Die Morgenröte stieg strahlend, freudig aus dem Meer empor und umschlang
immer greller den blauen, eben erwachten Himmel, der im Feuer eiliger
Wölkchen aufloderte.
Die weite Wasserfläche ruhte noch. Klare, grüne Wellen schlugen
schläfrig gegen den Bord des Dampfers; die schlummernde Kühle der
Morgendämmerung lag über dem Meere und den blauen, öden Abhängen der
schweren Berge. Nur hoch, sehr hoch oben über dem Meer brannten im
blauen Himmel einzelne spitze Gipfel, die von ihrer Höhe herab bereits
die Sonne erblickt hatten, wie rote, rosige und goldene Flammenzeichen.
Mishujew kroch schwerfällig auf das Verdeck und sah sich mit müden
Augen, in denen die schlaflose Nacht brannte, um.
Auf dem Dampfer schlief man noch. Zwei oder drei Matrosen wuschen mit
Schwallen von Wasser das nasse, gleißende Verdeck; aus dem Schiffsraum
drang ein unbestimmter weckender Laut herauf. Der Dampfer polterte dumpf
und gleichmäßig, unmerklich und eintönig quirlte das Wasser. Es war
kalt, und die breiten Schultern Mishujews zuckten in häufigen
krampfhaften Schauern. Das verschlafene Gesicht sah wie zerknüllt aus,
seine Haare waren zerzaust.
Mit schweren Tritten ging er auf Backbord hinüber und stand dort lange,
bald das grüne, aufschäumende Wasser, bald die fernen Bergesgipfel, in
denen schon der helle, sonnige Tag erglänzte, regungslos betrachtend.
Dann stieg er auf das obere Verdeck und ließ sich an einem der
Marmortischchen, die fest auf ihrem Platz angeschraubt waren und
unbequem und kalt wie Eis dastanden, nieder. Die massigen Arme auf dem
Marmor verschränkt, sah er mit dem schläfrigen, engen Blick der
eingefallenen Augen über das leere Verdeck.
Die Sonne stieg hinter dem Horizont rasch empor, und die Berge glühten
schon bis an die Mitte im Morgenglanz. Man sah, wie schnell der kalte,
blaue Schatten von einem Abhang nach dem anderen wich, wie er sich in
Schluchten klammerte und dort immer tiefer und tiefer hinabglitt.
Auf dem Dampfer regte sich allmählich das Leben. Ein Kellner in weißer
Jacke mit widerwärtig großen silbernen Knöpfen rannte vorbei, der erste
Offizier, ganz von der Kälte durchschüttelt, ging von der Nachtwache
hinunter, zwei junge Mädchen mit kaum erwachten Äuglein kamen aus der
ersten Klasse herauf und sahen sich mit einem Ausdruck um, als wären sie
furchtbar verwundert, daß es überall schon hell und schön ist, während
sie soeben erst aufgestanden sind. Dann kam ein langer Engländer, wie
aus einer Karikatur herausgeschnitten, mit Panamahut und streckte sofort
die Beine von einer Bank auf die andere, wobei er eine ungeheuer lange
Zigarre in Brand setzte. Ein kleiner Knabe in einem Matrosenjäckchen kam
aufs Verdeck gelaufen und rannte mit den nackten Waden glänzend in die
helle Sonne hinein. Immer mehr lächelnde Menschen, die noch schläfrig
die Augen zusammenkniffen, erschienen, und als plötzlich die niedrige
Morgensonne vollständig über dem Horizont auftauchte und ihr Licht
strahlend über Wellenkämme, Segelstangen, das Verdeck und die grünen
Ufer goß, lebte der Dampfer schon sein buntes, müßiges und vergnügtes
Leben.
Zwei Französinnen mit lustig neugierigen Augen, wie Vögel, die den
Morgen begrüßen, zwitschernd, setzten sich an das Nebentischchen,
blickten sich nach rechts und links um, bemerkten den düstern Nachbar,
sahen sich gegenseitig an und lachten.
