Sechster Auftritt

Vorige. Valentin. Flottwell.

Valentin. Spazieren Euer Gnaden nur herein! (Hansel geht vom

Fenster weg.) Fallen Euer Gnaden nicht über den Buben. Wer hat

ihn denn da mitten ins Zimmer hergesetzt? Ich bitt um

Verzeihung, es ist alles in Unordnung. Einen saubern Sessel

heraus! (Michael lauft ins Kabinett und bringt einen holzernen

Stuhl.) Jagts die Gans hinaus! die Hobelschatten weg! (Hiesel

tut es. Valentin zu Michael.) Einen Polster bring! (Michael

läuft fort und stolpert.) Jetzt wirft er das Leimpfandel um.

Wie gfallt Euer Gnaden denn die Wirtschaft? (Michael bringt

einen Bettpolster.) Was treibst du denn, hättest gar eine Tuchet

gebracht. (jagt ihn fort damit. Zu Flottwell.) Ich bitt, Platz

zu nehmen. Lieserl, wo bist du denn? Komm doch herein. Alle

Kinder! (Liese, alle Kinder bis auf Hans.) Wo ist denn der

Hansel?

Liese. Der ist schon wieder draußen.

Valentin (wirft einen Blick durchs Fenster). Da hab ich die

Ehre, meine Familie aufzuführen. Eins--zwei--drei--vier,

und der fünfte sitzt auf den Taubenkobel oben. Mein Weib wird

gleich nach Haus kommen. Die wird ein Vergnügen haben. Hansel!

komm herein geschwind.

Hansel (innen, ruft). Ich kann ja nicht so geschwind

heruntersteigen!

Valentin. So fall herunter. Jetzt da gehts her, Kinder. Da

stellt euch im Kreis herum! (Hansel kommt.) Da schauts den

Herrn an. Das ist mein lieber guter gnädiger Herr, von dem

ich euch so viel erzählt hab. Der hat euren Vatern und viel

hundert Menschen Gutes getan. Gehts hin und küßt ihm alle

die Händ.

(Die Kinder tun es. Unterdessen sagt)

Hansel. Vater, der sieht ja gar nicht aus als wie ein

gnädiger Herr.

Valentin. Bist still. Du bist kein Kenner. Was verstehst

denn du von gnädigen Herren.

(Hansel tut es auch.)

Pepi. Euer Gnaden, Pepi auch Hand küssen.

Valentin. Das jüngste Kind meiner Laune, Euer Gnaden.

Liese (verlegen). Euer Gnaden! Unser Herr Vater hat uns halt

so viel Gutes, Liebes und Schönes von Euer Gnaden gesagt, daß

wir uns recht freuen, Euer Gnaden kennenzulernen.

Flottwell. Gott! (Sinkt von Schmerz und Scham überwältigt in

den Stuhl und verhüllt mit beiden Händen das Gesicht.)

Liese (leise). Vater, der Herr bedauert mich recht. Dem muß

ja gar schlecht gehn!

Valentin (ebenso). Tuts nichts dergleichen, wir werden schon

darüber reden! (Liese geht ab.) Gehts jetzt, Kinder, gehts

ein wenig in den Hof hinaus. (Zu Hiesel.) Du schaust dich

drauß um die fetteste Enten um. (Zu Michael.) Und du suchst

dein Mutter auf. Sie soll gleich nach Haus kommen. (Kinder

ab.) Mein Gott, die Kinder, die wissen noch nichts von der

Welt. (Seufzt.) Ja ja! Sein Euer Gnaden nicht so betrübt. Ich

hab selbst nicht zuviel. Aber Euer Gnaden dürfen mir nicht

zugrunde gehen. Aber erzählen mir Euer Gnaden doch einmal,

wie ist denn das Unglück so gekommen?

Flottwell. Ich lebte durch acht Jahre mit meiner edlen

Gemahlin, die mir in London einen Sohn geboren hatte, ganz

glücklich. Jedoch auf einer Reise nach Südamerika, von welcher

sie mich vergebens abzuhalten suchte, als hätte sie mein

Unglück geahnet, entriß mir der Tod beide. Ich ging nach

London zurück, suchte Zerstreuung. Mein Aufwand stieg. Ich

ließ mich in großartige Spekulationen ein, die mir nur Ruhm,

aber keinen Gewinn bringen konnten, und nach mehreren Jahren

sah ich mein Vermögen bis auf einen kleinen Rest geschmolzen.

