III

Als Lande nach Hause kam, saß seine Mutter am Tisch; sie wartete

augenscheinlich schon lange mit dem Abendbrot auf ihn.

Zu Hause war es seit dem Tode ihres Mannes leer und öde; sie tat sich

selber leid. Ihr schien, daß alles in der Welt zu Ende, gestorben sei;

ihr Leben war durch eine dunkle und verhängnisvolle Macht in zwei

gleiche Hälften gespalten worden. Das, was früher in ihm langweilig und

schwer gewesen war, vergaß sie und sah hinter sich furchtbar weit, alles

nur freudig und warm, wie von hellem, wärmenden Licht durchströmt. Jetzt

aber blieb es kalt und leer. Nur wenn sie an den Sohn dachte, flimmerte

etwas Lichtes vor ihr auf, und sinnvoller wurde alles, was sie tat.

»Wanja?« fragte sie leise hinter der Lampe.

»Ich bin es, Mütterchen!« antwortete Lande, warf seine Mütze auf den

Tisch, ging auf sie zu und setzte sich neben sie, den Kopf gegen ihre

volle, aber nicht mehr elastische Schulter, die warm wie eine Ofenbank

war, gelehnt. Sie streichelte ihn über den Kopf, über die lockeren, sehr

weichen und hellen Haare und dachte, daß ihre ganze Zukunft und Freude,

ihr Glauben und Sinn, ihr ganzes unbegreifliches, fürchterliches Leben

nur noch in diesem Sohne ist.

»Willst du essen?« fragte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ja.« Lande fing an, ihre volle Hand mit den kurzen, verschrumpften

Fingerchen still und zärtlich zu küssen.

»Mein lieber Junge!« sagte die Mutter mit Tränen in den Augen.

»Mutter, was hat uns Vater eigentlich hinterlassen. Alles in allem?«

Die Mutter war über die Frage nicht im geringsten verwundert, weil Lande

darüber klar sein mußte, ob er weiter studieren könnte oder nicht.

»Nicht viel, Wanja ...« sagte sie traurig, während sie an etwas anderes

dachte. »Hier das Haus, und dann die Pension hat man mir, Gott sei Dank,

nicht zu schlecht bewilligt. Aber an Bargeld haben wir nur vier

Tausend.«

»So dachte ich es auch. Das Haus und die Pension gehören dir

selbstverständlich, Mama, und das Geld, erlaube, daß ich es jetzt nehme

-- ich brauche es ...« Lande empfand im gleichen Augenblick, daß ein

schweres, banges Gefühl seine Seele durchströmte.

»Ah ja ... nimm, nimm es ... es ist dir ja auch vermacht worden ...«

Die Mutter sah Lande nachdenklich an und strich mit der Hand über sein

Haar.

»Was willst du denn damit anfangen?« fragte sie still und zärtlich, ihm

wie einem Kind zulächelnd.

Nicht für einen Augenblick kam Lande der Gedanke, ihr es zu

verschweigen. Er sah ihr in die Augen schlicht und klar, sein Gesicht

wurde heller, und er antwortete freudig:

»Ich will es den Familien der Arbeiter geben, die Werschilow auf die

Straße geworfen hat.«

»Was?« fragte die Mutter. Sie lächelte und sagte: »Ein Dummchen bist du,

ganz ein Kind, obgleich du schon einen tüchtigen Bart hast.«

Lande lächelte traurig und schwieg.

»Mach aber nicht etwa Ernst damit! Von dir wäre es schon zu erwarten!«

sagte sie, plötzlich mit einer ganz anderen, mit banger und warnender

Stimme. Doch ehe sie noch zu Ende gesprochen hatte, sah sie an seinen

klar und fast zu weit geöffneten Augen, daß er es wirklich im Ernst

meine. Eine Minute schwieg sie und starrte ihm erschrocken ins Gesicht,

dann meinte sie, mehr um sich zu beruhigen: »Unsinn! Und was wird denn

aus dir selber?«

»Irgendwie wird es sich machen ...« sagte Lande traurig. Er fühlte, wie

eine unübersteigbare, eisige Mauer unsichtbar zwischen ihnen aufstieg.

»Unsinn!« wiederholte die Mutter hartnäckig, als ob sie sich gegen etwas

Feindseliges und Böses wehren müsse. Und tatsächlich waren auch seine

Absichten für sie unannehmbar, weil dadurch alles in Nichts aufgelöst

wurde, womit sie ihr langes, emsiges Leben aufgebaut hatte.

Er antwortete nicht mehr. Er schwieg und fühlte, wie sich ein blutender

Fetzen aus seinem Herzen riß.

Als er nachts im Bett lag, dachte er:

... Was tun? Die Mutter wird es nicht verstehen und nicht verstehen

wollen. Es wird für sie ein furchtbarer Schlag sein; aber ich kann nicht

anders ... Wir würden uns einander in den Weg stellen, und da ich sie

liebe, müßte ich ihr nachgeben. Und das darf nicht sein! Also muß ich

von ihr fort ...

Ein heißes Gefühl entstieg diesem Entschluß; doch in der dumpfen

Finsternis verlöschte es sofort wieder; er empfand sich plötzlich

einsam, von allem losgerissen. Zum ersten Mal in seinem Leben sollte er

die Verbindung mit einem unendlich geliebten Menschen abbrechen; es

schien ihm unsagbar schwer, er bangte sich davor. Da sah er plötzlich

den todkranken Ssemjonow auf sich zukommen; eine unerklärliche Erregung

durchwühlte ihn.

