Die Prügelei am Abhang peitschte eine schleimige Welle klebrigen
Klatsches auf. Der Name Marja Nikolajewnas wurde im Zusammenhang mit
Lande durch die ganze Stadt geschleift. Wohin sie auch kam, traf sie
dieselbe stechende Neugierde oder notdürftig umkleidete Verachtung. Das
gehetzte Mädchen strengte sich vergebens an, dem Schmutzigen, Kalten,
das sie unsichtbar umschloß, zu begegnen. Manchmal packte sie stumpfe
Verzweiflung, in der das ganze Leben zerstört schien; dann wieder wuchs
aus der matten Ruhe, die sie mit sich brachte, das Gefühl der Beschämung
und körperlichen Kränkung und der Haß gegen Lande empor.
Doch als Lande zum ersten Mal zu ihr kam, regte sich in ihrem Herzen die
trübe Hoffnung, daß alles wie ein häßlicher Traum vorübergehen und ihr
Leben wieder wie früher schön und freudig sein würde.
Lande trat still ein; über Backe und Auge war eine dicke, weiße Binde
gebunden, so daß sein Kopf unförmig groß aussah, wie eine riesige weiße
Federblume, die sich auf einem dünnen, unsicheren Stengel wiegt.
»Guten Tag!« sagte er still.
Marja Nikolajewna stand verwirrt auf, grüßte aber nicht; ihre zitternden
Finger nestelten am Rand des Tisches.
»Ich bin gekommen um Ihnen zu sagen ...« begann Lande, während er auf
sie zukam und ihre Hand nahm. Die Hand zitterte; das Mädchen sah ihn mit
ihren großen, feuchten Augen an.
»Ich bin gekommen ...« wiederholte Lande. »Wenn Sie nur wüßten, wie lieb
ich Sie habe, Marja Nikolajewna!« rief er in einer plötzlichen
Aufwallung aus. »Sie scheinen mir so licht, so herrlich, so heilig, wie
ein Engel!«
Die Augen des Mädchens wurden rührend hell, die zarten, erhabenen Lippen
zitterten leise in dem Versuch eines zaghaften Lächelns. Das Herz fing
an, dumpf in der Brust zu schlagen.
Lande war es schwer, zu reden, er holte mit Mühe Atem und preßte die
Finger zusammen.
»Nur kann ich nicht Ihr Mann sein ...« schloß er mit abfallender Stimme.
Marja Nikolajewna fuhr zusammen, als ob sie einen Schlag ins Gesicht
bekommen hätte. Die erwachende Hoffnung stürzte in einen Abgrund,
blitzschnell schoß daraus das Bewußtsein einer neuen rohen Beleidigung
empor.
»Was soll das? ... Hohn?« fragte sie mit klirrender und gleichzeitig
unheimlich-stiller Stimme, während sie sich voll aufrichtete. Gram
ergriff Lande; er sah ihr mit traurigem Vorwurf in die Augen.
»Sie wissen doch, daß es keiner ist ... Niemals habe ich jemanden
verhöhnt, wie viel weniger Sie ... Weshalb so reden? ... Ich sage, was
ich fühle: ich liebe Sie, aber nicht so ... Ich weiß nicht, vielleicht
bin ich ein Krüppel ... Aber gibt es denn wirklich keine andere Liebe
... und ist es denn durchaus notwendig? ... Mir ist nicht möglich ...
verstehen Sie mich!« Die Worte Landes verwickelten sich in
unzusammenhängenden Worten, er bemühte sich vergebens, das heiße Gefühl
gramvollen Mitleids zum Ausdruck zu bringen. Marja Nikolajewna verstand
ihn nicht: zwischen ihnen war eine schwere Tür zugefallen, und die Worte
draußen tönten nur entstellt, mit einer besonderen, verletzenden,
Bedeutung hindurch. Für eine Minute lang benahm ihr Scham und Haß den
Atem; ihr Kopf schwindelte. Sie hörte die Worte nicht, in den Ohren
gellte irgend ein Tosen; die weiße Kugel auf dem dünnen Stengel drängte
sich wie ein alpdruckartiger, widersinniger Knäuel vor ihren Augen.
