XII

Mishujew kam an einem regnerischen, schon herbstlichen Tage in Moskau

an; sowie er aus dem Wagen stieg, war er von widerwärtiger, kalter

Feuchtigkeit bis auf die Knochen durchdrungen.

Der ungeheuer weite, asphaltierte Platz vor dem Bahnhof gleißte wie ein

See, nasse Droschken schwammen darauf, und die Schritte kältezitternder,

durchfeuchteter Menschen klatschten eilig über ihn hin. In der Ferne,

hinter dem grauen Regenvorhang, schimmerten undeutlich zahllose Dächer,

Kirchenkuppeln und die trüben Flecken verwaschener Vorgärten. Ihm wurde

ganz eigentümlich traurig bei dem Gedanken, daß es hier schon Tage lang

keine Sonne, keinen blauen Himmel, keine fröhlichen Blumen mehr gegeben

hatte. Alles machte den Eindruck, als wären alle diese eiligen,

durchnäßten Leute bis zum äußersten lebensüberdrüssig; sie lebten nur,

weil sie sich längst mit dem Regen, dem grauen Himmel, der Kälte und

Nässe abgefunden hatten und sie nicht mehr beachteten. Wenn sie jetzt

davon gehört hätten, daß irgendwo in der Ferne gerade in diesem

Augenblick die Sonne grell leuchtete, das blaue Meer strahlte und das

bunte Gras lachte -- dann könnten sie einem solchen Glück gar nicht

glauben wollen; -- sie würden sich nur beeilen, weiter durch

klatschende, kalte Pfützen zu laufen. Aber Mishujew dachte darüber nicht

nach, weil er all das seit langem gewöhnt war; er war von dem goldenen

Frühling nicht entzückt und wurde durch den grauen Herbst nicht

mißgestimmt.

Er hatte niemanden von seiner Ankunft benachrichtigt, und so war er auch

nicht erwartet worden. Seine Sachen übergab er einem Dienstmann, nahm

sich eine Droschke und fuhr zitternd vor Feuchtigkeit in dem durchnäßten

Wagen nach Hause.

Schon aus der Ferne erkannte er das altbekannte silbergraue Haus, dessen

riesige Größe und groteske Verzierungen im Jugendstyl mit einem quer

herüberlaufenden kolossalen Schild: »Gebrüder Mishujew« sofort ins Auge

fiel. An dem Haustor, das einer Höhle ähnlich sah, spielte sich noch

immer das gleiche emsige Gewühl ab. Triefende Lastfuhrleute luden gelbe

Kisten, aus denen das feuchte Stroh hervorlugte, auf; gelb-schwarze

Wagen fuhren an und ab, erbittertes, hungriges Schimpfen hing armselig

in der wasserdurchweichten Luft. Und im Hause, in den weiten Zimmern,

die kalt wie der Platz draußen waren, durch meterhohe, trübe Fenster von

der Straße getrennt, leuchteten in trockenem Grün elektrische Lampen;

gebeugte Köpfe raschelten mechanisch, fast ganz regungslos zwischen

Papieren und klapperten mit den Rechenbrettern.

»Alles nach Strich und Faden --« dachte Mishujew, als ob er etwas Neues

erwartet hätte, und ging, nachdem er seine Sachen abgelegt, durch das

ganze Kontor. Und wie immer, wenn er in diese trockene, geschäftsmäßige

Atmosphäre geriet, wurde sein Gesicht auch jetzt hochmütig und kühl, als

zöge er zwischen sich und allem Anderen gewaltsame Grenzen.

Die Angestellten, die gut gekleidet und frisiert an den Tischen saßen,

erhoben sich eilig und schweigsam von ihren Plätzen und verbeugten sich

vor ihm. Mishujew nickte flüchtig mit dem Kopf. Viele von ihnen kannte

er garnicht; er hatte absolut keine Ahnung, ob er sie schon früher

einmal gesehen hatte. Allein der Prokurist, ein kahlköpfiger Greis mit

einem Gesicht, das halb wie ein zerknüllter Rubelschein, halb wie das

eines Heiligenbildes aussah, begrüßte ihn mit den Worten:

»Wünsche Glück zur Ankunft, Fjodor Iwanowitsch! ... Ihr Herr Bruder sind

im Arbeitszimmer, warten schon lange auf Sie. Ist Ihnen die Reise gut

bekommen?«

Mishujew lächelte unwillkürlich: er dachte, daß es doch eine ziemlich

bescheidene Reise war -- von Moskau nach der Krim und zurück --

erinnerte sich dann aber, daß für den alten Mann, der sein ganzes Leben

lang in diesem Kontor gesteckt hatte, schon ein solche Reise märchenhaft

bedeutend sein müßte.

