Am Abend teilte Lande seinen Entschluß der Mutter mit. Sie sah ihn so
erzürnt an, daß sich ihr gutes, altes Gesicht verzerrte; dann rief sie
mit zischender Stimme:
»Wieder Dummejungenstreiche! ... Herrgott, wann soll das bloß ein Ende
nehmen!«
Sie stand auf, ging mit kalter, stumpfer Bitterkeit im Herzen hinaus und
schlug heftig die Tür hinter sich zu.
Lande blickte ihr traurig nach, nahm seine Mütze und ging zu
Schischmarjow.
Der Student saß allein im Zimmer vor einem kleinen Samowar und trank
Tee. Ein großes Buch lag aufgeschlagen vor ihm.
Beim Anblick Landes erhob er sich linkisch und streckte ihm die Hand
hin.
»Ah, das bist du ... Guten Tag! Nimm Platz! willst du Tee? ...« er sagte
es nicht, sondern schrie es fast mit seiner schroffen Stimme.
»Nein,« erwiderte Lande, »ich habe schon Tee getrunken ... Ich habe
einen Brief von Ssemjonow erhalten.«
»So! ... Und was schreibt er?«
»Lies ihn selbst -- ich kann es dir nicht erzählen.«
Der kleine Student las lange aufmerksam den Brief. »Ja, der arme Junge!«
seufzte er, als er zu Ende kam. Er faltete beide Hände, die aus den
kurzen Ärmeln der Jacke hervorstachen, zwischen den Knieen und rieb sie
aneinander, als fröre ihn.
»Ich will zu ihm fahren!« sagte Lande.
»Wozu?« fragte Schischmarjow ernst und aufmerksam. Seine scharfe Stimme
drang Lande wie ein feines hartes Messer ins Herz. »Was kannst du dort
ausrichten?« wiederholte Schischmarjow, da Lande mit der Antwort
zögerte.
»Ich weiß nicht, was ich tun kann ... Ich habe nur ein solch Gefühl, daß
ich fahren muß.«
Schischmarjow fühlte sich schon seit langem Lande entfremdet, dessen
Sanftmut dem kleinen Studenten nur Ohnmacht, Unfähigkeit zu kämpfen
schien. Manchmal erkannte er dahinter noch etwas, das in ihm
Überraschung und Staunen hervorrief; aber er dachte darüber nicht weiter
nach, sondern betrachtete es mit absichtlich gleichgültigen Augen, wie
alles, was nicht klar und einfach vor seinem scharfen, schroffen Denken
lag.
Jetzt sah er Lande mit ernstem Blick ins Gesicht, vergrub die breiten
Hände noch tiefer zwischen den Knieen und erwiderte: »Ich verstehe das
nicht. Du betonst dieses _Gefühl_ so kraß, als steckte etwas Mystisches
darin. Nach meiner Meinung wirst du mit deiner Gegenwart absolut nichts
helfen können. Wirst nur dich selbst und ihn abquälen ... Laß es lieber
... wozu denn?«
»Du sagst, wozu? ...« erwiderte nachdenklich Lande. »Schon in dieser
Frage ist ein Gedanke enthalten, der die Menschen zugrunde richtet ...
Man darf nicht fragen. Man muß handeln, wie man empfindet. Das ist höher
als wir: indem wir unser Maß anlegen, verkrüppeln wir nur die Seele!«
Schischmarjow zuckte die Achseln ohne die Hände aus ihrer Lage zu
befreien. »Was willst du mit deiner Seele!« erwiderte er ärgerlich. »Laß
sie gefälligst in Ruhe ... Es muß doch ein für allemal irgend ein
Unterscheidungsvermögen für Handlungen geben ... Wenn du hinfahren
willst, so mußt du dir doch erst klar machen, welchen Nutzen es haben
kann.«
Lande seufzte traurig. »Ich weiß nicht ... vielleicht wird es auch gar
keinen Nutzen haben ...« meinte er beklommen.
Schischmarjow zog verwundert die Augenbrauen hoch. »Was hat es dann also
für einen Zweck?«
»Was für einen Zweck es hat? Jene Wahrheit, die ich empfinde und die
mich ruft!« sagte Lande mit einer Stimme, die tief aus seiner Brust kam.
»Wieder einmal die Wahrheit!« meinte Schischmarjow ironisch.
»Natürlich ist sie die höhere, da es nichts gibt, das noch höher wäre!«
erwiderte Lande ernst.
Schischmarjow riß geradezu die Schultern in die Höhe. »Die höhere
Wahrheit ist nur eine, diejenige, die uns die Vernunft, die Logik,
gibt!« rief er. »Wir besitzen nichts, was nicht durch Denken erworben
ist!«
Lande schlug die Hände zusammen. »Was sagst du! Wie armselig, wie
dürftig wäre das Leben, wenn dem wirklich so wäre!«
Schischmarjow sprang auf und schwang die Arme hoch; seine schmalen
Schultern flogen dadurch fast bis an die Ohren.
