XIV

An diesem Tag reiste Ssemjonow mit dem Nachmittagszug nach Jalta. Dort

konnte er, wie die Ärzte sagten, denen er nicht glaubte und doch glauben

wollte, gerettet werden. Alle hatten sich versammelt, um ihn zur Bahn zu

begleiten.

Ssemjonow fühlte sich sehr schlecht. Ihn freute nichts mehr. Ein

nagender, unverständlicher Schmerz hüllte ihn wie ein schwerer Nebel,

der ihn alles um sich nur undeutlich und trübe sehen ließ, ein.

Gleichgültig und kühl reiste er fort, als ob sein Körper schon

abgestorben sei, sein Geist aber nach innen gerichtet wäre, in die

bodenlose Tiefe seiner einsamen Schmerzen. Er war weder erfreut, noch

verdrossen, daß alle zum Abschied zu ihm gekommen waren. Ihm war es

gleich. Nur Lande machte ihm Sorgen, und diese unbegreifliche,

bekümmerte Aufmerksamkeit, die er für ihn hatte, berührte die anderen

eigentümlich, wie ein Lächeln auf dem Gesicht einer starren, kalten

Leiche.

»Nun, Lande, bleibe und lebe hier!« sagte er mit trockenem Hüsteln. »Und

wie wirst du essen?«

»Irgendwie ...« beruhigte ihn Lande lächelnd und fügte scherzhaft hinzu:

»Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie sähen nicht ...«

»Bist ein Dummkopf!« versetzte Ssemjonow zornig. »Du bist doch kein

Vogel ... Wenn man dich nicht füttert, wirst du vor Hunger krepieren.

Eigentlich sehr komisch! ... Wäre ich der liebe Gott, ich hätte dich

längst schon lebendig zu mir aufgenommen ... und in ein Irrenhaus

gesteckt.«

Lande lachte ansteckend lustig und gutmütig.

»Liebster Wassja, du bist der beste von allen Menschen, die ich je

gesehen habe ...«

»Und du der Dümmste ...« Ssemjonow machte eine verdrossene, ungeduldige

Handbewegung.

Er schwieg eine Weile.

»Schischmarjow versprach, dir Stunden zu verschaffen.«

»Na, also schön!« Lande war erfreut.

Schischmarjow und Molotschajew kamen zusammen.

»Sie fahren?« fragte gleichgültig der Maler.

»Natürlich!« erwiderte Ssemjonow unfreundlich.

»Einen Schüler hätte ich für Lande gefunden,« sagte Schischmarjow.

»Nun denn ... hörst du?« Ssemjonow blickte auf Lande.

»Es ist schon bald Zeit, zur Bahn zu fahren.« meinte Schischmarjow

besorgt, während er auf die Uhr sah.

Als Ssemjonow einen Augenblick hinausging, fragte Molotschajew

teilnahmslos.

»Wohin reist er? Nach Jalta? Mit welchen Mitteln?«

»Als Hauslehrer,« antwortete Schischmarjow und zuckte die Achseln: »wie

es Studentenbrauch ist!«

»Als Hauslehrer?« Molotschajew wunderte sich, und ein Schatten von

Mitleid glitt für eine Sekunde über sein Gesicht. »Wie kann er als

Hauslehrer gehn? Ihn wirft doch jeder Windstoß um!«

Lande stand auf, drückte hastig die Hand gegen seine Wange, wie in

plötzlichem Schmerz, setzte sich aber sofort wieder.

»Ach was!« meinte Schischmarjow, und er machte eine Miene, als wenn er

etwas Angenehmes sagte: »unsereiner, ein armer Teufel, kann nicht nach

solchen Feinheiten fragen! Hat noch bisher keinen umgeworfen? Also wird

es noch weiter gehen.«

Unter dem Fenster tauchte ein schwarzer, durchbrochener Schirm, dann ein

zweiter hellroter auf.

»Marja Nikolajewna und Ssonja kommen!« sagte Lande.

Sie traten zusammen mit Ssemjonow herein. Ssonja war ernst, still,

machte ihren Schirm zu und setzte sich ebenso Lande gegenüber in die

Ecke. Marja Nikolajewna lachte erregt und verlegen, grüßte kaum und

blieb mitten im Zimmer stehen, drehte den offenen Schirm auf dem Boden

herum, lachte, strahlte mit den Augen und den bloßen Armen und schien

Molotschajew überhaupt nicht zu sehen.

Als sie eintrat, fühlte Molotschajew, wie irgend eine Sehne in der

Kniekehle nervös zu zittern anfing. Er stand auf und trat an das

Fenster; nachlässig angelehnt warf er nur hin und wieder einen raschen,

gierigen Blick auf sie.

Der Fuhrmann kam. Man hatte schon von weitem den Wagen rasseln und die

Gäule schnauben hören.

»Na, gehen wir!« sagte Ssemjonow gleichgültig.

