D. Übers.]

Alle wurden still. Ein kalte, fremde Regung, die ihnen aber doch

entsetzlich nahe war, richtete sich in ihrem Innern auf. Deutlich klang

die leise Stimme Landes, wie eine schwach aufgezogene Saite, als er

sprach:

»Aber nicht doch, Täubchen! So soll man nicht über etwas reden, das

niemand weiß. Wir werden alle einmal sterben, nicht ich, nicht du

allein, nein alle, und wir werden es alle gleich erfahren, ob es ein

Ende, ein Unkraut ist, wie du sagtest, oder ein neues Leben. Alle!

Fühlst du denn wirklich nichts hinter diesem Wort? Unmöglich kann doch

eine solche Kraft von Leiden, Lieben und Denken spurlos verschwinden,

einfach als Unkraut aufgehen. Alle fühlen das auch und glauben es, auch

du glaubst es. Nur willst du nichts glauben, weil du dich wie ein Kind

vor dem Neuen, Unverständlichen fürchtest. Wir kennen doch den Tod

nicht, und an ihm ist uns gerade furchtbar, daß wir ihn nicht kennen

...«

Die naive Aufrichtigkeit, die aber in ihrer Einfachheit feierlich

wirkte, mit der Lande seine unklaren, in der Luft wogenden Worte sprach,

umzog das gequälte Gehirn wie ein unfaßbar weicher Duft, wie ein warmer

Strahl, der die Seele liebkost, das gespannte Denken beruhigt, es auf

etwas Unbestimmtes und Helles ablenkt, wie zu einer fernen Morgenröte

hin. Eine kindlich zutrauliche Hoffnung leuchtete schüchtern in der

dunklen Tiefe des zitternden Herzens auf, und ohne sich weiter in Landes

Worte zu vertiefen, sie allein mit dem Gefühl aufnehmend, lächelte

Ssemjonow ruhiger und heiterer.

»Selig sind, die glauben!« sagte er leicht scherzend. Alle atmeten

freier auf und kamen wieder in Bewegung. Das unsichtbare, kalte Gespenst

trat leise zurück und nahm seine fürchterlich schwere Hand von ihrem

Gespräch.

Ein hochgewachsener Mensch, schwarz wie ein Schatten, kam den Boulevard

hinunter; seine langen Beine scharrten über den raschelnden Sand.

»Da ist Firsow,« sagte Lande und rief, ein wenig seine Stimme

anstrengend: »Firsow!«

»Wer ist das?« fragte Molotschajew leise.

»So ein Beamter am Kameralhof ...« Schischmarjow machte eine wegwerfende

Handbewegung. Er schien auf Lande ärgerlich zu sein.

Der schwarze Schatten blieb langsam stehen.

»Das sind Sie wohl, Iwan Ferapontowitsch?« fragte eine knarrende,

hölzerne Stimme mit einem undeutlichen Nebenklang, sodaß man den Ton,

der in ihr lag, nicht erkennen konnte.

»Ich,« rief Lande zurück.

Füße schlürften, und der flache Schatten verwandelte sich allmählich in

einen langen, dürren Menschen. Firsow kam näher.

»Willkommen bei uns, Iwan Ferapontowitsch, willkommen!«

Mit übertriebener Freundlichkeit setzte er zu sprechen ein und drängte

sich über die Füße der Sitzenden hinweg zu Iwan Lande. Es machte den

Eindruck, als ob er sich Mühe gab, nach Möglichkeit zu lärmen und

begeistert zu sein.

»Passen Sie auf! ... Sie!« bemerkte unfreundlich Ssemjonow.

»Guten Abend, Firsow! Wie geht es Ihnen?« sagte Lande mit festem

Händedruck.

»Ja,« antwortete Firsow, die Hände reibend, »wie sollte es mir schon

gehen? Dienst und wieder Dienst. -- So geht das ganze Leben! Doch

natürlich lebe ich auch im Geiste. Wenn ich in der Kirche bin, da

erneuere ich mich.«

Durch seine Stimme klang, während er von seinem Leben sprach, kaum

hörbar ein falscher Ton von Selbstbeweihräucherung, als wollte er damit

vor Lande prahlen.

»Reich ist Ihr Leben gerade nicht!« bemerkte Schischmarjow mit

unverhohlenem Spott.

