XIV

Auf dem weißen Schnee als Hintergrund erschienen die untersetzten,

verräucherten Fabrikgebäude, die schwarzen Schornsteine und Zäune und

die Menge selbst, die sich wütend und zum Widerstand bereit auf dem

Fabrikhof und den benachbarten Straßen hin- und herschob, grauschwarz,

als ob sie sich im Schmutz gewälzt hätte.

Die Fabrik war in der Gewalt des Streikkomitees. Der Hof schien im

Gewimmel der dichten Menge von Köpfen, der roten aufgeregten Gesichter

und bewegten Arme, wie lebendig. Von der Direktion requirierte Truppen

und Polizisten hatten sich in regelmäßigen grauen und schwarzen Linien

an den beiden Straßenseiten aufgestellt; man sah schon von weitem, wie

die Pferde unruhig die Köpfe schüttelten und graugekleidete Offiziere

über den Schnee liefen.

Nur von der Moskwa her war noch ein Zugang freigeblieben, und von dort

zogen in unaufhörlichen, ungeordneten Haufen immer neue Arbeiter heran.

Mishujew, den man telephonisch gerufen hatte, kam in einer einspännigen

Droschke herbeigeeilt, und fuhr direkt in den Hof hinein. Er sah blaß

aus und seine Lippen zitterten. Er war ganz plötzlich geweckt worden, so

daß ihm keine Zeit geblieben war, zu überlegen, was er tun könne. Er

fühlte nur den energischen Willen, alles in Ordnung zu bringen, und den

Glauben, daß es ihm gelingen würde. Er verstand, daß er, wenn es

überhaupt möglich wäre, auf die Arbeiter einzuwirken, der einzige sei,

der in Betracht käme. Und zu dem Gefühl banger nervöser Aufregung

gesellte sich das sichere Bewußtsein, daß die Arbeiter ihm folgen

werden, und daß er die nahenden Greuel einer Zerstörung abwenden kann.

Schon in der Ferne hörte er das wachsende vielstimmige Brausen, das nur

durch einzelne scharfe Ausrufe unterbrochen wurde. Als das Pferd in

vollem Trabe ums Tor bog, betäubte ihn furchtbarer Lärm. Er sah eilig

über die schwarze Masse der Köpfe und die roten Mauern des Gebäudes, aus

dessen gesamten Fenstern Hände hervorgestreckt und geschwenkt wurden,

erhob sich in der Droschke, die unter seinem Gewicht knarrte, und ließ

sich dann wieder schwer niederfallen.

Bei seinem Erscheinen sank plötzlich der Lärm, und nur in den hinteren

Reihen ertönte noch dumpfes Murren und einzelne Ausrufe. Auch aus den

Direktionsfenstern wurde er bemerkt, und zwischen zwei Schutzleuten, die

auf den obersten Steinstufen standen, erschien, blaß und kopflos, der

Fabrikdirektor Schanz.

Eine plötzliche Welle riß Mishujew fort. Er ging rasch die Steinstufen

hinauf, nahm den Hut ab und schwenkte ihn. Es wurde still, eine Menge

roter, aufmerksamer, junger und alter Gesichter blickten ihn schweigend

von unten an. Man konnte nur noch hören, wie in den hinteren Reihen und

auf der Straße etwas aufbrauste und wie Wellenschlag auf- und

niederwogte.

»Meine Herren,« rief Mishujew laut und energisch, mit dem Gefühl, daß er

gehört werden würde, »ich bin soeben zurückgekehrt und kenne die

Angelegenheit nur in allgemeinen Zügen. Ich gehe sofort zu den

Verhandlungen mit den Mitinhabern und der Direktion, und ich bitte Sie,

bis zum Schluß dieser Verhandlungen nichts zu unternehmen. Glauben Sie

mir? Ja? Einverstanden?«

Noch bevor in der Menge dröhnende Zurufe des Einverständnisses

erschollen, winkte jemand im dritten Stock der Fabrik mit etwas Weißem,

und Mishujew begriff instinktiv, noch ehe er genauer sehen konnte, wer

es war, daß er dadurch gegrüßt werden sollte. Sein Herz wurde warm und

freudig, voll stürmischen Verlangens, alles zu ordnen.

