Landes Leben wurde immer einsamer; die Ahnung von etwas Unvermeidlichem
stieg allmählich auf. Immer häufiger verzagte seine liebeglühende Seele;
sie war wie ein lebender, grüner Zweig, den eine undurchdringliche und
durchsichtige Eiskruste umschlossen hält. In den letzten Tagen war er
stets allein gewesen. Nur Ssonja lief ihm unablässig nach, aber gerade
sie, die einzige in der ganzen Welt, die ihm nahe stand, begann ihm
Furcht einzuflößen. Ihm kam es immer wieder vor, daß sie, wie eine
Geisteskranke, nicht ihn, sondern irgend einen andern in ihm sah, und
daß sie, wenn nicht sofort, so in kurzer Zeit, ihre Täuschung gewahr
werden wird. Dann muß sie ihn mit ihrer ganzen Seele hassen, und für
diesen Haß kann es keine Grenzen und Schranken mehr geben.
Während einer langen, traurigen Nacht schrieb Lande einen langen, heißen
Brief an Ssemjonow, in dem er an ihn viele qualvolle Fragen über
Wahrheit, über Menschen, über Glück richtete. Auf diesen Brief
antwortete der kranke Student folgendes:
»Lasse mich gefälligst in Ruhe! Ich sterbe und habe an wichtigeres,
als an dich zu denken! Ich stehe jetzt der wichtigsten, der letzten
und einzigen Frage des menschlichen Lebens gegenüber -- wie ich
sterben soll? Kann man denn von Menschen, von Liebe, von Einsamkeit
reden, wenn der Mensch stets unter allen Umständen _allein_ stirbt!
Du kannst natürlich dieses Wort nicht in seiner wahren Bedeutung
ermessen: seine Bedeutung ist -- Grauen. Dieses Grauen muß ich
allein ertragen, niemand kann mich -- verstehst du es? -- _kann_
mich begleiten, selbst wenn er es am allersehnlichsten in der Welt
wünschen würde. Jetzt ist für mich alles in zwei Teile zerfallen,
die keinen inneren Zusammenhang mehr haben: der eine, geringfügige,
ist das ganze Leben der Welt, der andere, unermeßlich große -- das
ist mein Tod. Jetzt, wo ich mich von allem getrennt habe und allein
in der Leere stehe, seh ich ein, daß es auch in Wirklichkeit stets
so war. Ich habe mir nur eingebildet, daß ich nicht allein lebe.
Mein ganzes Leben lang mühte ich mich mit einem Eifer ab, der eines
besseren Zweckes wert gewesen wäre, eine Art Gipsverband aus
Glauben, Ideen, Liebe und Mitleid nun noch zu kleistern, ich meinte,
daß er fest, unverwüstlich sei; doch von dem Augenblick an, wo ich
mit der ganzen Schwere meines _Ich_ über die Leere des Todes zu
hängen kam, fiel alles sofort wie trockener Ton von mir ab, und ich
stürzte allein wie ein Stein in die Tiefe. Über Nacht kann ich
sterben, und die Menschen leben dann weiter, als wenn nichts
geschehen wäre. Also wozu schwatzt du mir da solchen Unsinn vor? Du
hast angefangen, dich einsam und unglücklich zu fühlen, weil die
Menschen deine heißen Gefühle nicht würdigten, nicht in deine
brüderlichen Umarmungen geeilt sind. Sehr erstaunlich! Ja, hast du
denn nicht gewußt, daß die Menschen, sobald du nur aufs Sterben
kommst, nicht einmal dein Gefühl werden begreifen können? Aus den
innigsten Umarmungen werden sie dich dann loslassen müssen. Du bist
allerdings ein gläubiger Mensch, -- ich hätte beinahe daran
vergessen; aber du mußt doch, wenigstens einmal in deinem Leben,
begreifen, daß wir, falls wir uns dort, im neuen Leben, von dem wir
nichts wissen und nichts wissen können, wirklich alle begegnen
sollten, denn immer noch in angemessener Weise darüber diskutieren
können. Dann stützen wir uns auf Tatsachen, auf das, was wir dort
kennen lernen werden. Ich weiß, daß man wärmer lebt, wenn man von
anderen Menschen gewärmt wird, -- das ist sicher, darüber ist weiter
kein Wort zu verlieren! Also schön, -- laufe doch durch die Straßen
und rufe: >O Menschen, Menschen, Menschen!< Man wird dir sicher
nachlaufen und ebenfalls rufen: >O Lande, Lande, Lande!< ... Weiter
aber nichts! Leiden wirst du doch allein, denn kriegst du dabei
Bauchschmerzen, so wird sich deswegen auch dein allerbester Freund,
dein Bruder, dein Weib, nicht aus Mitgefühl den Magen verderben.
