Die Nacht war heiß, drückend, voll sonderbarer, unruhiger Träume, voll
erhitzten, unbefriedigten Blutes. Erst beim Tagesgrauen fiel Marja
Nikolajewna in einen ruhigen, weichen Schlaf, erwachte aber früh, am
sonnigen Morgen. Ein ganzer Strom lichter, frischer Luft drang zum
Fenster herein und erfüllte das Zimmer mit dem unendlich leichten,
blendenden Licht des freudigen Morgens.
Die Kissen waren zerknüllt, das Laken hing zum Boden herunter, das Hemd
war von den Schultern geglitten, zeigte die zarten, weichen Füße, wand
sich eng an den runden und feinen Körper, der es wie weiße Wellen trug.
Die schwarzen Haare waren auseinander gefallen, die Arme hatte sie in
einer wonnigen, geschmeidigen Bewegung hinter den Kopf verschränkt, ihre
Augen blickten freudig, fragend; eine gewisse undeutliche und doch
bestimmte Erwartung lebte in ihrer dunklen Tiefe.
Sie schämte sich dessen und fand es doch gleichzeitig eigenartig und
äußerst interessant, was sich gestern im Garten abgespielt hatte. Die
rosigen Zehen an ihren kleinen vollen Füßchen spreizten sich leise;
darin, daß es die einzige, kaum merkliche Bewegung des von der
Erinnerung gespannten, geschmeidigen Körpers war, lag ein trotziger,
selbständiger Zug.
Sie senkte langsam den Blick, ließ ihn über den ganzen Körper gleiten;
ihr Herz schlug plötzlich angenehm und bange; sie schauerte zusammen,
wußte selbst nicht warum, sprang auf, streckte sich geschmeidig und
leidenschaftlich und blieb mit einem einzigen Ruck halbnackt und rosig
hochaufgerichtet stehen.
Ssonja, die bei ihr schlief, schlug die Augen auf. Sie lag klein und
schmächtig unter der grauen Decke, und sah, ohne sich zu regen,
forschend und ernst Marja Nikolajewna an, als ob sie wüßte, was in ihr
vorging, aber es erst durchdenken müßte.
Marja Nikolajewna sah ihre weitgeöffneten, strengen Augen, fuhr
erschrocken, schmerzhaft zusammen und stürzte sich auch jetzt, ohne zu
wissen, warum, auf Ssonja, umschloß den mageren Körper mit ihren vollen,
nackten Armen und drückte ihn an ihre elastische Brust.
»Ach, Ssonjka, Ssonjka,« sagte sie freudig und schamhaft, »wie schön ist
es zu leben!«
Ssonja hob den blassen, zerzausten Kopf, überlegte ein Weilchen und
sagte dann:
»Ich weiß es nicht ...«
Marja Nikolajewna warf ihr einen einsichtigen, in sich vertieften Blick
zu und lachte dann mitleidig und überlegen:
»Bist noch ein dummes Ding, Ssonjka! ... Du verstehst noch nichts.«
Ssonja setzte sich auf, die dünnen nackten Arme fielen am Körper herab.
»Ich verstehe alles!« erwiderte sie mit unumstößlicher Überzeugung, »nur
kann ich es manchmal nicht aussprechen! ... Nur das Große ist im Leben
wichtig! ...«
Marja Nikolajewna fing an, hin und her zu schaukeln, sah dabei aber
nicht sie an, sondern ihre feine, bläuliche Haut, die sich an den
Gelenken der durchgedrückten, rosigen Arme in Falten legte und sich
bewegte.
»Ssonja, warum bist du nur so lächerlich und ernst?«
»Ein ernster Mensch kann nicht lächerlich sein. ... Beides zusammen gibt
es nicht,« erwiderte Ssonja mit nachsichtiger Überlegenheit, als spreche
sie mit einem mutwilligen Kind.
»Doch, es kann! Du Lächerliche, Ernste ... du Liebe!« Marja Nikolajewnas
Stimme klang singend, ganz durchstrahlt von leidenschaftlicher Freude.
»Du wirst wahrscheinlich niemals anders werden ... Und wirst auch nie
leben!«
»Ich weiß, wie ich leben werde ...« erwiderte Ssonja nachdenklich.
»Wie?«
»Ich weiß schon ... Nicht wie alle ... wie es sich wirklich zu leben
verlohnt, um ... zu etwas Höherem ... Ich werde wie Wanja leben,« schloß
sie triumphierend. Plötzlich errötete sie furchtbar und wurde zu einem
wunderbar zärtlichen, lieben Mädchen, das man unter Tränen und Lachen
abküssen möchte.
Marja Nikolajewna küßte sie auch, lachte und schüttelte sie, und beide
wälzten sich halbnackt im Bett und verwickelten sich in dem Laken; die
eine geschmeidig, kräftig und elastisch, die andere dünn und
zerbrechlich. Zwei Mädchen, die das Weib in sich fühlen.