XVI

Im Stadtgarten war italienische Nacht. In der dunkelgrünen Baummasse

glühten regungslos, wie märchenhafte Feuerblumen die bunten Flecken der

Laternen. Militärmusik spielte. Ihre blechernen Töne füllten die grüne

Dämmerung mit dem wilden Tanz kreisender, klingender Gespenster. Sie

hallten unter den Bäumen wieder und schwebten einsam an das ferne Ende

des Gartens, klangen durch dunkle, leere Alleen, überholten einander

bald in kreischender metallner Traurigkeit, bald in ungestüm-scharfer

Freude. Es waren nur wenige Menschen in den langen Alleen. Die

unbeweglichen feurigen Blumen beleuchteten nur einsamen Tönen, die

unsichtbar an ihnen vorbei flogen, den Weg.

In der Hauptallee und auf dem Platz neben dem Orchester und dem Buffet

war es heller, einfacher und ruhiger. Die Musik dröhnte hier so nahe,

daß man ihr betäubendes Gebrüll nur als Lärm empfinden konnte. Die Feuer

flossen in ein grelles, gelbes Licht zusammen. Die Menge drängte sich

dicht, lachend, plaudernd, in buntem Durcheinander. Es roch nach Puder,

Kerzendunst und Parfüms.

Marja Nikolajewna war zusammen mit Lande hingekommen. Diese zwei Wochen

ließ sie ihn kaum von sich. In seiner Gegenwart fühlte sie sich klar und

ruhig; sie glaubte, ihn einfach und zärtlich zu lieben. Lande sprach

ebenmäßig, still und gut, nie war in ihm Begehren oder Leidenschaft zu

merken. Auch sie sprach mit ihm nicht von Liebe, aber tief in ihrer

Seele, irgendwo in ihrem prächtigen Körper, glimmte verlegen die süße

Erwartung eines lichten, herrlichen Augenblicks. Wenn sie Lande ansah,

spiegelte sich in ihren Augen diese kristallklare, freudige Empfindung

wieder.

Sie war mit Molotschajew schon seit langem nicht mehr zusammengetroffen.

Er hatte zuerst versucht, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen, indem er sie

plump an jene glühende Nacht erinnerte. Als sie jedoch erschrocken von

ihm zurückwich, begann er mit seiner Abreise zu drohen; er war auch

wirklich auf kurze Zeit fortgefahren. Sie atmete freier auf. Doch sobald

sie erfuhr, daß er zurückgekehrt war, erwachte in ihr etwas wie bange

Freude und Erwartung. Sie sah unruhig um sich, als ob sie sich

vergewissern wollte, daß ihr niemand dieses Gefühl anmerke. Es rief

viele qualvolle und sonderbare Regungen in ihr hervor.

... Was ist denn das? Bin ich denn wirklich so verdorben? schwirrte es

quälend durch ihren Kopf ... Ich liebe doch Lande ... den lieben, den

reinen. Nicht den andern ... das Tier!

Sie suchte sich Molotschajew vorzustellen; er war wie ein schönes,

ungebändigtes Tier. Trotz ihres Widerwillens dachte sie doch mit

interessierter Neugierde an ihn; ihre Nasenflügel spannten sich, ihre

Brust hob und senkte sich und ihre Augen lagen weit geöffnet in den

Höhlen. An dem Abend, an dem Molotschajew ein eigentümlich verworrenes

Gespräch mit ihr gehabt, das in seinen simpeln Teilen Fieberphantasien

glich, flogen wie abgerissene Fetzen dazwischen Andeutungen, scharf

ausgeprägt, heuchlerisch lockend, während die Augen die Wahrheit

sprachen.

Nachher, allein, hatte Marja Nikolajewna die undeutliche Vorstellung,

daß in ihrem Körper ein Kampf tobte: etwas Reines und Helles ertrank

ohnmächtig in heißen, wahnsinnig stürmischen Wogen hellroten Blutes.

Nachts, als sie sich ankleidete, ergriff sie der brennende Wunsch, sich

vollständig nackend zu entkleiden; lange, mit derselben ruhelosen

Neugierde betrachtete sie ihren schlanken, nackten Körper, der in

greller Windung aus der finsteren Tiefe des großen Spiegels

zurückgeworfen wurde. Am Morgen darauf fühlte sie sich entsetzlich

beschämt. In ihrer ohnmächtigen, einsamen Angst suchte sie Lande auf,

rief ihn an, blickte in seine reinen, ruhigen Augen und erlangte bei

seinem freudigen, zusammenhanglosen Reden die Ruhe zurück.

