Am Morgen des nächsten Tages ging Lande ins Gefängnis. Hinter der Stadt
glänzten die Mauern schon von weitem auf; in scharfem Weiß hoben sie
sich längs der breiten Flußböschung von einer zarten, grünen Wiese ab.
Die in der Sonne glänzenden Bajonette einsamer, schwarzer
Soldatengestalten durchstachen kräftig die blaue Luft.
Lande wurde zu dem Inspektor geführt; einem Mann mit einem langen, so
silberweißen Vollbart, wie er auf den flachen Ssusdaler Heiligenbildern
gemalt wird. Der Inspektor starrte Lande höflich an und bewegte mit
fragender Miene seine dünnen, mißtrauischen Lippen.
»Mein Name ist Lande. Sie kennen mich wahrscheinlich? Ich möchte sehr
gern den Tkatschow sehen -- denjenigen, der vorgestern vor Gericht
freigesprochen wurde. Ich habe erfahren, daß er noch hier sitzt.«
Der Gefängnisinspektor mit dem Heiligenbilderbart machte eine leise
Bewegung mit den knochigen Fingern.
»Das können Sie ... Er ist noch bei uns. Sehen dürfen Sie ihn,
natürlich!« wiederholte er, als ob er sich selbst noch einmal davon
überzeugen wollte. »Ich lasse Sie zu ihm begleiten ... Oder soll er
vielleicht hierher gerufen werden?«
»Ich würde lieber selbst zu ihm gehen, -- er wird vielleicht gar nicht
zu mir kommen wollen. Ich bin mit ihm eigentlich so gut wie unbekannt.«
Der Inspektor fixierte Lande scharf.
»Ssidorow, führe den Herrn hin!« sagte er, indem er plötzlich die
Augenbrauen barsch zusammenzog und aufhörte, Lande anzustarren.
»Wie dürfte ich denn über ihn verfügen, wissen Sie?« sagte ihm Lande
vertrauensvoll. »Ich möchte, sehen Sie, ihm vorschlagen ...«
»Das können Sie alles mit ihm selbst besprechen!« herrschte ihn der
Inspektor noch barscher an und machte sich mit Papieren auf dem Tisch zu
tun.
Der Inspektor tat Lande seiner Grobheit und Kälte wegen leid; er beeilte
sich.
Ein alter, rasierter und borstiger Soldat in schwarzer, sackartiger
Uniform, die unter den Ärmeln zerrissen war, schob an Landes Seite den
Aufschlag mit den verschlissenen Litzen in die Höhe und sagte:
»Zu Befehl, Euer Wohlgeboren! Bitte, Herr!«
Lande folgte ihm nach dem Hof.
Der Hof war sauber und groß, aber trotz des weichen Frühlingshimmels,
der über ihm lag, war die Luft in ihm schwül. Es roch nach saurer
Kohlsuppe, Flickstuben und dem intensiven, penetranten Geruch des
Abortes.
»Schön ist es bei Euch gerade nicht ...« meinte Lande.
Ssidorow ließ die kleinen Bauernaugen über den Hof schweifen, als suche
er in komischer Ratlosigkeit, was an ihm eigentlich nicht schön sein
könnte.
»Jawohl!« antwortete er trotzdem so eilig und lustig, als ob es ihm ein
großes Vergnügen wäre, mit Lande einer Meinung zu sein.
Lande sah, wie schwer und fest der Soldat mit den ungeschlachten
Bauernfüßen ausschritt, und fügte hinzu:
»Ein schlimmer Dienst ist das hier: Menschen zu überwachen.«
»Jawohl,« antwortete Ssidorow ebenso bereitwillig.
»Besser wär's doch, im Heimatsdorf auf dem Feld zu arbeiten!« fuhr Lande
voll Mitleid mit dem Soldaten fort.
»Ja,« meinte Ssidorow, »auch auf dem Feld zu arbeiten, das ist gut.«
Von seiner lustigen, bereitwilligen Stimme kam auch Lande in frohe
Stimmung.
»Warum wird Tkatschow bisher noch nicht freigelassen? Er ist doch schon
freigesprochen?«
»Er will von alleine nicht gehen!« antwortete Ssidorow lächelnd.
»Warum?«
»>Ich habe nirgends hinzugehen,< sagt er. So 'ne Geschichte. Ein
komischer Kerl!«
Lande wurde nachdenklich; ein trauriger Schatten fiel ihm auf Gesicht
und Seele.
Sie hatten den Hof passiert und gingen durch einen engen gewölbten
Korridor; dort schien es nach dem hellen Sonnenlicht im Hof auffallend
dunkel; überall sah man nur kalten, schmutzig-weißen Stein und altes,
grünes Eisen.
