Mishujew kam an einem regnerischen, schon herbstlichen Tage in Moskau
an; sowie er aus dem Wagen stieg, war er von widerwärtiger, kalter
Feuchtigkeit bis auf die Knochen durchdrungen.
Der ungeheuer weite, asphaltierte Platz vor dem Bahnhof gleißte wie ein
See, nasse Droschken schwammen darauf, und die Schritte kältezitternder,
durchfeuchteter Menschen klatschten eilig über ihn hin. In der Ferne,
hinter dem grauen Regenvorhang, schimmerten undeutlich zahllose Dächer,
Kirchenkuppeln und die trüben Flecken verwaschener Vorgärten. Ihm wurde
ganz eigentümlich traurig bei dem Gedanken, daß es hier schon Tage lang
keine Sonne, keinen blauen Himmel, keine fröhlichen Blumen mehr gegeben
hatte. Alles machte den Eindruck, als wären alle diese eiligen,
durchnäßten Leute bis zum äußersten lebensüberdrüssig; sie lebten nur,
weil sie sich längst mit dem Regen, dem grauen Himmel, der Kälte und
Nässe abgefunden hatten und sie nicht mehr beachteten. Wenn sie jetzt
davon gehört hätten, daß irgendwo in der Ferne gerade in diesem
Augenblick die Sonne grell leuchtete, das blaue Meer strahlte und das
bunte Gras lachte -- dann könnten sie einem solchen Glück gar nicht
glauben wollen; -- sie würden sich nur beeilen, weiter durch
klatschende, kalte Pfützen zu laufen. Aber Mishujew dachte darüber nicht
nach, weil er all das seit langem gewöhnt war; er war von dem goldenen
Frühling nicht entzückt und wurde durch den grauen Herbst nicht
mißgestimmt.
Er hatte niemanden von seiner Ankunft benachrichtigt, und so war er auch
nicht erwartet worden. Seine Sachen übergab er einem Dienstmann, nahm
sich eine Droschke und fuhr zitternd vor Feuchtigkeit in dem durchnäßten
Wagen nach Hause.
Schon aus der Ferne erkannte er das altbekannte silbergraue Haus, dessen
riesige Größe und groteske Verzierungen im Jugendstyl mit einem quer
herüberlaufenden kolossalen Schild: »Gebrüder Mishujew« sofort ins Auge
fiel. An dem Haustor, das einer Höhle ähnlich sah, spielte sich noch
immer das gleiche emsige Gewühl ab. Triefende Lastfuhrleute luden gelbe
Kisten, aus denen das feuchte Stroh hervorlugte, auf; gelb-schwarze
Wagen fuhren an und ab, erbittertes, hungriges Schimpfen hing armselig
in der wasserdurchweichten Luft. Und im Hause, in den weiten Zimmern,
die kalt wie der Platz draußen waren, durch meterhohe, trübe Fenster von
der Straße getrennt, leuchteten in trockenem Grün elektrische Lampen;
gebeugte Köpfe raschelten mechanisch, fast ganz regungslos zwischen
Papieren und klapperten mit den Rechenbrettern.
»Alles nach Strich und Faden --« dachte Mishujew, als ob er etwas Neues
erwartet hätte, und ging, nachdem er seine Sachen abgelegt, durch das
ganze Kontor. Und wie immer, wenn er in diese trockene, geschäftsmäßige
Atmosphäre geriet, wurde sein Gesicht auch jetzt hochmütig und kühl, als
zöge er zwischen sich und allem Anderen gewaltsame Grenzen.
Die Angestellten, die gut gekleidet und frisiert an den Tischen saßen,
erhoben sich eilig und schweigsam von ihren Plätzen und verbeugten sich
vor ihm. Mishujew nickte flüchtig mit dem Kopf. Viele von ihnen kannte
er garnicht; er hatte absolut keine Ahnung, ob er sie schon früher
einmal gesehen hatte. Allein der Prokurist, ein kahlköpfiger Greis mit
einem Gesicht, das halb wie ein zerknüllter Rubelschein, halb wie das
eines Heiligenbildes aussah, begrüßte ihn mit den Worten:
»Wünsche Glück zur Ankunft, Fjodor Iwanowitsch! ... Ihr Herr Bruder sind
im Arbeitszimmer, warten schon lange auf Sie. Ist Ihnen die Reise gut
bekommen?«
Mishujew lächelte unwillkürlich: er dachte, daß es doch eine ziemlich
bescheidene Reise war -- von Moskau nach der Krim und zurück --
erinnerte sich dann aber, daß für den alten Mann, der sein ganzes Leben
lang in diesem Kontor gesteckt hatte, schon ein solche Reise märchenhaft
bedeutend sein müßte.