Ihretwegen.

Er ging schnell ins Haus ... in den Ohren trug er die tausendstimmigen

Zurufe der veränderten freudigen Gesichter.

Als er in das Kontor eintrat, fiel ihm zunächst das kahle, mürrische

Gesicht Stepan Iwanowitschs auf, der am Tisch saß. In seinen Mienen lag

eine eigentümliche Mischung von Feindseligkeit, Verdruß und Hohn. Er sah

den Bruder fast gar nicht an. Mishujew dagegen fesselten seine Mienen.

Er bemerkte die anderen kaum und ging direkt auf den Bruder zu. Stepan

Iwanowitsch hob kühl die Augen.

»Na, was sagst du jetzt?« fragte er mit dünner Stimme.

»Was ich sage?« erwiderte Mishujew voll Energie, »ich denke, daß sich

alles in Stand bringen läßt, und wenn Sie mir freie Hand geben wollen,

nimmt die Fabrik noch heute nachmittag die Arbeit auf!«

Er blickte dem Bruder hell und freimütig in die Augen, aber die Blicke

Stepan Iwanowitschs blieben kühl, fast böse.

»Natürlich,« erwiderte er unaufrichtig, »falls wir uns bis nachmittag

ruinieren werden, nimmt die Fabrik die Arbeit auf ... für drei Tage.«

Mishujew sah sich um. Die fünf Menschen, die hier im Zimmer waren,

blickten ihn schweigend an, und auf allen Gesichtern lag der gleiche

feindselige, etwas zu entschlossene Ausdruck. Er fühlte sich einsam

unter ihnen, und das rief in ihm eine eigene, hartnäckige Erregung

hervor.

Jetzt sind wir Feinde! dachte er mit einem flüchtigen Blick auf den

Bruder. Nun schön ... wollen sehen, wer die Oberhand bekommt.

»Warum ruiniert?« Er warf den Kopf in den Nacken. »Willst du mir weiß

machen, daß die Zulage von zwanzig Prozent unsere Millionen-Dividende

aufzehren wird? Das wäre doch zu viel, Bruder!«

Mishujew machte eine bittere Handbewegung.

Es war ihm schwer, im Bruder, den er immer geliebt und bemitleidet hatte

einen Feind sehen zu müssen.

»Nicht um die zwanzig Prozent handelt es sich hier,« erwiderte Stepan

Iwanowitsch trocken, ohne aufzublicken. »Zwanzig Prozent werden die

Fabrik nicht ruinieren, obgleich sie sie bei der jetzigen Situation

schwer genug belasten. Aber wo haben wir die Garantien, daß auf die

zwanzig nicht vierzig, fünfzig folgen sollen? Meinst du denn wirklich,

daß sie gerade zwanzig Prozent Aufschlag nötig haben? Das ist doch

lächerlich!« Stepan Iwanowitsch verzog das Gesicht zu einer wütenden

Grimasse. »Diese zwanzig Kopeken auf den Rubel bedeuten für sie nur eine

Flasche Wodka mehr. Nicht an den zwanzig Kopeken liegt es, sondern an

der unversöhnlichen Begehrlichkeit dieser Leute, die glauben, daß wir

die Mitesser sind, daß im Grunde die ganze Fabrik und das ganze Kapital

hundert Prozent und nicht zwanzig oder vierzig, ihnen gehört, und daß

sie das, das Ihre, herausreißen, und uns zum Teufel, auf die Straße

jagen könnten!«

Die Stimme Stepan Iwanowitsch stieg dünn und böse in die Höhe, und

wimmerte im letzten Ton schrill wie Hundewinseln. Mishujew blickte ihn

ratlos und empört an.

