XVII

Es war gegen neun Uhr abends. In dem durchsichtigen, lichten Schein, den

die lichte Abendröte, der blasse Mond und die breite, glatte Fläche des

Flusses warfen, konnte die Nacht nicht aufkommen.

Lande kam später als die anderen zum Abhang hinaus, ungewöhnlich traurig

und schweigsam.

Schischmarjow trat ihm aufgeregt entgegen.

»Komm her! Ich habe einen Brief von Ssemjonow bekommen ... Das ist bei

Gott albern! Um welchen Teufels willen treibst du solchen Unfug?

Ssemjonow schreibt, du hättest ihm zehn Rubel geschickt.«

Lande richtete seine weiten, traurigen Augen hoch.

»Laß es, Ljonja,« sagte er einfach und wandte sich dem Flusse zu. Auf

sein mageres Gesicht fielen kalte, blasse Lichtreflexe.

»Wie kann ich das lassen!« brauste Schischmarjow auf.

Lande lächelte gequält, ohne sich umzuwenden. Schischmarjow sah ihn an,

bewegte die Lippen und wandte sich mit einem Gefühl von kühlem Ärger ab.

... Meinetwegen, kannst du zum Teufel gehen! dachte er.

»Was haben Sie? Warum sind Sie so traurig?« fragte Marja Nikolajewna

weich und liebevoll, während sie den Ärmel von seiner grauen Litewka

leise mit den Fingern berührte.

Lande wandte sich rasch um, und seine Augen leuchteten in weichem und

zärtlichem Lächeln auf.

»Meine Mutter quält mich!« sagte er leidend.

Seltsam schimmerte dieses Leiden durch das helle, stille Lächeln.

Molotschajew ließ den Blick mit kühlem Haß über Marja Nikolajewnas Hand,

die auf Landes Ärmel lag, gleiten, wandte sich ab und rauchte sich eine

Zigarette an.

»Womit?« fragte still das Mädchen.

»Sie verlangt ununterbrochen von mir ein Leben, zu dem ich nicht fähig

bin ... Sie drängt in mich, daß ich Geld nehme und nach dem Ausland

fahre; und ich will es nicht. Ich habe dort nichts zu suchen. Die

Menschen sind überall gleich ...«

»Das Leben ist anders!« versetzte Schischmarjow.

»Nein, auch das Leben ist gleich, weil die Menschen gleich sind. Ich

glaube nicht, daß das Leben von der Anzahl der Eisenbahnen,

Universitäten und ähnlichem mehr abhängen könnte. Das Leben ist _im_

Menschen, man muß es nur auszunützen verstehen. Und übrigens ... wenn

dort auch das Leben anders sein sollte, weshalb müßte ich denn

hinfahren? Ich würde es sicher nicht leben können ...«

»Es wenigstens ansehen!« rief Schischmarjow mit innerer Lebhaftigkeit

und durchbrechender leidenschaftlicher Schwärmerei.

»Nein, das wäre schlecht von mir ...« erwiderte Lande, lächelte sein

sanftmütiges Lächeln und fügte hinzu: »Nein, aber ich möchte einfach

irgendwohin gehen.«

»Wohin? ... Das heißt, in welchem Sinne ... von den Menschen weg, oder

nur irgendwohin, von hier weg?« fragte Schischmarjow mit mißtrauischem

Zweifel.

Lande schwieg nachdenklich eine Weile, die Augen zum Himmel gerichtet

und still die Augenbrauen hochgezogen. »Von hier fort, irgendwohin, wie

auch von den Menschen ... Nicht für immer: nur eine Zeitlang ... Mir

kommt öfters der Gedanke, daß es eigentlich jeder Mensch nötig hätte,

sich hin und wieder von allem zu entfernen, in eine Wüste meinetwegen,

zu gehen ... Ich habe mir immer gedacht, was für ein riesiges Ding doch

das Leben ist und wie leichthin und einfach wir herantreten ... Deshalb

glückt es wahrscheinlich den Menschen so selten. Es wäre im Grunde

nötig, daß sich jeder Mensch in einer gewissen Periode seiner

Entwicklung zurückzieht und sich für eine Zeitlang allein auf sich

konzentriert.«

»Da hätten Sie sich nur zuerst zurückziehen sollen!« fiel ihm

Molotschajew grob ins Wort; sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich

vor Wut. »Es wäre wahrhaftig das Vernünftigste gewesen.«

Lande blickte ihn lange eindringlich an. Dann seufzte er, zuckte die

schmalen Achseln und sagte: »Ich weiß, daß ich Sie störe. Mir tut es

leid.«

Marja Nikolajewna sah rasch mit einem halben Blick zu ihm hin. Ihre

Hand, die an einem zerzausten Strauß halbverwelkter, blasser Blumen

zerrte, hielt inne, geriet aber gleich wieder in nervöse, hastige

Bewegung.