Sie wußte, daß Molotschajew zu dem Gartenfest kommen würde. Sie fühlte

es an der unruhigen Kühle, die in ihrer Brust aufstieg, und von der ein

leichtes Zittern durch ihre vollen Schenkel lief. -- Er wird kommen ...

Ich muß gehen! muß gehen! ... dachte sie halb unbewußt; ging aber nicht

fort, wartete, und betrog sich selbst. Was geht er mich denn überhaupt

an ... Ich habe nur Angst vor ihm ... vor seiner Brutalität! --

rechtfertigte sie sich und fühlte, daß sie log.

Die Musik verstummte. Hinter den schweigsamen, regungslosen Bäumchen

trat die Stille hervor; man hörte, wie erregt und abgerissen die

Schritte der Spaziergänger über den Sand der Allee scharrten.

»Wissen Sie,« sagte Lande, »daß Ssonja eine Pilgerreise zu Fuß

unternehmen wird?«

Für eine Sekunde riß sich Marja Nikolajewna von ihren Gedanken los und

sah ihn verwundert an: »Nicht möglich! Wohin?«

»Über hundert Werst weit ... Sie hat sich eine Reisegefährtin gesucht,

eine einfache, alte Frau, und will gehen. Sie hat mich um Rat gefragt.«

»Und Sie haben ihr zugeredet?«

»Nein. Sie fragte mich so, daß ich sah, sie hat es nicht nötig. Ich habe

nichts gesagt,« erwiderte Lande ernst.

»Sie ist in Sie verliebt!« meinte Marja Nikolajewna, mit einem häßlichen

Gefühl, das sie aber selbst nicht merkte.

»Nein!« erwiderte Lande entschlossen und ruhig. »Ihr scheint es

vielleicht wirklich, daß sie in mich verliebt sei ... Ich habe es

bemerkt. Aber das ist nicht richtig; -- sie ist nicht in mich verliebt,

sondern in ... ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll ...« Lande

lächelte schwach und schwenkte die Hand. »In das Große ist sie verliebt

... Sie ist ein wunderbares Mädchen, diese Ssonja! Sie hat ein großes

Herz und wenig Liebe. Es gibt solche Menschen; sie sind unglücklich: sie

möchten in ihr Herz etwas Riesiges einschließen, die ganze Welt,

Heldentaten, Märtyrertum, und ihnen fehlt die Liebe, das Kleine zu

fassen, das neben ihnen ist ...«

Marja Nikolajewna hörte Lande zu, blickte aber unverwandt, gespannt, auf

den Lichtkreis am Eingangstor des Gartens. Dort sah sie plötzlich

Molotschajew auftauchen, sah, wie er, da er sie offenbar nicht bemerkte,

in eine andere Allee einbog, regte sich aber nicht.

»Molotschajew, hier sind sie!« ertönte an der Seite die scharfe Stimme

Schischmarjows, und die beiden kamen auf sie zu.

Molotschajew drückte schweigend die schmale, weiche Hand des Mädchens.

Schischmarjow fing sogleich an, energisch auf Lande einzureden. Marja

Nikolajewna hörte sie nicht ... Sie atmete hastig, wobei sie ihre Brust

hoch und nervös anhob, und schaute entschlossen vor sich hin; mechanisch

klappte die Spitze ihres Schirms auf den Boden.

... Was geht in mir vor? fragte sie sich und biß sich mit launischem

Ärger auf die Unterlippe.

»Mir kommt es vor,« hörte sie plötzlich Landes Stimme, »daß sich die

Menschen auf der Jagd nach dem Glück vor einer Tür zusammendrängen, wie

die Eingeschlossenen bei einem Brand. Jeder glaubt, sich retten zu

können, indem er sich so schnell als möglich, früher als alle anderen,

zum Ausgang durchschlägt, aber in dem entsetzlichen Gedränge gehen alle

unter.«

»Der Kampf ums Dasein!« meinte Schischmarjow.

»Es darf keinen Kampf geben!« erwiderte Lande fest. »Es ist unmöglich,

herauszukommen, wenn man einen Haufen Leichen vor sich hochstapelt ...

Man muß sich besinnen, stehen bleiben, sich nicht gegenseitig stören,

einander aus dem Wege gehen ...«

»Wie jene zwei Franzosen, die sich gegenseitig höflich den Weg

freiließen und beide im Schmutz wateten!« warf Molotschajew mit einer

Ironie dazwischen, aus der nicht Spott über Landes Worte, sondern über

seine Person herausklang, und lachte kurz auf.

Die Musik begann leise und schwebend zu spielen, als ob sie nach dem

vorhergegangenen Wirbelsturm der Töne ermüdet wäre.

