VII

In ein Laken, aus dem unten die dürren, nackten Beine herausblickten,

eingewickelt, einem schlecht kostümierten Gespensterdarsteller ähnlich,

öffnete Ssemjonow Lande die Tür. Den Augen Landes, die noch an die

feuchte Luft und den reinen Glanz der Nacht gewöhnt waren, kam das gelbe

trockene Licht der Lampe, die dünnen, gebrechlichen Möbel, das

durcheinandergeworfene Bett mit den heißen Kissen und das trockene,

gelbe Gesicht Ssemjonows, seine stockdürren, weißen Beine, im ersten

Augenblick ganz unerträglich vor.

Ssemjonow setzte sich auf das Bett; sein Aussehen war entsetzlich.

Sein erdfarbenes gerunzeltes Gesicht, die dünnen Haare, die

schweißdurchtränkt an den mit trockener Haut bezogenen Schläfen klebten,

der magere Körper, auf schmale, spitzige Schulterblätter gespannt, alles

sprach in einfacher, furchtbarer Sprache von der sinnlosen Krankheit,

die von niemandem in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit begriffen werden

konnte, die sich im Innern eines Menschen verbirgt; und an einer kleinen

Stelle der Zerstörung seine ganze Welt -- sein Leiden, Verzweifeln und

Grauen -- einschloß.

Ssemjonow blickte mit geweiteten, fieberglänzenden Augen auf Lande;

sobald er sich neben ihm auf das Bett gesetzt hatte, sagte er hastig:

»Es ist gut, daß du herkommst ... Mir ist schlecht ... bange, irgend

warum ... gewesen. Ich werde schon bald sterben, Lande ...«

Es schien, daß er nicht auf Lande sprach, sondern auf jemanden, der sich

in der Tiefe seines leidenden Körpers grämte, einredete, um ihn von dem

unvermeidlichen, und doch nicht auszudenkenden Ende zu überzeugen.

Stechendes Mitleid riß Lande fort. Er wandte seinen Körper ganz zu

Ssemjonow hin und legte beide Arme um die mageren Schultern, die nach

kaltem Schweiß rochen. Durch das abgeriebene, fadenscheinige Hemd ließ

sich der heiße Körper und die harten Knochen fühlen.

»Wassja ... mein Lieber, Armer!« sagte er und versuchte ihn, beinahe

weinend, von alldem zu überzeugen, was er selbst liebevoll und naiv

glaubte: »Unmöglich kann ein Leben nur für die Erde existieren, zu

riesig sind die Mühen und Leiden, als daß sie vergehen könnten, ohne

sich über das Irdische zu erheben. Unbegreiflich, armselig und sinnlos

wäre dann die Existenz des menschlichen Geistes mit seiner lichten

Vernunft und dem geschmeidigen, reichen Denken in der unendlich großen,

schönen, ewigen Welt.«

Lande sprach lange, eilig, als ob er fürchtete, daß es seinen Worten

nicht gelingen werde, das Gewaltige, Dunkle, das langsam von der

leidenden Seele Besitz nahm, zum Stehen zu bringen, ihm den Weg zu

verlegen. Ssemjonow hockte regungslos zusammengekauert und blickte starr

in die Flamme der Lampe. Seine dünnen rissigen Lippen waren fest

aufeinandergepreßt und von der Seite sah Lande ein glänzendes Auge, in

dem sich die gelbe Flamme der Lampe wiederspiegelte. Manchmal kam es ihm

vor, daß Ssemjonow gar nicht auf ihn höre; dann wünschte er ihm ins Ohr

zu schreien, ihn anzurufen, an der Schulter zu rütteln, voll Trauer und

Verzweiflung. Doch mit Entsetzen bemerkte er, daß dieses einsame Leiden

taub und verschlossen blieb, wie der Deckel eines eisernen Sarges, der

ebenso kühl und stumm ist und ein furchtbares Geheimnis in sich birgt,

das ihm allein offenbar ist.

»Wassja, ich weiß doch, du glaubtest!« rief Lande. »Erinnerst du dich,

wie glücklich und frei wir waren, als wir von Gott, vom ewigen Leben,

von den ewigen Freuden sprachen! ... Warum schweigst du denn, Wassja?

... Sage doch etwas!«

»Höre, Lande ...« erwiderte Ssemjonow plötzlich, ohne den Kopf zu heben,

als ob er einen verborgenen Ausdruck seines Gesichts vor ihm verstecken

müßte. Er sprach auch nicht wie sonst, oberflächlich und ironisch,

sondern mit bemitleidenswerter und ratloser Stimme, mit kindisch

schluchzenden Tönen. -- »Ich wollte dir sagen, Lande ... ich möchte gar

nicht sterben! ...«

Ein feiner Gram weinte und flehte aus jedem Wort; seine Stimme grub sich

scharf in die Ohren.

»Ich möchte nicht, Lande ... Mag alles so sein, vielleicht ... und ich

... komme nur früher als ihr ... zum gemeinsamen Ziel ... Mag auch Gott

und alles sein ... aber ... aber ich möchte doch nicht sterben, Lande!

... Um das Leben schmerzt es mich, um dich, um mich, die Sonne, das Gras

... um alles schmerzt es mich. Vielleicht sehe ich es nie mehr wieder

... Lande!«

Lande weinte; dicke Tränen flossen über sein gespanntes Gesicht und die

Hände bewegten sich ohnmächtig hin und her.