»Woher nimmst du das Recht, so zu reden,« sagte er leise, »die Leute

sterben vor Hunger, schinden sich in schwerer Arbeit ab, wie du sie

keine zwei Tage lang ertragen könntest, und du sprichst noch von

Trinken, von Flaschen Wodka. Genug doch, Bruder! ... Ich dagegen

behaupte, daß sie, wenn wir ihnen jetzt geben, was unumgänglich nötig

ist, an die Arbeit gehen und von mehr gar nicht träumen werden. Weil sie

noch besser als wir verstehen, daß wir nicht diese Ungleichheit

geschaffen haben; nicht gegen unsere Person richtet sich ihr Haß.«

Stepan Iwanowitsch schüttelte in wütender Erregung seinen Kopf, als ob

er nur Dummheiten hörte, schwieg aber. Dieses Schweigen, dieser

hartnäckige trockene Widerstand gegen das, was Mishujew so einfach und

richtig schien, erhitzte diesen noch mehr.

»Na, schön ... Gib ihnen nichts, wirf ihren Ausschuß die Treppe hinunter

... Laß sie deine Fabrik bis auf den letzten Ziegelstein in Grund und

Boden reißen! Mag es dazu kommen, ich werde froh sein, wenn dieser Fluch

von der Erdoberfläche verschwindet!«

Stepan Iwanowitsch verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, und dieses

Lächeln war so böse und verächtlich, daß Mishujew erblaßte.

»Das sind alles Redensarten ...« Stepan Iwanowitsch ließ jedes Wort

geizig durch die Zähne gleiten. »Zerstören werden es die Truppen nicht

lassen, und diesen >Fluch< hast du, Gott sei Dank, nicht weniger

ausgenützt als ich! Ach!«

»Truppen?« fragte Mishujew dumpf. Er empfand gegen den Bruder

furchtbaren Haß und fühlte deutlich, daß der ihn ebenso haßte, »wir

werden auf hungrige und in ihrem Rechte befindliche Menschen schießen

lassen? Verstehst du denn, was du da sprichst?«

»Ich verstehe alles. Nicht ich habe Fabriken, nicht ich habe Arbeiter

geschaffen. Ich bin sehr froh, daß es einmal weder das eine, noch das

andere geben wird. Aber vorläufig gehört die Fabrik uns und nicht ihnen,

und wenn sie nur ein Steinchen anrühren, werde ich sie wie tolle Hunde

niederknallen lassen! Jawohl!«

Und Stepan Iwanowitsch erhob sich, groß und schwer wie ein Stein. Auf

seinem breiten Schädel schimmerte trübe das blasse Licht des

Wintertages.

»Und ich werde das nicht zugeben!« schrie Mishujew heißer, »wenn du

schießen läßt, so stelle ich mich zu ihnen. Ich will sehen, ob du dann

noch den Mut dazu findest!«

Stepan Iwanowitsch wandte sich ab.

»Das ist deine Sache!« sagte er dumpf und trat ans Fenster.

Mishujew stand lange auf demselben Fleck und fühlte, wie qualvoll seine

Hände und Füße zitterten und sein Herz schlug.

»Fjodor Iwanowitsch,« sprach ungewöhnlich weich und einschmeichelnd

Schanz, und Mishujew erblickte neben sich sein spitziges

Fuchsgesichtchen. »Mir scheint, Sie regen sich zu sehr auf und

übertreiben die Sachlage. Schließlich verstehen wir doch alle, daß wir

ohne Konzessionen nicht auskommen werden. Stepan Iwanowitsch wird das

sicherlich auch zugeben ... Gewiß doch. Nur kommt es auf den Umfang der

Zugeständnisse an. Soweit ich aus unseren früheren Beratungen ersehen

konnte, treten Sie für die völlige Annahme aller Forderungen ein. Das

ist doch wirklich unausführbar, Fjodor Iwanowitsch!«

Schanz berührte zärtlich Mishujews Ellenbogen und suchte seine Augen mit

einem unaufrichtig-freundlichen Blick. Mishujew wandte sich ab.