Schmutzig und häßlich gekleidete Menschen jeden Alters, aber alle mit
gleich blutlosem, ungesund aufgedunsenem Gesicht schlenderten
teilnahmslos aus einer Tür in die andere. Sie begleiteten Lande mit
unfreundlichen und frechen Blicken, blieben an der Wand stehen und
schlichen dann wieder in die Tiefe der feuchten Korridore; in ihren
sinnlosen, gleichgültigen Bewegungen lag etwas furchtbar
Aufpeitschendes. In einer Zelle versuchte jemand zu singen, aber man
konnte merken, daß er darauf mehr Kraft verwendete, als nötig war, und
das Singen selbst glich mehr einem Fluchen -- so wild war die Weise und
so viel häßliche Worte enthielt das Lied.
»Tkatschow!« rief Ssidorow fröhlich in den Korridor hinein.
»Hallo, Tkatschow! He ... du! ... Man ruft dich! Hörst du nicht?«
brüllten ungeordnet mehrere Stimmen, als ob sie froh wären, nicht mehr
ziellos, sondern mit einem bestimmten Zweck schreien zu können.
An der Schwelle einer Zelle erschien ein Mann in einer zu großen
Gefangenenjacke, mager, schwarz. Sein dunkles Gesicht mit
hervortretenden Backenknochen sah Lande düster und mißtrauisch an.
»Ich möchte zu Ihnen ...« Lande reichte ihm die Hand und lächelte
vertrauensvoll; er bemühte sich, durch dieses Lächeln Tkatschow näher zu
kommen und verständlicher zu werden.
Linkisch und doch, als ob er über den Besuch gar nicht verwundert wäre,
gab Tkatschow die Hand.
»Ich wollte mit Ihnen über einiges sprechen,« fügte Lande hinzu.
Tkatschow blickte ihn noch mißtrauischer an, biß auf seine dünnen,
trockenen Lippen, trat dann unwillig zwei Schritte zur Seite und sagte
mit gebrochener, etwas dumpfer Stimme:
»Hier wohne ich ... da ...«
Lande trat hinter ihm in die Einzelzelle ein. Es war ein gewölbtes
Zimmer, so klein, feucht und dumpf, daß einem der Gedanke, hier wohne
ein ausgewachsener Mensch und nicht etwa ein kleines verjagtes Tierchen,
sehr sonderbar vorkam.
Tkatschow überlegte eine Weile, zog die Augenbrauen zusammen und schob
dann Lande einen Schemel hin.
»Setzen Sie sich bitte ...« sagte er mit unbestimmbarem Ausdruck.
Lande ließ sich nieder und sah Tkatschow weich an.
»Was wünschen Sie von mir?« fragte Tkatschow, während er unter diesem
Blick unruhig die Augenbrauen zusammenzog.
Wenn er es tat, nahm sein Gesicht nicht einen herben, sondern einen
bemitleidenswerten Ausdruck an, wie er gekränkten Kindern eigen ist.
»Ich wünsche nichts ...« erwiderte Lande gutmütig. »Ich habe nur von
Ihnen gehört und bin gekommen.«
»Wozu denn aber?« meinte mißtrauisch Tkatschow.
»So, mir tat es weh, daß Sie so erbittert und unglücklich sind; ich
dachte mir nun, daß es Ihnen vielleicht leichter wird, wenn ich zu Ihnen
komme ...«
»Mitleid? Brauche ich nicht!« erwiderte Tkatschow abgerissen und dumpf
und wandte sich nach dem Fenster ab, während seine schmutzigen, mageren
Finger an die Tischkante drückten.
Lande ergriff leise Tkatschows Hand.
»Wozu sagen Sie das? ... Das ist doch nicht wahr! ... Sie sind doch
unglücklich und erbittert, und gestohlen haben Sie nur, weil Sie wenig
Mitleid und Liebe in Ihrem Leben gesehen haben. Ich bin zu Ihnen ohne
jeden Nebengedanken gekommen, mit offenem Herzen, mit aufrichtigem
Wunsch, Ihnen durch irgend etwas zu helfen ... Warum verletzen Sie mich
also?«
Tkatschow blickte scheu auf Landes Hand, die ihn weich und
vertrauensvoll bei den schwarzen Fingern hielt, und errötete plötzlich.
»Niemanden brauche ich ...« erwiderte er leise aber trotzig und zog
unauffällig seine Hand zurück. »Das ist alles dummes Zeug ...«
»Warum?« fragte Lande mit schmerzlich erhobenen Augenbrauen.
Tkatschow wandte ihm seinen Kopf zu und lächelte verächtlich und
angestrengt.