Mishujew wollte fortgehen -- ihn berührten alle die Menschengesichter
und Menschenstimmen, die doch nicht die Wahrheit aussprachen, und alle
die falschen Augen, unangenehm. Aber seine Hände und Füße zitterten, der
Rücken schmerzte, in den Augenlidern schnitt es; er wünschte sich
überhaupt nicht mehr rühren zu brauchen. Mit kurzem Klopfen gegen die
Tischplatte rief er den vorbeistürmenden Kellner an und öffnete bereits
den Mund, um sich etwas zu bestellen -- als er einen neugierigen Blick
der beiden Französinnen auffing, die schon wußten, daß er ein bekannter
russischer Millionär sei; er blieb stumm. Ihm schien, daß es ihm in
diesem Augenblick genügt hätte, den Schall der eigenen Stimme zu hören,
um von einem Anfall blinder, nervöser Wut gepackt zu werden, die ihn in
der letzten Zeit oft ergriff. Und er fand, daß es in der Welt nichts
Ekelhafteres, Dümmeres und Unnützeres gäbe, als die eigene Stimme.
Der Kellner stand schweigend da und fing an, sich zu wundern. Da nahm
Mishujew, für sich selbst unerwartet, den Bleistift und schrieb auf den
glitschigen Marmor der Tischdecke:
»Bringen Sie Kaffee.«
Der Kellner legte den Kopf auf die Seite, wie ein zum Aufpicken bereiter
Hahn, las mit einem Auge die Aufschrift, wunderte sich, stürzte aber
sofort davon.
Mishujew war froh: warum war ihm das nur nicht früher in den Kopf
gekommen? Das ist ja ganz einfach ... Man kann völlig verstummen und das
Wenige, was man von den Menschen braucht, erhalten, ohne die eigene oder
ihre falsche Stimme zu hören. Sogar etwas Neckisches glitt durch
Mishujews Kopf, als ob er das Mittel gefunden hätte, sich vor allen zu
verstecken.
Als der Kaffee serviert war, wandte er sich dem Meer zu, legte den
schweren, kranken Kopf auf die Handfläche und versank in Nachdenken.
Zwischen den Fingern, die den Schädel einpreßten, steckte wildzerzaustes
Haar, und die Augen sahen trüb und leblos vor sich hin. Viele Tage waren
für ihn schon zu einem einzigen Nachsinnen geworden, das sich schwer und
mühselig durch den qualvollen Kopfschmerz schob. Und wenn er es in
kurzem, krankem Schlaf vergaß und die starren Gedanken verschwanden, kam
das unerträgliche, alpdruckartige Empfinden der Leere, in der er
krampfhaft hin- und herschlug, sich an etwas zu klammern suchte, aber
hilflos immer tiefer und tiefer sank. Im Laufe dieser Zeit hatte er eine
bedeutende Entfernung zurückgelegt, eine Menge Menschen, Städte, Berge
und Meere gesehen, doch in seinem Gehirn drückte sich alles so blaß und
trübe ab, als wären es nur Erinnerungen an längst Vergangenes. Und
beharrlich wiederkehrend, mit unentrinnbarer Genauigkeit wie in einem
Kreise, in dessen Mittelpunkt sich sein kranker Kopf befand, standen vor
ihm, klar, aber mit der verwirrten Klarheit eines Alpdrucks, stets
dieselben Gesichter.
Auch jetzt rief Mishujew sie sich auf dem bläulich-grünen Panorama der
vorbeischwimmenden Ufer, die er kaum noch bemerkte, eindringlich unter
scharfen Schmerzen hervor.
Zuerst tauchte das verwirrte, ratlose Gesicht Nikolajews auf: er stand
mitten in seinem Kabinett -- dem zerfetzten, brüllenden, kaum bei
Bewußtsein befindlichen Mishujew gegenüber --, schaute nach der Seite
und knetete mit zittrigen Fingern die Quasten an seinem Gürtel. Mishujew
erstickte in blinder Wut und strengte sich an, zu begreifen: wie konnte
dieser Mensch, der beste von allen, die er je gekannt und geliebt hatte,
nicht die fürchterliche Ungerechtigkeit verstehen, der er zum Opfer
gefallen war. Menschen-Bestien, denen er nichts als Gutes getan hatte,
denen er sein Leben weihen wollte und um derenwillen er zu allem bereit
war, hatten ihn mißhandelt, schlugen ihn, wollten ihn totschlagen! ...
Man mußte in Entsetzen geraten, in tolle Wut, bis in die Tiefe der Seele
empört sein, -- und statt dessen hörte er eine unaufrichtige, verwirrte
Stimme, die ihm einredete, sie hätten keine Schuld.
»Das sind Bestien ... sinnlose, gemeine, begehrliche Bestien!« schrie
Mishujew, »was habe ich ihnen getan? warum?«
Aber Nikolajew blickte nach der Seite, und sein Gesicht sah
eigentümlich, beinahe angeekelt aus.