»Mir tut es auch sehr leid!« versetzte Molotschajew in seinem

gewöhnlichen, schroffen Ton.

Gerade in diesem Augenblick bog ein langer Mensch plötzlich vom Wege ab,

ging über das Gras und schwang, nachdem er mit zwei sonderbar

schleichenden Schritten hinter Molotschajews Rücken gekommen war,

blitzschnell einen langen Knüppel in die Höhe und schlug ihn dem

Künstler scharf über den Schädel.

Entsetzen, scharf wie eine Messerschneide, zuckte allen durchs Hirn.

Marja Nikolajewna schrie gellend auf, sprang, sich in ihren Rock

verwickelnd, zum Abhang und hielt sich kaum am Rand zurück, ganz

herübergebogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Schischmarjow

ließ die Mütze fallen und stand hilflos da. Lande sprang in die Höhe,

ergriff Ssonja bei der Hand; das Mädchen richtete sich auf, und öffnete

weit die Augen, aus denen wilde Neugierde und ein gewisses gieriges

Gefühl strahlte. Molotschajew verlor nicht einen Moment die Ruhe. Sein

schönes Gesicht zog sich in Schmerz und Schreck und schüttelnder Wut

zusammen. Rasch und gewandt fing er mit der linken Hand den Stock auf,

riß so scharf nach unten, daß Tkatschow beinahe vornüber gefallen wäre

und hieb dann mit ihm, die Zähne verbissen, quer auf Tkatschows Gesicht,

auf den Kopf und Hände ein.

Der vor Schmerz und ohnmächtigem Haß fast wahnsinnige Tkatschow

taumelte, ließ den Hut fallen und suchte vergebens, sich mit den Armen

zu decken. Man sah, daß von ihm Blut spritzte.

Der vierte dieser scharfen, furchtbaren Hiebe traf schon auf Landes Arm.

Die Arme wie im Anfall einer sonderbaren Krankheit gegen Molotschajew

ausgestreckt, ganz blaß, rief er fest und befehlend: »Nicht mehr ... weg

mit dem Stock!«

Er deckte Tkatschow mit seinem Körper.

Eine Sekunde lang sah ihm Molotschajew mit toller Wut in die Augen. »Was

ist da noch gefällig! -- Endlich!« sagte er heiser, den Stock krampfhaft

gesenkt und in der Faust gepreßt, -- plötzlich schwang er ihn kurz und

hieb, eklig klatschend, Lande über die Backe.

Lande taumelte und wurde entsetzlich blaß. In seine Augen traten helle,

dicke Tränentropfen, und sie öffneten sich so weit, daß sich hinter

ihrem feuchten, leidenden Glanz sein ganzes Gesicht auflöste.

»Nun, mag es denn sein ... ja ...« er ließ die Worte von den Rändern der

feuchten, zitternden Lippen gleiten und schaute Molotschajew unverwandt

gerade in die Augen, regte sich aber nicht und wandte sich nicht ab. Mit

blinder, sinnloser Brutalität holte Molotschajew, nachdem er den Stock

beiseite geworfen, aus, und schlug mit der linken Hand zu, machte dann

einen Schritt vorwärts und schlug zum dritten Mal. Die letzte Ohrfeige

klatschte noch stärker, deutlich und flach. Lande taumelte zurück,

stolperte über die Bank und stürzte schwer, häßlich, von der Seite auf

sie, mit den Beinen in die Höhe schlagend.

Molotschajew drehte sich jäh um, schleuderte Tkatschow mit furchtbarer

Kraft beiseite und ging mit raschen, festen Schritten, ohne jemanden

anzublicken, fort.

Was dann geschah, war wie ein schwerer Fiebertraum: alle schrieen auf

einmal auf und stürzten im Haufen auf Lande zu. Tkatschow, mit dem

Ausdruck des Entsetzens und Flehens auf dem schwarzen, düsteren Gesicht,

setzte ihn mit bebenden Armen aufrecht hin. Marja Nikolajewna küßte

seine blassen, zitternden Finger. Schischmarjow versuchte ihm die Mütze

aufzusetzen und brüllte ganz zusammenhanglos irgend etwas vor sich hin.

Ssonja umschlang ihn mit dünnen, durchsichtigen Armen. Sie taumelten am

Rand des Abhanges, kopflos wie ein Schwarm unterm Schuß aufgeschreckter

Vögel hin und her.