»Danke schön. So, so,« sagte er kühl und doch liebenswürdig und ging

nach einem flüchtigen Händedruck weiter.

Sein Bruder, Stepan Iwanowitsch Mishujew, saß tief gebeugt über dem

großen, grabmalartigen Tisch und schrieb, während er mit seiner linken

Hand auf einem schweren Rechenbrett hantierte. Das blasse bläuliche

Licht vom Fenster glänzte matt auf seinem breiten kahlgewordenen

Schädel. Das ganze Zimmer war dunkel, schwer und langweilig wie ein

riesiges Einnahme- und Ausgabebuch, zwischen dessen Blättern ein Mensch

herumkrabbelt. Als Mishujew eintrat, erhob der Bruder die Augen, und er

sah die ihm bekannten, kühl-unzufriedenen Blicke. Unbehaglich berührte

ihn der Gesichtsausdruck dieses Menschen, der dem Eintretenden, ohne zu

wissen, wer es ist, bereits einen feindselig-geschäftlichen Blick

entgegenwirft. Als Stepan Iwanowitsch genauer hinsah, verzogen sich

seine Lippen geizig zu einem matten Lächeln.

»Ah, endlich gekommen!« sagte er und erhob sich.

Die Brüder küßten sich.

Stepan Iwanowitsch war ebenso groß und schwer wie sein Bruder, aber sein

Gesicht war gelb, ungesund, unter den Augen hingen ihm welke Beutel, und

seine Stimme war so schwach und blaß, als ob er bis auf den Tod ermüdet

wäre.

»Ich bin sehr froh, daß du gekommen bist,« begann Stepan Iwanowitsch,

als sie sich gegenüber saßen und Zigarren angezündet hatten, von denen

er sich niemals trennte: -- »Froh aus verschiedenen Gründen. Erstens

wünschte ich natürlich, dich zu sehen, dann ist deine Gegenwart

überhaupt nötig, weil es mit der Fabrik miserabel steht. Außerdem habe

ich noch eine persönliche Angelegenheit ... Aber darüber später!«

Stepan Iwanowitsch wandte für einen Moment den Blick ab und verzog die

Lippen wieder zu der geizigen Nachahmung eines Lächelns.

»Du hast wohl aus den Zeitungen gehört, daß die Fabrik nun die zweite

Woche still steht. Die Forderungen werden dir wahrscheinlich auch schon

bekannt sein?«

»Ja, ich weiß es ...« erwiderte Mishujew kurz.

»Und?«

Stepan Iwanowitsch richtete einen forschenden, kühlen Blick auf ihn;

Mishujew hatte unwillkürlich die Empfindung, daß hier nicht ein Bruder

mit dem Bruder spräche, sondern ein Chef mit irgend einem Mitinhaber der

Firma konferierte. Er wäre am liebsten nicht mehr auf diese

Angelegenheiten, über die schon lange ohne Erfolg und mit noch

geringerem Verständnis hin und her geredet wurde, eingegangen. Aber

Stepan Iwanowitsch wartete, und so antwortete er mit Selbstüberwindung:

»Hm. Ich finde sie in vielen Punkten ganz berechtigt.« Unwillkürlich

blinzelte er mit den Augen und wandte den Blick ab, weil er fühlte, wie

feindselig Stepan Iwanowitsch die Ohren spitzte. Der fuhr fort, den

Bruder forschend anzublicken und schwieg lange, als ob ihm die

Anstrengung viel Mühe kostete.

