An diesem Tag reiste Ssemjonow mit dem Nachmittagszug nach Jalta. Dort
konnte er, wie die Ärzte sagten, denen er nicht glaubte und doch glauben
wollte, gerettet werden. Alle hatten sich versammelt, um ihn zur Bahn zu
begleiten.
Ssemjonow fühlte sich sehr schlecht. Ihn freute nichts mehr. Ein
nagender, unverständlicher Schmerz hüllte ihn wie ein schwerer Nebel,
der ihn alles um sich nur undeutlich und trübe sehen ließ, ein.
Gleichgültig und kühl reiste er fort, als ob sein Körper schon
abgestorben sei, sein Geist aber nach innen gerichtet wäre, in die
bodenlose Tiefe seiner einsamen Schmerzen. Er war weder erfreut, noch
verdrossen, daß alle zum Abschied zu ihm gekommen waren. Ihm war es
gleich. Nur Lande machte ihm Sorgen, und diese unbegreifliche,
bekümmerte Aufmerksamkeit, die er für ihn hatte, berührte die anderen
eigentümlich, wie ein Lächeln auf dem Gesicht einer starren, kalten
Leiche.
»Nun, Lande, bleibe und lebe hier!« sagte er mit trockenem Hüsteln. »Und
wie wirst du essen?«
»Irgendwie ...« beruhigte ihn Lande lächelnd und fügte scherzhaft hinzu:
»Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie sähen nicht ...«
»Bist ein Dummkopf!« versetzte Ssemjonow zornig. »Du bist doch kein
Vogel ... Wenn man dich nicht füttert, wirst du vor Hunger krepieren.
Eigentlich sehr komisch! ... Wäre ich der liebe Gott, ich hätte dich
längst schon lebendig zu mir aufgenommen ... und in ein Irrenhaus
gesteckt.«
Lande lachte ansteckend lustig und gutmütig.
»Liebster Wassja, du bist der beste von allen Menschen, die ich je
gesehen habe ...«
»Und du der Dümmste ...« Ssemjonow machte eine verdrossene, ungeduldige
Handbewegung.
Er schwieg eine Weile.
»Schischmarjow versprach, dir Stunden zu verschaffen.«
»Na, also schön!« Lande war erfreut.
Schischmarjow und Molotschajew kamen zusammen.
»Sie fahren?« fragte gleichgültig der Maler.
»Natürlich!« erwiderte Ssemjonow unfreundlich.
»Einen Schüler hätte ich für Lande gefunden,« sagte Schischmarjow.
»Nun denn ... hörst du?« Ssemjonow blickte auf Lande.
»Es ist schon bald Zeit, zur Bahn zu fahren.« meinte Schischmarjow
besorgt, während er auf die Uhr sah.
Als Ssemjonow einen Augenblick hinausging, fragte Molotschajew
teilnahmslos.
»Wohin reist er? Nach Jalta? Mit welchen Mitteln?«
»Als Hauslehrer,« antwortete Schischmarjow und zuckte die Achseln: »wie
es Studentenbrauch ist!«
»Als Hauslehrer?« Molotschajew wunderte sich, und ein Schatten von
Mitleid glitt für eine Sekunde über sein Gesicht. »Wie kann er als
Hauslehrer gehn? Ihn wirft doch jeder Windstoß um!«
Lande stand auf, drückte hastig die Hand gegen seine Wange, wie in
plötzlichem Schmerz, setzte sich aber sofort wieder.
»Ach was!« meinte Schischmarjow, und er machte eine Miene, als wenn er
etwas Angenehmes sagte: »unsereiner, ein armer Teufel, kann nicht nach
solchen Feinheiten fragen! Hat noch bisher keinen umgeworfen? Also wird
es noch weiter gehen.«
Unter dem Fenster tauchte ein schwarzer, durchbrochener Schirm, dann ein
zweiter hellroter auf.
»Marja Nikolajewna und Ssonja kommen!« sagte Lande.
Sie traten zusammen mit Ssemjonow herein. Ssonja war ernst, still,
machte ihren Schirm zu und setzte sich ebenso Lande gegenüber in die
Ecke. Marja Nikolajewna lachte erregt und verlegen, grüßte kaum und
blieb mitten im Zimmer stehen, drehte den offenen Schirm auf dem Boden
herum, lachte, strahlte mit den Augen und den bloßen Armen und schien
Molotschajew überhaupt nicht zu sehen.
Als sie eintrat, fühlte Molotschajew, wie irgend eine Sehne in der
Kniekehle nervös zu zittern anfing. Er stand auf und trat an das
Fenster; nachlässig angelehnt warf er nur hin und wieder einen raschen,
gierigen Blick auf sie.
Der Fuhrmann kam. Man hatte schon von weitem den Wagen rasseln und die
Gäule schnauben hören.
»Na, gehen wir!« sagte Ssemjonow gleichgültig.