»Sehen Sie gefälligst hier,« fuhr Schanz bescheiden und beharrlich fort,

als hätte er die Bewegung Mishujews nicht bemerkt, und lud ihn mit einer

leichten Handbewegung ein, an den Tisch zu treten. »Ich möchte Sie nur

mit einigen Zahlen bekannt machen, und Sie werden selbst sehen, was

möglich ist, und was nicht.«

Seine zärtliche klebrige Stimme war so beharrlich, daß Mishujew sich

ungewollt am Tisch niederließ und anfing, düster und aufmerksam

zuzuhören.

»Hier, wir wollen von den bestehenden Lohnsätzen ausgehen ...« sprach

Schanz mit einschmeichelndem Ausdruck in der Stimme weiter, und machte

sich äußerst geschickt ans Werk, Fjodor Iwanowitsch ein kompliziertes

trockenes System auseinanderzusetzen. Er begann damit, ihm

auseinanderzusetzen, daß die Lage der Arbeiter in ihrer Fabrik viel

besser sei, als in der ganzen Gegend sonst. Sehr gewandt und zur

richtigen Zeit erwähnte er den großen Aufwand für Schulen, Krankenhäuser

und ein Theater, und die gute, fast mustergültige Einrichtung des

Konsumvereinsladens. Dann gab er eine Übersicht der Marktlage, und

zeigte die riesigen Verluste, die die Fabrik bereits beim vorigen Streik

erlitten hatte.

»Und dabei wollen die Arbeiter noch nicht einsehen, daß dieser Streik

nicht durch uns, sondern durch die Politik der Regierung

heraufbeschworen worden ist,« bemerkte er wie nebenbei, mit den Spitzen

der kalten, knochigen Finger gestikulierend.

Dann öffnete er einen ganzen Haufen peinlich saubere Bücher, aus denen

ersichtlich war, daß die Einführung neuer Maschinen die Arbeit

verkürzte, die Produktion vergrößerte und lediglich dadurch schon den

Lohn fast um die Hälfte steigerte. Wäre vor einem Halbjahr die Forderung

der Lohnerhöhung erhoben worden und hätte die Fabrik Konzessionen

bewilligt, so würden die Arbeiter auch in diesem Falle um dreißig

Prozent weniger als jetzt verdient haben. Auf diese Weise beeilen sie

sich, mit neuen Lohnforderungen, die nicht im geringsten durch die

wirkliche Geschäftslage gerechtfertigt sind, aufzutreten und verhindern

dadurch die Fabrikverwaltung, neue Erweiterungen des Etablissements

vorzunehmen, die doch zur Verbesserung ihrer eigenen Lage führen müßten

...

Und vor Mishujews Augen begann sich nebelhaft das riesige Bild eines

Zauberkreises zu entfalten. Er sah in endlosen Reihen Fabrikdächer,

Millionen Schornsteine, die die ganze Erdkugel bedeckten, Milliarden

Arbeiter, die in hungrigen Haufen von einem Ende der Welt bis ans andere

drängten. Und es wurde ihm klar, daß sie auch, wenn sie sich ruinierten,

wenn sie an die Arbeiter alles weggeben würden, doch nichts ändern

könnten. Nur ein Glied dieser fürchterlichen Kette wäre zerrissen, nur

ihre Fabrik gesprengt; es würde Arbeitslosigkeit eintreten, die

hungrigen Massen auf andere Fabriken abströmen und dort wieder den Lohn

durch ihre Unterbietung herabdrücken.

Direktor Schanz sprach ununterbrochen fort und wand schnell und

geschickt immer neue Glieder seiner furchtbaren Logik ineinander. Die

Spitzen seiner toten Finger bewegten sich wie die Fühlfäden einer Spinne

vor Mishujew, und voller Entsetzen fühlte dieser, daß er nichts tun,

nichts erwidern konnte, daß er sich folglich damit einverstanden

erklären muß, wogegen sich seine ganze Seele sträubte.