»... Schön. Und sage mir bitte, machst du es dir klar, daß uns diese

Forderungen bei der heutigen Marktlage ruinieren?«

»Davon spreche ich nicht,« erwiderte Mishujew widerwillig; -- »ich

stellte nur ihre Berechtigung fest und weiter nichts. Ob sie für uns

vorteilhaft sind oder nicht -- das ist etwas anderes.«

»Ja,« erwiderte Stepan Iwanowitsch trocken, »ganz etwas anderes; aber

ich glaube, gerade daran sollte man in erster Linie denken.«

Mishujew seufzte, als ob sich eine überaus verdrießliche Last auf ihn

wälzte, hielt sich aber zurück und sagte mit absichtlich nachgiebiger

Stimme:

»Ja, gewiß. Nur scheint es mir, daß auch die Frage nach der Berechtigung

dieser Forderungen nicht ganz nebensächlich ist. Eins von beiden:

entweder sind sie unberechtigt, dann kann man sie nur vom Standpunkt des

Kampfes aus betrachten, oder sie sind berechtigt; in diesem Fall müßten

wir doch auch an ihre Befriedigung denken.«

Er gab sich Mühe, ruhig zu bleiben; er hatte den festen Wunsch, jeden

Streit zu vermeiden, aber schon beim Sprechen fühlte er die bekannte

drückende Aufregung. Er sah, daß sein Bruder, wie immer, einzelne seiner

Worte heraushörte, von den anderen aber, gerade die, welche ihn selbst

am meisten erregten, als ganz unnötig und überflüssig außer acht ließ.

Stepan Iwanowitsch schwieg eine Weile und fuhr fort, ihn mit seinem

kalten, fremden Blick zu fixieren. Dann seufzte er, wandte die Augen ab,

klopfte mit den Fingern gegen die Tischkante und sagte mit gezwungener

Miene:

»Nun, gut. Wir werden später weiterreden. Du bist gewiß von der Reise

ermüdet. Hast du gefrühstückt?«

»Noch nicht.«

»Dann wollen wir zu mir hinaufgehen,« -- Stepan Iwanowitsch erhob sich

schwer von seinem Platz.

Die Wohnung, die er inne hatte, war klein. Es war eigentümlich

auffallend, daß in dem ganzen riesigen luxuriösen Haus nur ein

Winkelchen wirklich ihm, seiner Ruhe, seinem Schlaf und seinem Körper

gehörte. Überall sonst, oben, unten und an allen Seiten lebten und

wimmelten wie Bienen in den Zellen eines riesigen Stockes fremde,

unbekannte Menschen, von denen viele garnicht einmal wußten, wie dieser

Stepan Iwanowitsch Mishujew aussieht, und ob er in Wirklichkeit

existiert und nicht lediglich ein abstraktes Symbol darstellt.

Das Speisezimmer glänzte kühl in schwerer Eiche, und machte durch das

weiße Tischtuch, die weißen Gedecke und das weiße Licht, das aus den

Fenstern hereinströmte, einen eisigen, toten Eindruck.

»Nun, bist du gut gefahren?« fragte Stepan Iwanowitsch und bemühte sich

noch mehr, seine trockenen Lippen liebenswürdig zu verziehen und

möglichst sanft auszuschauen. Er liebte seinen Bruder und bemitleidete

ihn als kranken Phantasten.

»Nicht übel.«

»Und wo steckt deine Maria Sergejewna jetzt?« Stepan Iwanowitsch

lächelte, ohne Mishujew ins Gesicht zu sehen.

»Dort geblieben ... vorläufig ...« sagte Mishujew; plötzlich stach ihm

etwas schmerzlich durchs Herz. Irgendwo fern -- fern sah er die kleine

verlassene Frau, die er liebte, die ihn liebte und die jetzt aus irgend

einem Grunde von seinem Leben für immer getrennt war, ihm fremd wurde,

als hätten sie niemals einander geliebt und geliebkost und sich

aneinander mehr als an allem in der Welt gefreut.

In diesem Augenblick konnte Mishujew nicht begreifen, warum es dazu

kommen mußte. Alles, was ihm damals entsetzlich und unerträglich schien,

kam ihm jetzt kleinlich und hergesucht vor, schwebte vor seinem Auge wie

ein trüber, sinnwidriger Fleck. Aber doch fühlte er, daß es nicht anders

sein konnte. Er nahm sich zusammen und begann, während er sich

anstrengte, das Nagen an seinem Herzen nicht zu bemerken, vom Süden zu

erzählen und sich nach Moskau zu erkundigen.

Die beiden Brüder saßen sich, schwer und groß, gegenüber; sie schienen

auf den Boden und alles, was darunter wimmelte, mit furchtbarer Last zu

drücken. Das kühle weiße Licht glänzte grell auf dem Parkett und der

Emaille des Geschirrs; gelbblitzend funkelte der Wein; es sah aus, als

strahlte inmitten des grauen, nassen Tages in ihm allein die fröhliche

Sonne.