Mit einer langsamen, fast knisternden Bewegung wandte sich Firsow zu

ihm.

»Meinen Sie?« Mit zusammengepreßten Zähnen fügte er hinzu: »Einen

größeren Reichtum als die Gemeinschaft mit Gott kenne ich nicht. Sie

denken darüber wahrscheinlich anders.«

In seiner Stimme zitterte leise eine versteckte Drohung, doch

Schischmarjow blickte ihn verächtlich an und wandte sich ab.

»Tja ...« sagte Firsow gedehnt nach einer Pause. »Iwan Ferapontowitsch,

ich hatte neulich hier auf dem Gericht als Geschworener zu tun. Eine

ganz interessante Sache kam uns in die Hände. Verstehen Sie, ein

Arbeiter war wegen schweren Diebstahls angeklagt ... früher war er hier

auf der Dampfweberei als Meister gewesen. Ich glaube, Sie kennen ihn

übrigens: Tkatschow heißt er ...«

»Tkatschow?« rief Lande erschrocken. »Das ist ja nicht möglich!«

»Jawohl,« meinte Firsow vergnügt. »Wegen Diebstahls. Die Sache ist an

sich eine Bagatelle, aber sein Verhalten ... Denken Sie sich nur: er

wollte keinen Verteidiger haben; er plaidierte selbst. >Ich habe

gestohlen, natürlich,< sagte er, >aber, meine Herren Geschworenen, wer

von Ihnen ohne Sünde ist, der soll mich als erster verurteilen.< Eine

Gotteslästerung, im Grunde genommen! Aber doch verstand ich da erst,

welche Macht in diesen Worten liegt ...«

»Auf die Worte kommt es hier gar nicht an!« warf Ssemjonow ein.

Firsow sprach in äußerster Entrüstung:

»Nein, gerade auf diese Worte! Nur auf die Worte!«

Und er versuchte unklar auseinanderzusetzen, daß gerade diese Worte wie

ein Wunder, als »Gotteswort«, ganz unabhängig von dem Menschen, der sie

aussprach, um sie auf sein eigenes, bitteres Leben zu beziehen, »auf die

Herzen schlugen«. Aber alles, was er sprach, war so trocken und ohne

Leben, daß ihm niemand zuhörte.

Marja Nikolajewna streckte ihren Arm, der in dem weiten, weißen Ärmel

wie der Flügel eines großen Vogels aussah, in die Luft und rief

fröhlich:

»Der Mond, der Mond geht auf!«

Firsow brach jäh ab und blickte sie gekränkt an.

»Tja, allerdings ... Der Mond ist wahrscheinlich wichtiger!«

»Alles ist wichtig,« sagte Lande beruhigend und lächelte zärtlich.

Aus der tiefen Finsternis lugte hinter dem schwarzen Horizont etwas

Rotes hervor und wurde allmählich runder und größer. Im dunklen Wasser

glänzten sofort Funken auf, und eine feine, zittrige Brücke von Gold

spannte sich geradlinig von einem Ufer zum anderen, wie eine

geheimnisvolle, wortlose Aufforderung, in eine neue, azurne Welt

hinüberzusteigen.

»Wie schön!« rief Marja Nikolajewna mit voller, begeisterter Stimme, und

freudig leuchtete diese frische und kräftige Stimme über den Abhang.

Lande richtete seinen Blick auf sie und schaute auf ihr junges, schönes

Gesicht, das mit tiefen Augen an ihm vorbei in die Ferne sah.

»Iwan Ferapontowitsch,« sagte Firsow mit trauriger, knarrender Stimme,

während er sich erhob, »wir werden uns gewiß noch sehen ... Jetzt muß

ich gehen.«

»Gewiß sehen wir uns noch!« sagte Lande, indem er weich und schwach

seine Hand mit den kalten, feuchten Fingern drückte.

Firsow verabschiedete sich schweigend von den andern und ging, die Füße

über den Boden schleifend, fort.

»Welch Vergnügen macht es dir, mit dem anzufangen!« Schischmarjow zuckte

kühl die Achseln, als er fort war. »Ein Mucker, ein Geizhals ... treibt

sich in Kirchen umher und quält zu Hause sein Kind.«

»Er ...«

»Ach, sprechen wir nicht davon, bitte!« fiel ihm Schischmarjow geärgert

ins Wort.