»Danke schön. So, so,« sagte er kühl und doch liebenswürdig und ging
nach einem flüchtigen Händedruck weiter.
Sein Bruder, Stepan Iwanowitsch Mishujew, saß tief gebeugt über dem
großen, grabmalartigen Tisch und schrieb, während er mit seiner linken
Hand auf einem schweren Rechenbrett hantierte. Das blasse bläuliche
Licht vom Fenster glänzte matt auf seinem breiten kahlgewordenen
Schädel. Das ganze Zimmer war dunkel, schwer und langweilig wie ein
riesiges Einnahme- und Ausgabebuch, zwischen dessen Blättern ein Mensch
herumkrabbelt. Als Mishujew eintrat, erhob der Bruder die Augen, und er
sah die ihm bekannten, kühl-unzufriedenen Blicke. Unbehaglich berührte
ihn der Gesichtsausdruck dieses Menschen, der dem Eintretenden, ohne zu
wissen, wer es ist, bereits einen feindselig-geschäftlichen Blick
entgegenwirft. Als Stepan Iwanowitsch genauer hinsah, verzogen sich
seine Lippen geizig zu einem matten Lächeln.
»Ah, endlich gekommen!« sagte er und erhob sich.
Die Brüder küßten sich.
Stepan Iwanowitsch war ebenso groß und schwer wie sein Bruder, aber sein
Gesicht war gelb, ungesund, unter den Augen hingen ihm welke Beutel, und
seine Stimme war so schwach und blaß, als ob er bis auf den Tod ermüdet
wäre.
»Ich bin sehr froh, daß du gekommen bist,« begann Stepan Iwanowitsch,
als sie sich gegenüber saßen und Zigarren angezündet hatten, von denen
er sich niemals trennte: -- »Froh aus verschiedenen Gründen. Erstens
wünschte ich natürlich, dich zu sehen, dann ist deine Gegenwart
überhaupt nötig, weil es mit der Fabrik miserabel steht. Außerdem habe
ich noch eine persönliche Angelegenheit ... Aber darüber später!«
Stepan Iwanowitsch wandte für einen Moment den Blick ab und verzog die
Lippen wieder zu der geizigen Nachahmung eines Lächelns.
»Du hast wohl aus den Zeitungen gehört, daß die Fabrik nun die zweite
Woche still steht. Die Forderungen werden dir wahrscheinlich auch schon
bekannt sein?«
»Ja, ich weiß es ...« erwiderte Mishujew kurz.
»Und?«
Stepan Iwanowitsch richtete einen forschenden, kühlen Blick auf ihn;
Mishujew hatte unwillkürlich die Empfindung, daß hier nicht ein Bruder
mit dem Bruder spräche, sondern ein Chef mit irgend einem Mitinhaber der
Firma konferierte. Er wäre am liebsten nicht mehr auf diese
Angelegenheiten, über die schon lange ohne Erfolg und mit noch
geringerem Verständnis hin und her geredet wurde, eingegangen. Aber
Stepan Iwanowitsch wartete, und so antwortete er mit Selbstüberwindung:
»Hm. Ich finde sie in vielen Punkten ganz berechtigt.« Unwillkürlich
blinzelte er mit den Augen und wandte den Blick ab, weil er fühlte, wie
feindselig Stepan Iwanowitsch die Ohren spitzte. Der fuhr fort, den
Bruder forschend anzublicken und schwieg lange, als ob ihm die
Anstrengung viel Mühe kostete.