Ich bitte dich noch einmal: laß mich in Ruhe! Einmal wirst du selbst
verstehen, wie dumm alles ist. Du wirst die Menschen ebenso für die
dumme Rolle, die du zu spielen versucht hast, hassen, wie ich sie
jetzt hasse. Wenn du nur wüßtest, was für einen entsetzlichen,
stickigen Haß alle in mir wachrufen ... Verflucht mögt ihr alle
sein! Wenn es in meinen Kräften wäre, zerdrückte ich die ganze Erde.
Wozu habe ich gelebt, Lande? Gott, wie grausig, öde, kalt! Um
Gotteswillen, faßt mich nur nicht noch an!«
Kaltes Grauen atmete aus diesem Brief. Das Bild Ssemjonows, der in
Einsamkeit stirbt, stand vor ihm wie eine ununterbrochen blutende Wunde
auf.
Der arme Wassja, woher dieses Grauen, dieser Haß? Ein solcher Tod; ein
Grauen, für das es keinen Namen gibt! Es ist nicht möglich, daß es so
ohne weiters, aus sich selbst heraus dazu kommen konnte. Nur weil er
einsam ist, fühlt er es, einsam in Schmerz und Furcht. Ich muß zu ihm.
Und alle Gedanken und Gefühle Landes flossen in dem Einen zusammen: zu
ihm. Er wußte nicht, was er ihm sagen, wie er die gesunkene Seele wieder
aufrichten würde; aber in ihm lebte der lichte, feierliche Glaube, daß
die Liebe alles vermag: die Liebe wird durch alles Leiden gehen, wird
die Seele erwärmen und neu beleben; wie ein Blumenkelch beim
Sonnenaufgang wird sich diese Seele entfalten, erfrischen, wird einen
liebevollen, weihevollen Glauben annehmen.
Das Blut schoß ihm so stark ins Gesicht und Herz, daß ihm vor den Augen
trübe wurde. Ein leidenschaftliches Gefühl riß ihn in einen
Fieberzustand hinein. Er trat mechanisch auf die Steinstufen hinaus,
stand lange ohne Mütze da, mit dem Blick in den weiten Himmel, von dem
ein unsichtbarer, feiner Sprühregen niederrieselte, versunken. Ein
kalter, elastischer Windstoß peitschte ihm eine breite Welle Nässe ins
Gesicht, fuhr durch seine Haare, schnitt ihm fast den Atem ab.
... Ich muß mir Geld verschaffen! zuckte es durch seinen Kopf ... Aber
ich habe niemanden! dachte er gleich weiter ... Die Mutter zu bitten ist
zwecklos -- sie gibt ja doch nichts. Alles, was ich will, ruft in ihr
nur Erbitterung hervor, und den Wunsch, das Gegenteil zu tun. Aber
weiter habe ich keinen ... Schischmarjow hat selbst nichts.
Lande kehrte mit irrenden Blicken ins Zimmer zurück. Plötzlich sagte er
sich, unverwandt die Lampe anstarrend:
... Ich gehe zum Vater Paul.
Wie er zu diesem Entschluß gekommen war, hätte er nicht erklären können.
In seine Erinnerung kehrte einfach das Bild eines alten emeritierten
Pfarrers zurück; die rosige Glatze, das gutmütige Greisengesicht, die
weiße Priestersutane und jener fast zärtliche, mitfühlende Blick der
Äuglein, mit dem er ihn bei Begegnungen begrüßte.
Gleich am nächsten Tag, noch immer mit verbundenem Kopf, schritt Lande,
der aussah, als wäre er nach schwerer Krankheit genesen, quer über den
großen, mit staubigem Gras bewachsenen Platz, öffnete die Pforte und
trat in einen kleinen, gemütlichen, beinahe warmen Hof ein. Der Tag war
grau, trocken, unbeweglich; aber die großen goldüberströmten Bäume sahen
wie sonnenübergossen aus, und im Hof war es still und licht. Unbeweglich
standen unter den Fenstern in einem winzigen Vorgärtchen naiv-bunte
Blumen. Es roch nach Äpfeln, herbstlichen Blättern, Weihrauch und dem
eigentümlichen Geruch der Stille und Ruhe.
