VI

Marja Nikolajewna saß am offenen Fenster und schaute unverwandt, in

Gedanken versunken auf die lange Straße, deren eine Seite von

grünlich-blauem Mondenschein überflutet war, während die andere im

tiefen Dunkel lag. Fern flimmerten hell und kühl die Sterne, schwarze

Bäume standen wie versteinert im Mondschein. Es war leer und kühl.

Aus der Ferne ertönten einsame Schritte, die still und deutlich auf den

Brettern des Bürgersteigs widerhallten. Ein unsichtbarer Mensch kam

durch die Nacht, immer näher und näher. Es war sonderbar und

geheimnisvoll, diese Schritte zu hören, als ob sich in der kühlen,

klingenden Stille die Töne von selbst näherten und ein eigenes einsames

Geheimnis mit sich trügen.

Marja Nikolajewna lehnte weit aus dem Fenster und als sich in der

Dunkelheit ein schwarzer Schatten abzuheben begann, sah sie genauer hin,

erkannte ihn und rief: »Iwan Ferapontowitsch, sind Sie das?«

Lande fuhr zusammen und blieb stehen, dann lächelte er freudig und ging

auf sie zu.

»Wo gehen Sie hin?« fragte das Mädchen, als er direkt vor ihr stand.

»Nach Hause ... zu Ssemjonow. Ich wohne doch jetzt bei ihm ... vorläufig

...« erwiderte Lande schwach und müde.

Er stand dicht am Fenster, und das Mädchen sah ganz deutlich sein

eingefallenes Gesicht mit unnatürlich großen Augen. Das Gefühl

neugierigen Mitleides, jenes Gefühl, welches Lande stets in ihr

hervorrief, erhob sich in ihrer Brust, ebenso rein, jung und kraftvoll,

wie diese junge Brust selbst.

»Iwan Ferapontowitsch ...« fragte sie weich; ihr war vor ihm bange. »Ist

es wahr, daß Sie mit Ihrer Mutter vollständig gebrochen haben?«

Doch sofort erschrak sie und sprach hastig weiter, als ob es ihr um die

unwillkürliche Frage leid tat: »Ich frage Sie, weil Sie und Ihre Mutter

mir so leid tun ... und bei Ihnen darf man doch nach allem fragen ...

nicht wahr?«

»Mich kann man fragen ...« antwortete Lande mechanisch. Er hatte

offenbar ihr Erschrecken nicht bemerkt; er sagte traurig und

nachdenklich: »Ich habe mit ihr nicht gebrochen, -- ich habe nie und mit

niemandem gebrochen ... Meine Mutter liebe ich auch jetzt -- vielleicht

sogar mehr noch, weil sie unglücklich ist ... Ich bin nur fortgegangen,

um allein zu leben ... Da mußte ich eben wählen: entweder nicht so

leben, wie mich meine Überzeugung heißt, oder fortgehen ... Ich glaube,

Sie hätten ebenso gehandelt ... wie ich.«

Marja Nikolajewna sah ihn mit zutraulichen Blicken an. »Nein, ich könnte

es nicht ... wie käme ich dazu!« wehrte sie mit schwachem Lächeln ab.

»Wissen Sie,« fuhr Lande, der nicht zugehört hatte, fort, und ein Ton

feierlicher Trauer lag in seiner Stimme, -- »es ist leichter das Leben

zu opfern, als ... doch nein, ich verstehe nicht, es auszusprechen!« ...

er lachte plötzlich kurz und traurig auf und verstummte.

»Wo waren Sie denn?« fragte Marja Nikolajewna nach einer Pause.

»Im Kloster,« antwortete Lande.

»Haben Sie zu Gott gebetet?« fragte scherzhaft das Mädchen.

»Nein, ich ging so hin ... dort ist es so still ... Und übrigens, ich

habe auch gebetet ...« erwiderte Lande ernst, als ob er ihren Scherz

weder verurteilen, noch an ihm teilnehmen könne.

»Glauben Sie denn an Gott?« fragte sie mit jugendlich leichtsinniger

Neugierde.

Lande blickte sie an.

»Es ist unmöglich, nicht an Ihn zu glauben!« erwiderte er still und

überzeugt, fast verwundert.

»Warum unmöglich? Ich z. B. glaube nicht an ihn.« Marja Nikolajewna

senkte ein wenig den Kopf, als ob sie auf die süßen Töne ihrer Stimme

lauschte.

»Sagen Sie das nicht!« versetzte Lande heiß und innig. »Das ist nicht

wahr. Alle glauben, und auch Sie glauben ...«

Er streckte plötzlich seine Hand aus und ergriff ihre feinen, zarten

Finger. »Blicken Sie nur auf und Sie werden sehen, daß es unmöglich ist,

nicht zu glauben ... Schauen Sie in den Himmel, schauen Sie!«

Unwillkürlich hob Marja Nikolajewna den Kopf, und von unten erschienen

Lande ihre großen Augen voll tiefer Sehnsucht.

