Marja Nikolajewna saß am offenen Fenster und schaute unverwandt, in
Gedanken versunken auf die lange Straße, deren eine Seite von
grünlich-blauem Mondenschein überflutet war, während die andere im
tiefen Dunkel lag. Fern flimmerten hell und kühl die Sterne, schwarze
Bäume standen wie versteinert im Mondschein. Es war leer und kühl.
Aus der Ferne ertönten einsame Schritte, die still und deutlich auf den
Brettern des Bürgersteigs widerhallten. Ein unsichtbarer Mensch kam
durch die Nacht, immer näher und näher. Es war sonderbar und
geheimnisvoll, diese Schritte zu hören, als ob sich in der kühlen,
klingenden Stille die Töne von selbst näherten und ein eigenes einsames
Geheimnis mit sich trügen.
Marja Nikolajewna lehnte weit aus dem Fenster und als sich in der
Dunkelheit ein schwarzer Schatten abzuheben begann, sah sie genauer hin,
erkannte ihn und rief: »Iwan Ferapontowitsch, sind Sie das?«
Lande fuhr zusammen und blieb stehen, dann lächelte er freudig und ging
auf sie zu.
»Wo gehen Sie hin?« fragte das Mädchen, als er direkt vor ihr stand.
»Nach Hause ... zu Ssemjonow. Ich wohne doch jetzt bei ihm ... vorläufig
...« erwiderte Lande schwach und müde.
Er stand dicht am Fenster, und das Mädchen sah ganz deutlich sein
eingefallenes Gesicht mit unnatürlich großen Augen. Das Gefühl
neugierigen Mitleides, jenes Gefühl, welches Lande stets in ihr
hervorrief, erhob sich in ihrer Brust, ebenso rein, jung und kraftvoll,
wie diese junge Brust selbst.
»Iwan Ferapontowitsch ...« fragte sie weich; ihr war vor ihm bange. »Ist
es wahr, daß Sie mit Ihrer Mutter vollständig gebrochen haben?«
Doch sofort erschrak sie und sprach hastig weiter, als ob es ihr um die
unwillkürliche Frage leid tat: »Ich frage Sie, weil Sie und Ihre Mutter
mir so leid tun ... und bei Ihnen darf man doch nach allem fragen ...
nicht wahr?«
»Mich kann man fragen ...« antwortete Lande mechanisch. Er hatte
offenbar ihr Erschrecken nicht bemerkt; er sagte traurig und
nachdenklich: »Ich habe mit ihr nicht gebrochen, -- ich habe nie und mit
niemandem gebrochen ... Meine Mutter liebe ich auch jetzt -- vielleicht
sogar mehr noch, weil sie unglücklich ist ... Ich bin nur fortgegangen,
um allein zu leben ... Da mußte ich eben wählen: entweder nicht so
leben, wie mich meine Überzeugung heißt, oder fortgehen ... Ich glaube,
Sie hätten ebenso gehandelt ... wie ich.«
Marja Nikolajewna sah ihn mit zutraulichen Blicken an. »Nein, ich könnte
es nicht ... wie käme ich dazu!« wehrte sie mit schwachem Lächeln ab.
»Wissen Sie,« fuhr Lande, der nicht zugehört hatte, fort, und ein Ton
feierlicher Trauer lag in seiner Stimme, -- »es ist leichter das Leben
zu opfern, als ... doch nein, ich verstehe nicht, es auszusprechen!« ...
er lachte plötzlich kurz und traurig auf und verstummte.
»Wo waren Sie denn?« fragte Marja Nikolajewna nach einer Pause.
»Im Kloster,« antwortete Lande.
»Haben Sie zu Gott gebetet?« fragte scherzhaft das Mädchen.
»Nein, ich ging so hin ... dort ist es so still ... Und übrigens, ich
habe auch gebetet ...« erwiderte Lande ernst, als ob er ihren Scherz
weder verurteilen, noch an ihm teilnehmen könne.
»Glauben Sie denn an Gott?« fragte sie mit jugendlich leichtsinniger
Neugierde.
Lande blickte sie an.
»Es ist unmöglich, nicht an Ihn zu glauben!« erwiderte er still und
überzeugt, fast verwundert.
»Warum unmöglich? Ich z. B. glaube nicht an ihn.« Marja Nikolajewna
senkte ein wenig den Kopf, als ob sie auf die süßen Töne ihrer Stimme
lauschte.
»Sagen Sie das nicht!« versetzte Lande heiß und innig. »Das ist nicht
wahr. Alle glauben, und auch Sie glauben ...«
Er streckte plötzlich seine Hand aus und ergriff ihre feinen, zarten
Finger. »Blicken Sie nur auf und Sie werden sehen, daß es unmöglich ist,
nicht zu glauben ... Schauen Sie in den Himmel, schauen Sie!«
Unwillkürlich hob Marja Nikolajewna den Kopf, und von unten erschienen
Lande ihre großen Augen voll tiefer Sehnsucht.