Der alte Pope saß auf der sauber gehobelten Bretterveranda in einer
reinen, weißen Sutane, ganz rosig und weiß.
Lande schritt eilig auf ihn zu.
»Guten Tag, Vater Paul!«
Der alte Pope blickte ihn an, als wäre er nicht im geringsten über den
Besuch verwundert.
»Guten Tag!« erwiderte er freundlich. »Setzen Sie sich! womit kann ich
Ihnen dienen?«
Lande setzte sich ebenso eilig auf die gegenüberstehende Bank.
»Ich habe eine Bitte an Sie ...« sprach er rasch, weil ihm schien, daß
das Ungeheure, das seine Seele füllte, jedem Menschen gleich vom ersten
Worte an verständlich sein müßte. »Ich habe einen Kamerad ... Sie kennen
ihn wahrscheinlich -- er heißt Ssemjonow.«
Der alte Pope schwieg.
»Habe gehört ...« antwortete er unbestimmt und strich mit der kleinen,
verschrumpften Hand über den Bart und die silbernen, trockenen Haare.
»Also ... Dieser Ssemjonow liegt jetzt an der Schwindsucht ... Ist nahe
am Sterben ...« beeilte sich Lande.
»Gottes Wille!« sagte der alte Pope feierlich und schlicht.
Er seufzte tief und bekreuzigte sich.
»Ich habe von ihm einen Brief erhalten,« sprach Lande, indem er seinen
Kopf vertrauensvoll zu dem Popen herüberbeugte, »einen furchtbaren
Brief! ... Man sieht, daß ihn die letzte Verzweiflung gepackt hat, von
der nichts in der Seele zurückbleibt als Haß und Wut ... Ich werde Ihnen
diesen Brief zeigen!«
Lande zog hastig den Brief aus der Tasche der Studentenlitewka hervor.
Der alte Pope sah auf das Papier, redete aber kein Wort.
»Wieviel Schmerz, Einsamkeit, Gram er trägt, er ...« sagte Lande mit
trauriger Anspannung. »Wieviel Verzweiflung und Unglauben! ... Grauen
packt einen, wenn man diesen Brief liest ... Grauen und Mitleid bis zu
Tränen! Sie verstehen, welchen Schmerz ein Mensch erleiden muß, wenn er
im äußersten Unglauben stirbt! Kein Wort gibt es für diese Qual! ...
Hier, lesen Sie doch den Brief!«
Der Pope sah wieder den Brief an, streckte aber seine Hand nicht danach
aus.
»Ich habe das Gefühl, die feste Überzeugung,« fuhr Lande fort, während
er noch immer den Brief, ohne es zu bemerken, in der ausgestreckten Hand
hielt, »daß es ihn bedeutend erleichtern würde, wenn ich zu ihm kommen
könnte. Ich fühle, daß ich es kann, weil ich den Glauben daran habe. Er
wird fühlen, daß er nicht mehr einsam ist, und das allein wird schon
genügen ... Nur habe ich kein Geld für die Reise,« fügte er plötzlich
mit kindlichem Lächeln hinzu.
Er blickte dem Popen ins Gesicht, und mit einem Male kam es ihm vor, als
seien diese gutmütigen Äuglein -- keine Äuglein, sondern tiefe Löcher,
die nur infolge der rosigen und strahlenartigen Runzeln gutmütig
schienen, während in ihrer Tiefe etwas Böses auf der Lauer liegt. Mit
instinktivem Schreck verstummte er und sah verwirrt den Popen an.
Der Pope schwieg und sah ihn ebenso an. Es war still, hinter des Popens
Rücken fiel lautlos kreisend ein goldenes Blatt zur Erde nieder.
»Hier, lesen Sie doch bitte den Brief durch!« stammelte Lande eilig und
streckte dem Popen das gefaltete Blatt Papier bis zu den Knieen
entgegen.
Der alte Pope seufzte, strich die Haare und den Bart und nahm den Brief.
Er las ihn lange, ruhevoll, als wäre es die friedliche, süße
Lebensbeschreibung eines Heiligen. Dann seufzte er wieder, faltete den
Brief und gab ihn Lande zurück.
»Nun sehen Sie!« rief Lande, indem er lebhaft mit der Hand auf den Brief
wies, nahm ihn und legte ihn neben sich auf die Bank.