»... Schön. Und sage mir bitte, machst du es dir klar, daß uns diese
Forderungen bei der heutigen Marktlage ruinieren?«
»Davon spreche ich nicht,« erwiderte Mishujew widerwillig; -- »ich
stellte nur ihre Berechtigung fest und weiter nichts. Ob sie für uns
vorteilhaft sind oder nicht -- das ist etwas anderes.«
»Ja,« erwiderte Stepan Iwanowitsch trocken, »ganz etwas anderes; aber
ich glaube, gerade daran sollte man in erster Linie denken.«
Mishujew seufzte, als ob sich eine überaus verdrießliche Last auf ihn
wälzte, hielt sich aber zurück und sagte mit absichtlich nachgiebiger
Stimme:
»Ja, gewiß. Nur scheint es mir, daß auch die Frage nach der Berechtigung
dieser Forderungen nicht ganz nebensächlich ist. Eins von beiden:
entweder sind sie unberechtigt, dann kann man sie nur vom Standpunkt des
Kampfes aus betrachten, oder sie sind berechtigt; in diesem Fall müßten
wir doch auch an ihre Befriedigung denken.«
Er gab sich Mühe, ruhig zu bleiben; er hatte den festen Wunsch, jeden
Streit zu vermeiden, aber schon beim Sprechen fühlte er die bekannte
drückende Aufregung. Er sah, daß sein Bruder, wie immer, einzelne seiner
Worte heraushörte, von den anderen aber, gerade die, welche ihn selbst
am meisten erregten, als ganz unnötig und überflüssig außer acht ließ.
Stepan Iwanowitsch schwieg eine Weile und fuhr fort, ihn mit seinem
kalten, fremden Blick zu fixieren. Dann seufzte er, wandte die Augen ab,
klopfte mit den Fingern gegen die Tischkante und sagte mit gezwungener
Miene:
»Nun, gut. Wir werden später weiterreden. Du bist gewiß von der Reise
ermüdet. Hast du gefrühstückt?«
»Noch nicht.«
»Dann wollen wir zu mir hinaufgehen,« -- Stepan Iwanowitsch erhob sich
schwer von seinem Platz.
Die Wohnung, die er inne hatte, war klein. Es war eigentümlich
auffallend, daß in dem ganzen riesigen luxuriösen Haus nur ein
Winkelchen wirklich ihm, seiner Ruhe, seinem Schlaf und seinem Körper
gehörte. Überall sonst, oben, unten und an allen Seiten lebten und
wimmelten wie Bienen in den Zellen eines riesigen Stockes fremde,
unbekannte Menschen, von denen viele garnicht einmal wußten, wie dieser
Stepan Iwanowitsch Mishujew aussieht, und ob er in Wirklichkeit
existiert und nicht lediglich ein abstraktes Symbol darstellt.
Das Speisezimmer glänzte kühl in schwerer Eiche, und machte durch das
weiße Tischtuch, die weißen Gedecke und das weiße Licht, das aus den
Fenstern hereinströmte, einen eisigen, toten Eindruck.
»Nun, bist du gut gefahren?« fragte Stepan Iwanowitsch und bemühte sich
noch mehr, seine trockenen Lippen liebenswürdig zu verziehen und
möglichst sanft auszuschauen. Er liebte seinen Bruder und bemitleidete
ihn als kranken Phantasten.
»Nicht übel.«
»Und wo steckt deine Maria Sergejewna jetzt?« Stepan Iwanowitsch
lächelte, ohne Mishujew ins Gesicht zu sehen.
»Dort geblieben ... vorläufig ...« sagte Mishujew; plötzlich stach ihm
etwas schmerzlich durchs Herz. Irgendwo fern -- fern sah er die kleine
verlassene Frau, die er liebte, die ihn liebte und die jetzt aus irgend
einem Grunde von seinem Leben für immer getrennt war, ihm fremd wurde,
als hätten sie niemals einander geliebt und geliebkost und sich
aneinander mehr als an allem in der Welt gefreut.
In diesem Augenblick konnte Mishujew nicht begreifen, warum es dazu
kommen mußte. Alles, was ihm damals entsetzlich und unerträglich schien,
kam ihm jetzt kleinlich und hergesucht vor, schwebte vor seinem Auge wie
ein trüber, sinnwidriger Fleck. Aber doch fühlte er, daß es nicht anders
sein konnte. Er nahm sich zusammen und begann, während er sich
anstrengte, das Nagen an seinem Herzen nicht zu bemerken, vom Süden zu
erzählen und sich nach Moskau zu erkundigen.
Die beiden Brüder saßen sich, schwer und groß, gegenüber; sie schienen
auf den Boden und alles, was darunter wimmelte, mit furchtbarer Last zu
drücken. Das kühle weiße Licht glänzte grell auf dem Parkett und der
Emaille des Geschirrs; gelbblitzend funkelte der Wein; es sah aus, als
strahlte inmitten des grauen, nassen Tages in ihm allein die fröhliche
Sonne.
