Vorige. Valentin. Flottwell.
Valentin. Spazieren Euer Gnaden nur herein! (Hansel geht vom
Fenster weg.) Fallen Euer Gnaden nicht über den Buben. Wer hat
ihn denn da mitten ins Zimmer hergesetzt? Ich bitt um
Verzeihung, es ist alles in Unordnung. Einen saubern Sessel
heraus! (Michael lauft ins Kabinett und bringt einen holzernen
Stuhl.) Jagts die Gans hinaus! die Hobelschatten weg! (Hiesel
tut es. Valentin zu Michael.) Einen Polster bring! (Michael
läuft fort und stolpert.) Jetzt wirft er das Leimpfandel um.
Wie gfallt Euer Gnaden denn die Wirtschaft? (Michael bringt
einen Bettpolster.) Was treibst du denn, hättest gar eine Tuchet
gebracht. (jagt ihn fort damit. Zu Flottwell.) Ich bitt, Platz
zu nehmen. Lieserl, wo bist du denn? Komm doch herein. Alle
Kinder! (Liese, alle Kinder bis auf Hans.) Wo ist denn der
Hansel?
Liese. Der ist schon wieder draußen.
Valentin (wirft einen Blick durchs Fenster). Da hab ich die
Ehre, meine Familie aufzuführen. Eins--zwei--drei--vier,
und der fünfte sitzt auf den Taubenkobel oben. Mein Weib wird
gleich nach Haus kommen. Die wird ein Vergnügen haben. Hansel!
komm herein geschwind.
Hansel (innen, ruft). Ich kann ja nicht so geschwind
heruntersteigen!
Valentin. So fall herunter. Jetzt da gehts her, Kinder. Da
stellt euch im Kreis herum! (Hansel kommt.) Da schauts den
Herrn an. Das ist mein lieber guter gnädiger Herr, von dem
ich euch so viel erzählt hab. Der hat euren Vatern und viel
hundert Menschen Gutes getan. Gehts hin und küßt ihm alle
die Händ.
(Die Kinder tun es. Unterdessen sagt)
Hansel. Vater, der sieht ja gar nicht aus als wie ein
gnädiger Herr.
Valentin. Bist still. Du bist kein Kenner. Was verstehst
denn du von gnädigen Herren.
(Hansel tut es auch.)
Pepi. Euer Gnaden, Pepi auch Hand küssen.
Valentin. Das jüngste Kind meiner Laune, Euer Gnaden.
Liese (verlegen). Euer Gnaden! Unser Herr Vater hat uns halt
so viel Gutes, Liebes und Schönes von Euer Gnaden gesagt, daß
wir uns recht freuen, Euer Gnaden kennenzulernen.
Flottwell. Gott! (Sinkt von Schmerz und Scham überwältigt in
den Stuhl und verhüllt mit beiden Händen das Gesicht.)
Liese (leise). Vater, der Herr bedauert mich recht. Dem muß
ja gar schlecht gehn!
Valentin (ebenso). Tuts nichts dergleichen, wir werden schon
darüber reden! (Liese geht ab.) Gehts jetzt, Kinder, gehts
ein wenig in den Hof hinaus. (Zu Hiesel.) Du schaust dich
drauß um die fetteste Enten um. (Zu Michael.) Und du suchst
dein Mutter auf. Sie soll gleich nach Haus kommen. (Kinder
ab.) Mein Gott, die Kinder, die wissen noch nichts von der
Welt. (Seufzt.) Ja ja! Sein Euer Gnaden nicht so betrübt. Ich
hab selbst nicht zuviel. Aber Euer Gnaden dürfen mir nicht
zugrunde gehen. Aber erzählen mir Euer Gnaden doch einmal,
wie ist denn das Unglück so gekommen?
Flottwell. Ich lebte durch acht Jahre mit meiner edlen
Gemahlin, die mir in London einen Sohn geboren hatte, ganz
glücklich. Jedoch auf einer Reise nach Südamerika, von welcher
sie mich vergebens abzuhalten suchte, als hätte sie mein
Unglück geahnet, entriß mir der Tod beide. Ich ging nach
London zurück, suchte Zerstreuung. Mein Aufwand stieg. Ich
ließ mich in großartige Spekulationen ein, die mir nur Ruhm,
aber keinen Gewinn bringen konnten, und nach mehreren Jahren
sah ich mein Vermögen bis auf einen kleinen Rest geschmolzen.
