XXII

Am Abend teilte Lande seinen Entschluß der Mutter mit. Sie sah ihn so

erzürnt an, daß sich ihr gutes, altes Gesicht verzerrte; dann rief sie

mit zischender Stimme:

»Wieder Dummejungenstreiche! ... Herrgott, wann soll das bloß ein Ende

nehmen!«

Sie stand auf, ging mit kalter, stumpfer Bitterkeit im Herzen hinaus und

schlug heftig die Tür hinter sich zu.

Lande blickte ihr traurig nach, nahm seine Mütze und ging zu

Schischmarjow.

Der Student saß allein im Zimmer vor einem kleinen Samowar und trank

Tee. Ein großes Buch lag aufgeschlagen vor ihm.

Beim Anblick Landes erhob er sich linkisch und streckte ihm die Hand

hin.

»Ah, das bist du ... Guten Tag! Nimm Platz! willst du Tee? ...« er sagte

es nicht, sondern schrie es fast mit seiner schroffen Stimme.

»Nein,« erwiderte Lande, »ich habe schon Tee getrunken ... Ich habe

einen Brief von Ssemjonow erhalten.«

»So! ... Und was schreibt er?«

»Lies ihn selbst -- ich kann es dir nicht erzählen.«

Der kleine Student las lange aufmerksam den Brief. »Ja, der arme Junge!«

seufzte er, als er zu Ende kam. Er faltete beide Hände, die aus den

kurzen Ärmeln der Jacke hervorstachen, zwischen den Knieen und rieb sie

aneinander, als fröre ihn.

»Ich will zu ihm fahren!« sagte Lande.

»Wozu?« fragte Schischmarjow ernst und aufmerksam. Seine scharfe Stimme

drang Lande wie ein feines hartes Messer ins Herz. »Was kannst du dort

ausrichten?« wiederholte Schischmarjow, da Lande mit der Antwort

zögerte.

»Ich weiß nicht, was ich tun kann ... Ich habe nur ein solch Gefühl, daß

ich fahren muß.«

Schischmarjow fühlte sich schon seit langem Lande entfremdet, dessen

Sanftmut dem kleinen Studenten nur Ohnmacht, Unfähigkeit zu kämpfen

schien. Manchmal erkannte er dahinter noch etwas, das in ihm

Überraschung und Staunen hervorrief; aber er dachte darüber nicht weiter

nach, sondern betrachtete es mit absichtlich gleichgültigen Augen, wie

alles, was nicht klar und einfach vor seinem scharfen, schroffen Denken

lag.

Jetzt sah er Lande mit ernstem Blick ins Gesicht, vergrub die breiten

Hände noch tiefer zwischen den Knieen und erwiderte: »Ich verstehe das

nicht. Du betonst dieses _Gefühl_ so kraß, als steckte etwas Mystisches

darin. Nach meiner Meinung wirst du mit deiner Gegenwart absolut nichts

helfen können. Wirst nur dich selbst und ihn abquälen ... Laß es lieber

... wozu denn?«

»Du sagst, wozu? ...« erwiderte nachdenklich Lande. »Schon in dieser

Frage ist ein Gedanke enthalten, der die Menschen zugrunde richtet ...

Man darf nicht fragen. Man muß handeln, wie man empfindet. Das ist höher

als wir: indem wir unser Maß anlegen, verkrüppeln wir nur die Seele!«

Schischmarjow zuckte die Achseln ohne die Hände aus ihrer Lage zu

befreien. »Was willst du mit deiner Seele!« erwiderte er ärgerlich. »Laß

sie gefälligst in Ruhe ... Es muß doch ein für allemal irgend ein

Unterscheidungsvermögen für Handlungen geben ... Wenn du hinfahren

willst, so mußt du dir doch erst klar machen, welchen Nutzen es haben

kann.«

Lande seufzte traurig. »Ich weiß nicht ... vielleicht wird es auch gar

keinen Nutzen haben ...« meinte er beklommen.

Schischmarjow zog verwundert die Augenbrauen hoch. »Was hat es dann also

für einen Zweck?«

»Was für einen Zweck es hat? Jene Wahrheit, die ich empfinde und die

mich ruft!« sagte Lande mit einer Stimme, die tief aus seiner Brust kam.

»Wieder einmal die Wahrheit!« meinte Schischmarjow ironisch.

»Natürlich ist sie die höhere, da es nichts gibt, das noch höher wäre!«

erwiderte Lande ernst.

Schischmarjow riß geradezu die Schultern in die Höhe. »Die höhere

Wahrheit ist nur eine, diejenige, die uns die Vernunft, die Logik,

gibt!« rief er. »Wir besitzen nichts, was nicht durch Denken erworben

ist!«

Lande schlug die Hände zusammen. »Was sagst du! Wie armselig, wie

dürftig wäre das Leben, wenn dem wirklich so wäre!«

Schischmarjow sprang auf und schwang die Arme hoch; seine schmalen

Schultern flogen dadurch fast bis an die Ohren.

