Des Nachts, im Anfang des Herbstes, als die Luft schon dünn und kalt
wurde, ging Lande still aus dem Haus. Er war in eine schwarze, alte
Sutane, die er einem Mönch abgekauft hatte, gekleidet und trug einen
Sack auf dem Rücken. So wird es leichter und einfacher zu gehen sein,
dachte er.
Still und leer war es in der ganzen Stadt. Den Himmel verdeckte eine
undurchdringliche Hülle weißer Wolken. Kein Mond, keine Sterne waren zu
sehen. Langsam traten die schwarzen Häuser mit ihren abgeschlossenen
blinden Fenstern und kalte Bäume, an die sich schwarze Finsternis
klebte, zurück. Bald war Lande ins Feld hinausgekommen. Der Wind riß die
Schöße seiner Sutane auf und lärmte in seinen Ohren, gedehnt und
schwermütig. Leer, weit und kalt lag das endlose Feld vor ihm. Die
Wolken zogen hier, wie es schien, noch ferner, noch höher vorbei. Auf
den dunkeln Hügeln wiegte sich dürres Gras. Die ungeheuer breite
Empfindung des freien Raumes füllte Landes Brust, und eigentümlich
gleichzeitig mit ihr schien das deutliche Bewußtsein zu kommen, daß er
Jalta niemals erreichen wird. Doch ohne Schwanken, ohne Gram und
Verzweiflung trat ihm diese Ahnung in die Seele; ihm wurde im Gegenteil
leicht und frei zumute, als ob er gerade dadurch auf den richtigen Weg,
der ihn nun endlich zum Ziele führt, geraten wäre; sein Herz zog sich
wie im Vorgefühl einer hellen Freude leicht zusammen.
Es war aber nur eine Ahnung, kein klarer Gedanke. In seinen Gedanken
stand einzig das Bild des kranken, leidenden Menschen, zu dem er ging;
über das, was aus ihm wurde, dachte er nicht nach. Leichten, elastischen
Schrittes, als ob die Erde selbst seine Füße von sich schnellte, ging er
die breite, weite Landstraße entlang, sah sich freudig und verwundert um
und lauschte entzückt auf jeden Laut, den ihm der öde Wind, der traurig
die Straße entlang zog, aus der Steppe hertrug.
Der Morgen kam, dann der Tag, dann wieder die Nacht und ein neuer
Morgen. Fünf Tage lang ging Lande durch Dörfer und nächtigte bei Bauern,
die ihn mißtrauisch anblickten und ihn nur unwillig einließen. Nur
wenige sprachen mit ihm, weil nur wenige ihn zu verstehen vermochten,
obgleich er alle klar und einfach anredete. Alte Bäuerinnen fragten ihn
aus, die welke Backe in die Hand gestützt, fragten, woher er komme und
ob er nicht vom Kloster des Hl. Seraphim komme; die Bauern aber warfen
ihm nur Seitenblicke zu, und blieben stumm. Am fünften Tag schrie ihn
ein vierschrötiger schwarzer Bauer mit schwarzem, wie mit einem Beil
zurechtgehauenen Bart und bösen Augen, grob an. »Geh nur weiter, los,
sonst, es ist nicht weit bis zum Gendarmen ... Da schleicht hier so
manch einer herum!«
Ein so unfreundlicher, unverständiger, fremder Zug lag in dem allen, daß
es Lande schrecklich bemitleidenswert schien. Mit weit geöffneten,
neugierigen Augen sah er auf das Dorfleben, aber es glitt ebenso
absonderlich, lebensarm und reich an ihm vorbei, wie die Bilder der
großen, bunten Rinderherden, die ihm ihre starken, gehörnten Köpfe
zuwandten und ihn mit rätselhaften, großen Augen begleiteten, wenn er an
ihnen vorbeiging. Mit Liebe und Rührung betrachtete Lande diese
Menschen, die Rindern glichen, und die Rinder, die wie eigenartige,
sonderbare Menschen aussahen; aber er fühlte, daß er ihnen fern,
überflüssig, fremd war. Ihm wurde schwer zumute; ihn überkam der
schwärmerische Wunsch, mit seinem Blick irgendwo in der Weite
einzudringen. Aber der Blick blieb stumpf und kraftlos. Nur wenn die
Steppe ganz frei dalag, und die Sonne scheinbar nur für ihn allein in
der unermeßlichen Welt leuchtete, war es Lande froh ums Herz. Doch das
war nur selten; denn auf allen Seiten machten Menschen, zahllos wie die
Ameisen, sich mit irgend etwas zu schaffen.