Ssemjonow schwieg. Dann setzte er sich auf, während er in seinem dünnen,

hellen Kinnbart kraute, überlegte ein wenig, und fiel wieder zurück.

Sein gerunzeltes Gesicht veränderte sich auf einmal; wurde trocken und

gelb.

»Ein Dummkopf bist du, Lande!« sagte er mit einem boshaften Lächeln:

»glaubst du denn wirklich, daß all dieses dumme Zeug über Gott irgend

eine Bedeutung haben kann, wenn man tatsächlich ans Sterben kommt? ...

Es ist ja ganz tröstlich und behaglich, über Unsterblichkeit

nachzudenken ... man muß darüber denken, um zu leben. Aber wenn man

stirbt und weder vor noch hinter sich irgend einen Gott sieht ... da

läßt man sich nicht betrügen ... es hat auch keinen Zweck ... Rede nur

nicht weiter! ... Es regt mich bloß auf!«

Die letzten Worte rief er mit dünner und böser Stimme, sein Unterkiefer

klappte unaufhaltsam gegen den oberen.

»Da leide ich ... kannst mir glauben, daß ich nicht zum Scherz die

Schmerzen habe --« auf sein Gesicht trat ein krummes Lächeln. »Mein

Leben ist schon zu Ende, alle Freuden, Sinn ... alles zu Ende! ... Nur

das Leiden allein ist geblieben ... Man könnte glauben, hier wäre dein

Gott vor allem nötig ... Sonst ist das Leiden sinnlos! ... Aber wo

bleibt nun dein Gott? ... Warum zeigt er sich jetzt nicht? ... Wenn ich

im Todeskampf liege und meine Beine kalt werden ... vor meinen Augen,

bei vollem Bewußtsein kalt werden ... Verstehst du es? ... Ach, auch

dann werde ich immer noch nicht wissen, ob es wahr ist, ob es einen Gott

gibt! ... Wozu sollte ich es auch wissen.«

Ssemjonows Stimme pfiff und kreischte auf, bohrte sich in die Wände und

brach plötzlich ab. Er wurde blaß, sperrte wild die Augen auf, zitterte

am ganzen Körper, und mit einem Mal riß ein abgerissenes, feuchtes

Husten sein von Angst, Haß und Schmerz verzerrtes Gesicht fast in

Stücke.

Lande ergriff ihn und stützte ihn mit zitternden Händen. Ssemjonow

rollte ihm seine Augen, ungeheuer vergrößert wie das Leiden selbst,

entgegen; er strengte sich noch immer an, weiter zu reden.

»Ah, also was für einen Wert hat dann noch dein Gott!« sagte er, nachdem

er aufgeatmet hatte, und schielte erregt auf das Taschentuch, in dem

Schleim und Blut klebte. »Für einen lebenden Menschen. Der Mensch

erkennt ihn also, falls er überhaupt existiert, nur dann, wenn alles

Menschliche in ihm ... alles Lebendige bereits gestorben ist ... wenn

der Mensch nicht mehr da ist, nur eine Leiche ist, aber kein Mensch ...

Gehe schlafen ... Ich lösche die Lampe aus ...«

Lande antwortete nichts; er fühlte sich unfähig, sein Gefühl und seinen

Glauben einem anderen Menschen mitzuteilen, der zwei Schritt neben ihm

bitter litt.

Ssemjonow blicke ihn scharf an und lächelte mit selbstquälerischem

Genuß.

»Weißt du, worüber ich heute nachgedacht habe, Lande?« begann er in

seinem gewöhnlichen Ton, indem er den Mund spitz verzog. »Daß alle

Menschen meine Brüder sind und daher wirklich kommen werden, um mir ihre

letzten brüderlichen Küsse zu geben ... Nun will ich dir aber sagen,« er

strengte sich wirklich an, die Rückkehr des Wutanfalls zurückzuhalten,

»daß, wenn mich irgend etwas trösten kann, es nur noch das ist, daß dann

alle an mir verrecken werden!«

Er warf sich ins Bett zurück, und, klein, schmächtig, wie ein

geschlachtetes Huhn, erstarrte er.

Lande löschte die Lampe aus und legte sich, ohne sich auszukleiden,

nieder, das Gesicht in die Kissen gepreßt. In dieser Nacht schlief er

nicht ein; sie verstrich für ihn fast unmerklich, als ob er außerhalb

jeder Zeit stünde. Ohne Schlaf und Ruhe dachte er darüber nach, daß er

selbst nicht weit genug in seinen freudevollen Glauben gedrungen und

vertieft war, da er nicht die Kraft hatte, ihn anderen mitzuteilen. Noch

litt er selber, wenn auch nur an fremdem Schmerz, noch verlangte er

selber nach Gnade, Erlösung und Heilung, wenn auch nur für einen

anderen. Zum ersten Mal stieg in ihm der Gedanke auf, daß das Leben für

seinen schwachen Geist bunt und sonderlich sei; in seinem Glänzen und

Flackern verlor er das wahre Licht. Nur Einsamkeit, konzentriertes

Vertiefen in die eigene Seele konnte ihm die Klarheit und Festigkeit im

Glauben, die in ihm durch Mitleiden ins Wanken kam, wiedergeben.

Dieser Gedanke, erst undeutlich und unbestimmt, legte sich ihm aufs

Herz.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 26 / 45 题