habe; und ich mag
dann an dem Spiel dieser Thätigkeit, an diesem von mir erkannten
psychologischen Faktum, meine Freude haben. Dann freue ich mich eben an
diesem Spiel.
Und dies Spiel ist dann notwendig auch der _Grund_ meiner Freude. Ebenso
gewiss aber ist dieses Spiel _nicht_ der Grund meiner Freude, sondern der
_Gegenstand_ dieses Spieles begründet mein Gefühl, wenn ich das Gefühl
innerlich auf diesen Gegenstand beziehe, wenn also das _Kunstwerk_ mir
wertvoll oder erfreulich erscheint. Ich sage: der Gegenstand des
"Spieles" ist der Grund der Freude. Dabei setze ich natürlich voraus,
dass mein Verhalten zum Kunstwerk wirklich Spiel ist, ich nicht etwa in
allem Ernst mich dem Kunstwerk hingebe, nicht etwa das Kunstwerk mich so
erfasst und zu sich hinzwingt, dass das Spielen mit ihm ein Ende hat.