Als man ihm den nächsten Weg durch den Wald, der Lande wie eine zackige
Wand gegenüberstand, zeigte, als er unter die feierlichen, friedlichen
Laubkronen trat, da erfaßte ihn ein Freudentaumel; zum ersten Mal in
seinem Leben verspürte er ein Gefühl der Erleichterung darüber, daß es
hier keine bekümmerten, verfinsterten Gesichter gab.
Den ganzen Tag hindurch ging er über kaum kenntliche, verwachsene
Waldespfade, und den ganzen Tag standen nur hochgewachsene,
nachdenkliche Bäume um ihn. Nach allen Richtungen hin dehnte sich ihre
durchsichtige, grüne Tiefe. Stumme Vögel flatterten lautlos an ihm
vorbei; als gäben sie sich den Anschein, daß sie den Wanderer nicht
bemerkten. Irgendwo knisterten Zweige, als ginge jemand, doch nicht ein
Mensch, durch den Wald. Dann wurde der Wald allmählich lichter, ein
Geruch von Feuchtigkeit und die Empfindung einer unbegreiflichen, aber
deutlich wahrnehmbaren Kraft zog heran, etwas glänzte zwischen den
Bäumen. Es war ein großer, tiefer, wasserreicher Fluß. Nur an den
Uferrändern wuchs grünes Schilf und wiegte seine schmalen Blätter wie
grüne scharfe Dolche über der Tiefe; aber die ungeheure Masse des freien
und vollen Wassers glitt in langsamer, ebenmäßiger Bewegung, rein und
breit, dahin. Auf der anderen Seite stand wie eine dichte Mauer ein
ebenso dunkelgrüner Wald; hinten rückten schweigsame Bäume heran und
streckten knorrige Äste über den Fluß.
Es war einsam und blieb lange Zeit einsam; Lande saß nachdenklich am
Ufer. Dann kam auf dem Wasser lautlos ein Kahn heran, ebenso grünlich,
feucht und wild, wie die Baumstämme des Waldes, den ein nasser,
knorriger Bauer kniend ruderte. Er störte die Fluß- und Waldesruhe
nicht, zerrann vielmehr in dem Ganzen, sodaß das Auge über ihn ohne
Anhalt, wie über Schilf, Wasser und Himmel, glitt.
»Großväterchen!« rief Lande, sich aufrichtend.
Auf dem anderen Ufer rief eine dünne, eigentümlich hallende Stimme:
»O--äää!« verstummte aber sofort, wie es schien, in furchtbarer
Entfernung.
Der Bauer legte das Ruder auf die Knie, quer über den Kahn, der langsam
von selbst weiterglitt und einen dünnen, silberhellen Streifen, der wie
gläsern klirrte, hinter sich zurückließ.
»Hier!« rief der Bauer zurück.
»I--i!« schallte es wieder aus dem Wald; eilig lief etwas in das
Dickicht zurück.
Dann ruderte der Bauer und ruderte, und Lande saß im Vorderteil des
Kahnes und spiegelte sich wie ein langer, schwarzer Streifen im Wasser
wieder.
»Gehst du noch weit?« fragte der Bauer mit dumpfer Stimme.
»Weit!« antwortete Lande.
Der Bauer blickte ihn mit kleinen, raschen Äuglein an.
»So ...« sagte er, hörte auf zu rudern und starrte aufs Wasser.
»Man sagt, in Sibirien soll viel mehr Raum sein ...« fing er plötzlich
an, als stände das, was Lande gesagt hatte, in Zusammenhang mit seinen
alten, zähen Gedanken. »So geht das Volk herum, zu suchen, wo es besser
ist ... Das ist ja richtig, man weiß nicht, wo man sich lassen soll,
aber so hat es auch keinen Zweck ... Man geht, um Recht zu suchen, und
es gibt kein Recht auf der Welt ... Ganz gleich, ob du hier oder da
wohnst ... So wie ich zum Beispiel, im Wald ... Du denkst das so, als
wäre niemand außer Gott über dir ... Alles kommt von Gott, und du selbst
kommst auch zu Gott wieder, und außer ihm hilft dir niemand; aber im
Gegenteil, -- gleich kommt wer weiß wer, wer weiß wozu und greift zu ...
wissen tun wir ja nichts, tappen wie im Dunkel herum; vielleicht muß es
auch so sein, wer kann es wissen! ... Seine Gedanken macht sich jeder,
aber wer wird sie aussprechen! ... So strengt man das Leben lang seinen
Buckel an, rackert sich ab wie eine Schindmähre, ist man aber dazu
gekommen, einmal freier aufzuatmen, sich an Gott zu erinnern -- paff!
und wieder einmal nichts mehr da! Und dann nachher -- in die Schenke,
was bleibt dir anderes übrig. Es gibt kein Recht, lieber Mann, kein
Recht! Und ob hier oder da, alles gleich, die Erde ist überall gleich!«
Die Stimme des Bauers war eintönig, gedrückt, aber aus ihr schrie
lautlos die verborgene Sehnsucht einer gemarterten Seele.