Nun ward mir bange, ich beschloß, nach meinem Vaterland

zurückzukehren, mit dem festen Vorsatz, mich in jeder Hinsicht

einzuschränken. Ich kam nach Deutschland--ein unglücklicher

Gedanke hieß mich Wiesbaden besuchen. Hier war die Grenze

meines Leichtsinns. Nach zwanzig Jahren spielte ich wieder

einmal in der Hoffnung, mein Vermögen zu vermehren, ich gewann,

spielte fort und verlor alles. Alles. Mußte meine Garderobe

zurücklassen und mit zwanzig Talern die weite Reise nach

meiner geliebten Heimat, wohin es mich mit unwiderstehlicher

Gewalt zog, zu Fuße machen, und so bin ich zum Bettler nun

verarmt.

Valentin. Das ist freilich eine traurige Geschichte, aber es

ist halt notwendig, daß man s' erfahrt. Aber verzeihen mir

Euer Gnaden, Euer Gnaden sein doch ein bissel selber schuld.

Es schickt sich nicht, daß ich das sag. Aber ein Herr, der so

dagestanden ist wie Euer Gnaden--Es ist zum Totärgern--Ich

kann mir nicht helfen, ich red halt, wie ichs denke.

Flottwell. Du hast recht. Oh, jetzt erst treten alle Warnungen

vor meine Seele, die ich aus Stolz und Übermut verschmähte,

Cheristane und das grauenvolle Bild des geheimnisvollen

Bettlers, der mich so lange Zeit verfolgt und dessen Abkunft

ich wohl nie enträtseln werde.

Valentin. Nun sein Euer Gnaden nur beruhigt. Wie ich gesagt

hab. Alles, was in meinen Kräften steht. Haben Euer Gnaden nur

die Gnad und gehen Euer Gnaden derweil allergnädigst in das

andere Zimmer hinein, daß wir da ein wenig zusammenräumen

können. Es schaut gar so innobel aus. Schauen sich Euer Gnaden

ein wenig um drinnen. Da werden Euer Gnaden etwas darin sehen,

was Euer Gnaden gewiß erfreuen wird. (Er geleitet ihn bis an

die Tür.)

Flottwell. O Dienertreu, du gleichst dem Mond, wir sehen dich

erst, wenn unsere Sonne untergeht. (Ab.)

Valentin. Das ist eine schöne Rede, aber ich hab sie nicht

verstanden. Lisi, Kinder, gehts herein!

(Liese. Hiesel. Hansel.)

Liese. Was befiehlt der Vater?

Valentin. Habt ihr euren Vatern gern?

Alle drei. Ja!

Valentin. Wollt ihr ihm eine Freude machen?

Alle drei. Ja, lieber Vater!

Valentin. Verdruß habt ihr mir schon genug gemacht. Seid mit

dem Herrn da drin recht gut und höflich. Er wird bei uns im

Haus bleiben. Ich laß ihn nimmer fort. Und redet der Mutter

auch zu, sie ist eine gute Frau, aber manchmal ein wenig gäh.

Kinder. Wir wissens am besten, wir haben genug auszustehen mit

ihr.

Valentin. So? Ja was die Eltern jetzt den Kindern für Kummer

und Sorgen verursachen, das ist außerordentlich. Also geht

hinein zu ihm. Ich komm gleich wieder, ich muß nur die Tür

in Wirtshaus machen. Und vergeßt nicht, was ich gesagt hab.

Er ist unglücklich. Mit unglücklichen Menschen muß man subtil

umgehen. Die glücklichen können schon eher einen Puff aushalten.

(Kinder ab ins Kabinett.)

Valentin (allein). Nein, wenn man solche Sachen erlebt, da

wird man am Glück völlig irre. Was nutzt das alles! Der Mensch

denkt, der Himmel lenkt.

Lied

Da streiten sich die Leut herum

Oft um den Wert des Glücks,

Der eine heißt den andern dumm,

Am End weiß keiner nix.

Da ist der allerärmste Mann

Dem andern viel zu reich.

Das Schicksal setzt den Hobel an

Und hobelt s' beide gleich.

Die Jugend will halt stets mit Gwalt

In allen glücklich sein,

Doch wird man nur ein bissel alt,

Da find man sich schon drein.

Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!

Das bringt mich nicht in Wut.

Da klopf ich meinen Hobel aus

Und denk, du brummst mir gut.

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub

Und zupft mich: Brüderl, kumm!

Da stell ich mich im Anfang taub

Und schau mich gar nicht um.

Doch sagt er: Lieber Valentin!

Mach keine Umständ! Geh!

Da leg ich meinen Hobel hin

Und sag der Welt Adje. (Ab.)

Repetition

Ein Tischler, wenn sein War gefällt,

Hat manche frohe Stund,

Das Glück ist doch nicht in der Welt

Mit Reichtum bloß im Bund.

Seh ich soviel zufriednen Sinn,

Da flieht mich alles Weh.

Da leg ich nicht den Hobel hin,

Sag nicht der Kunst Adje! (Ab.)

Der Verschwender · 第 88 / 102 题