»Sie haben dafür büßen müssen ... für einen Menschen ...« sprach er
leise.
»Büßen! ... Kann man denn das abbüßen? ... Sehr schön ... Büßen! Nur
schade, viel zu wenig! Froh bin ich darüber, froh, froh!«
Mishujew schrie immer lauter und lauter, als ob er sich beeilte, die
Wollust des Hasses, in dem er jetzt aufging, in diesem wilden Brüllen
auszugießen. Aber je lauter er Worte voller Wut, die ihm jetzt einzig zu
passen schienen, herausbrüllte, desto kühler und angewiderter wurde
Nikolajews Gesicht. Sobald es Mishujew bemerkte und ihm voll quälender
Bitterkeit vorzuwerfen begann, daß er ihn nicht verstehe und nicht mit
seinem Schmerze mitempfinden wollte, sagte der mit stiller, aber
grausamer Feindseligkeit:
»Diese Leute haben noch ganz anderes zu ertragen gehabt ... Mag sein,
daß es in diesem Fall ein Irrtum war, ein blinder Ausbruch abgerackerter
Menschen ... Aber, wenn wir die Wahrheit sagen wollen, was bist du denn
für sie? Du bist ihnen doch der gleiche Feind wie alle anderen, wie dein
Bruder ...«
»Ich?« fragte Mishujew mit Entsetzen.
»Nun, du auch! ... Du lebtest auch von ihrem Schweiß und Blut, wie alle
anderen ... Wenn du sie nicht noch getreten hast, ihnen sogar mitunter
halfst ... so ... ist es doch, wahrlich ... kein großes Verdienst ...«
Das zerschlagene Gesicht Mishujews, mit der überhängenden Lippe und dem
angeschwollenen Auge, wurde fürchterlich und bemitleidenswert.
»Also hatten sie, nach deiner Meinung, Recht, selbst wenn sie mich
totschlugen?« fragte er mit Entsetzen. Er rang nach Luft, wie ein Fisch
auf dem Sand.
Nikolajew erblaßte, und nur stärker noch zitterten seine Finger, die an
den Gürtelquasten zerrten.
»Wenn so, dann bist du ...« begann Mishujew mit einer Empfindung, als
stürze er in einen kalten Abgrund.
Und dann geschah das Ekelhafteste: Über Nikolajews Gesicht glitt ein
feiger Zug, seine Augen liefen mit dem beschwerten Ausdruck eines
versteckten Gedankens umher, und plötzlich fing er an, falsch tönende,
blasse Worte der Versöhnung zu sprechen. Mit der Feinfühligkeit eines
überreizten Menschen verstand Mishujew sofort den verborgenen Sinn:
Nikolajew fürchtete einen Streit, damit Mishujew sich nicht weigere,
Geld für die beabsichtigte Zeitschrift zu geben. Das Weitere spielte
sich ganz eigentümlich ab: Mishujew wurde furchtbar verschämt. Er
verstummte. Auch Nikolajew schwieg, sein freies, mutiges Gesicht
bedeckte unsichere Röte. Eine Minute lang blickten sie einander in die
Augen, und im Laufe dieser Minute schmolz und schwand ohne Spur das
Band, das sie so viel Jahre verknüpft hatte und das so fest und
aufrichtig gewesen war.
Als Mishujew eine halbe Stunde später fortging, waren sie nicht mehr
zwei sich nahestehende Menschen, sondern zwei Feinde, die sich haßten
und verachteten.
Später fand sich Mishujew im Eisenbahnwagen in einer toten, langen
Nacht. Vorher war er wahrscheinlich in sinnlosen, dunklen Krämpfen
überall herumgelaufen, bis er sich schließlich bei dem Menschen einfand,
dem er sein ganzes Glück genommen hatte. Er wußte selbst nicht, weshalb
er diesen Menschen aufsuchte, und erst als er seinen fragenden Blick
sah, verstand er trübe: wahrscheinlich wollte er irgend jemanden, und
wäre es auch ein Feind, finden, der ihm gerade ins Gesicht, ihm als
Menschen ins Gesicht blicken würde.
Maria Sergejewnas Mann stand vor ihm, mager, mit langen, blassen Haaren,
und sah ihm unverwandt mit einem Blick, der von unverlöschlichem Haß
brannte, in die Augen.