»Dieses Rechte liegt im Menschen selbst, und nicht in der Erde,«
antwortete Lande traurig. »Man muß einander lieben und bemitleiden, und
das übrige wird schon von selbst kommen!«
Der Bauer lächelte düster.
»Das wissen wir gut, lieber Mann, was kommen wird!« Er warf es achtlos
hin, als bezöge sich das Gespräch auf den Tag, der morgen eintreten muß.
»Wie sollen wir aber heute leben, das sage uns erst ... Lieben, meinst
du ... Wie kommt man aber zum Lieben, wenn man manchmal bereit ist, sich
einander wegen eines Stück Brot die Kehle abzuschneiden! ... Da hast du
es.«
Der Bauer schwieg, dann fügte er in tiefem Baß hinzu:
»Die Herrschaften haben gut reden ... Die Herrschaften und die Popen!
... Nein, finde du mal erst das Recht hier!« und er steckte Lande seine
knorrige Faust, die vom Fischpökeln zerfressen war und mit der er das
Ruder hielt, entgegen.
»So ist's ...« begann er nach einer Pause mit einer ganz anderen Stimme.
»Gott sieht am besten, wo alles hinsteuert! ... Darum leben wir auch,
sonst ... Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, und vielleicht kommt
alles gerade darauf an: Gott will Gerechtigkeit mehr als Sattsein;
deshalb stehen auch die Menschen Qualen aus, weil durch sie die
Gerechtigkeit auf die Erde kommt! ... So ist's, was, lieber Mann?«
»So, so!« nickte Lande erfreut mit dem Kopf. »Alles, was es in der Welt
gibt -- alle Wissenschaften, und alle großen Taten und alle Gedanken, --
alles wird durch Leiden weitergeführt ... Wenn es keine Leiden gäbe,
wäre auch die Seele zum Stillstand und zum Sterben gekommen!«
Der Kahn stieß ans Ufer. Lande kroch unschlüssig und langsam heraus. Der
Bauer blieb unten. Eine Minute sahen sie sich beide schweigend an. Etwas
Starkes und Kräftiges verband sie miteinander; sie waren sich in dieser
Minute beide fern und nahe, wie die beiden Enden eines ausgespannten
Taues; beide hatten das brennende Verlangen, etwas zu sagen, etwas
Bedeutsames, Einigendes; doch konnte er es nicht ausdrücken, weil es
keine Worte gab, die gleich stark und gleich verständlich für sie beide,
für den Bauern wie für ihn, gewesen wären.
»Lebe wohl, Großvater!« sagte Lande traurig.
Der Bauer murmelte düster etwas Unverständliches vor sich hin, stieß vom
Ufer ab und glitt wieder über den Fluß, knorrig und naß wie ein
schwimmender Baumstumpf. Lande schaute ihm lange nach, bis er hinter
einer Biegung verschwunden war, und sich die langen, silberhellen
Streifen auf dem breiten Wasserspiegel wieder geglättet hatten. Gegen
Abend verlor Lande den Weg; er fand aber eine alte verlassene Hütte und
blieb in ihr über Nacht.
Die Nacht war kalt, schneidend, und Lande schlief schlecht vor Kälte und
Müdigkeit.
Der Nebel, der die ganze Nacht zwischen den hohen, regungslosen Bäumen
wie eine dichte, weiße Hülle hing, geriet gegen Morgen in Bewegung und
wurde grau. Etwas Unfaßbares erzitterte in der Luft, und alles erwachte
gleichzeitig leicht und rasch wie auf Verabredung. Ein Vogel zwitscherte
leise, als ob er etwas zu fragen hätte. Ein Rabe erhob sich schwer von
einem feuchten Ast und flog, während seine taudurchnäßten Flügel
linkisch dürre Zweige streiften, geradeaus in den Nebel hinein. Das Gras
erschauerte, die Blätter regten sich, und plötzlich fing alles an,
strahlend hell zu werden. Der Nebel kam mit einem Ruck ins Schwanken und
zog sich in leichte, wankende Säulen zusammen, die eilig, lautlos
zwischen den Baumstämmen auf- und niederschwankten.
Lande kroch aus der Hütte; seine dünne, schwarze Gestalt richtete sich
über einem hellgrünen Grashaufen in der weißen Dämmerung wie eine
schwarze Zickzacklinie auf. Die Nacht hindurch war er stark
durchgefroren; sein Gesicht war blaß, grau, zerknittert. Er sah sich um,
und im ersten Augenblick kam ihm in dem wogenden Nebel alles sonderbar
verändert vor.