Wie hinter einem Nebelschleier sah er, daß der Ursprung dieses

Widerspruchs in ihm selbst lag: es gab trotz allem eine mögliche,

unbedingte Lösung -- nämlich, das, was er für wahr hielt, durchzusetzen,

und wenn er auch dadurch ruiniert werden würde! Dann mußte er eben zu

Grunde gehen. Was weiter kam -- das war eine andere Sache. Andere müßten

finden, wie dann zu handeln wäre; seine Sache blieb es allein, die

Wahrheit bis zum letzten Ende durchzusetzen.

Aber Nebel umhüllte diesen einfachen und klaren Gedanken: seit vielen

Jahren war er gewöhnt, in der Genauigkeit der Zahlen ein unumstößliches

Gesetz, eine Art neuer Wahrheit zu erblicken. Auch jetzt ließ sich sein

klares und festes Denken durch die eiserne Logik verwirren, wurde

schwach und unstet. Er bemerkte selbst nicht, wie er nicht mehr um

Gerechtigkeit und Wahrheit stritt, sondern nur noch um die Frage, ob es

richtig sei, zehn Prozent zu bewilligen und nicht zwanzig.

Hinter den Fenstern brauste und murrte es, wie ein ferner Wasserfall,

und erschütterte die trüben Fensterscheiben, von Zeit zu Zeit schlugen

scharfe, laue Ausrufe herauf.

Schanz sprach und sprach noch immer und warf ohne Aufhören mit Zahlen um

sich, als streute er aus einem unerschöpflichen Sack böse,

unüberwindliche Zwerge, die Hände und Füße fesselten, in den Kopf

eindrangen und dort der Macht der Tatsachen gegenüber das schwere Gefühl

völliger Ohnmacht hervorriefen.

»Begreife nur,« mischte sich Stepan Iwanowitsch, jetzt schon in

ruhigerem Ton, ein: »hier kann es keinen Mittelweg geben. Auf zehn

Prozent werden sie nicht eingehen. Es wurde von dreißig Prozent

gesprochen, zehn sind heruntergelassen worden, der Ausschuß gab nach,

aber nun noch auf zehn ... Nein! ...«

Mishujew hob seine trüben, müden Augen auf.

»Man muß entweder alles bewilligen,« sagte Stepan Iwanowitsch, gegen den

Tisch gestützt, »oder nichts ... Nichts, damit wir nach der

unvermeidlichen Katastrophe die Möglichkeit in der Hand behalten, sie

aus freien Stücken durch eine selbständige Zulage zu beruhigen ...«

»Und bis dahin?« fragte erblassend Mishujew.

»Und bis dahin ...«

Stepan Iwanowitsch wandte rasch die Augen ab und knackte mit den

gekreuzten Fingern.

»Nein!« rief Mishujew und richtete sich in seiner riesigen Größe auf.

»Ich kann es nicht, kann es auf keinen Fall zulassen, daß man die Leute

erschießt, nur weil sie hungrig sind, weil ihre Interessen nicht unsere

Interessen sind ...«

»Dann gehe du zu ihnen und schlage ihnen deine Bedingungen vor,« Stepan

Iwanowitsch schlug die Arme auseinander.

Mishujew stand schweigend mit zu Boden gesenktem Blick auf. Ihn packte

leidenschaftlich der Wunsch, daß Nikolajew hier wäre. Es schien ihm, daß

sie zu zweit imstande sein müßten, diesen Zauberkreis zu zerreißen.

»Ich werde auch in der Tat gehen ... lieber so schon, als ...« seine

Stimme riß schmerzlich ab.