»Das Briefchen nehmen Sie bitte zu sich; bei mir ist nicht der Ort für
solches Zeug!« sagte der Pope streng.
Lande verstand die Worte nicht, griff aber doch zum Brief und steckte
ihn in seine Tasche.
»Da möchte ich Sie um Geld bitten ... Sie sehen, es ist notwendig, daß
jemand zu ihm fährt,« sagte er ernst und einfach.
Der alte Pope seufzte.
»Jawohl, das ist sehr gut möglich. Nur werde ich Ihnen dafür kein Geld
geben. Sie müssen es schon entschuldigen ... Ich habe es zwar, verstehen
Sie gut, gebe es aber nicht.«
Gleichsam eine kalte, schwere Last schlug Lande plötzlich auf den Kopf.
Er sprang voller Verzweiflung auf.
»Warum? Sie haben doch selbst gelesen!«
Der alte Pope stand ebenfalls auf.
»Ja, verstehen Sie gut, weil ich diesen Ssemjonow seit lange schon und
zur Genüge kenne. Es ist ein gottloser, frevelhafter Mensch, verstehen
Sie gut, ein Ungläubiger, ein Apostat. Und, verstehen Sie gut, ich rate
auch Ihnen nicht, zu fahren.«
Lande riß die Augen weit auf.
»Das heißt, ich soll mich von ihm lossagen? Ihn in Verzweiflung sterben
lassen?«
»Dieser Tod ist der Lohn für seine Handlungen!« meinte der alte Pope,
die Hände hinter dem Rücken, und wieder lugte hinter der rosigen Maske
etwas Böses hervor.
»Aber fürchten Sie Gott!« rief Lande. »Was sprechen Sie, Väterchen!«
»Nicht Ihnen steht es zu, mich zu belehren, verstehen Sie gut!«
erwiderte der Pope.
»Aber Sie sind doch ein Diener der Kirche ... der Kirche Christi!«
»Der Herr Ssemjonow hat sich seit lange schon von der Kirche losgesagt,
und es würde sich für die Kirche nicht schicken, ihm nachzulaufen,
verstehen Sie gut!«
Mit stummer Verzweiflung sah ihn Lande an. Der alte Pope stand, die
Hände ruhig auf dem Rücken gefaltet, vor ihm.
»Aber ... ich kann doch nicht ohne Geld fahren ...« stammelte Lande
mechanisch.
»Versuchen Sie es doch als blinder Passagier ... Oder Sie könnten auch
zu Fuß gehen!«
Lande blickte ihn verwundert an, aber das Gesicht des Popen schien ernst
zu sein.
»Aber das ist doch zu weit!«
Der alte Pope seufzte.
»Weit ist es. Ja, verstehen Sie gut, es soll ja nach Ihrer Meinung eine
große Tat sein. Also werden Sie auch die Mühe nicht scheuen ...«
Und mit einem Mal wurde es Lande kalt neben diesem rosigen,
grauhaarigen, weißgekleideten Popen. Er wandte sich mechanisch um und
ging zur Pforte.
»Aber ich muß ja so schnell wie möglich dorthin ... Er kann sterben,
bevor ich ankomme ...« er blieb nochmals stehen.
Der alte Pope antwortete boshaft, jetzt schon mit unverhülltem Spott:
»So Gott will, werden Sie ihn noch am Leben antreffen.«
Lande schwieg. Wie eine weiße Wolke auf goldnem Untergrund stand der
Pope in der Mitte des reinen, friedlichen Hofes.
»Nun schön,« meinte Lande, »so werde ich wohl gehen müssen. Ich werde zu
Fuß gehen, wenn ich mir kein Geld verschaffen kann -- doch nicht darauf
kommt es an ... Aber wie müssen Sie sich denn schämen!« fügte er
trauervoll und feierlich hinzu.
Da hob der Pope das dürre Händchen.
»Verstehen Sie gut, machen Sie, daß Sie fortkommen.«
»Väterchen, ich wollte Sie nicht beleidigen!« rief Lande.
»Gehen Sie nur, gehen Sie!«
In der stillen, hellen Stimme des Geistlichen lag ein so kalter,
unbequemer Druck, daß Lande nichts mehr sagte, den Kopf senkte und
hinausging.
Er hörte, wie der alte Pope an die Pforte kam und den Haken anlegte.