Es wurde wärmer, und das Gespräch kam leichter in Fluß. Mishujew kreuzte
die Arme auf dem Tischtuch, und Stepan Iwanowitsch lehnte sich zurück
und erzählte:
»Mir ist hier eine kleine unangenehme Geschichte passiert, und da du in
derartigen Dingen erfahrener bist als ich« -- Stepan Iwanowitsch
lächelte ungeschickt -- »so möchte ich dich um Rat bitten.«
Mishujew blickte ihn neugierig an.
»Siehst du, da war bei uns ein Mädchen als Kassiererin eingetreten, jung
und sehr hübsch. ... Du wirst sie sehen, weil ich dich bitten möchte, zu
ihr hinzufahren.«
Stepan Iwanowitsch zündete sich eine Zigarre an, runzelte die Beutel
unter seinen Augen: Und blinzelte durch den Rauch. Ihm war es offenbar
peinlich; er fühlte sich lächerlich.
Mishujew sah ihn mit lustiger Verwunderung an. Ein junges hübsches
Mädchen, keine Kokotte, keine Sängerin -- das ließ sich so schlecht mit
der Person Stepan Iwanowitschs in Einklang bringen, daß man glauben
konnte, er scherze nur.
»Und um was handelt es sich?« fragte Mishujew; er bemühte sich, dem
Bruder seine Verwunderung nicht merken zu lassen.
»Ja, um was es sich handelt ... bin mit ihr intim geworden, da hast du
alles! ...« sagte Stepan Iwanowitsch mit Mühe.
»Na, und?«
»Wie soll ich dir das auseinandersetzen ... Du weißt, ich habe mein
ganzes Leben lang gearbeitet und mich nicht mit Romanen abgegeben ...
kann aber nicht bestreiten, daß dieses Mädchen etwas neues in mein Leben
gebracht hat ...«
Ein junges hübsches Mädchen mit einem so reinen und weichen Kinn, daß
man es unwillkürlich zu berühren wünscht, um seine Wärme zu fühlen, trat
vor Mishujews Auge. Es lachte wahrscheinlich silberhell, gab sich
selbstvergessen mit seinem ganzen jungen Körper dem Manne hin und
bemerkte wohl garnicht, daß Stepan Iwanowitsch einen kahlen Schädel, ein
vertrocknetes Gesicht und eine geschäftsmäßige, einfarbige Seele hatte.
Vielleicht auch bemerkte sie das und bemühte sich, ihn zu erwärmen und
zu erfreuen, ihm ihr ganzes, junges, fröhliches Glück mitzuteilen.
»Sie scheint mich wirklich aufrichtig gern zu haben,« fuhr Stepan
Iwanowitsch fort, während er immer noch mit zusammengekniffenen Augen
durch die blauen Rauchwolken blinzelte. -- »Natürlich gab sie sich
sofort alle Mühe, aus mir einen Sozialdemokraten zu machen ...«
Stepan Iwanowitsch lachte unnatürlich, aber doch drang ein zärtlicher
Klang durch dieses trockene Lachen.
»Hm!« Mishujew mußte unwillkürlich lächeln, das kleine naive Mädchen tat
ihm leid.
»Nun, das wäre alles noch nicht so schlimm ... die Sache ist aber, daß
sie ... wie sagt man es gleich ... na, in gesegnet... daß sie schwanger
geworden ist.«
»Ah!« Mishujews Augen wurden weich und mitleidsvoll.
»Und ich sehe immer mehr, daß sie in meinem Leben einen Platz einnimmt,
mit dem ich rechnen muß ... Ich fange an, mich zu fürchten, mit ihr
herumzustreiten, fange an, nachzugeben, sie mischt sich in die Geschäfte
ein, wird ärgerlich, stellt Bedingungen ... Mit einem Wort, es ist Zeit,
ein Ende zu machen,« -- Stepan Iwanowitsch fiel sich selbst ins Wort,
und seine Augen, die aufzuleben schienen, wurden wieder kalt und trübe.
»Weshalb gleich ein Ende zu machen,« fragte Mishujew behutsam und weich:
-- »ist sie dir ennuyant geworden?«
»Ach was, ennuyant!« versetzte Stepan Iwanowitsch, während sein Gesicht
einen eigentümlichen Ausdruck annahm: »ich fühle im Gegenteil, daß ich
mich ohne sie ziemlich langweilen würde! ...«
Er verstummte unerwartet bei diesem trockenen geizigen Satz, aber
Mishujew hörte mit warmer Teilnahme Vieles und Tiefes aus ihm heraus.