»Was wünschen Sie?« fragte er mit Mühe. »Ist Ihnen das, was geschah,
nicht genug ... Sind Sie gekommen, um mich zu verhöhnen? Meinen Sie, daß
Ihnen alles erlaubt ist?«
Mishujew erinnerte sich nicht mehr seiner eigenen Worte, sah aber
deutlich, wie sich damals auf dem Gesicht dieses Mannes zuerst
Nichtverstehen, dann trübes Begreifen, und schließlich kalter
unversöhnlicher, fast triumphierender Hohn ausmalte.
»Aha ...« sagte er leise, »es hat sich also gezeigt, daß es noch etwas
gibt, das man auch um Geld nicht kaufen kann? ... Das ist gut!«
Und er fing an zu lachen, immer lauter und lauter, und jagte ihn
schließlich wie einen Hund davon. Und Mishujew ging. Er hatte den
lebendigen Faden der ihn zu diesem Menschen geführt hatte, längst
verloren, und wußte gar nicht mehr, warum er gekommen war.
Nachts im Wagen schlief er nicht. Verschwommene, aber furchtbare Bilder
quälten ihn. Vor seine Augen trat das Bild des großen Mannes, des
Menschen, der Leben und Lebenswahrheit kennt. Er wußte nicht, wie und
wann ihm der Gedanke gekommen war, zu dem großen Dichter zu fahren, zu
dem Greis, dessen Namen er seit seiner Kindheit als das erhabenste Wort
der Welt aussprach. Er erinnerte sich nur, daß ihn bei dieser Idee eine
ungeheure Leichtigkeit und Hoffnungsfreude ergriff. So leicht und froh
fühlte er sich noch, bis er die Antwort auf das abgesandte Telegramm
erhielt. Sobald er aber verstand, daß der große Greis bereit sei, ihn zu
empfangen, war alles geschwunden. Ihm schien es, daß er nur empfangen
würde, weil er der Millionär Mishujew ist, und daß er selbst, der Mensch
Mishujew, auch diesen einzigen Menschen nichts angehe und nichts angehen
könne. Da war alles plötzlich matt geworden; Mishujew sah, daß es
lächerlich war: er brauchte nirgends hinzufahren, niemand konnte ihm
etwas sagen, was er selbst nicht wußte. Und ihm kam, zum ersten Mal in
seinem Leben, der Gedanke, seinem Vermögen zu entsagen, arm zu werden,
wie die meisten Menschen. Aber früher noch, als der Gedanke von ihm
begriffen wurde, wußte er schon, daß es ihm unmöglich wäre.
Weshalb? fragte sich Mishujew, mit starrem Blick die dunklen Gespenster,
die an dem Wagenfenster vorbeizogen, verfolgend. Und zur Antwort
tauchten vor ihm armselige, lächerliche Bilder auf; er, ein Mann, der
sein ganzes Leben lang das Allerbeste genoß, was es im Leben gibt, und
der es zu genießen verstand, wird plötzlich absichtlich bettelarm, wird
in ein Kontor gehen, zwanzig Rubel Monatsgehalt bekommen, und dann ...
dann vielleicht ein bescheidenes Mädchen, das auf der Schreibmaschine
tippt, heiraten? ... Wie dumm war das!
... Weshalb dumm?
Unbekannt weshalb, aber dumm und lächerlich, wie alles Sentimentale und
Zwecklose.
Über seinem Kopf hing eine düstere Riesenmasse, die bekannte Empfindung
qualvoller Leere packte ihn von allen Seiten, und plötzlich fühlte er
die Nähe des Endes; seitdem sah er es stets vor Augen.
Noch einmal ein krampfhaftes Aufflackern: er erinnerte sich, daß
irgendwo weit, in der Ferne, eine Frau lebte, die durch ihn unglücklich
geworden war und die ihn einst geliebt hatte. Aber dieses Aufflammen
erlosch ebenso schnell, wie alles, was jetzt in seinem Gehirn entstand
und verging.
Qualvoll klar wurde ihm nur, daß er nirgends mehr hinzufahren hatte.
Stets und überall blieb er, was er war. Nichts konnte das heilen, was in
seiner Seele ein für allemal verkrüppelte.
Dieser neue Gedanke, daß es für ihn keinen Platz mehr in der Welt gab,
und daß jeder neue Schritt nur ein Glied in der Kette von Leiden und
Trübsal bildete, stieg auch jetzt klar und deutlich in sein Gehirn.