»Hm, wie du willst ...« Stepan Iwanowitsch schlug wieder die Arme

auseinander. »Vielleicht gelingt es dir auch ... Aber ich muß dich

warnen, du setzt dich einer großen Gefahr aus ...«

»Wodurch?«

»Du wirst ihre ganze Wut auf dich lenken. Dieselben Arbeiter, für welche

du dich so sehr ins Zeug legst, werden in einem Augenblick alle deine

Bemühungen vergessen haben. Und zeigst du dich gegen sie, werden sie

dich mehr als jeden anderen hassen, gerade für alles, was du bisher

ihretwegen getan hast, und dafür, daß sie an dich glaubten!«

Mishujew sah ihn schweigend an.

»Höre, Fedja,« sagte Stepan Iwanowitsch zärtlich, »meinst du wirklich,

daß mir das Ganze nicht selber nahegeht? Aber du setzt dich der größten

Gefahr aus ... laß es ... ich bitte dich!«

Mishujew stand lange regungslos auf der Stelle, dann drehte er sich

rasch um und ging hinaus. Er fühlte, wenn er nicht zu ihnen hinausginge

... ihm war, als hörte er Gewehrsalven, Aufschreie, sah Blut. Er warf

den schweren Kopf in den Nacken und trat, voll eines dumpfen, toten

Gefühls in der Brust, als ob er allein ein schweres Kreuz auf sich

nähme, auf die Steinstufen heraus.

Lärm und weißes Licht umbrausten ihn. Tausende Gesichter wandten sich

erwartungsvoll ihm zu; viele fast froh. Er fing an zu sprechen.

Alles, was dann geschah, kam wie ein plötzlich ausbrechender Taifun

heran. Er hörte seine ersten Worte fast gar nicht, bemerkte aber sofort,

wie schnell sich die Gesichter um ihn veränderten. Im Augenblick war der

Ausdruck des Vertrauens und der Freude verschwunden; die Mienen wurden

ganz andere. Mishujew fühlte es; er wurde plötzlich inmitten dieser

ungeheuren Menge einsam. Wurde einsam und allen fremd. Er versuchte

noch, sich aus der Leere, in die er geriet, aufzuraffen, aber seine

Worte hatten schon die Kraft verloren. Das Band, das so aufrichtig und

fest schien, zerriß in einem Augenblick, als wenn es niemals existiert

hätte. Und vor Mishujew standen nur noch Feinde.

Später erinnerte er sich noch, daß ihm ein Drechsler, ein ihm bekannter

kleiner, schwarzer Mann mit durchbohrenden Augen, zu erwidern begann:

»Genug der Lügen!« schrie er. »Sie haben jetzt Ihr wahres Gesicht

gezeigt ... Sie sind auch so einer, für den zuerst seine Millionen Rubel

kommen, und dann wieder seine Millionen Rubel, und dann erst die

Millionen Menschen, die von Ihnen nichts als ihr Recht gewollt haben.

Wir verlangen das unsere! ... Schießt auf uns, schießt ... tut Eure

Sache! ... Henker!«

Totenblaß versuchte Mishujew zu sprechen, fand aber keine Worte mehr;

plötzlich packte ihn ein Angstgefühl, wie wenn man im Traum in einen

entsetzlichen Abgrund fällt.

Jemand riß ihn am Arm, er stieß ihn instinktmäßig von sich und wollte

die Stimme erheben, aber diese Bewegung wurde als Drohung aufgefaßt. Man

packte ihn noch stärker am Arm, dann an der Brust, ein Schneeball flog

ihm scharf ins Auge, und unter furchtbarem Gebrüll verschwand er,

kopfüber und totenbleich in der Menge. Instinktmäßig riß er seine rechte

Hand los und schlug aus seiner ganzen Riesenkraft jemand über den

Schädel. Für einen Augenblick öffnete sich vor ihm leerer Raum, und er

sah rotköpfige Kosacken in den Hof einreiten und Nagaiken in der Luft

schwirren. Von furchtbarem Entsetzen gepackt, stürzte er ihnen entgegen,

aber von hinten fiel man über ihn her, und er sank nieder, den schwarzen

Drechsler mit dem zerschlagenen, roten Kopf nach sich ziehend.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 16 / 45 题