»Ich bitte Sie ja gar nicht darum ... Gehen Sie fort!«
Lande hielt sie mechanisch bei der Hand; schon das rief in ihr Ekel
hervor. Er legte seine ganze Seele, voll Leiden und Liebe, in die
unzusammenhängenden Worte, die von seinen Lippen stürzten, doch das
Mädchen riß ihre Hand aus der seinen. »Lassen Sie ... mich!« wiederholte
sie mit fremder, nicht eigener Stimme.
Lande fuhr mechanisch mit ihrer Hand an seinem Rock entlang; er strengte
sich an, mit Augen voller Qual, in ihre Seele zu blicken. Sie antwortete
ihm nicht, als ob sie taub wäre, und blickte ihn nicht an. Sein heißer
Wille zerschlug sich ohnmächtig an diesem Haß, und drang nicht in die
Seele; es war, als ob er sein entblößtes blutendes Herz, weit ausholend,
gegen hartes, kaltes Eis schleuderte.
»Liebe, verstehen Sie mich doch. Es gibt doch eine andere Liebe ... es
gibt doch,« fragte Lande, ihre Finger drückend.
»Aber lassen Sie mich endlich los!« sagte sie mit wildem, dumpfen
Schmerz. »Es tut mir doch weh ...«
Lande kam zur Besinnung und ließ ihre Hand frei. »Verzeihen Sie mir ...
ich habe es nicht gewollt ...« stammelte er.
Das Mädchen sah ihn verächtlich von der Seite an. Mit unnatürlicher Ruhe
ordnete sie das Haar, wobei sie Haarnadeln auf den Boden fallen ließ,
und ging plötzlich an ihm vorbei aus dem Zimmer, unnahbar kühl und
feindselig.
Um Lande her wurde es leer und dunkel. Durch die Fenster floß blaue,
tote Dämmerung und füllte das Zimmer. In der Stille, die mit einem Mal
entstanden war, leuchteten noch, wie es schien, Bruchstücke der
gespannten geflüsterten Worte.
»Marja Nikolajewna!« rief Lande leise, seine einsame Stimme hallte aus
einer dunkeln Ecke etwas spöttisch zurück.
Die Tür knarrte und das Dienstmädchen trat, ein gefaltetes Stück Papier
behutsam vor sich tragend, ein. Es hatte runde, dumme Augen und blickte
Lande ängstlich an.
Lande nahm mechanisch den Zettel und las:
»Um Gotteswillen, lassen Sie mich in Ruhe! Vielleicht bin ich schlecht,
garstig, aber Sie quälen mich. Ich kann nicht, ich hasse Sie, Sie sind
mir ekelhaft ... Wie Ungeziefer!« Das letzte war mit schiefen,
unnatürlich eingedrückten Buchstaben angefügt.
»Ich muß sie allein lassen!« schwirrte Lande durch den Kopf.
»Schön, sage dem Gnädigen Fräulein, ich komme nicht mehr ...« sagte er
fest, nahm seine Mütze und ging fort. Er trug das Gefühl endloser
Ohnmacht in sich, wie ein Mensch, der sich einer steilen Mauer gegenüber
sieht, die er nicht übersteigen kann.
»Ich muß fortgehen, abreisen ... irgendwohin, um ihr keine überflüssigen
Schmerzen zu machen,« dachte er.
Es war schon ganz dunkel, als ihn Tkatschow auf der Straße anrief.
Schwarz und mager trat er irgendwo aus der Dämmerung auf ihn zu.
»Iwan Ferapontowitsch, -- um Gotteswillen ... ich muß Sie sprechen ...
Ich lauere schon den dritten Tag Ihnen auf.«
Lande blieb erfreut stehen.
»Guten Abend, Lieber! Warum sind Sie nicht zu mir gekommen? ... Sie
hätten mir wirklich sehr viel Freude gemacht ...«
Tkatschow lächelte verlegen, während er Landes Hand mit seinen rauhen
Fingern drückte.
»Ich wäre vielleicht auch gekommen ... Aber bei Ihnen sind Menschen und
ich möchte unter uns reden ...« murmelte er.