»Wie -- armselig? Meines Erachtens ist es gerade armselig, sich mit

Märchen einlullen zu lassen, seinem Denken im Voraus Schranken zu

setzen.«

»Die Vernunft kennt selbst ihre Schranken ...« erwiderte leise Lande.

»Keine Schranken kennt sie!« rief scharf Schischmarjow. »Die Horizonte

des Denkens sind grenzenlos! Wenn wir auch momentan noch nicht alles

wissen, folgert daraus doch durchaus nicht, daß wir es nie erfahren

werden. Das Denken ist ebenso grenzenlos, wie die ganze Welt! wie alle

Möglichkeiten ... Wie Möglichkeiten selbst sich erweitern, so erweitert

sich auch das Denken ... endlos!«

»In das Leere hinein?« fragte Lande mit weit geöffneten Augen.

»Ja, ins Leere!« rief heiß und scharf, noch schärfer als früher,

Schischmarjow.

»Aber das ist doch grauenhaft!«

»Mag es grauenhaft sein ... Ich weiß selbst gut, daß es unvergleichlich

leichter ist, sich durch den goldenen Traum von einer allumfassenden

Weltseele und ähnlichem mehr in den Schlaf wiegen zu lassen! Aber ich

für meinen Teil ziehe doch das Leere einer Wahrheit vor, die nur deshalb

Wahrheit ist, weil sich mit ihr leicht und bequem leben läßt. Hmm!« Er

verstummte und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Die roten Hände

waren tief in den Taschen der Uniformjacke vergraben, und die Finger

bewegten sich dort rasch und unruhig.

»Ich will mit dir nicht streiten,« sagte Lande schlicht, »du bist klüger

als ich und dann soll man auch darüber nicht streiten. Aber gerade weil

ich die ganze kolossale Größe innerer, menschlicher Kraft, menschlichen

Geistes empfinde, kann ich nicht glauben, daß er aus absoluter Leere

kommen und ebenfalls ins Leere zurückkehren soll, wie ein sinnloses

Sumpffeuer, das im Schlamm entsteht! Zu hell brennt er, zu kraftvoll

entfaltet er sich, umschlingt die ganze Welt, beleuchtet, erwärmt sie

... Nein, ich fühle die Wahrheit ... Und ... Ich werde doch zu Ssemjonow

hinfahren, Ljonja!«

»Das ist etwas anderes ...« erwiderte Schischmarjow zurückhaltend. »Wenn

du es willst, wenn er dir leid tut, magst du fahren ... Das ist deine

Sache!«

Er setzte sich wieder zum Tee und fing an, in dem halbleeren Glas mit

dem Löffel klirrend herumzurühren. Seine Schultern zitterten noch immer

vor Erregung.

»Ich werde fahren, nur habe ich kein Geld.«

»Na, Bruder, ich habe auch keines!« erwiderte Schischmarjow im Ton einer

Entschuldigung und schlug wie ein Schuldiger die Arme auseinander.

Lande krachte mit den Fingern.

»Ach Gott ... was soll ich tun?«

Schischmarjow schlug wieder die Arme auseinander. »Warte noch!

Vielleicht wird es sich noch irgendwie machen lassen ...«

»Nein,« Lande machte eine entschlossene Handbewegung. »Es ist keine

Zeit, zu warten ... Ich gehe ...«

Schischmarjow erhob rasch den Kopf; ein lächelnder Zug der Verwunderung

weitete seinen Mund.

»Du gehst hin? Das heißt, wie meinst du das. Zu Fuß?«

»Zu Fuß, natürlich ... Hin und wieder läßt man mich wohl ein Stück

mitfahren ...« antwortete Lande einfach.

Schischmarjow sah ihn unverwandt mit weit geöffnetem Mund an, wurde dann

aber plötzlich ernst.

»Höre mal, Lande ... es muß eine Grenze für all diese Extravaganzen

geben!« sagte er, während er die Achseln in die Höhe zog, in

überzeugendem Ton.

»Hier handelt es sich nicht um eine Extravaganz. Ich habe kein Fahrgeld,

also gehe ich zu Fuß. Legen doch Pilgerinnen Tausende Werst zurück.«

»Pilgerinnen ...« Schischmarjow wurde für einen Augenblick verwirrt.

»Ja, die sind aber erstens Pilgerinnen, und zweitens nicht im Herbst ...

Du wirst einfach unterwegs liegen bleiben!«

»Vielleicht bleibe ich doch nicht liegen.«

Die Erregung ergriff Schischmarjow von neuem.

»Die Pilgerinnen gehen um ihres Glaubens willen, der bei ihnen nur darin

besteht ...«

»Auch ich gehe um meines Glaubens willen,« lächelte Lande.

»Ja ... schon ... Aber du mußt doch wenigstens mit den Umständen

rechnen!«

»Das ist so leicht, sein Leben nach den Umständen einzurichten!« sagte

Lande mit zartem Vorwurf, während seine hellen Augen weiterlächelten.