Lande lächelte traurig und verstummte.

Der Mond tauchte über der Erde auf und hing rund und schweigsam in der

Luft.

»Hier, malen Sie mal so etwas, Molotschajew!« sagte Marja Nikolajewna,

ohne den Kopf zu wenden. »Ich werde Sie dann gleich für einen großen

Künstler halten!«

Molotschajew blickte schweigend auf den Mond, seine Augen weiteten sich

und wurden weicher und tiefer, als ob er etwas Geheimnisvolles und

Großes sähe, das für niemanden außer ihm sichtbar war.

Schischmarjows Augen folgten ihm mit verächtlicher Aufmerksamkeit.

»Gleich wird er es malen!« Er wandte sich an Lande und fing eilig,

scharf und besorgt an, zu sprechen. »Lande, wir hatten auf der

Werschilowschen Mühle folgende Geschichte: Werschilow wollte seinen

Arbeitern faules Fleisch geben, und da haben sie ihm die Fenster

eingeschlagen und den Geschäftsführer durchgeprügelt ... Zweiundzwanzig

Mann sind verhaftet.«

»Na, Lande, hatten die Leute recht?« fragte Ssemjonow mit gutmütiger

Ironie.

»Ja ...« antwortete Lande fest.

Ssemjonow stieß einen unbestimmten Laut aus und wurde düster.

»Ihre Familien sind in einer entsetzlichen Lage ... Eine furchtbare

Geschichte!« Schischmarjow schüttelte den Kopf. »Wir haben hier einiges

für sie getan, -- -- aber ...!«

Alle schwiegen. Lande blickte auf den Boden und bewegte ein wenig seine

dünnen Finger.

Ssemjonow hustete leise; der Schall hallte deutlich über dem Abhang

wider. Unmerklich, wie auf Schleichfüßen, stieg der Mond über etwas

Schwarzem, Unbegreiflichem immer höher und höher; je höher er stieg,

desto begreiflicher und heller wurde dieses Schwarze, und bald lag das

gegenüberliegende Ufer klar, wenn auch gespensterhaft, vor ihnen, und

weiße Nebelstreifen wurden auf den Wiesen sichtbar. Auch aus dem Flusse

hob sich der gleiche, kalte Nebel, und weiße, schweigsame Schatten

begannen über das kalte, tiefe Wasser zu gleiten.

Feucht und kalt wurde es. Ssemjonow knöpfte seinen Paletot zu, stülpte

sich die Mütze tief über den Kopf, sodaß seine Ohren tief in ihr

steckten, und stand auf.

»Ich muß nach Hause ...« sagte er. »Es wird kalt ... Und du, Ssonja,

kommst du mit?«

»Nein,« antwortete nachdenklich ein Mädchen, so dünn wie ein Grashalm,

das die ganze Zeit unbeweglich dicht über dem Abhang gesessen hatte.

»Wie du willst ...« sagte Ssemjonow gleichgültig mit trüber Stimme. »Es

ist kalt ... Komm mal zu mir, Lande!«

»Gut!«

»Auf Wiedersehen!«

»Was?« fragte Molotschajew mechanisch.

»Der Maler ist in Gedanken versunken! Auf Wiedersehen!«

Ssemjonow bückte sich krankhaft und ging langsam den Boulevard entlang.

»Höre, Ljonja ...« meinte Lande plötzlich langsam; es war merkbar, daß

er die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte. »Man muß diesen Menschen

helfen ...«

»Ja, was möglich war, ist getan worden. Es gibt kein Mittel« antwortete

Schischmarjow.

Lande stand auf.

»Weshalb keine?« sagte er nachdenklich. »Du mußt morgen zu mir kommen

... Ich gehe jetzt. Meine Mutter wartet auf mich.«

Es wurde bald sehr kalt. Die Erde wie der Himmel, das Wasser, die

Gesichter der Menschen -- alles wurde hellblau und schien durchsichtig

und kühl zu sein, wie blaues Eis. Schischmarjow ging mit Ljonja nach der

einen Seite, Lande, Molotschajew und Marja Nikolajewna nach der anderen.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 20 / 45 题