Lande wollte den Koffer nehmen, aber Molotschajew rief:

»Ach, was wollen Sie denn damit!« Er griff selbst zum Koffer und hob ihn

auf, als ob es eine Feder wäre, und trug ihn mit dem Vergnügen, seine

Kraft zeigen zu können. Marja Nikolajewna sah ihn nur flüchtig an und

schaute gleich auf Ssemjonow. Der gebeugte, kranke Student saß schon in

seinem verblichenen, grünlichen Mantel mit grüngewordenen Knöpfen in dem

Wagen, die Mütze hatte er tief über die Ohren gestülpt.

»Na, lebet wohl!« rief er traurig, als das Pferd anzog.

»Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen!« riefen ihm junge, lebhafte Stimmen

zu.

»Ja, halt!« Der Fuhrmann hielt ein. »Also du, Lande ... Übrigens, was

geht es mich an? Wie du willst! Lebe wohl!« er schnitt sich selbst das

Wort ab und fuhr weiter.

Seine gebeugte, unscheinbare Gestalt hüpfte lange noch inmitten der

Straße. Sie nahm sich ganz seltsam aus, war dunkel, es schien, daß in

dem hellen, lichten Tag voll Glanz und Freude nur auf ihn allein die

warme Sonne nicht scheinen wollte ... Ssonja weinte still.

»Ich begleite Sie, Marja Nikolajewna!« sagte Molotschajew; aus seiner

Stimme hörte sie gebieterischen Willen.

Ein ganz eigenartiger Schreck bemächtigte sich ihrer.

»Ich bleibe hier bei Ssonja,« sagte sie, obgleich sie zuvor nicht daran

gedacht hatte.

Molotschajew wurde tiefrot, und wieder stieg ein wollüstig-rachsüchtiges

Gefühl in ihm langsam empor.

»Das ist schön!« rief Lande freudig. »Gerade mit Ihnen möchte ich jetzt

sprechen!«

Molotschajew überflog ihn mit einem Blick; widerwärtige Eifersucht sog

an seinem mächtigen, schönen Körper und warf ihn in ohnmächtigem Grimm

zusammen.

»Wie Sie wollen ... Auf Wiedersehen! Gehen wir, Schischmarjow!«

In Ssemjonows Zimmer war es leer und kühl. Marja Nikolajewna hatte sich

an das Fenster zum Garten gesetzt, Ssonja faßte ihre weichen Knie, und

Lande stand neben ihr.

»Warum wollten Sie gerade mit mir sprechen?« fragte Marja Nikolajewna

und lächelte.

Lande lächelte ebenfalls aber freudig.

»Weil Sie so jung und schön und gut sind, möchte ich gerade mit Ihnen

sprechen ... Die Sonne scheint so warm, so gut ...«

Marja Nikolajewna lachte hell und glücklich.

»Als ob ich wirklich so wäre!«

»Ganz gewiß. Sie sind es! ...« wiederholte Lande mit naiver Überzeugung.

»Und wie schön ist das.«

»Was?«

»Daß es wie Sie schöne, zarte, junge Frauen gibt! Ich glaube immer, daß

Gott nur dazu den Menschen weibliche Jugend, Schönheit und Zartheit

geschenkt hätte, damit sie nicht ganz an Freude und Liebe verzweifeln,

solange ihre entsetzlich schwere, freudlose Arbeit am Leben dauert.«

Ssonja ließ kein Auge von ihm, unter den Lauten seiner Stimme wurden

ihre blassen Wangen rosiger und lebendiger.

»Dann werden also, sobald diese Arbeit einmal beendet ist, gar keine

Frauen mehr nötig sein?« fragte Marja Nikolajewna nachdenklich.

»Nein, weshalb?« erwiderte Lande freudig. »Sie werden bleiben ... ebenso

herrlich, nur werden dann alle und alles ebenso herrlich, jung und zart

sein. Dann wird einst alles hell und heiter werden, jetzt aber sind sie

nur ein Strahl von dort, von dieser hellen Zukunft.«

Lande schwieg eine Weile und fügte hinzu:

»Mir tut es immer leid ... ich weiß nicht, vielleicht ist es ein

häßliches Gefühl ... wenn sich ein junges, glückliches Mädchen einem

gierigen, brutalen Mann hingebt ... Ich bin froh über ihr Glück; aber

gleichzeitig tut sie mir leid. Als ob jemand ein klares Flämmchen, das

für alle geleuchtet hatte, in seinen Besitz nimmt, fortschleppt,

auslöscht ... Ich glaube, übrigens, daß ich nicht aus schlechtem Gefühl

so empfinde ... es tut mir nur leid, weil viel zu wenig Menschen solche

Flämmchen besitzen! ...«

»Aber es kann doch gar nicht anders sein!« erwiderte Marja Nikolajewna

leise und senkte den Kopf. Ihr erschien, daß er von ihr sprach.