Er seufzte schwer, wendete seinen Blick von den vorbeigleitenden grünen
Ufern des Mittelmeeres ab und schloß die Augen.
Gleich darauf hörte er neben sich sprechen.
»Wunderbar ist es, wissen Sie,« sagte eine jugendliche russische Stimme,
»wenn man mit einem Expreß von Norden nach Süden fährt ... Dann hat man
den Eindruck, als käme der Frühling nicht mit jedem Tag, nein mit jeder
Stunde ... man saust ihm einfach entgegen ... Ich kann es nicht
ausdrücken, aber es scheint mir, einen größeren Genuß könnte es garnicht
geben. Gestern war noch alles grau, kühl, heute gibt es schon
geschmolzene Stellen und zerflossenen Schnee zwischen den Birken ... und
morgen ist der blaue Himmel da ... Ach, wie schön!«
Mishujew öffnete mechanisch die Augen und blickte auf den Sprechenden.
Es war ein ganz junger Mann, wahrscheinlich ein kranker, und er sprach
zu einer sehr jungen Frau mit lebhaften, fröhlichen Augen. Sie standen
am Bord, und der Wind blies ganz leise in ihr weiches Haar. An ihren
strahlenden Gesichtern und daran, wie leicht und freudig ihr Atem ging,
verstand Mishujew, ohne daß sie ihre verzauberten Augen von den Ufern,
die sie offenbar zum ersten Mal sahen, abwendeten, daß darin wirklich
Glück liege.
Dann ließ er seinen trüben Blick wieder über die Ufer gleiten, sah, was
er schon hundertmal gesehen hatte, und schloß wieder die Augen, um in
seiner wortlosen, schwarzen Leere zu versinken.
Auf der anderen Seite sprachen zwei Französinnen von Stierkämpfen.
»Und bevor ihn der Toreador tötet ... treiben alle Matadore mit ihren
roten Mänteln den Stier immer nach einer Richtung ... verstehst du,
immer nach einer Richtung ... bis er ganz verblödet wird ... dann erst
stößt ihn der Toreador nieder ... Im Grunde ist das gar nicht mal
schön!«
Mishujew wußte es.
Im Augenblick drängte sich vor seine geschlossenen Augen ein riesiger
Stierkopf mit unbeweglichen, blutunterlaufenen Augen. Er sah ihm gerade
ins Gesicht. Mishujew zitterte und erhob sich.
Überall waren Menschen; schwatzende, lachende Gesichter, die ihn mit
neugierigen Blicken begleiteten. Er ging still an ihnen vorbei und kam
bis an das Hinterteil.
Da stand er am Bord und schaute lange unverwandt auf die schäumige Spur,
die der Dampfer hinter sich aufriß. Er sah so aus, als suchte er etwas
in diesem trüben, unheimlichen Schaumstreifen. Mit einem Mal kam ihm
vor, als habe er es gefunden; er blickte sich um, sah nach dem Himmel,
den Bergen und dem Haufen fröhlicher, buntfarbiger Menschen, die in
einiger Entfernung von ihm saßen. Und plötzlich, irgendwie seitwärts,
ungelenk, stürzte er über Bord, mit dem blitzschnellen Bewußtsein der
Ungeschicklichkeit dieser Bewegung und Scham vor den Menschen, die sie
bemerken mußten.
Entsetzlicher Lärm schlug ihm um den Kopf. In Nase und Mund drängte eine
klebrige, brennende Welle mit scharfem, reißendem Schmerz. Gleichzeitig
erschütterte ein wahnsinniges, mit nichts vergleichbares Entsetzen sein
Gehirn. Im furchtbaren Krampf sich gegen den Abgrund, der ihn ergriff,
wehrend, tauchte er nochmals auf, sah durch den Nebel des Wassers, das
ihm von den Haaren rieselte, in weiter Ferne den weißen Fleck des
Dampfers und schrie:
»Hilfe!«
Aber sofort begann er in dem trüben grünlichen Abgrund, der ihm die
Brust in Stücke riß, zu versinken. Ein Schwarm kleiner Fische sprengte
wie Splitter nach allen Seiten auseinander, kehrte aber gleich zurück
und starrte von allen Seiten mit runden rätselhaften Augen auf seinen
ausgebreiteten schwimmenden Paletot, auf die gespreizten Beine in gelben
Lackstiefeln und auf den toten blauen Kopf, der langsam tiefer und
tiefer in der kalten grünen Finsternis untersank.