Es wurde wärmer, und das Gespräch kam leichter in Fluß. Mishujew kreuzte

die Arme auf dem Tischtuch, und Stepan Iwanowitsch lehnte sich zurück

und erzählte:

»Mir ist hier eine kleine unangenehme Geschichte passiert, und da du in

derartigen Dingen erfahrener bist als ich« -- Stepan Iwanowitsch

lächelte ungeschickt -- »so möchte ich dich um Rat bitten.«

Mishujew blickte ihn neugierig an.

»Siehst du, da war bei uns ein Mädchen als Kassiererin eingetreten, jung

und sehr hübsch. ... Du wirst sie sehen, weil ich dich bitten möchte, zu

ihr hinzufahren.«

Stepan Iwanowitsch zündete sich eine Zigarre an, runzelte die Beutel

unter seinen Augen: Und blinzelte durch den Rauch. Ihm war es offenbar

peinlich; er fühlte sich lächerlich.

Mishujew sah ihn mit lustiger Verwunderung an. Ein junges hübsches

Mädchen, keine Kokotte, keine Sängerin -- das ließ sich so schlecht mit

der Person Stepan Iwanowitschs in Einklang bringen, daß man glauben

konnte, er scherze nur.

»Und um was handelt es sich?« fragte Mishujew; er bemühte sich, dem

Bruder seine Verwunderung nicht merken zu lassen.

»Ja, um was es sich handelt ... bin mit ihr intim geworden, da hast du

alles! ...« sagte Stepan Iwanowitsch mit Mühe.

»Na, und?«

»Wie soll ich dir das auseinandersetzen ... Du weißt, ich habe mein

ganzes Leben lang gearbeitet und mich nicht mit Romanen abgegeben ...

kann aber nicht bestreiten, daß dieses Mädchen etwas neues in mein Leben

gebracht hat ...«

Ein junges hübsches Mädchen mit einem so reinen und weichen Kinn, daß

man es unwillkürlich zu berühren wünscht, um seine Wärme zu fühlen, trat

vor Mishujews Auge. Es lachte wahrscheinlich silberhell, gab sich

selbstvergessen mit seinem ganzen jungen Körper dem Manne hin und

bemerkte wohl garnicht, daß Stepan Iwanowitsch einen kahlen Schädel, ein

vertrocknetes Gesicht und eine geschäftsmäßige, einfarbige Seele hatte.

Vielleicht auch bemerkte sie das und bemühte sich, ihn zu erwärmen und

zu erfreuen, ihm ihr ganzes, junges, fröhliches Glück mitzuteilen.

»Sie scheint mich wirklich aufrichtig gern zu haben,« fuhr Stepan

Iwanowitsch fort, während er immer noch mit zusammengekniffenen Augen

durch die blauen Rauchwolken blinzelte. -- »Natürlich gab sie sich

sofort alle Mühe, aus mir einen Sozialdemokraten zu machen ...«

Stepan Iwanowitsch lachte unnatürlich, aber doch drang ein zärtlicher

Klang durch dieses trockene Lachen.

»Hm!« Mishujew mußte unwillkürlich lächeln, das kleine naive Mädchen tat

ihm leid.

»Nun, das wäre alles noch nicht so schlimm ... die Sache ist aber, daß

sie ... wie sagt man es gleich ... na, in gesegnet... daß sie schwanger

geworden ist.«

»Ah!« Mishujews Augen wurden weich und mitleidsvoll.

»Und ich sehe immer mehr, daß sie in meinem Leben einen Platz einnimmt,

mit dem ich rechnen muß ... Ich fange an, mich zu fürchten, mit ihr

herumzustreiten, fange an, nachzugeben, sie mischt sich in die Geschäfte

ein, wird ärgerlich, stellt Bedingungen ... Mit einem Wort, es ist Zeit,

ein Ende zu machen,« -- Stepan Iwanowitsch fiel sich selbst ins Wort,

und seine Augen, die aufzuleben schienen, wurden wieder kalt und trübe.

»Weshalb gleich ein Ende zu machen,« fragte Mishujew behutsam und weich:

-- »ist sie dir ennuyant geworden?«

»Ach was, ennuyant!« versetzte Stepan Iwanowitsch, während sein Gesicht

einen eigentümlichen Ausdruck annahm: »ich fühle im Gegenteil, daß ich

mich ohne sie ziemlich langweilen würde! ...«

Er verstummte unerwartet bei diesem trockenen geizigen Satz, aber

Mishujew hörte mit warmer Teilnahme Vieles und Tiefes aus ihm heraus.