»Dabei wird man schließlich ganz aufhören, an sich zu glauben und in

allem nur nach den Umständen fragen ... Nein, mag es dabei bleiben, ich

fühle, daß ich gehen muß, und ich werde gehen ... Auf irgend eine Weise

...«

»Aber begreife doch nur das Eine, daß du vor allen Dingen nichts daran

ändern kannst!«

»Das wissen wir nicht!« erwiderte Lande streng. »Das scheint nur so ...«

Schischmarjow schwieg. Er wußte nicht, was er noch sagen könnte.

»Das ist ja dumm, -- du wirst gewiß Jalta nicht erreichen, wirst gewiß

nichts besser machen! ... Das ist dumm und unmöglich.«

»Nein,« seufzte Lande und sah ihn nachdenklich an, »ich weiß schon, daß

es dir dumm, unmöglich, sinnlos scheint, aber ... ich werde doch gehen

... Versuche nicht, mich zurückzuhalten, Täubchen, tu das nicht!«

Schischmarjow zuckte mit einem sonderbaren Gefühl die Achseln.

»Weiß der Teufel, was das ist!« murmelte er und neigte sich seinem Glas

zu.

Sie schwiegen eine Weile.

»Nun, ich gehe, lebe wohl, auf Wiedersehen!« sagte Lande und erhob sich.

»Sitze noch ein Weilchen!«

»Nein, Täubchen ... ich muß noch einiges vorbereiten.«

Er drückte Schischmarjow warm die Hand. Und plötzlich überkam den

kleinen Studenten eine trübe Ahnung.

»Also, du gehst doch?« fragte er mit dem Wunsch, zu lachen, aber etwas

erzitterte in seiner Stimme.

Lande war um einen Kopf höher als er und sah ihn liebevoll von oben

herab an.

»Ich gehe!« er nickte mit dem Kopf.

Schischmarjow wollte noch etwas sagen, aber ein eigentümliches Gefühl

schnürte ihm die Kehle zu, er zuckte nur schwer mit den Achseln.

Sie standen schon in dem engen Vorzimmer, in das nur ein schmaler

Lichtstreifen durch den Türspalt fiel, als sich Lande plötzlich an

Tkatschow erinnerte.

»Hast du den Mann, dessentwegen mich Molotschajew geschlagen hat, noch

im Gedächtnis?« fragte er. »Er ist einmal zu mir gekommen ...«

Und Lande erzählte sein Gespräch mit Tkatschow. Er erzählte schlicht und

kurz, aber etwas Riesiges, Überwältigendes schob sich allmählich in

Schischmarjows Kopf. Die grandiose Phantasie, auf eigentümliche Weise in

der Gestalt des neben ihm stehenden Lande verkörpert, packte ihn und riß

ihn fort. Er ergriff impulsiv Landes Hand und rief scharf:

»Aber das ist ja überwältigend! Und was hast du ihm geantwortet?«

»Ja,« meinte Lande, »mir war es ein großer Schmerz, seinen Traum zu

zerstören ... Es ist ein unglücklicher Mensch ... Mit einem solchen

Sturm in der Seele wird man nie zur Ruhe kommen ...«

»Also, du hast dich geweigert?« fragte Schischmarjow fast erschrocken.

Lande lächelte.

»Konnte ich denn darauf eingehen -- ein Prophet zu werden, wenn ich

keiner bin?«

Schischmarjow besann sich plötzlich, rieb die Hände und sagte düster:

»Ja, gewiß ...«

Er begleitete Lande bis an die Stufen heraus.

Der Mond war finster und grämlich.

»Lebe wohl!« rief Lande zurück, während er sich in der Finsternis

entfernte.

»Lebe wohl!« tönte ihm die Antwort.

Schischmarjow stand lange auf den Stufen, kehrte dann in sein Zimmer

zurück und setzte sich an den Tisch. Auf dem Tisch brannte die Lampe,

aber ihr enger Lichtkreis fiel matt und welk an den Seiten herab. Die

Zimmerecken waren in völlige Dämmerung gehüllt. Schischmarjow rückte das

Buch näher; die Buchstaben drängten sich vor seinen Augen, ohne sich dem

Gehirn einzuprägen. Eine eigentümliche Aufregung bemächtigte sich

seiner. Er setzte sich bald, bald stand er auf, als wäre etwas

Ungeheures über ihn gekommen, das ihn peinigte. Alle Gedanken und

Gefühle waren von der Gestalt Landes erfüllt. Es war schwer, an ihn zu

denken; die Vorstellungen sprangen durcheinander, verwickelten sich,

eine löste die andere ab. Landes Stimme, weich und schwach, gellte in

den Ohren; ein undeutliches Bild stand neben ihm, nebelhaft und groß.

Schischmarjow zuckte plötzlich die Achseln und lachte unnatürlich

scharf, obgleich er noch nie zuvor gelacht hatte, wenn er allein war.

Das Lachen gellte ihm selbst in den Ohren.

»Weiß der Teufel!« sagte er heiser.

Er hatte ein Gefühl, als hätte sich durch seine spröde, zähe Seele eine

tiefe, feurige Furche gegraben, deren Ende sich vor ihm in der

unendlichen Ferne seines zukünftigen Lebens verlor.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 41 / 45 题