»Ihre naive Frage bringt mich in eine dumme Stellung,« versetzte er in
hochtrabendem Ton, durch den aber deutlich die Erbitterung klang.
»Übrigens, aus welchem Grunde sollte ich mich denn mit Ihnen einlassen!«
Er zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Fenster, wo Tauben
girrten, ohne daß man sie hinter dem Gitter und den Scheiben vernehmen
konnte.
»Da ... ich füttre sie, meine Freunde!« sagte Tkatschow nach dem
Schweigen und lächelte verlegen mit einem Winkel seiner dünnen,
abgemagerten Lippen.
»Die Tauben? ... Ja! ...« Lande war über dieses Lächeln erfreut und
lächelte selber. »Gewiß sind sie Freunde! Es ist doch nicht wahr, daß es
nur ewige Feindschaft und die Notwendigkeit der Vernichtung gibt ...
Eine solche Notwendigkeit kann es nicht, darf es nicht geben! ... Man
muß im Gegenteil zu schützen suchen ... alle den Einzelnen und der
Einzelne alle ... und Freunde sein, sogar Brüder! Ich glaube, wissen
Sie, daß jetzt alles falsch ist, daß alles nicht so ist, wie es sein
sollte. Man muß alles verbessern, abschließen, das ist eben die Aufgabe
des Menschen! ... Ich glaube ...«
»Ich verstehe Ihre schönen Phrasen nicht!« versetzte Tkatschow trotzig
und düster, aber, wie es Lande vorkam, absichtlich schroff.
Lande lächelte traurig.
»Ich verstehe nicht, besser zu reden ... Verstehen Sie mich denn
wirklich nicht? ... Ich glaube, doch! ... Ich wollte sagen, daß es das
Böse und den Haß an sich gar nicht gibt, daß sie nur eine Folge der
Arbeit an der Weltgestaltung sind und daß man sie bestätigen muß ...«
»Sieh mal!« versetzte Tkatschow spöttisch. »Wie einfach!«
»Nein, nicht einfach ... schwer, furchtbar schwer ist es! Aber nicht
unmöglich: kein Haß und Zorn ist so stark, daß man ihn nicht überwinden
könnte!«
»Wozu erzählen Sie das alles?« fiel ihm Tkatschow scharf ins Wort.
Lande beeilte sich, ihm zu antworten, als fürchtete er, daß Tkatschow
fortgehen könnte. Er ergriff wieder seine Hand. »Ich sage es Ihnen, weil
ich sehe ... es scheint mir, daß Sie aufgehört haben, an diese
Möglichkeiten zu glauben, Sie meinen gewiß, daß das Böse ewig ist, daß
das Böse überall triumphiert und daß man es nicht bekämpfen, sondern ihm
nachgeben soll! Und das wäre schrecklich! ... Aber es ist nicht so. Sie
haben einfach den Mut verloren, Sie sind verbittert worden, Sie
verdichten jetzt selbst künstlich die Atmosphäre der Feindschaft um
sich, als ob Sie in ihr erst richtig zu atmen gelernt haben ... Ach,
Tkatschow, was für ein furchtbarer Irrtum ist das! Und Sie fühlen ihn
doch: es wird Ihnen doch schwer, so zu atmen, bedrückend schwer. Ja?«
Tkatschow schwieg düster und atmete schwer durch die Nase.
»Man soll nicht Feindschaft mit Feindschaft vergelten!« fuhr Lande,
Glanz in den offenen Augen, fort, als ob er über seine Worte gar nicht
nachzudenken brauche, als ob er überhaupt nicht spräche, sondern sänge,
das Lied gleich aus dem Herzen quellen ließ. »Nur so wird sie
überwunden. Und nie fühlte man solche Leichtigkeit, solche Befriedigung,
als dann wenn Sie das Feindselige in sich überwinden, ohne auf fremde
Feindschaft in gleicher Weise zu antworten. Weist Sie denn dieses Gefühl
nicht dorthin, wo der Weg ist? Welche Freude ist es, das zu fühlen!
Welche Marter könnte man nicht um dieser Freude willen ertragen! Und
mögen auch die Menschen zu Ihnen schlecht, ja grausam sein; -- die
äußeren Verhältnisse können ja bei allen Menschen gar nicht gleich sein,
und mit ihnen kann man sich, im Grunde genommen, leicht versöhnen, wenn
nur ...«
»Haben Sie jemals gehungert?« fiel ihm plötzlich Tkatschow bissig ins
Wort. -- »Wie, Herr Lande?«
»Ach, wozu, wozu reden Sie so!« in Landes Stimme lag ein Flehen, das
sich in die Seele bohrte. »Sie wissen doch, daß man Hunger und Qualen
und selbst den Tod für seine Idee ertragen kann! ... Starben doch
Märtyrer unter den entsetzlichsten Qualen! ...«
»Das sind eben Märtyrer!« Tkatschow warf den Kopf in den Nacken.
