Nach einer schlaflosen Nacht war Lande am nächsten Morgen schwach und
krank aufgestanden. Die ganze Nacht dachte er an Tkatschow und Marja
Nikolajewna.
... Wie kraftvoll sie beide sind, was für einen kolossalen Durst nach
Leben sie haben! ... Der arme, liebe Tkatschow! welches Glück das ist,
so das Leben zu lieben und so nach ihm zu streben ... Sie sind jetzt
unglücklich, aber das geht vorüber, und die lebendige Kraft bleibt
zurück, -- sie werden glücklich sein, ob in Glück oder Leid.
Am Morgen beschloß er, zu Molotschajew zu gehen.
Der Künstler war zu Hause und saß düster auf dem Fensterbrett, eine
Zigarette nach der anderen rauchend. Als er Lande erblickte, erhob er
sich rasch und wurde rot.
Lande trat geradewegs ins Zimmer und streckte ihm schweigend mit einem
Lächeln die Hand hin. Sein Gesicht war heiter und ruhig.
Für eine Sekunde ergriff Molotschajew plötzlich ein warmes Gefühl; er
wünschte einfach, kräftig die gereichte Hand zu drücken; aber schon im
nächsten Augenblick wurde in seiner Seele wieder alles durcheinander
geworfen. Er witterte in der Handlungsweise Landes eine Beleidigung und
zog sich ganz zusammen; sein schönes Gesicht drückte ablehnend höfliches
Lächeln aus.
»Ist mir sehr angenehm ...« näselte er und drückte mit einer Grimasse
der übertriebenen Achtung Landes Hand.
»Nehmen Sie bitte Platz! Wie steht es mit Ihrer Gesundheit?« fragte er,
während er absichtlich mit seinem Blick die weiße Binde um den Kopf
streifte.
Lande berührte die Binde und sagte schlicht:
»Nicht sehr gut. Sie haben mich furchtbar zugerichtet.«
Molotschajew verlor plötzlich den Halt. Eine tiefe Röte trat ihm ins
Gesicht. Er versuchte, sich zu beherrschen und erwiderte in dem
früheren, beleidigend höflichen Ton:
»Es tut mir wirklich äußerst leid ...«
Lande sah ihm mit einem klaren und ruhigen Blick in die Augen.
»Nein, warum denn?« erwiderte er still. »Ihnen tut es gar nicht leid --
Sie hatten doch den Wunsch, mich so zu schlagen, daß es schmerzt.«
Ein schweres, trübes Gefühl überwältigte Molotschajew. Als ob ihn etwas
zu Boden gedrückt hätte. Das undeutliche Bewußtsein, daß nicht Lande
lächerlich, daß vielmehr er selbst lächerlich, lächerlich und kleinlich
sei, rieselte mit schmerzlicher Kälte durch sein Herz.
»Ich bin eigentlich zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen,« sprach Lande
kurz und ebenmäßig, »daß es mir sehr leid tut, Sie dazu gebracht zu
haben. Ich weiß, daß Sie meinetwegen auf Marja Nikolajewna eifersüchtig
waren ... Und ich wollte mich Ihnen gar nicht in den Weg stellen. Ich
liebe allerdings dieses Mädchen des ungeheuer reichen Lebens wegen, das
sie besitzt; aber ich habe sie stets ganz anders geliebt, als ... Jetzt
haßt sie mich deswegen -- weil sie sich getäuscht hat. Gehen Sie zu ihr
-- ich glaube, sie wird Sie lieb gewinnen ... Und mir verzeihen Sie,
seien Sie nicht böse auf mich. Ich liebe Sie -- Sie sind ein starker und
schöner Mensch ... Jetzt gehe ich, -- ich weiß, Ihnen kann es doch nicht
angenehm sein, mit mir zu sprechen. Leben Sie wohl!«
Lande stand auf und reichte seine Hand. Molotschajew biß seine Lippe mit
der gleichen Bewegung, wie es Marja Nikolajewna getan hatte und gab ihm
die Hand. Lande ging fort. Der Maler empfand wieder die neidische
Gehässigkeit. Er lief im Zimmer auf und ab und bemühte sich,
absichtlich, dieses Gefühl zu schüren. Es gelang ihm scheinbar, und er
lachte über Lande; aber gleichzeitig tat ihm irgend etwas leid. Er
konnte nicht verstehen, was; aber die Empfindung war tief und beißend,
und nach und nach schien es ihm, daß sie ihn nie mehr verlassen wird.