Kein Ende sah man für die Weite des Himmels und keinen Boden gab es für
die strahlende Tiefe. Je mehr sie hineinsah, um so ferner und höher,
unfaßbar, gingen die Sterne fort und schwanden gegenstandslos in dem
unübersehbaren Raum. Es war, als ob das geheimnisvoll-feierliche
Schweigen irgend eine unergründliche schwingende Bewegung durch seine
ewige Kühle zum Stillstand gebracht und gefesselt hätte. Eine
überdenkliche Kraft hob ein gewaltiges, undurchdringlich durchsichtiges
Gewölbe über den Weltenraum und erstarrte in ungeheurer Spannung.
»Wie furchtbar ist es da!« sagte Marja Nikolajewna plötzlich mit
bebender Stimme. »Und wenn das einmal zusammenstürzt ... Herrgott,
könnte man sich denken, vorstellen, was da sein würde! ...«
Lande lächelte zärtlich und still; leise fuhr er gleichmäßig streichelnd
über ihre Hand.
»Nein, es stürzt nicht zusammen!« sagte er. »Schauen Sie, was für eine
erdrückend grenzenlose Größe das ist, und wir sind so klein, so klein;
wir können nicht einmal den tollen Wirbel sehen, in dem alles
dahinsaust. Vergegenwärtigen Sie das sich nur: wie klein muß doch der
Mensch sein! In jedem Augenblick, in jedem millionsten Teil eines
Augenblickes trägt ein furchtbarer Rausch das Riesengebäude der Welt in
unbegreifliche Fernen; wir aber sehen nur Starrheit ... Welch ein Orkan
von überwältigenden Tönen muß das sein; uns gaukelt es feierliche Stille
vor! ... Und trotzdem schreiten wir, die so winzig sind, so frei
vorwärts, als ob alle diese Riesenmassen uns aus dem Wege gingen! Als ob
uns eine Hand leitet, die uns durch jedes Hindernis hindurchführen kann.
Das geringste Teilchen der feindlichen Kraft könnte uns hinwegwischen;
aber die menschliche Geschichte bewegt und entfaltet sich so frei, als
ob sie in allem der Mittelpunkt wäre. Damit etwas so Kleines, Schwaches
derart auf seiner Bahn gehen konnte, sicher, daß es zum Ziele vordringen
wird, ist es notwendig, daß es zu irgend einem Zweck in der Welt nötig
wäre und daß es vom Weltwillen für eine Zeit bewahrt würde, wenn ...«
Lande schwieg eine Weile, sah mit glänzenden Augen nach oben und fuhr
fort:
»Scheint es Ihnen nicht so, als ob alles erstarrt wäre und wartete, bis
hier, auf der Erde, etwas geschieht, was einmal geschehen muß ... Und
wenn das eintrifft, dann wird alles urplötzlich in Bewegung geraten,
hier vernichtet, dort geschaffen werden, irgend ein neues Licht
aufleuchten, neue Formen, neues Leben emporsteigen.«
»Manchmal ist es so,« antwortete still Marja Nikolajewna. Ihr war
eigentlich bange zumute. Etwas wuchs vor ihr hoch, ungeheuer groß wie
aus der Ewigkeit in die Ewigkeit, wie aus einem unendlichen Raum in
einen unendlichen Raum hinein. Die Stille der Nacht schwang sich wie
eine feierlich dröhnende, dräuende Musik vor ihr.
»Wie wunderbar, wie kompliziert ist das alles!« sprach Lande mit
geheimnisvoller Begeisterung. »Selbst die Ewigkeit und die
Unendlichkeit, die nicht klein, nicht groß sind, die keine Zeit
besitzen, durch welche ein Augenblick im Leben der Welten mit dem
Augenblick im Dasein eines Menschen zu vergleichen wäre ... Soll das die
kalte, tote Ordnung einer durch seelenloses physisches Gesetz
geschaffenen Maschine sein? Das ist die furchtbare Tragik im Prozeß des
Schaffens, der alles umfaßt, der keine Teilungen, gleich für welche
Zwecke, duldet. Ein Geist dieses Schaffens, eine Seele der Welt -- sie
existiert. Es wäre unmöglich, das nicht zu glauben, unmöglich, das nicht
zu sehen! ... nicht zu hören, nicht zu empfinden ...«
Ein eisiges, mystisches Grauen schlich stockend in die Seele Marja
Nikolajewnas. Sie zog sich nervös zusammen; ihre Augen weiteten sich,
wie bei einer Katze, die etwas ängstigendes vor sich sieht.
Lande verstummte; es wurde still, so still, als ob jemand über die Erde
schreitet; mit metallnem Klang setzt er schwer und geheimnisvoll Schritt
vor Schritt.
»Meine Ohren klingen!« sagte Marja Nikolajewna, am ganzen Körper
zitternd. »Es ist kalt ... Auf Wiedersehen!«
Sie zog sich in die schwarze Finsternis des Zimmers zurück und schloß
das Fenster, das auf seiner einen Scheibe blind glänzte.
Lande blieb allein und stand lange inmitten der leeren Straße; mit
feuchten Blicken schaute er nach oben, zwischen die Sterne, in die
dunkelblaue, kühle Tiefe hinein.