Als Lande nach Hause kam, saß seine Mutter am Tisch; sie wartete
augenscheinlich schon lange mit dem Abendbrot auf ihn.
Zu Hause war es seit dem Tode ihres Mannes leer und öde; sie tat sich
selber leid. Ihr schien, daß alles in der Welt zu Ende, gestorben sei;
ihr Leben war durch eine dunkle und verhängnisvolle Macht in zwei
gleiche Hälften gespalten worden. Das, was früher in ihm langweilig und
schwer gewesen war, vergaß sie und sah hinter sich furchtbar weit, alles
nur freudig und warm, wie von hellem, wärmenden Licht durchströmt. Jetzt
aber blieb es kalt und leer. Nur wenn sie an den Sohn dachte, flimmerte
etwas Lichtes vor ihr auf, und sinnvoller wurde alles, was sie tat.
»Wanja?« fragte sie leise hinter der Lampe.
»Ich bin es, Mütterchen!« antwortete Lande, warf seine Mütze auf den
Tisch, ging auf sie zu und setzte sich neben sie, den Kopf gegen ihre
volle, aber nicht mehr elastische Schulter, die warm wie eine Ofenbank
war, gelehnt. Sie streichelte ihn über den Kopf, über die lockeren, sehr
weichen und hellen Haare und dachte, daß ihre ganze Zukunft und Freude,
ihr Glauben und Sinn, ihr ganzes unbegreifliches, fürchterliches Leben
nur noch in diesem Sohne ist.
»Willst du essen?« fragte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Ja.« Lande fing an, ihre volle Hand mit den kurzen, verschrumpften
Fingerchen still und zärtlich zu küssen.
»Mein lieber Junge!« sagte die Mutter mit Tränen in den Augen.
»Mutter, was hat uns Vater eigentlich hinterlassen. Alles in allem?«
Die Mutter war über die Frage nicht im geringsten verwundert, weil Lande
darüber klar sein mußte, ob er weiter studieren könnte oder nicht.
»Nicht viel, Wanja ...« sagte sie traurig, während sie an etwas anderes
dachte. »Hier das Haus, und dann die Pension hat man mir, Gott sei Dank,
nicht zu schlecht bewilligt. Aber an Bargeld haben wir nur vier
Tausend.«
»So dachte ich es auch. Das Haus und die Pension gehören dir
selbstverständlich, Mama, und das Geld, erlaube, daß ich es jetzt nehme
-- ich brauche es ...« Lande empfand im gleichen Augenblick, daß ein
schweres, banges Gefühl seine Seele durchströmte.
»Ah ja ... nimm, nimm es ... es ist dir ja auch vermacht worden ...«
Die Mutter sah Lande nachdenklich an und strich mit der Hand über sein
Haar.
»Was willst du denn damit anfangen?« fragte sie still und zärtlich, ihm
wie einem Kind zulächelnd.
Nicht für einen Augenblick kam Lande der Gedanke, ihr es zu
verschweigen. Er sah ihr in die Augen schlicht und klar, sein Gesicht
wurde heller, und er antwortete freudig:
»Ich will es den Familien der Arbeiter geben, die Werschilow auf die
Straße geworfen hat.«
»Was?« fragte die Mutter. Sie lächelte und sagte: »Ein Dummchen bist du,
ganz ein Kind, obgleich du schon einen tüchtigen Bart hast.«
Lande lächelte traurig und schwieg.
»Mach aber nicht etwa Ernst damit! Von dir wäre es schon zu erwarten!«
sagte sie, plötzlich mit einer ganz anderen, mit banger und warnender
Stimme. Doch ehe sie noch zu Ende gesprochen hatte, sah sie an seinen
klar und fast zu weit geöffneten Augen, daß er es wirklich im Ernst
meine. Eine Minute schwieg sie und starrte ihm erschrocken ins Gesicht,
dann meinte sie, mehr um sich zu beruhigen: »Unsinn! Und was wird denn
aus dir selber?«
»Irgendwie wird es sich machen ...« sagte Lande traurig. Er fühlte, wie
eine unübersteigbare, eisige Mauer unsichtbar zwischen ihnen aufstieg.
»Unsinn!« wiederholte die Mutter hartnäckig, als ob sie sich gegen etwas
Feindseliges und Böses wehren müsse. Und tatsächlich waren auch seine
Absichten für sie unannehmbar, weil dadurch alles in Nichts aufgelöst
wurde, womit sie ihr langes, emsiges Leben aufgebaut hatte.
Er antwortete nicht mehr. Er schwieg und fühlte, wie sich ein blutender
Fetzen aus seinem Herzen riß.
Als er nachts im Bett lag, dachte er:
... Was tun? Die Mutter wird es nicht verstehen und nicht verstehen
wollen. Es wird für sie ein furchtbarer Schlag sein; aber ich kann nicht
anders ... Wir würden uns einander in den Weg stellen, und da ich sie
liebe, müßte ich ihr nachgeben. Und das darf nicht sein! Also muß ich
von ihr fort ...
Ein heißes Gefühl entstieg diesem Entschluß; doch in der dumpfen
Finsternis verlöschte es sofort wieder; er empfand sich plötzlich
einsam, von allem losgerissen. Zum ersten Mal in seinem Leben sollte er
die Verbindung mit einem unendlich geliebten Menschen abbrechen; es
schien ihm unsagbar schwer, er bangte sich davor. Da sah er plötzlich
den todkranken Ssemjonow auf sich zukommen; eine unerklärliche Erregung
durchwühlte ihn.