»Herrgott! was war das nur?« fragte Marja Nikolajewna alle mit

grenzenlosem Entsetzen und kroch an Landes Füße heran, mit dem

unbewußten aber grellen Gefühl der Schuld, mit unendlicher Begeisterung

und Mitleid, Liebe und Empörung. Ihr schönes Gesicht war verzerrt, die

Haare auseinander gefallen, der Hut auf den Rücken gerutscht, der graue

Rock wand sich hilflos im Staub.

»Iwan Ferapontowitsch ... verzeihen Sie ... Verzeihen Sie mir!«

stammelte Tkatschow.

Lande wandte ihnen sein im Augenblick angeschwollenes Gesicht zu, mühte

sich, zu lächeln, faßte sie bei den Händen, streichelte sie unbewußt mit

seinen zitternden und schwach gewordenen Fingern. Seine Augen waren dick

geworden, aus Nase und Mund troff Blut, an der Schläfe war Erde und

zertretenes, grünes Gras kleben geblieben.

»Das macht nichts ...« sagte er, indem er mit Mühe die aufgedunsenen

Lippen bewegte. »Er wollte mich nicht treffen ... Es wird ihm später

selbst leid tun ... Ich gehe zu ihm ... warten Sie ...«

Ssonja schlug heiß ihre dünnen Hände zusammen, trat einen Schritt

zurück, und, ganz von glückseliger Begeisterung durchglüht, rief sie mit

heller Stimme aus:

»Wanja, Sie sind ein Heiliger!«

Lande machte eine schwächliche Handbewegung.

»Ach, was für Dummheiten reden Sie, Ssonja!«

Tkatschow riß sich verzweifelt die Haare.

Lande lächelte ihm eilig zu, erhob sich und ging mit ausgestreckten

Armen vorwärts. Und da sahen alle, daß Molotschajew nicht fortgegangen

war. Er stand zehn Schritte von ihnen, die Hände in den Hosentaschen und

blickte mit schiefem, selbstbewußtem Lachen auf Lande.

Marja Nikolajewna zitterte am ganzen Körper; mit einer krampfhaften

Bewegung stellte sie sich Lande in den Weg. »Sie dürfen es nicht, Sie

dürfen es nicht!« schrie sie mit schmerzlicher Anstrengung, mit

klirrender Stimme.

Aber Lande schob sie ernst zur Seite.

»Sie wissen nicht, was Sie reden!« sagte er einfach.

Mit demselben Ausdruck der Begeisterung und des Genusses zog sie Ssonja

am Ärmel zurück.

Lande kam auf den unbeweglichen Molotschajew, der ihn unverwandt

musterte, zu und streckte ihm seine Hand hin. Auf seinem verunstalteten

Gesicht lag Mitleid. Molotschajew errötete tief und schwer. In seinen

Augen flackerte erstickender Haß auf; mit kaltem Spott und Bosheit

sprach er gedehnt durch die Zähne: »Diese rührselige Komödie!«

Dann drehte er sich rasch und entschlossen um und ging, ohne sich

umzuwenden, fort.

Lande sah ihm lange nach; dann sank er auf einmal zusammen, setzte sich

auf die Bank und schlug mit einer bitteren, gramvollen Bewegung die

Hände vors Gesicht.

»Aber was heißt das, in der Tat!« rief Schischmarjow empört. »Du bist

wohl ganz und gar verrückt!«

Neben ihnen hatte sich ein Haufen Menschen von der Straße

zusammengedrängt; jetzt kicherte man vergnügt und neugierig.

Schischmarjow besann sich, sah sich rasch um, machte wütend kehrt und

ging fort.

»Hol dich der Teufel, du Holzklotz ... Ein Seliger!« stammelte er mit

einer Erbitterung, die ihn selber schmerzte.

Tkatschow stand mit herabhängenden Armen, als ob er plötzlich mit kaltem

Wasser begossen wäre da, und blickte Lande seltsam an; sachte verzogen

sich seine dünnen, bösen Lippen. »Sowas kann zu rein gar nichts taugen

...« sagte er mit beißendem Hohn, ganz unvermittelt, als ob er Lande

antwortete und ihn warnen wollte.

Alle schwiegen. Der leidenschaftliche Drang, der sie erfaßt hatte, war

ohnmächtig abgeflaut, es schien ihnen peinlich, überflüssig, stehen zu

bleiben, man wünschte fortzugehen, dieser Szene, die allen widerwärtig

war, ein Ende zu machen.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 36 / 45 题