Es war schon gegen Abend, als Mishujew ausfuhr; der erste Frühschnee,
der an einigen Stellen zu Wasser zerschmolz, an anderen, meist an Zäunen
und auf Grasstreifen wie zarte weiße Flecke hängen blieb, war gefallen.
Schnee und Wasser schienen in ihrer Vermischung tiefer und jünger; das
Wasser schwärzer, der Schnee weißer. In den Straßen lag der Hauch
junger, frischer Kühle, die Glocken auf allen, schon unsichtbaren
Kirchen begannen zum Nachtgebet zu läuten, als ob ganz Moskau mit
klangreicher Messingstimme dröhne und singe. Aus alledem strömte die
Empfindung von Stärke und Kraft wie eine freudige Welle in den Kopf
Mishujews, der von dem langen Gespräch mit dem Bruder abgespannt war.
Seine vorzüglichen Pferde fuhren ihn an den schwarzen Seen vorbei, die
sich weißgerändert an allen Straßen gebildet hatten und in denen Reflexe
goldener Feuerchen spielten, durch die Straßen, an deren Seiten
unaufhörlich eine fröhliche, belebte Menge entlang zog. Auch Mishujews
Herz weitete sich in fröhlicher ungeduldiger Erwartung.
Er sah Nikolajew mit seiner breitschultrigen energischen Gestalt vor
sich, der gemütvollen herzlichen Stimme und den widerspenstigen blonden
Locken. Er empfand die Freude der Begegnung im voraus; die lebhaften
Fragen und Antworten, dann das herzliche, »echte« Gespräch, in dem
vieles Schwere und Schmerzliche zum Ausdruck kommt und vergeht.
Mishujews Mienen wurden fröhlicher, er fühlte sich so groß und kräftig,
wie seit langem nicht mehr.
Aber es berührte ihn unangenehm, als er in dem Vorraum zu Nikolajews
Wohnung Überzieher und Hüte hängen sah und hinter der Tür zum Saal eine
glänzende weibliche Stimme, die die Arie aus einer Oper vortrug,
vernahm. Klavierbegleitung ertönte, durch die Türspalten zog ein Strahl
duftigen Zigarrenrauchs und weiblicher Parfüms heraus. Mishujew blieb
eine Weile stehen. Er hatte garnicht bedacht, daß Nikolajew in dieser
Zeit nur schwerlich allein anzutreffen war, und daß es möglicherweise
garnicht zu einem Wiedersehen mit herzlichen Gesprächen, deren Erwartung
ihn freudig erregte, kommen werde. Aber gerade da wurde die Tür
stürmisch aufgerissen und Nikolajew trat mit breiten Schritten, im
blauen Hemd und weiten Pluderhosen, wie ein echter Wolgaräuber, heraus.
»Fedja! Ah! Guten Tag, mein Täubchen! Wo hast du die ganze Zeit
gesteckt?« schrie er, daß es durch das ganze Haus dröhnte, und packte
ihn fest an der Hand. -- »Warum siehst du so grün aus?«
Sie umarmten sich, und Mishujew küßte seine festen guten Lippen mit
einem so rührenden Vergnügen, wie er es niemals gegenüber Frauen
empfunden hatte.
»Nun, du bleibst immer derselbe!« sagte er, Nikolajew verliebt ansehend.
Als sie in den Saal traten, fragte Mishujew leise:
»Bei dir ist viel Volk? ... Ich wollte mich ausplaudern, ohne daß uns
jemand stört ...«
»Spuck darauf!« antwortete Nikolajew mit einer breiten Handbewegung:
»Kümmere dich nicht darum! Davon stürmt mir jetzt eine Teufelsmenge
täglich das Haus! Ich habe mich schon daran gewöhnt ... Kann nichts
dagegen tun, Bruder, bin eine Berühmtheit geworden!«
»Nun, sei's Gott gedankt!« sagte Mishujew voller Freude und schaute von
der Höhe seiner massigen Gestalt, neben der der breitschultrige
Nikolajew elegant aussah, zärtlich auf ihn herab.
Mishujew trat in den Saal, bis aufs Tiefste durch die Nähe dieses guten,
lustigen händefuchtelnden Menschen erregt, der ihn, wenn er ihn liebte,
wirklich nur um seiner selbst willen liebte.
Vom Klavier her trat ihnen eine hochgewachsene Frau in schwarzem Kleid,
mit den grauen koketten Augen einer Schauspielerin entgegen.