... Hier liege ich nun, dachte er, allein mit der Überzeugung, daß ich

alles zerbreche, daß ich Kummer und Schmerz zufügen muß; und vielleicht

ist dennoch ... trotz allem ... nichts weiter um mich, nichts vorhanden,

nur Leere, unendliche Leere ... Da sind irgendwo Sterne, nichts als

Sterne! Und ich bin nicht einmal ein Sandkorn, viel weniger, unendlich

weniger, mein Leben ist in der Ewigkeit kaum ein Augenblick, fast als ob

es gar nicht existierte ... Und ich lebe, glaube, gebe selbst von meinem

Leben ab ... Was tue ich denn?

Die Haare bewegten sich auf seinem Kopfe, das eine Bein zitterte

unaufhörlich. Für einen Augenblick glaubte er, in irgend einer kalten,

toten und majestätisch-furchtbaren Leere zu hängen. Unten und oben,

alles ist dunkel und leer. Dann erinnerte er sich an ein Kätzchen, das

ein Kutscher Werschilows in seiner Gegenwart am Genick packte, hoch hob

und dann gegen den Boden schleuderte. Das Kätzchen war auf der Stelle

tot. Ihm kam es vor, als ob er selbst, am Genick gepackt, in der Leere

hänge, dem Tode nah, und hilflos seine Glieder bewege. Und gleich wird

er niedergeschleudert werden, ein donnernder Schlag trifft ihn, und

alles wird still, unbeweglich, dunkel sein. Das Gefühl der Einsamkeit

wurde für seine überreizten Nerven unerträglich; es trieb ihn, von

jemandem zu hören, daß er nicht in dieser Welt, die riesig wie eine

Ewigkeit ist, allein sei.

Krampfhaft warf Lande den Kopf zurück. Seine aufgerissenen Augen

starrten gespannt in einen schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftat,

sein ganzes Wesen zerfloß in überquellender Verzückung; unwillkürlich

begann er, zu einem zu beten:

... Herr, Herr ... Herr Gott ...

Seinen Kopf durchwirbelten in unglaublichem Chaos Gedanken, flimmerten,

schlugen zusammen, verwickelten sich ineinander; alles in ihm ging in

dem Gebet auf. Ihm kam nichts als diese Worte in den Kopf; in ihnen

drängte sich sein ganzes Selbst zusammen, und in dem Übermaß der

Spannung, die bis an die Grenzen des Ertragbaren ging, wuchs etwas

Machtvolles, Großes, das unmöglich zwecklos sein konnte, heran.

... Herr, Herr!

Und er fühlte, daß ihm jemand zuhöre, gebieterisch und ruhevoll.

Plötzlich begann in dem Wirbel der Gedanken, unerwartet, unbewußt für

ihn selbst, ein einziger Gedanke hervorzutreten, zu erstarken und

aufzuleuchten.

... Ich bete, während ich in einem warmen Bett liege; und die Arbeiter

Werschilows schlafen jetzt nach einem schweren, auswegslosen Tag auf

kahlem Fußboden ...

Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, in ihm und um ihn.

Alles war still, gespannt still, und Lande vernahm jeden seiner schweren

und krampfhaften Atemzüge.

... Ja, was soll denn daraus werden? Was soll ich tun? fragte er den in

ihm um Rat. Und tief in seiner Seele entstand, erst unmerklich, dann

immer stärker und klarer, der abgerissene Wunsch, aufzustehen und sich

auf den kalten Boden zu legen.

... Doch darauf kommt es ja nicht an! sagte er sich.

Der Trieb wurde immer größer, überwältigend groß und fing an, ihn zu

quälen.

... Herr! er versuchte dagegen anzukämpfen und wieder zu beten, aber der

Aufschrei hallte leer und tot in seiner Seele wider.

Da sprang er, von einem augenblicklichen Verlangen hingerissen, rasch

vom Bette auf, sank in die Knie und legte dann die heiße Stirn auf den

kalten Boden. Ringsherum war alles ebenso still und finster.

Seine Augen wurden plötzlich feucht; in seiner Seele wurde es ruhig; es

ging wie ein Aufseufzen nach sehnsüchtiger Erwartung durch seinen

Körper. Und sofort mahnte er sich daran, morgen den Arbeitern das Geld

zu geben, ihnen alles abzugeben, was er nur geben kann, sich selbst, das

Freudigste und Lichteste in seiner Seele fortzugeben. Wie er es tun

würde, das wußte er noch nicht und an das dachte er auch nicht, wie er

auch nicht mehr daran dachte, daß er die Mutter betrüben, viele Menschen

gegen sich aufbringen und sein eigenes Leben erschweren konnte.

Ein volles, frohes Gefühl erwachte in ihm und erfüllte alles um ihn her

mit breiten, klaren Lichtwellen. Die Furcht schwand wie Rauch. Vom Boden

stieg Kälte auf, und sein Körper zitterte; aber es machte ihn glücklich,

als ob er sich dadurch mit jemandem vereinigte und aufhörte, einsam zu

sein. Und dann trat alles in Nichts zurück: die Härte des Fußbodens wie

seine Kälte, die Finsternis, sein eigener, halbnackter, lächerlich

zusammengekauerter Körper -- alles trat in Nichts zurück und wurde

unfaßbar, überflüssig.

... Herr, mein Herr! betete Lande wieder mit unstillbarem Verlangen.

Und in diesem angespannt freudenvollen Zustand, der dem größten,

tiefsten Glücke glich, erstarrte er allmählich, wurde ruhig, verlor die

Besinnung und war auf dem Boden eingeschlafen, als ein grauer,

durchsichtiger Schein sich durch das Fenster schlich.

Es war das letzte Mal in seinem Leben, daß ihm Zweifel gekommen waren,

daß er für einen Augenblick in der Voraussicht der schweren Wandlung

beirrt wurde. Nun öffnete sich eine helle und gerade Bahn in seiner

Seele.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 23 / 45 题