»Ich werde nach Ihnen einen Akt malen!« sagte Molotschajew, während er
sich nahe an das Gesicht Marja Nikolajewnas, das hell vom Mond bestrahlt
wurde, neigte.
»Warum nicht gleich zwei!« lachte sie, und ihre Augen funkelten vor
fröhlichem Vergnügen.
Lande hob den Kopf, sah sie an und sagte:
»Das ist gut ...«
Er wollte ihnen sagen:
... Das ist gut, daß ihr beide so jung, so schön und daß ihr so
ineinander verliebt seid! Er sprach aber nicht weiter und lächelte nur.
»Was wollen Sie also für die Arbeiter tun?« Marja Nikolajewna erinnerte
sich an Landes Worte und machte ein ernstes Gesicht.
Lande schlug leise die Hände auseinander.
»Auch nichts besonderes ... nur so, für die allererste Zeit ... ich habe
Geld ...«
Molotschajew blickte ihn an. -- Von diesem mondbeleuchteten, mageren,
gar nicht schönen Gesicht mit den großen, herrlichen Augen wehte eine
schlichte und unentwegte Entschlossenheit auf den Maler hinüber. Ein
Gefühl unangenehmen, unbestimmten Neides regte sich in Molotschajew, als
ob sich in der Tiefe seiner Seele irgend ein versteckter, trüber Geist
unter einem Lichtstrahl zusammenzöge.
»Wollen Sie es hingeben?« fragte er, mit einem mißtrauischen Zug um die
Lippen.
»Ja,« antwortete Lande.
»Das ganze Geld?« fragte Molotschajew wieder, als hörte er einen
schlechten Scherz.
»Ich weiß wirklich nicht, mein Täubchen ...« antwortete Lande gutmütig,
dabei selbst überlegend, als ob er sich mit ihnen beratschlagte.
»Vielleicht auch das ganze ... je nachdem es notwendig ist.«
»Und Sie ... haben Sie viel Geld?« sagte Molotschajew mit verstellter
Ironie ... Er macht sich originell! dachte er, wurde aber sofort
ärgerlich, weil er fühlte, daß er nur aus Neid die Unwahrheit dachte.
Marja Nikolajewna sah Lande aufmerksam an.
»Ich habe ...«
Lande strich die Mütze zurecht und fuhr ruhig fort: »Nicht sehr viel ...
ich habe vier Tausend.«
Und wieder mußte Molotschajew denken:
... Hat doch eine wirkungsvolle Pause gemacht!
Dann blickte er zufällig auf Marja Nikolajewna und vergaß an Lande.
»Sie haben ein Gesicht wie aus einem Stuckschen Gemälde wenn Sie lachen
oder wenn Sie nachdenklich werden!« sagte er mit begeisterter,
aufrichtiger Stimme, und seine Augen glänzten freudig.
Marja Nikolajewna lachte; ihre weißen Zähne schimmerten unter dem
Mondlicht für einen Augenblick hell und geheimnisvoll zwischen den
scharfumrissenen, halbgeöffneten Lippen. Lande blickte sie an und sah,
daß ihr Gesicht in der Tat weiß und kräftig, zart und brutal war, wie
auf einem Gemälde von Stuck. Und sie war auch sonst so hochgewachsen,
schlank und kräftig; ein frischer und erregender Duft strömte von ihr
aus.
»Wollen Sie ihnen wirklich gleich alles geben?« fragte Marja Nikolajewna
Lande und versuchte ihr Gesicht vor Molotschajew zu verbergen.
»Gleich alles geben!« lächelte Lande freudig und zärtlich ihrer
Schönheit und ihren klaren Augen zu.
Auch seine Stimme war so ruhig und innig, daß Marja Nikolajewna für
einen Augenblick nachdenklich wurde. Irgend eine warme und sanfte Saite
hallte feinfühlig im Innern ihrer Seele wider.
... Reizend ist er und ganz eigenartig ... Ein Seliger. Sie erinnerte
sich wie Ssemjonow einmal Lande genannt hatte ... Nein, er ist kein
Seliger.[4]
Sie wünschte, daß er es nicht wäre. Nicht weil er vor ihr stand. Aber in
dieser Nacht stieg das Verlangen in ihr auf, daß jenes Machtvolle und
Schöne, das im Mondenschein, im gestirnten Himmel, in der
feierlich-ruhig schlafenden Erde um ihr war -- jetzt auch, im Lebendigen
und Bewußtsein schlicht und einfach aufleuchte.
»Ich muß hier ...« Lande war unschlüssig. Er wäre am liebsten mit ihnen
zusammengeblieben.
»Adieu!« Molotschajew reichte ihm kühl und hastig die Hand.
Lande überlegte; dann ging er still lächelnd fort.
... Laß sie schon ...! sagte er sich; seine Seele wurde weit und
gerührt, als umarmte er die ganze Welt.
Marja Nikolajewna ging lange schweigend neben Molotschajew; feierliche
Stille schien auch ihre Seele zu überwältigen.
»Dieser Lande ist wohl übergeschnappt!« meinte Molotschajew. »Ein Narr
... Vielleicht nicht mal ein Narr, ganz im Gegenteil!« fügte er mit
einer Grimasse hinzu; doch plötzlich fuhr er nachdenklich fort:
[Fußnote 4: Im Volksmund die Bezeichnung für religiös überspannte
Personen.