»Meinen Sie denn, Tkatschow, daß die Märtyrer irgendwelche besonderen
Menschen waren? Nein, ich, und Sie, und jeder, selbst der geringste
Mensch, wird alles für eine Idee ertragen, wenn es nur _seine_ Idee,
sein Gefühl ist! Stimmt das nicht?«
»Vielleicht wahr ...« meinte Tkatschow düster.
»Ja, wahr!« Landes ganzes Gesicht leuchtete freudig auf. »Die Wahrheit
lebt im Menschen, diese riesige Kraft, gerade im Menschen lebt sie! Und
wenn dem so ist, dann kann der Mensch alles erreichen, dann kann jeder
alles! ... Gegen jede Macht ankämpfen und siegen ... Warum haben Sie
gestohlen, Tkatschow?«
Tkatschow erzitterte, fing an blaß zu werden, so daß man sehen konnte,
wie ihm allmählich das Blut aus dem Gesicht wich, und starrte wütend,
mit weit aufgerissenen Augen, aus denen furchtbare Qual hervorlugte,
Lande an.
»Was geht das Sie an?« schrie er ihm heiser zu, seinen langen, schwarzen
Hals ausstreckend.
»Ich weiß warum,« sagte Lande mit zitternden Lippen, »ich möchte darüber
mit Ihnen sprechen ...«
Unverwandt durchstach Tkatschow mit einem furchtbaren Blick seine Augen.
Nahe vor sich sah Lande die dunklen Pupillen, die völlig rund geworden
waren; tief in ihnen wurzelte die ohnmächtige, unausreißbare Kränkung
und Wut. Aus irgendwelchem Grunde schien Lande, daß ihn Tkatschow, wenn
er jetzt blinzelt, niederschlagen oder ihm ins Gesicht spucken werde.
Aber er blinzelte nicht.
Plötzlich senkte Tkatschow die Augen.
»Nichts wissen Sie!« sagte er leise, grob und herausfordernd.
»O doch, ich weiß!« erwiderte Lande fest. »Ich kenne Ihr ganzes Leben,
ich habe viel von ihm gehört ... Und Sie haben selbst von vielem
gesprochen, als Sie damals vor Gericht die Rede hielten ... Man hat es
mir wiedererzählt. Sie haben alles so richtig und lebend geschildert, so
daß schwerlich ...«
Ein törichter, prahlerischer Zug trat in Tkatschows Mienen.
»Und Sie meinten wohl, nur Ihr, die Herren Studenten, versteht zu reden?
Nein, die Zeiten sind vorbei! Jetzt ...« er redete fort, ohne bei der
Sache zu bleiben.
»Sie haben doch auch nur gestohlen, obgleich Sie nie ein Dieb gewesen
sind ...« Lande hatte auf das Letzte nicht mehr gehört. »Ich weiß, Sie
hatten stets ein bitteres Leben, und doch haben Sie weder gestohlen,
noch tranken oder rauchten Sie. Ich weiß auch, wie Sie das Evangelium
studierten, wie Sie aufhörten, Fleisch zu essen ...«
»Das ist dummes Zeug!« erwiderte Tkatschow mit unnatürlicher,
geheuchelter Verachtung.
»Nein, gewiß nicht dummes Zeug! Es ist eine gewaltige Tat, wenn der
Mensch so an sich arbeitet! Dazu gehört eine große, eine ungeheure
Kraft. Und Sie hatten sie, Tkatschow ... Warum fehlt Sie Ihnen jetzt?«
Lande fragte fest, flehend und griff nach seinen Händen. »Warum kämpften
Sie nicht bis zum Ende mit sich?«
»Bis zu welchem Ende? Gestatten Sie die Frage, Herr Lande?« Tkatschow
verzog sein Gesicht zu einer schadenfrohen, aber gleichzeitig
bemitleidenswerten Grimasse; er riß seine Hände los.
»Bis zum Sieg, Tkatschow! Alles kann der Mensch besiegen, wenn er um
seine Idee kämpft. Sie hatten die Idee, daß alle Menschen Eins sind und
daß das Leben und das Gefühl auch Eines, und schön sein muß! Und Sie
würden gesiegt haben, Tkatschow -- Sie sind ein starker Mensch! Warum
haben Sie also den Mut verloren, was ist geschehen?«
Tkatschow schwieg. Auch Lande schwieg mit eigentümlichem Zittern. Die
ungeheure Erregung, in der er sprach, erschöpfte ihn. Seine hellen Haare
klebten an der Stirn, Lippen und Hände bebten und nur die Augen
leuchteten wie früher, in Liebe und Mitleid.
