Spät abends, als die blaue Dämmerung schon hinter der Stadt verklungen
war und der Staub sich gelegt hatte, war es still und wohl. Lande kam
allein von seinem Schüler, trug den Kopf gesenkt und dachte nach:
... Fünfzehn Rubel ... Fünf genügen mir vollständig; zehn muß ich Wassja
schicken ... Nur wird er sich ärgern! ...
Lande rieb gequält die Stirn.
... Ich werde ihm schreiben müssen, ich habe jetzt zwei Stunden ...
meinte er und wurde froh.
Es war schon ganz dunkel geworden; alle Konturen schienen weich und
zart. Am offenen Fenster, das wie ein schwarzer Flecken aussah, saß
Landes Mutter. Trauer und Einsamkeit lagen auf ihrer kaum sichtbaren, in
der Finsternis des Zimmer zerfließenden Gestalt. Lande erkannte sie von
weitem, sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Er sah sie zum ersten
Male wieder, seitdem sie ihm gesagt hatte, sie wolle von ihm nichts eher
wissen, bis er seine törichten Ansichten vom Leben geändert hätte. Als
sie es ihm mit kreischender Stimme zurief, war es Lande unmöglich, sie
anzusehen. Er war in schwerer Trauer fortgegangen. Später fürchtete er,
sie aufzusuchen; er glaubte, daß sie ihn noch einmal mit dieser fremden
Stimme, die sie selbst quälen und beunruhigen mußte, anschreien könne.
Aber als er sie jetzt einsam und gebeugt am Fenster sitzen sah,
erweiterte sich sein ganzes Wesen in lichter Zärtlichkeit und brennendem
Mitleid. Er sprang über einen Graben, stellte sich auf einen
Eckvorsprung und umarmte schweigend die Mutter. Und sie sagte kein Wort,
weinte nur freudig und fing an, seinen Kopf zu küssen, ihn an ihren
weichen, greisenhaften Busen zu drücken und sein Gesicht mit warmen
Tränen zu benetzen.
»Mama, meine Mama!« flüsterte Lande leise, und seine Lippen haschten
nach der vor Zärtlichkeit und Freude zitternden Hand.
»Mein lieber, mein goldner Junge!« klang eine unendlich teure,
schluchzende Stimme an sein Ohr. Eng verflochten sich ihre Seelen.
»Du gehst nicht mehr fort ... du verläßt deine Mutter nicht mehr?«
fragte sie ihn.
»Ich gehe nicht fort, gehe nirgends mehr hin!« antwortete er aus vollem
Herzen.
Die Nacht kam still und unmerklich. Lande stand immer noch auf dem
Gesims, und ihm schien, daß ihm in der ganzen Welt nichts als diese
stille, süße Liebe und Liebkosung gefehlt hatte.
Groß und schwarz, kam jemand von der anderen Seite des Grabens heran und
fragte:
»Iwan Ferapontowitsch, sind Sie es?«
Lande sah sich um, erkannte Molotschajew und sprang auf den Bürgersteig
hinunter.
»Ich komme gleich, Mama!« sagte er eilig. Er schwang sich über den
Graben und fragte: »Ich bin es ... Was wollen Sie?«
Molotschajew atmete schwer und dumpf; er sah verlegen aus.
»Ich möchte Ihnen ein paar Worte sagen! Wollen wir nicht lieber gehen?«
»Gewiß ... Bitte!«
Sie gingen die finstere, leere Straße hinunter. Molotschajew atmete
immer noch schwer und schaute gespannt vor sich hin.
»Ich wollte Ihnen sagen ... Sie haben sich mit Ihrer Mutter ausgesöhnt?«
Die Frage kam ihm selbst unerwartet.