Lande wollte den Koffer nehmen, aber Molotschajew rief:
»Ach, was wollen Sie denn damit!« Er griff selbst zum Koffer und hob ihn
auf, als ob es eine Feder wäre, und trug ihn mit dem Vergnügen, seine
Kraft zeigen zu können. Marja Nikolajewna sah ihn nur flüchtig an und
schaute gleich auf Ssemjonow. Der gebeugte, kranke Student saß schon in
seinem verblichenen, grünlichen Mantel mit grüngewordenen Knöpfen in dem
Wagen, die Mütze hatte er tief über die Ohren gestülpt.
»Na, lebet wohl!« rief er traurig, als das Pferd anzog.
»Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen!« riefen ihm junge, lebhafte Stimmen
zu.
»Ja, halt!« Der Fuhrmann hielt ein. »Also du, Lande ... Übrigens, was
geht es mich an? Wie du willst! Lebe wohl!« er schnitt sich selbst das
Wort ab und fuhr weiter.
Seine gebeugte, unscheinbare Gestalt hüpfte lange noch inmitten der
Straße. Sie nahm sich ganz seltsam aus, war dunkel, es schien, daß in
dem hellen, lichten Tag voll Glanz und Freude nur auf ihn allein die
warme Sonne nicht scheinen wollte ... Ssonja weinte still.
»Ich begleite Sie, Marja Nikolajewna!« sagte Molotschajew; aus seiner
Stimme hörte sie gebieterischen Willen.
Ein ganz eigenartiger Schreck bemächtigte sich ihrer.
»Ich bleibe hier bei Ssonja,« sagte sie, obgleich sie zuvor nicht daran
gedacht hatte.
Molotschajew wurde tiefrot, und wieder stieg ein wollüstig-rachsüchtiges
Gefühl in ihm langsam empor.
»Das ist schön!« rief Lande freudig. »Gerade mit Ihnen möchte ich jetzt
sprechen!«
Molotschajew überflog ihn mit einem Blick; widerwärtige Eifersucht sog
an seinem mächtigen, schönen Körper und warf ihn in ohnmächtigem Grimm
zusammen.
»Wie Sie wollen ... Auf Wiedersehen! Gehen wir, Schischmarjow!«
In Ssemjonows Zimmer war es leer und kühl. Marja Nikolajewna hatte sich
an das Fenster zum Garten gesetzt, Ssonja faßte ihre weichen Knie, und
Lande stand neben ihr.
»Warum wollten Sie gerade mit mir sprechen?« fragte Marja Nikolajewna
und lächelte.
Lande lächelte ebenfalls aber freudig.
»Weil Sie so jung und schön und gut sind, möchte ich gerade mit Ihnen
sprechen ... Die Sonne scheint so warm, so gut ...«
Marja Nikolajewna lachte hell und glücklich.
»Als ob ich wirklich so wäre!«
»Ganz gewiß. Sie sind es! ...« wiederholte Lande mit naiver Überzeugung.
»Und wie schön ist das.«
»Was?«
»Daß es wie Sie schöne, zarte, junge Frauen gibt! Ich glaube immer, daß
Gott nur dazu den Menschen weibliche Jugend, Schönheit und Zartheit
geschenkt hätte, damit sie nicht ganz an Freude und Liebe verzweifeln,
solange ihre entsetzlich schwere, freudlose Arbeit am Leben dauert.«
Ssonja ließ kein Auge von ihm, unter den Lauten seiner Stimme wurden
ihre blassen Wangen rosiger und lebendiger.
»Dann werden also, sobald diese Arbeit einmal beendet ist, gar keine
Frauen mehr nötig sein?« fragte Marja Nikolajewna nachdenklich.
»Nein, weshalb?« erwiderte Lande freudig. »Sie werden bleiben ... ebenso
herrlich, nur werden dann alle und alles ebenso herrlich, jung und zart
sein. Dann wird einst alles hell und heiter werden, jetzt aber sind sie
nur ein Strahl von dort, von dieser hellen Zukunft.«
Lande schwieg eine Weile und fügte hinzu:
»Mir tut es immer leid ... ich weiß nicht, vielleicht ist es ein
häßliches Gefühl ... wenn sich ein junges, glückliches Mädchen einem
gierigen, brutalen Mann hingebt ... Ich bin froh über ihr Glück; aber
gleichzeitig tut sie mir leid. Als ob jemand ein klares Flämmchen, das
für alle geleuchtet hatte, in seinen Besitz nimmt, fortschleppt,
auslöscht ... Ich glaube, übrigens, daß ich nicht aus schlechtem Gefühl
so empfinde ... es tut mir nur leid, weil viel zu wenig Menschen solche
Flämmchen besitzen! ...«
»Aber es kann doch gar nicht anders sein!« erwiderte Marja Nikolajewna
leise und senkte den Kopf. Ihr erschien, daß er von ihr sprach.