Aber der Morgen wurde immer heller. Der Nebel löste sich spurlos,
sklavisch auf. Nah und fern erhob sich mit unsichtbarem, mächtigen
Brausen das Leben des Waldes. Die Wipfel der Bäume loderten in grellem,
rosigen Brand auf und zwischen ihnen in tiefem Blau der Himmel. Lande
wurde von der lebendigen Wärme und dem Licht, das sich in mächtigen
Strömen über alles ergoß, vollständig durchdrungen.
Er mochte nicht von hier fortgehen. Er ließ sich neben der Hütte auf die
Erde nieder und saß still, mit gespannten, freudigen Augen alles um sich
her beobachtend, ohne sich zu rühren.
Der Tag stieg auf. Sein grelles, unendlich-mächtiges, lebendiges Licht
erwärmte das Herz. Lande saß bald, bald lag er unter einem Baum, der
leichte goldene Blätter auf ihn streute, und verfolgte gierig das für
ihn neue, geheimnisvolle Waldleben. Ihm schien, daß er langsam anfange,
es, wenn auch undeutlich, zu verstehen.
Immer tiefere Ruhe überkam ihn; um so schwächer wurde sein Körper.
Er bemerkte diese Schwäche und aß ein wenig; aber die Bissen wollten
nicht durch die Kehle rutschen, und nach dem Essen wurde er noch
schwächer. Er stand auf, konnte aber kaum den Fuß anheben: eine
eigentümliche Mattheit zitterte in seinen Knieen, ihm schwindelte es,
der Kopf war schwer und das Herz schlug leise und schwach.
Ich bin krank, dachte Lande, aber ohne sich zu fürchten oder zu wundern,
als wenn er es so erwartet hätte. Wahrscheinlich habe ich mich in der
Nacht erkältet, ging es ihm mechanisch durch den Kopf, -- ich muß hier
bleiben. --
Eine undeutliche, ruhige Freude stieg allmählich in ihm auf. -- Worüber
bin ich froh? -- fragte er sich und lächelte sich selbst zu. -- Weil ich
hier bleiben muß oder über etwas anderes? Ich weiß nicht ... aber wie
licht, still und wohl mir ist! ...
Den ganzen Tag lang sah er ohne bestimmte Gedanken, ganz in ein
beschauliches, zärtliches Gefühl versunken, vor sich hin.
So viel Licht, Farben, Durchsichtigkeit und Leben zitterte um ihn, daß
ihm vor Glück und rührender Sehnsucht die Augen brannten.
Unaufhörlich tönte der Stimmenchor des Waldes über ihm, aber außer
stillen Vögeln mit grünen Schwanzfedern, sah er nichts. Nur um die
Mittagszeit kam aus dem Walde, hinter dem Gebüsch, ein magerer zottiger
Bär hervor. Seine kleinen, schwarzen Äuglein blickten Lande aufmerksam
und ernsthaft an. Er setzte sich auf die Hinterfüße, reckte den Hals ein
wenig an, seufzte auf und starrte dann wieder auf Lande. Ein Vogel
wiegte sich leise auf grünen Zweigen, die sich auf dem Himmel
ausprägten. -- Gott, wie schön! sagte Lande zu sich, seine Augen wurden
feucht.
Der Bär stieß einen sonderbaren, beinahe schluchzenden Laut aus und
streckte wieder seinen Hals.
Lieber Kerl! rief Lande, und plötzlich wünschte er sehr, auf den Bär
zuzugehen und ihn über das braune, ausgetrocknete Fell, an dem die
Zotten herunterhingen, zu streichen. Nur fürchtete er, daß er ihn
erschrecken würde. Daß sich der Bär auf ihn stürzen könnte, das kam
Lande gar nicht in den Sinn; in seiner Seele war es still und sanft; sie
konnte keinen brutalen Gedanken fassen.
Soll ich ihm Brot geben? dachte Lande und lachte selbst über diesen
Gedanken.
Der Bär stieß wieder einen schweren, langgedehnten Seufzer aus, blickte
noch einmal mit den schwarzen Augen umher, stand auf und trottete,
leicht wiegend, in den Wald zurück. Lande kam es traurig und
gleichzeitig fröhlich an, zuzusehen, wie er sich unter den säulenhohen
Bäumen entfernte.
Hier wäre es gut zu sterben, dachte er plötzlich mit feuchten Augen.
Und der Gedanke an den Tod, mit dem deutlichen, abgeschlossenen
Bewußtsein seiner Nähe, trat gebieterisch aber ruhig in seine Seele.
Ssemjonow fiel ihm ein, doch blitzte dieser Gedanke nur auf, um sich
gleich wieder in dem vollen, prächtigen Licht des Tages aufzulösen, als
ginge er zu einem anderen, einem Mächtigeren, über.