»Um was kümmerst du dich dann? ... Lebe doch mit ihr nach wie vor.«

»Leider ist sie nicht so eine ... Sie wird verlangen, daß man sie vor

aller Welt öffentlich anerkennen soll ... Eine Maitresse wird die nicht

...«

»Dann tue es doch ... meinetwegen heirate ... vielleicht wirst du

glücklich!«

Mishujew lächelte unwillkürlich wieder.

Doch diesmal huschte über das Gesicht Stepan Iwanowitsch' nicht der

frühere sympathische verwirrte Ausdruck. Es blieb geschäftsmäßig und

kühl.

Mishujew aber stellte sich die niedliche Frau, die junge reine Mutter

vor, von der und von derem Kinde etwas wie Sonne und freudige Farben in

die Seelen eindringen würde. Die Gestalt Stepan Iwanowitschs, neu,

belebt und einfach, hob sich, von diesem Strahl beleuchtet, undeutlich

von ihm ab. Aber all das verschwand sofort wieder.

»Wenn ich heiraten wollte, so werde ich nicht eine Frau nehmen, die sich

auf den Schreibtisch setzt, einem einen Helm aus Geschäftspapieren macht

und lacht und weint zur gleichen Zeit ...«

Mishujew stellte sich seinen Bruder in einer papiernen Mütze vor und

lachte auf. Stepan Iwanowitsch zuckte linkisch mit den Schultern und

wandte sich zur Seite.

»Dir kommt es lächerlich vor, und mir ist es wirklich nicht zum Lachen

... Ich kann mir diese Dummheit nicht verzeihen ... Ich durfte es nicht

soweit kommen lassen ... Und so bin ich geradezu gezwungen, dich zu

bitten, zu ihr zu fahren und dich mit ihr auseinanderzusetzen. Kannst du

das tun?«

Mishujew zuckte kurz und traurig die Achseln. Ihm tat mit einem Male der

Bruder leid, in dessen dürre, tote Seele durch ein Wunder der goldene

Schein gedrungen war, den er jetzt selbst aus ihr herausreißen wollte.

Wozu? fragte sich Mishujew. -- Damit er wieder in seinem Kontor über

Rechnungen und Wechseln sitzt? ... Langwierig und langweilig lebt? ...

Gott weiß, warum und wozu ...

Aber er antwortete: »Natürlich kann ich das -- doch wozu? ... Vielleicht

ließe es sich irgendwie anders regeln? ... Muß es denn gerade so

geschehen? Und vielleicht ...«

Ein kurzer sonderbarer Krampf zuckte über das Gesicht Stepan

Iwanowitschs und Mishujew verstand mit einem Mal, was für ein

fruchtloser und qualvoller Kampf in des Bruders Seele vorgegangen war.

Er sah jetzt, daß jeder Widerstand überflüssig sei, wie in einer Leiche

kein Kampf des Lebens mehr vorhanden sein kann; ein kaltes trübseliges

Gefühl der Leere und Ohnmacht erfaßte ihn.

»Außerdem,« sagte plötzlich Stepan Iwanowitsch mit ersichtlicher Mühe --

»meinst du wirklich, daß ich das nicht begreife: Wäre ich nicht

Millionär und hätte ihr nicht die Möglichkeit Vergnügen gemacht, die

Seele eines Millionärs umzugestalten, und so weiter ... könnte sie mich

denn lieb gewinnen? Ich glaube, ich eigne mich kaum für etwas so wenig,

wie gerade für diese Beschäftigung!«

Stepan Iwanowitsch lächelte wieder, und an diesem wiederholten

verzerrten Lächeln sah Mishujew wieder, wie sehr seinen Bruder dieses

Gespräch quälte und niederdrückte.

»Warum gerade -- Millionär!« sagte er mit Mühe.

»Na, das läßt sich gewiß leicht verstehen ...« antwortete Stepan

Iwanowitsch, ohne aufzublicken.

Und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu:

»Wollen wir von etwas anderem sprechen?« Eine schmerzliche Regung stieg

in der Seele Mishujews auf; ein alter Gedanke rührte sich in ihm. Das

Bild eines kleinen heiteren Weibes wurde trübe und zerfloß. Er seufzte

schwer, seine Augen blickten so vertieft und krank, wie bei Menschen,

die den Tod in sich tragen.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 14 / 45 题