»Hier, Lydia,« erklärte laut und fröhlich Nikolajew, »hier hast du
meinen Mishujew! ... Sieh mal, was für ein kolossaler Millionär!«
Mishujew lachte, und die schöne Frau mit den grauen Augen lachte
ebenfalls. Auch ihre Augen lachten mit, aber Mishujew gefiel dieses
Lachen nicht.
»Oh, es freut mich sehr,« sagte sie mit klangvoller Stimme und streckte
ihm ihren weißen üppigen Arm, der bis an die Ellenbogen entblößt war,
entgegen.
Dann stellte sie ihn ihren Gästen vor. Es waren viele, aber alle zeigten
Mishujew nur ein Gesicht: übertrieben freundlich, mit Zähnen, die durch
ihr Lächeln frei wurden und versteckter Neugierde in den Augen. Das war
eben jenes Gesicht, das Mishujew sein ganzes Leben lang verfolgte und
das er haßte. Diesmal aber war er von dem Wiedersehen mit Nikolajew so
freudig erregt, daß er gar nicht darauf achtete.
»Nun, Herrschaften,« sagte Nikolajew, mitten im Saal stehen bleibend.
»Ihr mögt hier jetzt singen, schreien, tanzen, was Ihr wollt ... und wir
beide, er und ich, werden ein wenig plaudern gehen. Lydia, dürfen wir?«
»Ach, mein Gott, gewiß doch!« Die Frau hob gleichzeitig mit ihren grauen
Augen in ausgesucht schöner Pose beide Arme in die Höhe. »Gehen Sie,
gehen Sie, ich lasse Ihnen Tee bringen.«
In Nikolajews Arbeitszimmer setzte sich Mishujew auf einen breiten
türkischen Diwan und sah sich freudig im ganzen Zimmer um. Es war noch
das alte: dieselben Bücher, Papiere, in Haufen überall aufgestapelt, auf
dem Boden, in den Schränken, auf dem Tisch, den man unter ihnen gar
nicht mehr sehen konnte. Und außer dem ledernen Diwan sprach nichts von
Komfort, der gerade im Arbeitszimmer eines berühmten Schriftstellers so
angebracht gewesen wäre. Mishujew erinnerte sich, daß dieselbe Unordnung
und Bummelei auch im Zimmer des allen unbekannten Studenten Nikolajew
geherrscht hatte. Auch Nikolajew selbst war ganz der frühere geblieben,
nur war er etwas dicker geworden.
Das Gespräch setzte so einfach und vom ersten Satze interessant ein, wie
alles, was Nikolajew anfing. Und als Mishujew fünf Minuten auf dem Divan
gesessen hatte, und dem durch das Zimmer schreitenden Nikolajew zärtlich
mit den Augen gefolgt war, da wußte der bereits alles: den Bruch mit
Maria Sergejewna wie den Zusammenstoß mit dem Bruder, die Reisen ins
Ausland mit ihren Hotels, Theatern und Museen, und die dumpfe, tote
Herzensangst, unter der Mishujew schon so lange litt.
»Ich verstehe dich nicht,« Nikolajew sprach zornig und gleichzeitig
liebevoll, während er mit breiten Schritten aus einer Zimmerecke in die
andere ging, »dasselbe erlebe ich auch ... Die Zeit ist schon längst
vorüber, in der Menschen ganz einfach zu mir kamen, nur weil ihnen das
gefiel, was ich tat und sprach. Jetzt wird jeder, der an mich
herantritt, im voraus von der Ehrfurcht und Achtung zu dem berühmten
Dichter erfüllt! Na, meinetwegen, das ist manchmal sogar angenehm. Es
ist eben ein Gesetz der menschlichen Natur -- der Mensch ist seiner
Natur nach ein Sklave, aber es werden sich noch immer Menschen finden,
die zu dir einfach mit offenem Herzen kommen.«
»Bei dir ist es etwas anderes,« erwiderte Mishujew ein wenig traurig,
»du bist berühmt, aber du bist vor allen Dingen ein Dichter, das heißt
ein Mensch, der die Menschen nur durch die Kraft seiner eigenen Seele
bezwingt und an sich lockt. Wenn ich wüßte, daß es in Rußland so viele
Jünglinge gibt, die es für ein besonderes Glück halten, gar nicht mal
mit mir zu sprechen, sondern mich allein nur sehen, mir scheint, ich
wäre ganz hingerissen von dieser jungen Welle. Dann würde ich vielleicht
glücklich sein ...«
»Dafür gibt es viele Menschen, denen du hilfst ...«
»Das ist nicht das richtige!« Mishujew schüttelte den schweren Kopf,
»ich schaffe doch nicht selbst dieses Geld, am Ende gehört es ihnen
doch, und dann -- -- ich weiß: Auch die, denen ich wenig Geld gebe,
hassen mich, und die, die viel bekommen, sind böse, daß es nicht mehr
ist; im Grunde sehen alle nur mit versteckter Feindseligkeit das Gute
an, das ich mir selbst durch mein Geld verschaffen kann. Ihnen kommt es
vor, als stehle, als vergeude ich ihr Gut, ihr Glück ...«
Ein tragischer Unterton erklang in Mishujews Stimme. Nikolajew blieb
mitten im Zimmer stehen und wurde nachdenklich. Sein Gesicht wurde ernst
und vertieft.