»Wie -- armselig? Meines Erachtens ist es gerade armselig, sich mit
Märchen einlullen zu lassen, seinem Denken im Voraus Schranken zu
setzen.«
»Die Vernunft kennt selbst ihre Schranken ...« erwiderte leise Lande.
»Keine Schranken kennt sie!« rief scharf Schischmarjow. »Die Horizonte
des Denkens sind grenzenlos! Wenn wir auch momentan noch nicht alles
wissen, folgert daraus doch durchaus nicht, daß wir es nie erfahren
werden. Das Denken ist ebenso grenzenlos, wie die ganze Welt! wie alle
Möglichkeiten ... Wie Möglichkeiten selbst sich erweitern, so erweitert
sich auch das Denken ... endlos!«
»In das Leere hinein?« fragte Lande mit weit geöffneten Augen.
»Ja, ins Leere!« rief heiß und scharf, noch schärfer als früher,
Schischmarjow.
»Aber das ist doch grauenhaft!«
»Mag es grauenhaft sein ... Ich weiß selbst gut, daß es unvergleichlich
leichter ist, sich durch den goldenen Traum von einer allumfassenden
Weltseele und ähnlichem mehr in den Schlaf wiegen zu lassen! Aber ich
für meinen Teil ziehe doch das Leere einer Wahrheit vor, die nur deshalb
Wahrheit ist, weil sich mit ihr leicht und bequem leben läßt. Hmm!« Er
verstummte und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Die roten Hände
waren tief in den Taschen der Uniformjacke vergraben, und die Finger
bewegten sich dort rasch und unruhig.
»Ich will mit dir nicht streiten,« sagte Lande schlicht, »du bist klüger
als ich und dann soll man auch darüber nicht streiten. Aber gerade weil
ich die ganze kolossale Größe innerer, menschlicher Kraft, menschlichen
Geistes empfinde, kann ich nicht glauben, daß er aus absoluter Leere
kommen und ebenfalls ins Leere zurückkehren soll, wie ein sinnloses
Sumpffeuer, das im Schlamm entsteht! Zu hell brennt er, zu kraftvoll
entfaltet er sich, umschlingt die ganze Welt, beleuchtet, erwärmt sie
... Nein, ich fühle die Wahrheit ... Und ... Ich werde doch zu Ssemjonow
hinfahren, Ljonja!«
»Das ist etwas anderes ...« erwiderte Schischmarjow zurückhaltend. »Wenn
du es willst, wenn er dir leid tut, magst du fahren ... Das ist deine
Sache!«
Er setzte sich wieder zum Tee und fing an, in dem halbleeren Glas mit
dem Löffel klirrend herumzurühren. Seine Schultern zitterten noch immer
vor Erregung.
»Ich werde fahren, nur habe ich kein Geld.«
»Na, Bruder, ich habe auch keines!« erwiderte Schischmarjow im Ton einer
Entschuldigung und schlug wie ein Schuldiger die Arme auseinander.
Lande krachte mit den Fingern.
»Ach Gott ... was soll ich tun?«
Schischmarjow schlug wieder die Arme auseinander. »Warte noch!
Vielleicht wird es sich noch irgendwie machen lassen ...«
»Nein,« Lande machte eine entschlossene Handbewegung. »Es ist keine
Zeit, zu warten ... Ich gehe ...«
Schischmarjow erhob rasch den Kopf; ein lächelnder Zug der Verwunderung
weitete seinen Mund.
»Du gehst hin? Das heißt, wie meinst du das. Zu Fuß?«
»Zu Fuß, natürlich ... Hin und wieder läßt man mich wohl ein Stück
mitfahren ...« antwortete Lande einfach.
Schischmarjow sah ihn unverwandt mit weit geöffnetem Mund an, wurde dann
aber plötzlich ernst.
»Höre mal, Lande ... es muß eine Grenze für all diese Extravaganzen
geben!« sagte er, während er die Achseln in die Höhe zog, in
überzeugendem Ton.
»Hier handelt es sich nicht um eine Extravaganz. Ich habe kein Fahrgeld,
also gehe ich zu Fuß. Legen doch Pilgerinnen Tausende Werst zurück.«
»Pilgerinnen ...« Schischmarjow wurde für einen Augenblick verwirrt.
»Ja, die sind aber erstens Pilgerinnen, und zweitens nicht im Herbst ...
Du wirst einfach unterwegs liegen bleiben!«
»Vielleicht bleibe ich doch nicht liegen.«
Die Erregung ergriff Schischmarjow von neuem.
»Die Pilgerinnen gehen um ihres Glaubens willen, der bei ihnen nur darin
besteht ...«
»Auch ich gehe um meines Glaubens willen,« lächelte Lande.
»Ja ... schon ... Aber du mußt doch wenigstens mit den Umständen
rechnen!«
»Das ist so leicht, sein Leben nach den Umständen einzurichten!« sagte
Lande mit zartem Vorwurf, während seine hellen Augen weiterlächelten.