Kein Ende sah man für die Weite des Himmels und keinen Boden gab es für

die strahlende Tiefe. Je mehr sie hineinsah, um so ferner und höher,

unfaßbar, gingen die Sterne fort und schwanden gegenstandslos in dem

unübersehbaren Raum. Es war, als ob das geheimnisvoll-feierliche

Schweigen irgend eine unergründliche schwingende Bewegung durch seine

ewige Kühle zum Stillstand gebracht und gefesselt hätte. Eine

überdenkliche Kraft hob ein gewaltiges, undurchdringlich durchsichtiges

Gewölbe über den Weltenraum und erstarrte in ungeheurer Spannung.

»Wie furchtbar ist es da!« sagte Marja Nikolajewna plötzlich mit

bebender Stimme. »Und wenn das einmal zusammenstürzt ... Herrgott,

könnte man sich denken, vorstellen, was da sein würde! ...«

Lande lächelte zärtlich und still; leise fuhr er gleichmäßig streichelnd

über ihre Hand.

»Nein, es stürzt nicht zusammen!« sagte er. »Schauen Sie, was für eine

erdrückend grenzenlose Größe das ist, und wir sind so klein, so klein;

wir können nicht einmal den tollen Wirbel sehen, in dem alles

dahinsaust. Vergegenwärtigen Sie das sich nur: wie klein muß doch der

Mensch sein! In jedem Augenblick, in jedem millionsten Teil eines

Augenblickes trägt ein furchtbarer Rausch das Riesengebäude der Welt in

unbegreifliche Fernen; wir aber sehen nur Starrheit ... Welch ein Orkan

von überwältigenden Tönen muß das sein; uns gaukelt es feierliche Stille

vor! ... Und trotzdem schreiten wir, die so winzig sind, so frei

vorwärts, als ob alle diese Riesenmassen uns aus dem Wege gingen! Als ob

uns eine Hand leitet, die uns durch jedes Hindernis hindurchführen kann.

Das geringste Teilchen der feindlichen Kraft könnte uns hinwegwischen;

aber die menschliche Geschichte bewegt und entfaltet sich so frei, als

ob sie in allem der Mittelpunkt wäre. Damit etwas so Kleines, Schwaches

derart auf seiner Bahn gehen konnte, sicher, daß es zum Ziele vordringen

wird, ist es notwendig, daß es zu irgend einem Zweck in der Welt nötig

wäre und daß es vom Weltwillen für eine Zeit bewahrt würde, wenn ...«

Lande schwieg eine Weile, sah mit glänzenden Augen nach oben und fuhr

fort:

»Scheint es Ihnen nicht so, als ob alles erstarrt wäre und wartete, bis

hier, auf der Erde, etwas geschieht, was einmal geschehen muß ... Und

wenn das eintrifft, dann wird alles urplötzlich in Bewegung geraten,

hier vernichtet, dort geschaffen werden, irgend ein neues Licht

aufleuchten, neue Formen, neues Leben emporsteigen.«

»Manchmal ist es so,« antwortete still Marja Nikolajewna. Ihr war

eigentlich bange zumute. Etwas wuchs vor ihr hoch, ungeheuer groß wie

aus der Ewigkeit in die Ewigkeit, wie aus einem unendlichen Raum in

einen unendlichen Raum hinein. Die Stille der Nacht schwang sich wie

eine feierlich dröhnende, dräuende Musik vor ihr.

»Wie wunderbar, wie kompliziert ist das alles!« sprach Lande mit

geheimnisvoller Begeisterung. »Selbst die Ewigkeit und die

Unendlichkeit, die nicht klein, nicht groß sind, die keine Zeit

besitzen, durch welche ein Augenblick im Leben der Welten mit dem

Augenblick im Dasein eines Menschen zu vergleichen wäre ... Soll das die

kalte, tote Ordnung einer durch seelenloses physisches Gesetz

geschaffenen Maschine sein? Das ist die furchtbare Tragik im Prozeß des

Schaffens, der alles umfaßt, der keine Teilungen, gleich für welche

Zwecke, duldet. Ein Geist dieses Schaffens, eine Seele der Welt -- sie

existiert. Es wäre unmöglich, das nicht zu glauben, unmöglich, das nicht

zu sehen! ... nicht zu hören, nicht zu empfinden ...«

Ein eisiges, mystisches Grauen schlich stockend in die Seele Marja

Nikolajewnas. Sie zog sich nervös zusammen; ihre Augen weiteten sich,

wie bei einer Katze, die etwas ängstigendes vor sich sieht.

Lande verstummte; es wurde still, so still, als ob jemand über die Erde

schreitet; mit metallnem Klang setzt er schwer und geheimnisvoll Schritt

vor Schritt.

»Meine Ohren klingen!« sagte Marja Nikolajewna, am ganzen Körper

zitternd. »Es ist kalt ... Auf Wiedersehen!«

Sie zog sich in die schwarze Finsternis des Zimmers zurück und schloß

das Fenster, das auf seiner einen Scheibe blind glänzte.

Lande blieb allein und stand lange inmitten der leeren Straße; mit

feuchten Blicken schaute er nach oben, zwischen die Sterne, in die

dunkelblaue, kühle Tiefe hinein.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 25 / 45 题