Tkatschow schwieg ziemlich lange.
»Hören Sie, Herr Lande,« sprach er mit erhobenem Kopf, doch ohne Lande
anzublicken. »Sie sagten eben, daß Sie mich kennen; es ist richtig. Sie
kennen ... kennen mein ganzes unglückseliges Leben und all das Leid, das
in mir steckt ... Ja ... aber auch ich kenne Sie nicht weniger! Jawohl!
Sie sind ein guter Kerl, -- alle sagen das von Ihnen und ich weiß es
auch. Besser als Sie gibt es bei uns in der Stadt, und vielleicht
überhaupt keinen Menschen. ... Ich glaube, daß Sie vielleicht ein
heiliger Mensch sind, weil Ihre Seele einfach ist ... gerade so wie
Glas! Erlauben deshalb, daß ich frage: wo blieben Sie denn, als all das
mit mir vorging?«
Lande hob die Hand.
»Nein, erlauben Sie, daß ich es jetzt ausspreche!« schnitt ihm Tkatschow
mit fester, gehässiger Stimme das Wort ab. »Alles haben Sie in meinem
Leben bedeutet, Herr Lande, wenn ich die Wahrheit sagen soll. Ich kenne
Sie schon lange. Sie waren damals noch ein Kind; ich war auch gerade
noch nicht groß, als ... Sehr vieles haben Sie damals für mich bedeutet!
Erinnern Sie sich aber, Herr Lande, wie ich zu Ihnen wegen Büchern kam?
Sie waren damals in der Abreise, schnürten im Vorzimmer Ihren Koffer ...
Ich hatte vorher drei Jahre auf Sie gewartet, und Sie -- was haben Sie
mir gesagt?«
Lande wurde in seiner qualvollen Erregung wie von Krämpfen
durchschüttelt.
»Tkatschow, Tkatschow, das ist richtig ... aber ... doch ...«
Tkatschow wandte ihm ein schwarzes, steinernes Gesicht zu und sagte
durch die gepreßten Zähne mit schneidender Stimme: »Sie haben mir
gesagt, Sie wollten abreisen ... hätten keine Zeit, versprachen später
einmal mit mir zu reden! Und das war alles ... Und ich erwartete damals
von Ihnen ein Wort für mein ganzes Leben ... Irgendwas: entweder
verstanden Sie mich nicht, sahen nicht, daß es in mir echt war, oder Sie
merkten es, aber Ihre Abreise, Ihre privaten Angelegenheiten waren Ihnen
wichtiger. So, Herr Lande, nicht? Oder verstehe ich es vielleicht
falsch?«
»Bei Gott schwöre ich Ihnen,« rief Lande, »daß ich geblieben wäre, wenn
ich Sie damals verstanden hätte, Sie waren allein schuld, Tkatschow! Sie
mußten offener, energischer an mich herankommen, gerade an die Seele
pochen! Sie sahen doch, daß ich Sie nicht verstand!«
Tkatschow lächelte langsam und böse.
»Ich sah es! -- Das ist es eben, daß ich es sah. Das war es auch, was
mich ein für allemal von meinem Weg abbrachte!«
Lande riß weit die Augen auf.
»Hätten Sie Ihre Abreise, Ihre Interessen, einfach für wichtiger
gehalten, Herr Lande, als daß ein Mensch mit seiner offenen Seele zu
Ihnen gekommen war, so wollte ich wahrscheinlich auf Sie spucken und mir
sagen: >Ein wertloses Menschenvieh, wie alle!< Aber das war es nicht.
Ich sah, daß Sie mich einfach nicht verstanden, meine Qual nicht sahen
...«
Lande preßte die Finger zusammen.
»Jedem Menschen kann das doch passieren! Es gibt einen Zustand, den die
Seele im Menschen schläft ... So schlief ich damals auch. Und Sie ...
Warum haben Sie mich nicht aufgeweckt, nicht aus dem Schlaf gestoßen?«
Wieder lächelte Tkatschow langsam und böse.
»Und ich dachte so, Herr Lande ...« seine Stimme klang wie eine
feierliche, längst erwartete, in der Seele brennende Beichte. -- »Hier
ist ein Mensch -- der Beste, -- solchen zweiten werde ich in meinem
ganzen Leben nicht finden, selbst ihm an die Seele zu pochen, ist schwer
...«
»Nicht immer, Tkatschow ...«
»Na, nicht immer ... Dafür ist es ja diesmal ein besonderer Mensch. Und
auch er muß manchmal ordentlich gerüttelt werden, bis er den fremden
Schmerz empfindet! ... Was ist dann erst mit den anderen? ... Die werden
sich schließlich wohl gar nicht aus dem Schlummer stoßen lassen? ...
wie, was meinen Sie?« fragte Tkatschow spöttisch.
