Es war gegen neun Uhr abends. In dem durchsichtigen, lichten Schein, den
die lichte Abendröte, der blasse Mond und die breite, glatte Fläche des
Flusses warfen, konnte die Nacht nicht aufkommen.
Lande kam später als die anderen zum Abhang hinaus, ungewöhnlich traurig
und schweigsam.
Schischmarjow trat ihm aufgeregt entgegen.
»Komm her! Ich habe einen Brief von Ssemjonow bekommen ... Das ist bei
Gott albern! Um welchen Teufels willen treibst du solchen Unfug?
Ssemjonow schreibt, du hättest ihm zehn Rubel geschickt.«
Lande richtete seine weiten, traurigen Augen hoch.
»Laß es, Ljonja,« sagte er einfach und wandte sich dem Flusse zu. Auf
sein mageres Gesicht fielen kalte, blasse Lichtreflexe.
»Wie kann ich das lassen!« brauste Schischmarjow auf.
Lande lächelte gequält, ohne sich umzuwenden. Schischmarjow sah ihn an,
bewegte die Lippen und wandte sich mit einem Gefühl von kühlem Ärger ab.
... Meinetwegen, kannst du zum Teufel gehen! dachte er.
»Was haben Sie? Warum sind Sie so traurig?« fragte Marja Nikolajewna
weich und liebevoll, während sie den Ärmel von seiner grauen Litewka
leise mit den Fingern berührte.
Lande wandte sich rasch um, und seine Augen leuchteten in weichem und
zärtlichem Lächeln auf.
»Meine Mutter quält mich!« sagte er leidend.
Seltsam schimmerte dieses Leiden durch das helle, stille Lächeln.
Molotschajew ließ den Blick mit kühlem Haß über Marja Nikolajewnas Hand,
die auf Landes Ärmel lag, gleiten, wandte sich ab und rauchte sich eine
Zigarette an.
»Womit?« fragte still das Mädchen.
»Sie verlangt ununterbrochen von mir ein Leben, zu dem ich nicht fähig
bin ... Sie drängt in mich, daß ich Geld nehme und nach dem Ausland
fahre; und ich will es nicht. Ich habe dort nichts zu suchen. Die
Menschen sind überall gleich ...«
»Das Leben ist anders!« versetzte Schischmarjow.
»Nein, auch das Leben ist gleich, weil die Menschen gleich sind. Ich
glaube nicht, daß das Leben von der Anzahl der Eisenbahnen,
Universitäten und ähnlichem mehr abhängen könnte. Das Leben ist _im_
Menschen, man muß es nur auszunützen verstehen. Und übrigens ... wenn
dort auch das Leben anders sein sollte, weshalb müßte ich denn
hinfahren? Ich würde es sicher nicht leben können ...«
»Es wenigstens ansehen!« rief Schischmarjow mit innerer Lebhaftigkeit
und durchbrechender leidenschaftlicher Schwärmerei.
»Nein, das wäre schlecht von mir ...« erwiderte Lande, lächelte sein
sanftmütiges Lächeln und fügte hinzu: »Nein, aber ich möchte einfach
irgendwohin gehen.«
»Wohin? ... Das heißt, in welchem Sinne ... von den Menschen weg, oder
nur irgendwohin, von hier weg?« fragte Schischmarjow mit mißtrauischem
Zweifel.
Lande schwieg nachdenklich eine Weile, die Augen zum Himmel gerichtet
und still die Augenbrauen hochgezogen. »Von hier fort, irgendwohin, wie
auch von den Menschen ... Nicht für immer: nur eine Zeitlang ... Mir
kommt öfters der Gedanke, daß es eigentlich jeder Mensch nötig hätte,
sich hin und wieder von allem zu entfernen, in eine Wüste meinetwegen,
zu gehen ... Ich habe mir immer gedacht, was für ein riesiges Ding doch
das Leben ist und wie leichthin und einfach wir herantreten ... Deshalb
glückt es wahrscheinlich den Menschen so selten. Es wäre im Grunde
nötig, daß sich jeder Mensch in einer gewissen Periode seiner
Entwicklung zurückzieht und sich für eine Zeitlang allein auf sich
konzentriert.«
»Da hätten Sie sich nur zuerst zurückziehen sollen!« fiel ihm
Molotschajew grob ins Wort; sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich
vor Wut. »Es wäre wahrhaftig das Vernünftigste gewesen.«
Lande blickte ihn lange eindringlich an. Dann seufzte er, zuckte die
schmalen Achseln und sagte: »Ich weiß, daß ich Sie störe. Mir tut es
leid.«
Marja Nikolajewna sah rasch mit einem halben Blick zu ihm hin. Ihre
Hand, die an einem zerzausten Strauß halbverwelkter, blasser Blumen
zerrte, hielt inne, geriet aber gleich wieder in nervöse, hastige
Bewegung.