»Das ist vielleicht wahr, aber du hast dennoch Unrecht.« Er warf sein
Haar zurück, als hätte er etwas gefunden, was er beinahe verloren hatte.
Er erinnerte Mishujew, daß dieser seine Reichtümer, die ihm nun einmal
an die Hand gekommen waren, auch fest in seiner Hand verschließen
konnte. Ob ein Millionär, der die Arbeit von Massen anhäuft, eine
Daseinsberechtigung hat oder nicht, gleichviel, Millionäre existieren
und die Menschen sind nicht nur weit entfernt, sie zu töten; sie
unterwerfen sich ihnen sogar. In der Gewalt eines jeden Millionärs liegt
es, die größten Infamien zu begeben, oder aber Gutes zu tun. Mishujew
hat das letztere gewählt; das können vernunftbegabte Menschen unmöglich
mißverstehen.
Nikolajew belebte sich, während er redete, auf's äußerste, seine Augen
glänzten, er lächelte breit und freudig. Mishujew saß auf dem Divan, sah
ihn mit feuchten Augen an und fühlte, wie in ihm etwas warmes aufwuchs,
und die Hoffnung auf einen kommenden lichten Tag emporstieg. Er verlor
sein gewöhnliches gespannt ungesundes Aussehen und wurde so zutraulich,
wie ein gutmütiger Bär.
»Du hast in deiner Hand fast zehntausend Arbeiter,« sagte Nikolajew mit
einem glutenden Gefühl, das augenscheinlich seine ganze Seele
durchströmte, und bemühte sich unwillkürlich, mit seiner Stimme die
Klavierlaute und die stürmischen Koloraturen eines glänzenden Soprans,
die aus dem Saal herüber drangen, zu übertönen.
»Aber sie haben nicht dich allein zum Herrn; dein Bruder besitzt sie
ebensogut. Warum tat er denn nicht dasselbe wie du? ... Oder warum
handelst du nicht so wie er? Jede Kopeke, die du für die Arbeiter
hingibst, gibst du ihnen doch aus freien Stücken ... Zwingen kann dich
niemand! Und meinst du, der Arbeiter, der weiß es nicht? ... Die wissen
mehr, als wir beide!«
Mishujew schaute ihm naiv und vertrauensvoll ins Gesicht.
»Weißt du, als sich die Nachricht von deinem Selbstmord verbreitete,
wollten es die Arbeiter nicht glauben ... Mir selbst hat ein alter
Arbeiter mit Tränen gesagt: >Das ist nicht möglich ... ein solcher
Mensch nimmt sich nicht das Leben. Da will er sich eben vor Feinden
verborgen halten, und wenn es erst wieder an der Zeit ist, dann kommt er
hervor und zeigt sich!< -- -- -- Hier hast du es!« schrie unwillkürlich
Nikolajew aus, und seine Augen erglänzten in einer solchen Begeisterung,
als ob er etwas Großes und Heiliges vor sich stehen sah.
Mishujew fühlte, wie seine Hände und Füße vor tiefster Freude und einem
kaum erträglichen Glücksgefühl erzitterten. Er sah mit einem Male die
unübersehbare Menge dieser ruhigen, zermarterten, hungrigen Arbeiter vor
sich und erblickte ein ganzes Meer von Augen, die offen und
vertrauensvoll auf ihn schauten. Er sah auch sich selbst, aber nicht als
den schweren düsteren Menschen, der er stets war, sondern als
energischen, tatbereiten Mann, der fest und sicher auf sein Ziel
losgeht. Der scharfe Gedanke an ein untergegangenes persönliches Leben
traf ihn wie ein Nadelstich, aber der augenblickliche Schmerz versank
sofort in einer grellen Flut machtvoller Empfindungen.