»Nicht möglich! Man muß rütteln ... man erreicht es schon!«
»Aber auf diese Weise, wenn man bei jedem Menschen einzeln pochen soll,
werden die Kräfte nicht ausreichen. -- Was soll dann noch zum Leben
bleiben?«
Tkatschow verstummte triumphierend.
Landes Mienen wurden von einem hellen Schein überzogen: »Tkatschow,
schon das ist doch ein ganzes Leben. Der Nachklang dieses Pochens allein
ist schon ein Glück; ein packendes, ungeheures Glück, zu wissen, daß
wir, wenn auch nicht in alle Herzen, doch in das gemeinsame Herz der
Menschheit dringen, daß das von uns begonnene Pochen nicht abstirbt, daß
andere ebenfalls pochen werden, nach uns, daß es von Herz zu Herz
dringt, und einst ... Tkatschow! ...«
»A, ha--a!« Tkatschow brach in ein heiseres Lachen aus, -- vielleicht
war es auch ein Schmerzensschrei. »Fju!« Er stieß einen grellen Pfiff
aus.
»Ihnen kommt es lächerlich vor, Tkatschow?« fragte Lande mit Tränen der
Begeisterung in den Augen. »Sie glauben nicht?«
»Und Sie meinten ja? Das heißt also nur in dem Wahn leben, im Leiden
sein Glück zu suchen? Und ich selbst, ich soll ebenso sterben, wie ich
lebte? Als ob ich gar nicht gepocht hätte? Oho! Trinken -- Sterben,
nicht Trinken -- auch Sterben! Suchen Sie sich irgendwo anders einen
Narren dazu!«
Seine Stimme wurde überlaut, frech und leer. Und wenn Lande noch eine
Hoffnung gehabt hätte, daß Tkatschow ihn verstehen würde, so schob sich
jetzt, beim Schall dieser Stimme, mit einem Mal eine unsichtbare,
undurchdringliche Mauer empor, stand unüberwindlich zwischen ihnen, und
ihre Kühle drang den beiden bis ins Herz hinan.
»Tkatschow,« begann Lande zaghaft und ratlos. »Kommen Sie doch zu sich.
Begreifen Sie denn nicht? ... Gehen Sie von hier fort, -- diese
entsetzliche Umgebung hat auf Sie eingewirkt!«
»Wo soll ich hingehen?« spottete Tkatschow.
»Irgendwohin ... zu mir ... Ich habe für Sie Geld mitgebracht ... Sie
nehmen es und reisen von hier ab, vergessen alles; und wenn die Zeit
vergangen ist, sind Sie zu sich gekommen ...«
»Geld?« fragte Tkatschow mit zusammengekniffenen Augen, und plötzlich
rief er, entsetzlich grob, schroff und verzweifelt: »Ich brauche kein
Geld von dir! Mit Geld will er mir das Maul stopfen! Schere dich fort!
...«
»Tkatschow, Tkatschow, warum? Lieber Tkatschow, ich habe doch ...«
stammelte Lande und griff krampfhaft nach seinen Händen.
Tkatschow riß sich heftig los, wandte sich schroff um und ging rasch aus
der Zelle. Er kehrte jedoch sofort zurück. Auf der Schwelle blieb er
stehen, blickte Lande einige Sekunden unverwandt und scharf an und
sprach dann leise, wie vor sich hin:
»Der Selige ...« Noch leiser, aber beißend als ob es ein feines Gift
wäre, das er ausfließen ließ, fügte er hinzu: »Die heilige Seele auf
Stelzfüßen ... Schafskopf! ...«
Dann machte er kurz, militärisch kehrt und ging den Korridor entlang.
»Tkatschow!« rief Lande verzweiflungsvoll. »Tkatschow!«
Tkatschow antwortete nicht und ging fort.
V
Spät abends kam Schischmarjow zu Lande. Der kleine Student mit den
hastigen Bewegungen und der scharfen Stimme war von dem Entschluß
Landes, sein Geld fortzugeben, vollständig hingerissen. Aber er hatte
ein ganz eigentümliches Gefühl: das, was Lande tun wollte, entzückte und
rührte ihn, er empfand eine ungewöhnliche Erhebung, aber zur gleichen
Zeit war es ihm peinlich, als ob er selbst etwas schlechtes beging.