»Dabei wird man schließlich ganz aufhören, an sich zu glauben und in
allem nur nach den Umständen fragen ... Nein, mag es dabei bleiben, ich
fühle, daß ich gehen muß, und ich werde gehen ... Auf irgend eine Weise
...«
»Aber begreife doch nur das Eine, daß du vor allen Dingen nichts daran
ändern kannst!«
»Das wissen wir nicht!« erwiderte Lande streng. »Das scheint nur so ...«
Schischmarjow schwieg. Er wußte nicht, was er noch sagen könnte.
»Das ist ja dumm, -- du wirst gewiß Jalta nicht erreichen, wirst gewiß
nichts besser machen! ... Das ist dumm und unmöglich.«
»Nein,« seufzte Lande und sah ihn nachdenklich an, »ich weiß schon, daß
es dir dumm, unmöglich, sinnlos scheint, aber ... ich werde doch gehen
... Versuche nicht, mich zurückzuhalten, Täubchen, tu das nicht!«
Schischmarjow zuckte mit einem sonderbaren Gefühl die Achseln.
»Weiß der Teufel, was das ist!« murmelte er und neigte sich seinem Glas
zu.
Sie schwiegen eine Weile.
»Nun, ich gehe, lebe wohl, auf Wiedersehen!« sagte Lande und erhob sich.
»Sitze noch ein Weilchen!«
»Nein, Täubchen ... ich muß noch einiges vorbereiten.«
Er drückte Schischmarjow warm die Hand. Und plötzlich überkam den
kleinen Studenten eine trübe Ahnung.
»Also, du gehst doch?« fragte er mit dem Wunsch, zu lachen, aber etwas
erzitterte in seiner Stimme.
Lande war um einen Kopf höher als er und sah ihn liebevoll von oben
herab an.
»Ich gehe!« er nickte mit dem Kopf.
Schischmarjow wollte noch etwas sagen, aber ein eigentümliches Gefühl
schnürte ihm die Kehle zu, er zuckte nur schwer mit den Achseln.
Sie standen schon in dem engen Vorzimmer, in das nur ein schmaler
Lichtstreifen durch den Türspalt fiel, als sich Lande plötzlich an
Tkatschow erinnerte.
»Hast du den Mann, dessentwegen mich Molotschajew geschlagen hat, noch
im Gedächtnis?« fragte er. »Er ist einmal zu mir gekommen ...«
Und Lande erzählte sein Gespräch mit Tkatschow. Er erzählte schlicht und
kurz, aber etwas Riesiges, Überwältigendes schob sich allmählich in
Schischmarjows Kopf. Die grandiose Phantasie, auf eigentümliche Weise in
der Gestalt des neben ihm stehenden Lande verkörpert, packte ihn und riß
ihn fort. Er ergriff impulsiv Landes Hand und rief scharf:
»Aber das ist ja überwältigend! Und was hast du ihm geantwortet?«
»Ja,« meinte Lande, »mir war es ein großer Schmerz, seinen Traum zu
zerstören ... Es ist ein unglücklicher Mensch ... Mit einem solchen
Sturm in der Seele wird man nie zur Ruhe kommen ...«
»Also, du hast dich geweigert?« fragte Schischmarjow fast erschrocken.
Lande lächelte.
»Konnte ich denn darauf eingehen -- ein Prophet zu werden, wenn ich
keiner bin?«
Schischmarjow besann sich plötzlich, rieb die Hände und sagte düster:
»Ja, gewiß ...«
Er begleitete Lande bis an die Stufen heraus.
Der Mond war finster und grämlich.
»Lebe wohl!« rief Lande zurück, während er sich in der Finsternis
entfernte.
»Lebe wohl!« tönte ihm die Antwort.
Schischmarjow stand lange auf den Stufen, kehrte dann in sein Zimmer
zurück und setzte sich an den Tisch. Auf dem Tisch brannte die Lampe,
aber ihr enger Lichtkreis fiel matt und welk an den Seiten herab. Die
Zimmerecken waren in völlige Dämmerung gehüllt. Schischmarjow rückte das
Buch näher; die Buchstaben drängten sich vor seinen Augen, ohne sich dem
Gehirn einzuprägen. Eine eigentümliche Aufregung bemächtigte sich
seiner. Er setzte sich bald, bald stand er auf, als wäre etwas
Ungeheures über ihn gekommen, das ihn peinigte. Alle Gedanken und
Gefühle waren von der Gestalt Landes erfüllt. Es war schwer, an ihn zu
denken; die Vorstellungen sprangen durcheinander, verwickelten sich,
eine löste die andere ab. Landes Stimme, weich und schwach, gellte in
den Ohren; ein undeutliches Bild stand neben ihm, nebelhaft und groß.
Schischmarjow zuckte plötzlich die Achseln und lachte unnatürlich
scharf, obgleich er noch nie zuvor gelacht hatte, wenn er allein war.
Das Lachen gellte ihm selbst in den Ohren.
»Weiß der Teufel!« sagte er heiser.
Er hatte ein Gefühl, als hätte sich durch seine spröde, zähe Seele eine
tiefe, feurige Furche gegraben, deren Ende sich vor ihm in der
unendlichen Ferne seines zukünftigen Lebens verlor.