»Ach, wie froh ich bin, daß Sie endlich gekommen sind, Tkatschow!«
sprach Lande ganz erregt und drückte ihm fest die Hand. »Vielleicht
gehen wir zu mir? Wir werden Tee trinken. Ich werde Ihnen alles von mir
erzählen ... Ich habe jetzt niemanden, mit dem ich sprechen könnte ...
und ich möchte mir vieles herunterreden ... Auch jetzt augenblicklich
... Gehen wir lieber!«
»Schön, gehen wir!« gab Tkatschow leise zu.
Es war nicht mehr weit, und sie legten den Weg schweigend zurück. Lande
steckte die Lampe an, brachte Tee, setzte sich Tkatschow gegenüber und
blickte ihm liebevoll in die Augen.
»Wenn Sie nur wüßten, Tkatschow, wie ich mich über Ihren Besuch freue,«
sagte er mit heiterem Lächeln.
»Ich wollte schon längst zu Ihnen kommen ... seit jenem Mal ... da, im
Wald ...« antwortete Tkatschow verlegen, nach der Seite schielend.
»Ja, ja!«
»Und als der Sie schlug, da ist mir ein Licht aufgegangen! ... Ich
verstand gleich ... daß die Wahrheit nicht auf meiner Seite, sondern auf
Ihrer war. Es gibt keinen zweiten wie Sie, Iwan Ferapontowitsch!« sagte
er mit überquellendem Gefühl und erhob sich etwas vom Stuhl.
Lande lachte voll Freude.
»Wie schön Sie das gesagt haben, Tkatschow!«
Tkatschow seufzte gespannt, als ob er sich vorbereitete, eine riesige
Last auf sich zu nehmen.
»Ich glaube so, Iwan Ferapontowitsch, daß nämlich ... ich kann es nur
nicht glatt ausdrücken ...«
»Reden Sie nur, Tkatschow! ... Sie werden schon alles gut sagen!« er
streichelte ihm die Hand. »Reden Sie und trinken Sie Tee ...«
»Ich werde es sagen ... ich bin ja dazu gekommen ... Sie müssen nur
zuhören, Iwan Ferapontowitsch!«
»Ich höre schon!«
»Alles, was ich damals im Gefängnis zusammengeredet habe, das war nur
so, aus lauter Verzweiflung! Soviel habe ich gelitten, soviel Böses und
Ungerechtigkeit und Niedertracht gesehen, daß ich den Glauben an den
Menschen verloren hatte ... Ich dachte mir, daß es eben so sein muß! Ein
Lump ist der Mensch ein für allemal und damit basta! Wo ich auch
hinschauen mag -- lauter Raubtiere überall! Eine solche Verzweiflung
hatte mich damals gepackt, eine solche Wut, daß ich es Ihnen gar nicht
sagen kann ... Und Sie würden es ja auch nicht verstehen können, Iwan
Ferapontowitsch! ... Zu hassen begann ich die Menschen und mich und das
Leben!«
Tkatschow riß die Augen auf, hielt ein, um tief Luft zu holen. Lande
blickte ihm traurig in die Augen und streichelte still seine Hand.
»Aber dann ... Sie haben mir die Augen geöffnet, Iwan Ferapontowitsch
...« sagte er mit zitternder Stimme. »An Ihnen sah ich, was ein wahrer
Mensch heißt! ... wie ein Mensch sein kann! ... Da erinnerte ich mich
auch, wie der Herr Sodom und Gomorrha wegen zweier Gerechten verschonen
wollte ... Und da dachte ich mir, daß ein solcher Mensch das Leben
umgestalten kann ...«
»Tkatschow!« Lande wollte ihm ins Wort fallen.
»Nein, warten Sie, warten Sie erst ... Ich weiß es, jetzt ist nicht ein
jeder imstande, Sie zu verstehen, aber das dringt ein, dringt durch
alles hindurch! ... Später erinnert man sich schon, man wird schon
verstehen ... Wenn Sie nur ... Ich habe einen Plan, Iwan
Ferapontowitsch.«
Tkatschow hob sich wieder ein wenig vom Stuhl und beugte sich ganz dicht
zu Lande vor, sodaß ihm sein heißer Atem auf dem Gesicht brannte und
seine dunklen, düsteren Augen fast in Landes Gehirn eindrangen.
»Man muß die Nachricht von einem neuen Glauben in das Volk tragen!«
flüsterte er gedämpft, begeistert drohend mit entflammten Blicken.