»Ach, Bruder,« sagte er mit zitternder Stimme, »nicht umsonst dachte ich
soviel an dich und sehnte mich nach diesem Wiedersehen!«
Nikolajew, dessen Augen noch immer glänzten und der aussah, als ob er
auf etwas in sich lauschte, lächelte selig und froh.
Sie schwiegen lange, jeder von seinen starken Gedanken erfüllt. Hinter
der Tür zerfloß eine prächtige glanzvolle Stimme. Es schien gar nicht
eine Frau zu sein, die dort sang.
Beim Souper in dem hellen eleganten Speisezimmer, am Tische, der mit
glänzenden Flaschen und frischen Blumen vollbestellt war, saßen Mishujew
und Nikolajew so fröhlich und animiert wie noch nie. Alle anderen
schwiegen und hörten ihnen ehrfurchtsvoll zu.
Nikolajew erzählte Mishujew von seiner Idee, eine neue Zeitschrift zu
gründen, die die besten jungen Kräfte vereinigen sollte. Er schlug
Mishujew vor, für dieses Unternehmen Geld zu geben, und dieser war mit
Freude einverstanden.
Alles schien ihm jetzt herrlich, gut und voll Leben. Alles war von
Nikolajew reflektiert und belebt; er ließ von ihm kein Auge.
Nikolajews Frau, eine bekannte Sängerin, die Frau mit den grauen Augen,
nahm sich besonders der beiden an, machte sich in einem fort um
Nikolajew zu schaffen, als umschlinge sie ihn mit ihrer Zärtlichkeit,
Sorgfalt und Schönheit.
Sie scheint ihn wirklich aufrichtig zu lieben! dachte Mishujew und
empfand jetzt auch zu ihr warme freundschaftliche Zuneigung. Was für
Menschen versteht er, an sich zu ziehen? Nicht wie ich ... Er seufzte
mit bitterem innerem Lächeln.
»Und was meinen Sie, Ssergej Petrowitsch,« wandte sich ein Herr mit
gefälligem Ausdruck in seinen feuchten jüdischen Augen an Nikolajew,
»werden Sie Tschetyrjow zur Mitarbeit an Ihren >Lebenden Gedanken<
einladen?«
»Darüber wird besser später entschieden werden,« antwortete Nikolajew
flüchtig, aber über sein Gesicht glitt ein unangenehmer Schatten.
Mishujew fiel es auf, daß eine Minute lang Schweigen eintrat, und daß in
den großen Augen der Frau, die mit weißen Händen eine Schüssel reichte,
ein scharfer feindseliger Ausdruck aufzuckte.
»Fürchtet er wirklich Tschetyrjow,« dachte Mishujew mit grenzenlosem
Staunen.
Er wußte, daß Tschetyrjow von vielen höher geschätzt wurde als
Nikolajew, hätte aber niemals in Gedanken zugegeben, daß es für diesen
irgend eine Bedeutung haben könnte. Ihm war der Gedanke an Neid und
Feindseligkeit gegen einen Rivalen bei Nikolajew geradezu qualvoll, und
er versuchte, sich aus diesem Argwohn selbst einen Vorwurf zu machen.
Aber im selben Moment begegnete er dem Blick der grauen Augen, die
gierig und unruhig auf Nikolajew ruhten und dachte mechanisch:
Diese Frau liebt ja Nikolajew nur, weil er berühmt ist ...
Dieser unerwartete Gedanke schnitt ihn schmerzlich durch das Herz. Aber
die grauen Augen waren sofort wieder hell, zärtlich und eindringlich,
und Nikolajew scherzte wie früher, lachte und seine Reden klangen
dahinstürmend, wie immer. Mishujew konnte trotzdem die frühere Stimmung
nicht mehr wiederfinden, als ihn die Pferde durch die leer gewordenen
Straßen des schlafenden Moskau trugen. Mit finsteren Augen verfolgte er
die schwarzen, im Laternenlicht schwankenden Gestalten der
Prostituierten, die einsam an den Bürgersteigen standen; in seiner Seele
wälzte sich schwer und ungelenk ein kranker, unheimlicher Gedanke.