»Das ist alles Sentimentalität!« fuhr Molotschajew brutal fort und hob

die Stimme an. »Wo Leben ist, soll es gelebt werden ... Nicht ich habe

Schuld, wenn jemand schwächer ist als ich ...«

Er schwieg eine Weile und fügte hinzu:

»Ich werfe ihn in den Dreck, trete ihm auf den Kopf und steige hinüber

...«

Lande schüttelte traurig den Kopf.

»Genug in Tränen geschwommen ... Das ist ja kein Leben mehr, ein

schläfriger Sumpf!« sagte Molotschajew.

»Und wenn man Ihnen auf den Kopf steigt?« fragte kühl, ohne

aufzublicken, Marja Nikolajewna.

Molotschajew wandte sich rasch zu ihr um.

»Meinetwegen ... Das wollen wir erst mal sehen!« und nach kurzem

Schweigen fügte er hinzu: »Marja Nikolajewna, ich habe mit Ihnen zu

sprechen ...«

Er lächelte unsicher; seine Stimme klang falsch.

»Ich möchte Ihnen etwas erzählen ... über ihn!« er zeigte mit dem Kopf

auf Lande.

Lande hob verwundert die Augen.

»Reden Sie hier!« Das Mädchen zuckte die Schultern.

Molotschajew lachte wieder falsch.

»In seiner Gegenwart geht es nicht ... Aber Sie scheinen vor mir Angst

zu haben?« fügte er leise hinzu, während er ihr herausfordernd in die

Augen blickte.

Marja Nikolajewna lächelte hochmütig.

»Gehen wir!« sie erhob sich. »Lande, kommen Sie gleich nach!«

»Gut!« antwortete Lande ruhig und wandte sich wieder zu Schischmarjow

hin.

Im Augenblick fühlte sich Marja Nikolajewna schmerzlich vereinsamt; sie

wurde unruhig. Sie hörte noch, als sie nach einer langen Allee

hinübergingen, die sich endlos in Leere und Finsternis aufzulösen

schien, wie Lande sprach:

»Der Mensch kann nicht glücklich sein, wenn er andere zwingt, seine

Rechte zu respektieren, sondern nur, wenn er sie zu lieben lehrt. Aber

es ist noch weit, bis es dazu kommen wird.«

Sie waren ziemlich tief in das Innere des Gartens gekommen. Die Töne der

Musik drangen nur dumpf hierher und klangen ihnen wie ausgehöhlt in die

Ohren. Die Laternen leuchteten tot und trübe, mit gewöhnlichem

Lampenlicht. Die Bäume standen nicht mehr dicht, und zwischen ihnen

lugte der Sternenhimmel und die Kälte durch.

»Was wollten Sie mir sagen?« fragte Marja Nikolajewna.

Molotschajew atmete schwer.

Sein Entschluß kam ihm jetzt unter ihrem absichtlich kühlen Blick, ihrer

geraden Gestalt gegenüber, die von einem strengen Kleid umschlossen

wurde, plötzlich sinnlos und schmutzig vor.

»Ich ...« er zwang sich das Wort gewaltsam ab, wußte aber nicht, wie er

fortfahren sollte. Seine Kiefer schlossen sich unwillkürlich wie aus

Eisen, als ob gerade jetzt das harte Schweigen notwendig wäre.

Marja Nikolajewna fühlte, wie sich ihr eine ungeheure, furchtbare Gefahr

näherte. Und es war sonderbar, daß ihre Furcht gerade in diesem Gefühl

verloren ging; ihr wurde freier zumute, es war packend interessant, als

befände sie sich über einem Abgrund, sie wünschte, noch tiefer

hinabzublicken, eine unklare Regung brannte ihr wie mit einer

Stichflamme durch das Hirn und überflutete die Wangen mit greller Röte.

... Ach, wie interessant doch das Leben ist!

Wie einer außer ihm liegenden Kraft gehorchend, beugte sich Molotschajew

herab, lachte heiser und streckte die Hände aus. Marja Nikolajewna wich

mechanisch einen Schritt zurück, rasch, uneben, sodaß ihr großer,

schwarzer Hut auf die Augen herunterglitt. Sie hatte die Empfindung, daß

ihr Herz plötzlich abriß und hinabfiel.

»Marja Nikolajewna, wo sind Sie?« rief fröhlich Lande.

Molotschajew zitterte, ließ die Arme sinken und sah sich verwirrt um.

Marja Nikolajewna blickte ihn spöttisch an, und mit einer Handbewegung,

als wolle sie sich von einem Abgrund zurückschwingen, hob sie die Hände

zum Hut.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 35 / 45 题