»Um was kümmerst du dich dann? ... Lebe doch mit ihr nach wie vor.«
»Leider ist sie nicht so eine ... Sie wird verlangen, daß man sie vor
aller Welt öffentlich anerkennen soll ... Eine Maitresse wird die nicht
...«
»Dann tue es doch ... meinetwegen heirate ... vielleicht wirst du
glücklich!«
Mishujew lächelte unwillkürlich wieder.
Doch diesmal huschte über das Gesicht Stepan Iwanowitsch' nicht der
frühere sympathische verwirrte Ausdruck. Es blieb geschäftsmäßig und
kühl.
Mishujew aber stellte sich die niedliche Frau, die junge reine Mutter
vor, von der und von derem Kinde etwas wie Sonne und freudige Farben in
die Seelen eindringen würde. Die Gestalt Stepan Iwanowitschs, neu,
belebt und einfach, hob sich, von diesem Strahl beleuchtet, undeutlich
von ihm ab. Aber all das verschwand sofort wieder.
»Wenn ich heiraten wollte, so werde ich nicht eine Frau nehmen, die sich
auf den Schreibtisch setzt, einem einen Helm aus Geschäftspapieren macht
und lacht und weint zur gleichen Zeit ...«
Mishujew stellte sich seinen Bruder in einer papiernen Mütze vor und
lachte auf. Stepan Iwanowitsch zuckte linkisch mit den Schultern und
wandte sich zur Seite.
»Dir kommt es lächerlich vor, und mir ist es wirklich nicht zum Lachen
... Ich kann mir diese Dummheit nicht verzeihen ... Ich durfte es nicht
soweit kommen lassen ... Und so bin ich geradezu gezwungen, dich zu
bitten, zu ihr zu fahren und dich mit ihr auseinanderzusetzen. Kannst du
das tun?«
Mishujew zuckte kurz und traurig die Achseln. Ihm tat mit einem Male der
Bruder leid, in dessen dürre, tote Seele durch ein Wunder der goldene
Schein gedrungen war, den er jetzt selbst aus ihr herausreißen wollte.
Wozu? fragte sich Mishujew. -- Damit er wieder in seinem Kontor über
Rechnungen und Wechseln sitzt? ... Langwierig und langweilig lebt? ...
Gott weiß, warum und wozu ...
Aber er antwortete: »Natürlich kann ich das -- doch wozu? ... Vielleicht
ließe es sich irgendwie anders regeln? ... Muß es denn gerade so
geschehen? Und vielleicht ...«
Ein kurzer sonderbarer Krampf zuckte über das Gesicht Stepan
Iwanowitschs und Mishujew verstand mit einem Mal, was für ein
fruchtloser und qualvoller Kampf in des Bruders Seele vorgegangen war.
Er sah jetzt, daß jeder Widerstand überflüssig sei, wie in einer Leiche
kein Kampf des Lebens mehr vorhanden sein kann; ein kaltes trübseliges
Gefühl der Leere und Ohnmacht erfaßte ihn.
»Außerdem,« sagte plötzlich Stepan Iwanowitsch mit ersichtlicher Mühe --
»meinst du wirklich, daß ich das nicht begreife: Wäre ich nicht
Millionär und hätte ihr nicht die Möglichkeit Vergnügen gemacht, die
Seele eines Millionärs umzugestalten, und so weiter ... könnte sie mich
denn lieb gewinnen? Ich glaube, ich eigne mich kaum für etwas so wenig,
wie gerade für diese Beschäftigung!«
Stepan Iwanowitsch lächelte wieder, und an diesem wiederholten
verzerrten Lächeln sah Mishujew wieder, wie sehr seinen Bruder dieses
Gespräch quälte und niederdrückte.
»Warum gerade -- Millionär!« sagte er mit Mühe.
»Na, das läßt sich gewiß leicht verstehen ...« antwortete Stepan
Iwanowitsch, ohne aufzublicken.
Und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu:
»Wollen wir von etwas anderem sprechen?« Eine schmerzliche Regung stieg
in der Seele Mishujews auf; ein alter Gedanke rührte sich in ihm. Das
Bild eines kleinen heiteren Weibes wurde trübe und zerfloß. Er seufzte
schwer, seine Augen blickten so vertieft und krank, wie bei Menschen,
die den Tod in sich tragen.