... Hier liege ich nun, dachte er, allein mit der Überzeugung, daß ich
alles zerbreche, daß ich Kummer und Schmerz zufügen muß; und vielleicht
ist dennoch ... trotz allem ... nichts weiter um mich, nichts vorhanden,
nur Leere, unendliche Leere ... Da sind irgendwo Sterne, nichts als
Sterne! Und ich bin nicht einmal ein Sandkorn, viel weniger, unendlich
weniger, mein Leben ist in der Ewigkeit kaum ein Augenblick, fast als ob
es gar nicht existierte ... Und ich lebe, glaube, gebe selbst von meinem
Leben ab ... Was tue ich denn?
Die Haare bewegten sich auf seinem Kopfe, das eine Bein zitterte
unaufhörlich. Für einen Augenblick glaubte er, in irgend einer kalten,
toten und majestätisch-furchtbaren Leere zu hängen. Unten und oben,
alles ist dunkel und leer. Dann erinnerte er sich an ein Kätzchen, das
ein Kutscher Werschilows in seiner Gegenwart am Genick packte, hoch hob
und dann gegen den Boden schleuderte. Das Kätzchen war auf der Stelle
tot. Ihm kam es vor, als ob er selbst, am Genick gepackt, in der Leere
hänge, dem Tode nah, und hilflos seine Glieder bewege. Und gleich wird
er niedergeschleudert werden, ein donnernder Schlag trifft ihn, und
alles wird still, unbeweglich, dunkel sein. Das Gefühl der Einsamkeit
wurde für seine überreizten Nerven unerträglich; es trieb ihn, von
jemandem zu hören, daß er nicht in dieser Welt, die riesig wie eine
Ewigkeit ist, allein sei.
Krampfhaft warf Lande den Kopf zurück. Seine aufgerissenen Augen
starrten gespannt in einen schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftat,
sein ganzes Wesen zerfloß in überquellender Verzückung; unwillkürlich
begann er, zu einem zu beten:
... Herr, Herr ... Herr Gott ...
Seinen Kopf durchwirbelten in unglaublichem Chaos Gedanken, flimmerten,
schlugen zusammen, verwickelten sich ineinander; alles in ihm ging in
dem Gebet auf. Ihm kam nichts als diese Worte in den Kopf; in ihnen
drängte sich sein ganzes Selbst zusammen, und in dem Übermaß der
Spannung, die bis an die Grenzen des Ertragbaren ging, wuchs etwas
Machtvolles, Großes, das unmöglich zwecklos sein konnte, heran.
... Herr, Herr!
Und er fühlte, daß ihm jemand zuhöre, gebieterisch und ruhevoll.
Plötzlich begann in dem Wirbel der Gedanken, unerwartet, unbewußt für
ihn selbst, ein einziger Gedanke hervorzutreten, zu erstarken und
aufzuleuchten.
... Ich bete, während ich in einem warmen Bett liege; und die Arbeiter
Werschilows schlafen jetzt nach einem schweren, auswegslosen Tag auf
kahlem Fußboden ...
Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, in ihm und um ihn.
Alles war still, gespannt still, und Lande vernahm jeden seiner schweren
und krampfhaften Atemzüge.
... Ja, was soll denn daraus werden? Was soll ich tun? fragte er den in
ihm um Rat. Und tief in seiner Seele entstand, erst unmerklich, dann
immer stärker und klarer, der abgerissene Wunsch, aufzustehen und sich
auf den kalten Boden zu legen.
... Doch darauf kommt es ja nicht an! sagte er sich.
Der Trieb wurde immer größer, überwältigend groß und fing an, ihn zu
quälen.
... Herr! er versuchte dagegen anzukämpfen und wieder zu beten, aber der
Aufschrei hallte leer und tot in seiner Seele wider.
Da sprang er, von einem augenblicklichen Verlangen hingerissen, rasch
vom Bette auf, sank in die Knie und legte dann die heiße Stirn auf den
kalten Boden. Ringsherum war alles ebenso still und finster.
Seine Augen wurden plötzlich feucht; in seiner Seele wurde es ruhig; es
ging wie ein Aufseufzen nach sehnsüchtiger Erwartung durch seinen
Körper. Und sofort mahnte er sich daran, morgen den Arbeitern das Geld
zu geben, ihnen alles abzugeben, was er nur geben kann, sich selbst, das
Freudigste und Lichteste in seiner Seele fortzugeben. Wie er es tun
würde, das wußte er noch nicht und an das dachte er auch nicht, wie er
auch nicht mehr daran dachte, daß er die Mutter betrüben, viele Menschen
gegen sich aufbringen und sein eigenes Leben erschweren konnte.
Ein volles, frohes Gefühl erwachte in ihm und erfüllte alles um ihn her
mit breiten, klaren Lichtwellen. Die Furcht schwand wie Rauch. Vom Boden
stieg Kälte auf, und sein Körper zitterte; aber es machte ihn glücklich,
als ob er sich dadurch mit jemandem vereinigte und aufhörte, einsam zu
sein. Und dann trat alles in Nichts zurück: die Härte des Fußbodens wie
seine Kälte, die Finsternis, sein eigener, halbnackter, lächerlich
zusammengekauerter Körper -- alles trat in Nichts zurück und wurde
unfaßbar, überflüssig.
... Herr, mein Herr! betete Lande wieder mit unstillbarem Verlangen.
Und in diesem angespannt freudenvollen Zustand, der dem größten,
tiefsten Glücke glich, erstarrte er allmählich, wurde ruhig, verlor die
Besinnung und war auf dem Boden eingeschlafen, als ein grauer,
durchsichtiger Schein sich durch das Fenster schlich.
Es war das letzte Mal in seinem Leben, daß ihm Zweifel gekommen waren,
daß er für einen Augenblick in der Voraussicht der schweren Wandlung
beirrt wurde. Nun öffnete sich eine helle und gerade Bahn in seiner
Seele.