Vergebens suchte er sich damit zu beruhigen, daß er nichts mit Landes
Entschluß zu tun hätte; er konnte die peinliche Stimmung nicht
überwinden. Er trat eilig ins Zimmer ein, drückte Lande die Hand und
sagte, während er es vermied, ihm gerade in die Augen zu sehen:
»Nun, hier bin ich ...«
Lande öffnete sofort die Tischlade und nahm das Geld heraus -- vier
Pakete lange, schöne Scheine, die unter seinen dünnen Fingern trocken
raschelten.
»Ich wollte dir sagen ...« begann Schischmarjow plötzlich, als ob er von
hinten einen Stoß bekäme, mit erzwungener Stimme. »Vielleicht gibst du
nicht alles? ...«
Lande erwiderte einfach, als ob er an etwas anderes dachte: »Das bleibt
sich gleich; wenn schon, dann Alles.« Er überlegte, schwieg eine Weile
und fügte hinzu: »Ljonja, ich werde nicht mit dir gehen, verteile es
selbst; ich werde dir sagen, warum: Mutter ist furchtbar böse auf mich,
wegen dieses Geldes ... ich muß sie beruhigen, mit ihr sprechen ...«
Schischmarjow nahm unschlüssig das Geld.
»Siehst du, auch deine Mutter ist unzufrieden ...«
Über Landes Gesicht zog ein blasses aber festes Lächeln.
»In solchen Fällen darf man nicht an eine Mutter denken!« sagte er
ernst.
Schischmarjow rührte sich immer noch nicht; er fühlte sich immer
peinlicher.
»Ich weiß wirklich nicht ...« meinte er. »Wie soll ich denn allein ...«
Lande lächelte wieder; jetzt hell und zärtlich.
»Irgendwie ...« er machte eine gleichgültige Handbewegung.
»Dein Herz wird dir schon sagen. Und es ist ja auch weiß Gott keine
schwierige Aufgabe.«
»Na, wie du willst!« Schischmarjow willigte ebenso unentschlossen ein
und nahm seine Mütze. Auf einmal tat ihm Lande so leid, daß ihm fast die
Tränen kamen. Im Zimmer war es etwas ungemütlich, leer, man hatte den
Eindruck mönchischer Einsamkeit. Lande sah krank und trübe aus. Gegen
seinen Willen fand Schischmarjow seltsam und unbegreiflich, daß ein
Mensch, der eine so gute, große Tat vollbrachte, nicht Freude und Stolz
in seinen Mienen zeigte.
»Er ist ein sonderbarer Mensch!« dachte Schischmarjow, und dieser
Gedanke schwächte in ihm, fast unmerklich für ihn selbst, das Gefühl für
Lande und dessen Tat ab.
»Auf Wiedersehen, mein Lieber!« sagte Lande.
»Wanja!« rief hinter der Tür die zitternde Stimme der Mutter.
Ein schmerzlicher Zug strich um Landes Lippen.
»Geh, Lieber!« sagte er leise, aber fest zu Schischmarjow.
Schischmarjow stand verlegen da. Das Geld brannte ihm in der Hand, als
wenn es gestohlen wäre.
»Du mußt das einfach lassen!« sagte er mit einem leichten Unterton
trüben, unangenehmen Ärgers.
Lande schüttelte den Kopf.
»Nein,« sagte er, »es muß getan werden. Dort ist entsetzliche Not,
Kummer ... Der Mutter scheint nur, daß sie leidet ... Ich mußte doch so
wie so dieses Geld für mich verwenden.«
Landes Mutter trat ein. Ihr weiches, von Trauer und Gutmütigkeit
durchschienenes, altes Gesicht sah jetzt aufgeregt und böse aus. Sie
atmete schwer und häufig, so daß ihr Atmen in dem ganzen Zimmer hörbar
war.
Lande ging ihr rasch entgegen, nahm ihre beiden Hände und legte sie auf
seine Brust.
»Mama ...« sagte er, ihr flehend in die Augen blickend. »Nicht doch!«
Schischmarjow verbeugte sich linkisch.
Die Mutter riß ihre Hände los.
»Was nicht?« begann sie mit schroffer und lauter Stimme, der man anhören
konnte, wie viel sie geschrieen und geweint hatte. »Du hast kein Recht
dazu! Der Vater hat nicht sein ganzes Leben lang für irgendwelche
Bettler gearbeitet! Du Dummkopf!«
»Geh, Ljonja!« sagte Lande traurig zu Schischmarjow.
Die Mutter sprang erregt auf und stellte sich in den Weg, obgleich sich
Schischmarjow noch gar nicht vom Fleck gerührt hatte. Ihre grauen Haare
zerzausten sich auf ihrer Stirn. Gierige Angst lugte aus den rund
gewordenen, fast wahnsinnigen Augen.
»Sie verleiten ihn dazu!« schrie sie wütend. »Wie unterstehen Sie sich!