»Ja, ja,« gab Lande eilig zu, »gewiß nicht! ... Mir tut es nur leid, daß
die Jugend und Schönheit nicht Allgemeingut sein kann. Übrigens, die
Menschen glauben, daß das schlecht wäre ... Ich weiß nicht ...
vielleicht ...«
Es war still und hell. Die reine, durchsichtige Luft versilberte jeden
Laut und kleidete jeden Atemzug in Freude. Marja Nikolajewna wandte
Lande ihre Augen zu, und eine seltsame Empfindung durchzuckte sie: für
einen Augenblick überkam sie leidenschaftlich, wie nie zuvor, das
Verlangen nach Leben; ihr schien, daß sie dazu imstande wäre und es tun
wird: alle zu lieben, allen Lust, Genuß, Licht und Freude, ihre Jugend
und Schönheit, ihren herrlichen, kraftvollen Körper hinzugeben. Das
durchlief sie und verschwand; es blieb nur, wie eine tiefe Furche,
nachdenkliche Zärtlichkeit und stille Zuneigung für diesen stillen,
schwachen Menschen mit den herrlichen Augen zurück, der neben ihr stand.
Lande sah sie klar und heiter an; da wünschte sie, undeutlich, zum
ersten Mal, mit ihm eins zu werden. Ein leichter, schamhafter Gedanke
huschte voran und beleuchtete klar die zukünftige Vereinigung ihres
reichen Körpers mit jenem sonderbaren, träumerisch-zarten Wesen, das er
in seiner Seele trug. Eine Vorahnung des unendlichen Glückes überflutete
sie wie eine unaufhaltsame Woge von Rührung und Wonne.
Marja Nikolajewnas Schultern zogen sich geschmeidig zusammen. An ihren
Knien machte Ssonja plötzlich eine kaum merkliche spröde Bewegung, als
ob etwas leise gekracht hätte.
»Mir war noch nie im Leben so eigentümlich und wohlig zumute,« sprach
Marja Nikolajewna unwillkürlich laut.
»Sie müssen sich doch immer gut fühlen!« sagte Lande mit feuchten Augen.
»Es ist doch solch ein Glück, so viel Schönheit in sich zu fühlen, zu
wissen, welche Freude man allen damit bereitet.«
»Nicht immer!« erwiderte Marja Nikolajewna kaum vernehmlich, während sie
den Kopf zurückwarf und den Nacken gegen das kalte, harte Fensterkreuz
stemmte.
»Vielleicht dann nicht,« sagte Lande, »wenn die Menschen zu ihrem
eigenen Schaden weiblicher Jugend und Schönheit roh, unachtsam
gegenübertreten ... Wenn sie sie erst begriffen hätten, dann würden sie
ihre besten Kräfte, alle Möglichkeiten ihrer Seele aufbieten, damit das
Leben veredelt wird. Wie leicht wäre es dann, zu arbeiten und zu
warten!«
»Lande!« schrie vom Hof her Schischmarjow. »Wo bist du?«
Alle fuhren zusammen; es fiel ihnen schwer, zu sich zu kommen. Lande
ging eilig heraus. Man hörte, wie ihm Schischmarjow eindringlich sagte:
»Wir sind zu dir gekommen. Die Mutter des Gymnasiasten, den ich für dich
gefunden habe, bittet, ich möchte dich gleich zu ihr schleppen; sie will
mit dir sprechen.«
»Ich komme gleich ...« antwortete Lande mechanisch, fast traurig.
Marja Nikolajewna seufzte tief, legte ihren Arm um Ssonjas dünnen Hals
und zog sie an sich.
»Manja ...« rief Ssonja feierlich.
Marja Nikolajewna blickte ihr schweigend in die Augen. Sie waren dicht
an den ihren. Dunkel, entschlossen, voll unnatürlicher Erhebung und
Begeisterung.
»Ich wollte dir sagen ...« fuhr Ssonja ebenso feierlich fort. »Heirate
Wanja!«
Eine zarte, gleich wieder geschwundene Röte hatte die Wangen des
Mädchens bedeckt. Schweigend drückte sie Ssonja einen zarten Kuß auf die
hohe, kühle Stirn, wo der glattgestrichene Scheitel ansetzte.
Lande trat herein.
»Ich muß gehen!« sagte er mit Bedauern.
»Ich gehe mit Ihnen mit,« Marja Nikolajewna blickte ihm eigenartig,
lange und tief ins Gesicht. Sie erhob sich und ordnete die Frisur. In
ihr war ein festes, ruhiges und volles Gefühl.
Sie trat hinter Lande auf die Stufen hinaus und sah plötzlich neben
Schischmarjow das schöne, herbe und ein wenig blasse Gesicht
Molotschajews, der sie unverwandt anstarrte. Sie wandte sich verdrossen
ab.
... Wie konnte ich das gestern nur! ging es ihr ärgerlich durch den
Kopf.
Als Ssonja allein geblieben war, schaute sie lange regungslos durch das
Fenster; das Laub des Gartens verschwamm vor ihren Augen. Dann stand sie
auf, seufzte krampfhaft, legte den leichten Ärmel des Kleides zurück und
biß sich aus voller Kraft in den blassen, dünnen Arm. Auf der bleichen,
feinen Haut traten zwei Reihen roter Flecken hervor. Ssonja sah lange
trotzig zu, wie die weißen Fleckchen sich rasch mit Blut füllten und ein
kleines purpurrotes Kränzchen bildeten.