Nun ward mir bange, ich beschloß, nach meinem Vaterland
zurückzukehren, mit dem festen Vorsatz, mich in jeder Hinsicht
einzuschränken. Ich kam nach Deutschland--ein unglücklicher
Gedanke hieß mich Wiesbaden besuchen. Hier war die Grenze
meines Leichtsinns. Nach zwanzig Jahren spielte ich wieder
einmal in der Hoffnung, mein Vermögen zu vermehren, ich gewann,
spielte fort und verlor alles. Alles. Mußte meine Garderobe
zurücklassen und mit zwanzig Talern die weite Reise nach
meiner geliebten Heimat, wohin es mich mit unwiderstehlicher
Gewalt zog, zu Fuße machen, und so bin ich zum Bettler nun
verarmt.
Valentin. Das ist freilich eine traurige Geschichte, aber es
ist halt notwendig, daß man s' erfahrt. Aber verzeihen mir
Euer Gnaden, Euer Gnaden sein doch ein bissel selber schuld.
Es schickt sich nicht, daß ich das sag. Aber ein Herr, der so
dagestanden ist wie Euer Gnaden--Es ist zum Totärgern--Ich
kann mir nicht helfen, ich red halt, wie ichs denke.
Flottwell. Du hast recht. Oh, jetzt erst treten alle Warnungen
vor meine Seele, die ich aus Stolz und Übermut verschmähte,
Cheristane und das grauenvolle Bild des geheimnisvollen
Bettlers, der mich so lange Zeit verfolgt und dessen Abkunft
ich wohl nie enträtseln werde.
Valentin. Nun sein Euer Gnaden nur beruhigt. Wie ich gesagt
hab. Alles, was in meinen Kräften steht. Haben Euer Gnaden nur
die Gnad und gehen Euer Gnaden derweil allergnädigst in das
andere Zimmer hinein, daß wir da ein wenig zusammenräumen
können. Es schaut gar so innobel aus. Schauen sich Euer Gnaden
ein wenig um drinnen. Da werden Euer Gnaden etwas darin sehen,
was Euer Gnaden gewiß erfreuen wird. (Er geleitet ihn bis an
die Tür.)
Flottwell. O Dienertreu, du gleichst dem Mond, wir sehen dich
erst, wenn unsere Sonne untergeht. (Ab.)
Valentin. Das ist eine schöne Rede, aber ich hab sie nicht
verstanden. Lisi, Kinder, gehts herein!
(Liese. Hiesel. Hansel.)
Liese. Was befiehlt der Vater?
Valentin. Habt ihr euren Vatern gern?
Alle drei. Ja!
Valentin. Wollt ihr ihm eine Freude machen?
Alle drei. Ja, lieber Vater!
Valentin. Verdruß habt ihr mir schon genug gemacht. Seid mit
dem Herrn da drin recht gut und höflich. Er wird bei uns im
Haus bleiben. Ich laß ihn nimmer fort. Und redet der Mutter
auch zu, sie ist eine gute Frau, aber manchmal ein wenig gäh.
Kinder. Wir wissens am besten, wir haben genug auszustehen mit
ihr.
Valentin. So? Ja was die Eltern jetzt den Kindern für Kummer
und Sorgen verursachen, das ist außerordentlich. Also geht
hinein zu ihm. Ich komm gleich wieder, ich muß nur die Tür
in Wirtshaus machen. Und vergeßt nicht, was ich gesagt hab.
Er ist unglücklich. Mit unglücklichen Menschen muß man subtil
umgehen. Die glücklichen können schon eher einen Puff aushalten.
(Kinder ab ins Kabinett.)
Valentin (allein). Nein, wenn man solche Sachen erlebt, da
wird man am Glück völlig irre. Was nutzt das alles! Der Mensch
denkt, der Himmel lenkt.
Lied
Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glücks,
Der eine heißt den andern dumm,
Am End weiß keiner nix.
Da ist der allerärmste Mann
Dem andern viel zu reich.
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt s' beide gleich.
Die Jugend will halt stets mit Gwalt
In allen glücklich sein,
Doch wird man nur ein bissel alt,
Da find man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut.
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk, du brummst mir gut.
Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub
Und zupft mich: Brüderl, kumm!
Da stell ich mich im Anfang taub
Und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: Lieber Valentin!
Mach keine Umständ! Geh!
Da leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt Adje. (Ab.)
Repetition
Ein Tischler, wenn sein War gefällt,
Hat manche frohe Stund,
Das Glück ist doch nicht in der Welt
Mit Reichtum bloß im Bund.
Seh ich soviel zufriednen Sinn,
Da flieht mich alles Weh.
Da leg ich nicht den Hobel hin,
Sag nicht der Kunst Adje! (Ab.)