Auch in diesem Mai war der Sohn des erst kürzlich verstorbenen
Vorsitzenden des Landschaftspräsidiums, der Student der Mathematik Iwan
Lande, angekommen.
Den ganzen Tag über saß er bei der Mutter, die ihm mit trüben, müden
Tränen vom Tode des Vaters erzählte; erst als es zu dämmern begann, nahm
er seine Mütze und ging zum Boulevard hinunter. Die Allee lief am Ufer
eines großen Flusses, der unter den Frühlingswassern gestiegen war,
entlang. An einer Stelle fiel vom Ufer ein steiler Abhang ab; an seinem
Rande standen zwei Bänke aus altem, grünem Holz, deren Bretter in der
Feuchtigkeit weich geworden waren.
Hinter dem Fluß fing es an, finster zu werden. Die Ferne rückte mehr und
mehr in die dunkle Weite zurück. Auf dem verdunkelten, tiefen Himmel
leuchteten still und unmerklich Sterne auf; alles war voll jener
feierlichen Stille, in der etwas Unsichtbares majestätisch und ruhig
über der Erde zu schweben scheint.
Nur tief unten auf dem Fluß brüllte gedehnt, mit unbegreiflich banger
Wehmut die Dampfpfeife eines Schiffes auf, als ob sie vor etwas warnen
oder an ein trauriges und unvermeidliches Ereignis erinnern sollte, und
auf der breiten, gläsernen Wasserfläche, die eigentümlich hell blieb,
während alles von finsterem Schwarz umhüllt wurde, zeigte sich ein
unruhiger, schwarzer Flecken, der hinter sich einen gleichmäßigen,
breiten Streifen zurückließ.
Auf dem Boulevard war es menschenleer und öde. Nur aus den Fenstern des
Klubs fielen gelbe Lichtstreifen, in denen sich lautlose Schatten
bewegten, auf die Erde, und dicht an dem Abhang schimmerten undeutlich
einige dunkle Gestalten. Zitternde Feuerchen von Zigaretten leuchteten
auf, und schon aus der Ferne erschollen Stimmen und Lachen. Lande ging
ruhig und still darauf zu und lächelte. Er war elastisch aber
schwächlich; seine Schritte waren auf dem weichen Boden fast nicht zu
vernehmen.
»... Singen wir ein Lied oder rufen wir mal, daß man es am anderen Ufer
hört!« sprach eine klangvolle, weibliche Stimme; ihre Worte blitzten
weich und freudig durch die dichte, warme Luft.
»Fangen Sie nur an,« antwortete eine frische Männerstimme; jemand
lachte.
Lande kam näher und sagte:
»Guten Tag!«
Er sprach leise, aber deutlich und ruhig und wurde sofort gehört.
»Ah, Lande!« rief ein junger, eckiger Student Schischmarjow freudig und
so laut, daß es in den Ohren klang; über die Köpfe der anderen weg
reichte er eine große Hand, die aus den kurzen Ärmeln der Litewka
herausguckte.
Zart lächelnd drückte ihm Lande mit Vergnügen, lange und fest, die Hand
und begrüßte ebenso liebevoll und zärtlich auch die anderen. Alle nahmen
freudig und lebhaft seine magere Hand, und in dieser allgemeinen Freude
lag so viel Schönes, so aufrichtige Einfachheit, daß selbst ein
zugereister Maler Molotschajew, ein großer, starker Mensch, mit breitem
Hut, der Lande noch nie zuvor gesehen hatte, von ihr angesteckt wurde.
Als der auf ihn zukam und ihn anredete: »Ich bin Lande, machen wir uns
bekannt,« antwortete der Maler:
»Mit großem Vergnügen!« und blickte ihm lächelnd ins Gesicht, blickte
Lande gleichsam durch die reinen und ruhigen Augen in die Seele.
»Ich habe bereits von Ihnen gehört!« fügte er hinzu.
Seine Stimme war fest und klingend, wie wenn man an eine Messingglocke
anschlägt.
»Wirklich?« fragte Lande, lächelte und wandte sich sofort ab. Aber darin
lag keine Gleichgültigkeit, sondern eine gewisse verborgene Intimität,
als ob er das längst gewußt hätte.
»Wovon sprecht Ihr denn?« fragte Lande.
»Marja Nikolajewna möchte zu gern auf den Mond springen!« gab lachend
der kleine Student zurück.
»Das ist nett von ihr!« Lande nickte ihr liebenswürdig zu.
Ein kranker Student, Ssemjonow[3], hustete heiser.
»Du bist noch immer krank?« fragte Lande zärtlich und nahm ihn an den
Schultern.
»Immer noch ...« erwiderte Ssemjonow traurig, »wie früher.«
»Na, ist nicht so schlimm!« meinte Lande, aber seine Stimme zitterte.
»Nein, Bruder, ich bin ganz kaputt!« erwiderte Ssemjonow, wobei er sein
von der Krankheit greisenhaft gerunzeltes Gesicht zu einem unnatürlichen
Lächeln verzerrte; durch seine Stimme brach wider Willen fein und grell
scharfe Verzweiflung. »Bald wird aus mir das schönste Unkraut sprießen!«
[Fußnote 3: Die Figur Ssemjonow wurde später von Artzibaschew auch in
seinen Roman _Ssanin_ herübergenommen, in dem auch auf Lande
zurückgegriffen wird.