»Mir tut es auch sehr leid!« versetzte Molotschajew in seinem
gewöhnlichen, schroffen Ton.
Gerade in diesem Augenblick bog ein langer Mensch plötzlich vom Wege ab,
ging über das Gras und schwang, nachdem er mit zwei sonderbar
schleichenden Schritten hinter Molotschajews Rücken gekommen war,
blitzschnell einen langen Knüppel in die Höhe und schlug ihn dem
Künstler scharf über den Schädel.
Entsetzen, scharf wie eine Messerschneide, zuckte allen durchs Hirn.
Marja Nikolajewna schrie gellend auf, sprang, sich in ihren Rock
verwickelnd, zum Abhang und hielt sich kaum am Rand zurück, ganz
herübergebogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Schischmarjow
ließ die Mütze fallen und stand hilflos da. Lande sprang in die Höhe,
ergriff Ssonja bei der Hand; das Mädchen richtete sich auf, und öffnete
weit die Augen, aus denen wilde Neugierde und ein gewisses gieriges
Gefühl strahlte. Molotschajew verlor nicht einen Moment die Ruhe. Sein
schönes Gesicht zog sich in Schmerz und Schreck und schüttelnder Wut
zusammen. Rasch und gewandt fing er mit der linken Hand den Stock auf,
riß so scharf nach unten, daß Tkatschow beinahe vornüber gefallen wäre
und hieb dann mit ihm, die Zähne verbissen, quer auf Tkatschows Gesicht,
auf den Kopf und Hände ein.
Der vor Schmerz und ohnmächtigem Haß fast wahnsinnige Tkatschow
taumelte, ließ den Hut fallen und suchte vergebens, sich mit den Armen
zu decken. Man sah, daß von ihm Blut spritzte.
Der vierte dieser scharfen, furchtbaren Hiebe traf schon auf Landes Arm.
Die Arme wie im Anfall einer sonderbaren Krankheit gegen Molotschajew
ausgestreckt, ganz blaß, rief er fest und befehlend: »Nicht mehr ... weg
mit dem Stock!«
Er deckte Tkatschow mit seinem Körper.
Eine Sekunde lang sah ihm Molotschajew mit toller Wut in die Augen. »Was
ist da noch gefällig! -- Endlich!« sagte er heiser, den Stock krampfhaft
gesenkt und in der Faust gepreßt, -- plötzlich schwang er ihn kurz und
hieb, eklig klatschend, Lande über die Backe.
Lande taumelte und wurde entsetzlich blaß. In seine Augen traten helle,
dicke Tränentropfen, und sie öffneten sich so weit, daß sich hinter
ihrem feuchten, leidenden Glanz sein ganzes Gesicht auflöste.
»Nun, mag es denn sein ... ja ...« er ließ die Worte von den Rändern der
feuchten, zitternden Lippen gleiten und schaute Molotschajew unverwandt
gerade in die Augen, regte sich aber nicht und wandte sich nicht ab. Mit
blinder, sinnloser Brutalität holte Molotschajew, nachdem er den Stock
beiseite geworfen, aus, und schlug mit der linken Hand zu, machte dann
einen Schritt vorwärts und schlug zum dritten Mal. Die letzte Ohrfeige
klatschte noch stärker, deutlich und flach. Lande taumelte zurück,
stolperte über die Bank und stürzte schwer, häßlich, von der Seite auf
sie, mit den Beinen in die Höhe schlagend.
Molotschajew drehte sich jäh um, schleuderte Tkatschow mit furchtbarer
Kraft beiseite und ging mit raschen, festen Schritten, ohne jemanden
anzublicken, fort.
Was dann geschah, war wie ein schwerer Fiebertraum: alle schrieen auf
einmal auf und stürzten im Haufen auf Lande zu. Tkatschow, mit dem
Ausdruck des Entsetzens und Flehens auf dem schwarzen, düsteren Gesicht,
setzte ihn mit bebenden Armen aufrecht hin. Marja Nikolajewna küßte
seine blassen, zitternden Finger. Schischmarjow versuchte ihm die Mütze
aufzusetzen und brüllte ganz zusammenhanglos irgend etwas vor sich hin.
Ssonja umschlang ihn mit dünnen, durchsichtigen Armen. Sie taumelten am
Rand des Abhanges, kopflos wie ein Schwarm unterm Schuß aufgeschreckter
Vögel hin und her.