Ich werde Sie anzeigen. Das ist Plünderung ... Sie haben sich schon
gefreut!« ...
»Ich ...« stotterte Schischmarjow verwirrt und verletzt.
»Geben Sie das Geld her!« kreischte die Greisin auf und riß rasch das
Geld mit gekrümmten Fingern, die mit einem Mal knochig und hakenartig,
wie Krallen aussahen, aus Schischmarjows Hand.
Auf dem Gesicht des kleinen Studenten zeigte sich wütende Empörung. »So
nehmen Sie es doch,« brüllte er, die Fäuste ballend, so laut, daß man es
auf der Straße hören konnte.
Im Augenblick wurde es still. Die Greisin sah ihn mit offenen,
erschreckten Augen an. Schischmarjow wandte sich zu Lande hin, bewegte
die Lippen, rang nach Atem; ein Krampf verzerrte sein linkes Auge und
die eine Backe.
»So geht's denn doch nicht,« sagte er mit Mühe. »Adieu ... ich gehe!«
»Geh, Ljonja ...« antwortete ihm Lande ebenso traurig. »Sei mir nicht
böse!«
Schischmarjow machte eine Bewegung, setzte eine ratlose Miene auf, als
ob er noch etwas hinzufügen wollte, sagte aber nichts und ging fort. Im
Zimmer wurde es still. Die Mutter Landes hielt die Hand mit dem
festgepreßten Geld tief in der Tasche; und Lande sah sie traurig und
sanftmütig mit offenen Augen an. Sie waren zu zweit in dem kleinen
Zimmer, aber jeder fühlte sich, als ob er nur allein wäre.
»Schlage dir gefälligst diese Dummheit aus dem Kopf!« sprach endlich die
Mutter mit verkniffener Stimme.
»Es ist keine Dummheit ...« Lande schüttelte den Kopf.
»Wem willst du damit imponieren?« fuhr die Mutter spöttisch fort.
»Schämst du dich nicht? Wozu hast du es gebracht!« Ihre Worte klangen
plötzlich weinerlich; gleich nahm sie auch die Hand aus der Tasche und
fing an, zu weinen.
Lande schwieg, bitter die Hände ineinander gefaltet. Im Zimmer war es
dunkel und grämlich.
»Du wirst mir später selbst einmal danken!« sagte die Mutter leise.
»Ich weiß nicht. Höre, Mama, wenn du mir nicht das Geld gibst, werde ich
es nicht von dir verlangen. Mag es für dich bleiben ...«
Die Mutter fühlte sich gekränkt und beleidigt. »Wie du das nur sagen
kannst!« rief sie mit Tränen der Entrüstung, während sie vorwurfsvoll
die Hände ineinander schlug. »Will ich es denn für mich? ... Wozu
brauche ich es denn! ... Für mich ist die Zeit zu sterben ... Was du da
sprichst, überlege nur!«
Lande schwieg. Dann erst sagte er: »Ich weiß. Doch nicht das will ich
sagen. Ich liebe Sie ja, Mama, ich liebe Sie herzlich. Aber Sie glauben,
daß Sie mich vor dem Untergang bewahren, indem Sie mir dieses Geld
zurückhalten; und ich glaube, daß Sie mich dadurch zugrunde richten.
Meinen Sie denn wirklich, daß ich das Geld jemals für mich behalten
werde? Ich würde es doch fortgeben, ganz gleich, ob diesen Leuten oder
anderen, wenn ich es eben meinem Gefühl nach tuen müßte ... Und daher
...«
»Du bist am Ende ganz verrückt?« rief die Mutter entrüstet. »Und wovon
würdest du leben?«
»Irgendwie schlage ich mich schon durch; darüber braucht man nicht
nachzudenken!« sagte Lande überzeugt.
»Du willst mir wohl ewig auf der Tasche liegen?« fragte sie giftig.
»Nein, ich werde von Ihnen fortgehen. Es ist für uns schwer, zusammen zu
leben, es geht nicht gut: Sie werden mich nicht so leben lassen, wie ich
möchte; und ich werde Sie quälen ... Lieber will ich allein leben.«
Die Mutter riß die Augen auf; das Blut schwand langsam aus ihrem
Gesicht.
»Wanja ... was sprichst du!« stammelte sie entsetzt.
Lande seufzte still, kam auf sie zu, sank in die Kniee und fing an, ihre
tränennasse Hand zu küssen. Sie blickte auf seinen Kopf mit den weichen,
schwachen Haaren, und fühlte, wie ein unüberwindliches Unglück auf sie
heranrückte.
»Weine nicht, Mutter, du teure! ... So wird es besser sein ...« sprach
Lande kaum vernehmbar mit schwacher, zitternder Stimme.