»Ja, ja,« gab Lande eilig zu, »gewiß nicht! ... Mir tut es nur leid, daß

die Jugend und Schönheit nicht Allgemeingut sein kann. Übrigens, die

Menschen glauben, daß das schlecht wäre ... Ich weiß nicht ...

vielleicht ...«

Es war still und hell. Die reine, durchsichtige Luft versilberte jeden

Laut und kleidete jeden Atemzug in Freude. Marja Nikolajewna wandte

Lande ihre Augen zu, und eine seltsame Empfindung durchzuckte sie: für

einen Augenblick überkam sie leidenschaftlich, wie nie zuvor, das

Verlangen nach Leben; ihr schien, daß sie dazu imstande wäre und es tun

wird: alle zu lieben, allen Lust, Genuß, Licht und Freude, ihre Jugend

und Schönheit, ihren herrlichen, kraftvollen Körper hinzugeben. Das

durchlief sie und verschwand; es blieb nur, wie eine tiefe Furche,

nachdenkliche Zärtlichkeit und stille Zuneigung für diesen stillen,

schwachen Menschen mit den herrlichen Augen zurück, der neben ihr stand.

Lande sah sie klar und heiter an; da wünschte sie, undeutlich, zum

ersten Mal, mit ihm eins zu werden. Ein leichter, schamhafter Gedanke

huschte voran und beleuchtete klar die zukünftige Vereinigung ihres

reichen Körpers mit jenem sonderbaren, träumerisch-zarten Wesen, das er

in seiner Seele trug. Eine Vorahnung des unendlichen Glückes überflutete

sie wie eine unaufhaltsame Woge von Rührung und Wonne.

Marja Nikolajewnas Schultern zogen sich geschmeidig zusammen. An ihren

Knien machte Ssonja plötzlich eine kaum merkliche spröde Bewegung, als

ob etwas leise gekracht hätte.

»Mir war noch nie im Leben so eigentümlich und wohlig zumute,« sprach

Marja Nikolajewna unwillkürlich laut.

»Sie müssen sich doch immer gut fühlen!« sagte Lande mit feuchten Augen.

»Es ist doch solch ein Glück, so viel Schönheit in sich zu fühlen, zu

wissen, welche Freude man allen damit bereitet.«

»Nicht immer!« erwiderte Marja Nikolajewna kaum vernehmlich, während sie

den Kopf zurückwarf und den Nacken gegen das kalte, harte Fensterkreuz

stemmte.

»Vielleicht dann nicht,« sagte Lande, »wenn die Menschen zu ihrem

eigenen Schaden weiblicher Jugend und Schönheit roh, unachtsam

gegenübertreten ... Wenn sie sie erst begriffen hätten, dann würden sie

ihre besten Kräfte, alle Möglichkeiten ihrer Seele aufbieten, damit das

Leben veredelt wird. Wie leicht wäre es dann, zu arbeiten und zu

warten!«

»Lande!« schrie vom Hof her Schischmarjow. »Wo bist du?«

Alle fuhren zusammen; es fiel ihnen schwer, zu sich zu kommen. Lande

ging eilig heraus. Man hörte, wie ihm Schischmarjow eindringlich sagte:

»Wir sind zu dir gekommen. Die Mutter des Gymnasiasten, den ich für dich

gefunden habe, bittet, ich möchte dich gleich zu ihr schleppen; sie will

mit dir sprechen.«

»Ich komme gleich ...« antwortete Lande mechanisch, fast traurig.

Marja Nikolajewna seufzte tief, legte ihren Arm um Ssonjas dünnen Hals

und zog sie an sich.

»Manja ...« rief Ssonja feierlich.

Marja Nikolajewna blickte ihr schweigend in die Augen. Sie waren dicht

an den ihren. Dunkel, entschlossen, voll unnatürlicher Erhebung und

Begeisterung.

»Ich wollte dir sagen ...« fuhr Ssonja ebenso feierlich fort. »Heirate

Wanja!«

Eine zarte, gleich wieder geschwundene Röte hatte die Wangen des

Mädchens bedeckt. Schweigend drückte sie Ssonja einen zarten Kuß auf die

hohe, kühle Stirn, wo der glattgestrichene Scheitel ansetzte.

Lande trat herein.

»Ich muß gehen!« sagte er mit Bedauern.

»Ich gehe mit Ihnen mit,« Marja Nikolajewna blickte ihm eigenartig,

lange und tief ins Gesicht. Sie erhob sich und ordnete die Frisur. In

ihr war ein festes, ruhiges und volles Gefühl.

Sie trat hinter Lande auf die Stufen hinaus und sah plötzlich neben

Schischmarjow das schöne, herbe und ein wenig blasse Gesicht

Molotschajews, der sie unverwandt anstarrte. Sie wandte sich verdrossen

ab.

... Wie konnte ich das gestern nur! ging es ihr ärgerlich durch den

Kopf.

Als Ssonja allein geblieben war, schaute sie lange regungslos durch das

Fenster; das Laub des Gartens verschwamm vor ihren Augen. Dann stand sie

auf, seufzte krampfhaft, legte den leichten Ärmel des Kleides zurück und

biß sich aus voller Kraft in den blassen, dünnen Arm. Auf der bleichen,

feinen Haut traten zwei Reihen roter Flecken hervor. Ssonja sah lange

trotzig zu, wie die weißen Fleckchen sich rasch mit Blut füllten und ein

kleines purpurrotes Kränzchen bildeten.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 32 / 45 题