»Herrgott! was war das nur?« fragte Marja Nikolajewna alle mit
grenzenlosem Entsetzen und kroch an Landes Füße heran, mit dem
unbewußten aber grellen Gefühl der Schuld, mit unendlicher Begeisterung
und Mitleid, Liebe und Empörung. Ihr schönes Gesicht war verzerrt, die
Haare auseinander gefallen, der Hut auf den Rücken gerutscht, der graue
Rock wand sich hilflos im Staub.
»Iwan Ferapontowitsch ... verzeihen Sie ... Verzeihen Sie mir!«
stammelte Tkatschow.
Lande wandte ihnen sein im Augenblick angeschwollenes Gesicht zu, mühte
sich, zu lächeln, faßte sie bei den Händen, streichelte sie unbewußt mit
seinen zitternden und schwach gewordenen Fingern. Seine Augen waren dick
geworden, aus Nase und Mund troff Blut, an der Schläfe war Erde und
zertretenes, grünes Gras kleben geblieben.
»Das macht nichts ...« sagte er, indem er mit Mühe die aufgedunsenen
Lippen bewegte. »Er wollte mich nicht treffen ... Es wird ihm später
selbst leid tun ... Ich gehe zu ihm ... warten Sie ...«
Ssonja schlug heiß ihre dünnen Hände zusammen, trat einen Schritt
zurück, und, ganz von glückseliger Begeisterung durchglüht, rief sie mit
heller Stimme aus:
»Wanja, Sie sind ein Heiliger!«
Lande machte eine schwächliche Handbewegung.
»Ach, was für Dummheiten reden Sie, Ssonja!«
Tkatschow riß sich verzweifelt die Haare.
Lande lächelte ihm eilig zu, erhob sich und ging mit ausgestreckten
Armen vorwärts. Und da sahen alle, daß Molotschajew nicht fortgegangen
war. Er stand zehn Schritte von ihnen, die Hände in den Hosentaschen und
blickte mit schiefem, selbstbewußtem Lachen auf Lande.
Marja Nikolajewna zitterte am ganzen Körper; mit einer krampfhaften
Bewegung stellte sie sich Lande in den Weg. »Sie dürfen es nicht, Sie
dürfen es nicht!« schrie sie mit schmerzlicher Anstrengung, mit
klirrender Stimme.
Aber Lande schob sie ernst zur Seite.
»Sie wissen nicht, was Sie reden!« sagte er einfach.
Mit demselben Ausdruck der Begeisterung und des Genusses zog sie Ssonja
am Ärmel zurück.
Lande kam auf den unbeweglichen Molotschajew, der ihn unverwandt
musterte, zu und streckte ihm seine Hand hin. Auf seinem verunstalteten
Gesicht lag Mitleid. Molotschajew errötete tief und schwer. In seinen
Augen flackerte erstickender Haß auf; mit kaltem Spott und Bosheit
sprach er gedehnt durch die Zähne: »Diese rührselige Komödie!«
Dann drehte er sich rasch und entschlossen um und ging, ohne sich
umzuwenden, fort.
Lande sah ihm lange nach; dann sank er auf einmal zusammen, setzte sich
auf die Bank und schlug mit einer bitteren, gramvollen Bewegung die
Hände vors Gesicht.
»Aber was heißt das, in der Tat!« rief Schischmarjow empört. »Du bist
wohl ganz und gar verrückt!«
Neben ihnen hatte sich ein Haufen Menschen von der Straße
zusammengedrängt; jetzt kicherte man vergnügt und neugierig.
Schischmarjow besann sich, sah sich rasch um, machte wütend kehrt und
ging fort.
»Hol dich der Teufel, du Holzklotz ... Ein Seliger!« stammelte er mit
einer Erbitterung, die ihn selber schmerzte.
Tkatschow stand mit herabhängenden Armen, als ob er plötzlich mit kaltem
Wasser begossen wäre da, und blickte Lande seltsam an; sachte verzogen
sich seine dünnen, bösen Lippen. »Sowas kann zu rein gar nichts taugen
...« sagte er mit beißendem Hohn, ganz unvermittelt, als ob er Lande
antwortete und ihn warnen wollte.
Alle schwiegen. Der leidenschaftliche Drang, der sie erfaßt hatte, war
ohnmächtig abgeflaut, es schien ihnen peinlich, überflüssig, stehen zu
bleiben, man wünschte fortzugehen, dieser Szene, die allen widerwärtig
war, ein Ende zu machen.