»Was?« rief erstaunt und erschrocken Lande.
»Ein neuer Glaube! ... Ja ... das Volk wartet. Eine wahre Sehnsucht ...
so daß ... weil es überall unerträglich zugeht! überall! ... Zu Ihnen
wird man aus allen Ecken und Enden kommen, aus ganz Rußland kommen! ...
Nur muß man die Nachricht davon in Umlauf setzen ... Sie werden über
allen stehen, alle führen ... Iwan Ferapontowitsch!«
Tkatschow zitterte und brannte am ganzen Körper.
»Was für ein Glaube, wovon sprechen Sie, Tkatschow!« erwiderte Lande
streng. »Was kann ich ihnen geben?«
»Sie? Alles können Sie, Iwan Ferapontowitsch! ... Und der Glaube ist nur
so, des Anfangs wegen ... Nur um Bewegung hineinzubringen!«
Blaß und streng stand Lande auf.
»Das ist nicht das Rechte, Tkatschow!« sagte er. »Verstehen Sie denn
wirklich nicht, was Sie wollen, was das für ein furchtbares Übel, Betrug
und Frevel wäre! Wahrheit kann nicht aus Betrug kommen, und ich kann es
nicht ... Lassen Sie das nur!«
Tkatschows Gesicht verfinsterte sich in unendlichem Schmerz.
»Iwan Ferapontowitsch! Sie sind der Einzige ... einen anderen, einen
zweiten gibt es nicht! ... Sollen denn in der Tat alle zugrunde gehen?«
»Niemand geht zugrunde, Tkatschow!« erwiderte ebenso streng und
feierlich Lande. »Was sagen Sie! ... Untergang wäre gerade das, was Sie
im Auge haben ... Und es wird Ihnen nicht gelingen, weil das nicht
kommen darf! ... Man braucht nicht zu vergewaltigen, zu betrügen ... Der
Kampf soll bleiben, weil er nötig ist, wie ein reinigendes Feuer ...
Aber jeder Schritt in diesem Kampf muß wahr sein ... Das ist das
allererste, und eben diese unentwegte Wahrheit wird zum Siege führen.
Können Sie es denn wirklich nicht verstehen, Tkatschow? Lüge ist ein
Übel ... Man muß sich Mühe geben, nichts Übles zu tun!«
»Und nichts mehr?« fragte Tkatschow.
»Ja, weiter nichts!« erwiderte Lande fest. »Das spricht der Hochmut aus
Ihnen, Tkatschow! ... Wer hat uns beiden das Recht gegeben, Menschen
nach unserem Geschmack mit Gewalt und List umzumodeln? Vielleicht sind
gerade wir beide die schlimmsten, verlorenen Menschen? ... Wie kann man
wissen, wozu und weswegen alles um uns her geschieht! ... Gehen Sie
Ihren Weg, wer Ihnen folgen will -- mag folgen. Voran müssen Sie gehen
und nicht hinterdrein schieben! Falls Ihr Leben gerecht war, wird Ihre
Spur nicht verloren gehen, sondern durch alle Jahrhunderte weiterleben!«
Tkatschow schwieg mit gesenktem Kopf. Auch Lande verstummte und blickte
liebe- und mitleidsvoll auf das gesenkte Gesicht.
»Also ... nicht? ...« sagte Tkatschow mit Mühe, ganz dumpf. »Also ...
habe mich getäuscht ...«
Und aus seiner dumpfen Stimme klang der große Schmerz, den grandiosen
Traum, die trübe, aber innige Hoffnung ein für allemal zusammenbrechen
zu sehen.
»Vergessen Sie es, Tkatschow!«
Es war schon Nacht, als Tkatschow die Straße entlang ging, ohne Zweck
und Sinn durch die kalte, windige Stille schreitend.
»O, hol mich der Teufel!« rief er laut mit grauenvoller Verzweiflung; er
blieb starr stehen, die Hände krampfhaft in den Haaren vergraben, den
Kopf gegen den kalten, harten Zaun gepreßt. »Er hätte es doch tun können
... Dieser Idiot, dieser unglückselige!«
Der Nachtwächter schlug irgendwo in der Finsternis die Stunde an.