Als Mishujew nach Hause kam, sich an den Schreibtisch setzte und
gewohnheitsmäßig nach einem Haufen Briefe und Telegramme greifen wollte,
trat Maria Sergejewna frisch und leuchtend ein. Mit ihr schien eine
ganze Wolke Bergluft, Blumenduft und Meeresgeruch in das Zimmer zu
strömen. Und an ihrem Gesicht, das grundlos lächelte, an ihren Augen,
die schlüpfrig glänzten, merkte er, daß sie schon jetzt, bevor sie ein
Wort gesprochen hatte, log. Log und sich fürchtete; eine Furcht, die nur
schöne Frauen kennen. Das feine und durchsichtige Spiel von Schönheit,
Hilflosigkeit und Lüge verleiht ihnen einen erregenden, unfaßbar
geheimnisvollen Schimmer.
Sie rief seinen Namen, lief, etwas zu leicht und lebhaft, auf ihn zu und
legte ihre warmen Hände auf seine breiten Schultern.
»Du bist schon nach Hause gekommen! ... Liebster, wie ich mich nach dir
gesehnt habe!«
Mishujew sah ihr fest in die Augen, durch die dunkle Funken huschten,
und wurde ernst. Stechende, krankhafte Verdächtigungen stiegen im
Augenblick in ihm auf; er fühlte sich sofort matt und unsicher.
»Wenn du nur eine Ahnung hättest, wie nett es dort war! Wir fuhren die
Chaussee nach Sympheropol herunter, weit -- weit! Den ganzen Weg lang
trieben wir Kindereien, sangen, lachten ... Nachher soupierten wir in
Gurjew!«
Mishujew sah sie schweigend, aufmerksam an, und unter seinem schweren
Blick rötete sich das zarte Gesichtchen kaum merklich, das Figürchen
wurde geschmeidiger, wie bei einer Katze, die Pupillen leuchtend von
unsicherem, falschem Licht.
»Nein, wirklich ... Du bist doch nicht böse, Theodor, daß ich mich so
herumtreibe?« sie guckte ihm in die Augen. »Ich habe dich wirklich
vernachlässigt! ... Warum bist du auch nicht mit uns gefahren? Es war so
schön! ... Und ohne dich ist es doch nicht das richtige!«
Sie wollte ihn küssen, bog ihren ganzen biegsamen Körper herüber und
berührte ihn wie absichtlich mit ihrer elastischen Brust.
Mishujew rückte erregt zurück.
»Höre, Mary, heuchle gefälligst nicht!« sagte er ungeschickt.
»Was denn?« Maria Sergejewna machte große, aufrichtige Augen. Aber aus
ihnen lugte noch durchsichtiger und heller die feige weibliche Lüge
hervor.
»Ich sehe doch, daß mit dir etwas passiert ist,« sagte Mishujew mit
Überwindung. »Also brauchst du nicht zu lügen ... Sage geradeheraus, was
du hast ... Das ist besser.«
Maria Sergejewna stieß ein falsches Lachen aus und schmiegte sich mit
ihrem ganzen Körper, dem Busen, den Armen, Beinen, den kitzelnden Haaren
an ihn; sie hoffte offenbar, ihn durch den Rausch ihres Duftes, ihrer
Wärme und Elastizität umzustimmen.
Mishujews Körper wurde durch diese unwahre Liebkosung statt der
sonstigen Erregung von unerträglicher, physischer Wut gepackt.
»Aber laß das doch, sag ich dir! ...« er schob grob seine Schultern vor
ihre Umarmung.
»Wie sonderbar du heute bist ... was regst du dich denn auf!« Maria
Sergejewna tat verwundert und machte fast mit Gewalt den Versuch, ihn zu
umarmen. Aber Mishujew stieß sie so grob zurück, daß es sie
augenscheinlich schmerzte, denn ihr hübsches Gesicht wurde für eine
Weile von einem erschrockenen Ausdruck überzogen. »Bei Gott ...« rief
sie nochmals.
»So erzähle endlich!« schrie er wütend.
Die kleine Frau erschrak und trat zur Seite, aber auch von weitem
blickten ihn immer noch ihre durchsichtigen, unwahren Augen an.
»Ach nichts! ... Kleinigkeiten ... Ich wollte es dir anfangs gar nicht
erzählen ...«
Eine Kältewelle rieselte über Mishujews Kopfhaut. Er fühlte, daß er
unter einem tollen Wutausbruch das Bewußtsein verlieren würde, wenn sie
nicht sofort mit der Sprache herausrückte; es mußte etwas Furchtbares
geschehen.
Sie schien es selbst zu fühlen, denn sie kam vorsichtig auf ihn zu und
legte ihre Fingerspitzen wie tastend auf seinen festen Ellenbogen.
»Siehst du ... du darfst aber nicht böse sein ... Es war nichts weiter
... Wir soupierten in Gurjew auf dem Balkon, du weißt, so über dem Meer
... dort ist es wunderschön, und ...«
Sie zog die Erzählung in die Länge, während sie sich immer noch
vorsichtig mit den Fingern auf seinen Ellenbogen stützte; Mishujew
fühlte, wie diese niedlichen Fingerspitzen leise zitterten.
Die Sicherheit, daß etwas Gemeines, nicht Gutzumachendes geschehen sei,
wuchs mit Blitzesschnelle in seinem Gehirn.
»So erzähle endlich!« brüllte er in einer Aufwallung von Zorn und
Schmerz so laut, daß seine Stimme durch die ganze Wohnung dröhnte.
Maria Sergejewna sank beinahe in sich zusammen, ihre Augen wurden ganz
rund, wie bei einer aufgeschreckten Katze.
»Siehst du ...« stammelte sie hastig, halb die Worte verschluckend, ohne
sich vom Fleck zu rühren. »Ich habe dort Wassja ... habe meinen Mann ...
getroffen ... er bat mich, ich möchte zu ihm hereinkommen, er wollte mit
mir sprechen ... Ich hätte es nicht tun dürfen, nicht wahr?« Sie fragte
unerwartet; es war deutlich zu erkennen, daß sie selber wußte, sie hätte
es nicht tun sollen, und mit dieser Frage nur von neuem log.
Mishujew schwieg und atmete schwer.
Maria Sergejewna trat vorsichtig näher und berührte wieder seine Hand.
»Bist du mir böse?« Aus dem Ton klang klar heraus, daß sie seinen Zorn
voraussah und nun bemüht war, sich naiv zu zeigen.
Toll vor Wut erhob sich plötzlich Mishujew und schleuderte sie
schweigend von sich. Maria Sergejewna fiel beinahe über ein Fauteuil;
doch krallte sie sich fest und geschmeidig, wie eine fallende Katze
ausgereckt, noch rechtzeitig in die Armlehne.
»Was hast du? ...« begann sie mit blassen Lippen.
»Erkläre mir gefälligst,« Mishujew sprach mit unheimlich zurückhaltender
Stimme, während er sie mit kühlem Haß betrachtete. »Meinst du im Ernst,
daß es für mich möglich ist, darüber nicht zu zürnen? ... Wozu heuchelst
du?«
»Aber was habe ich denn Schlimmes getan?« stammelte, jetzt in
aufrichtiger Hilflosigkeit, Maria Sergejewna.
»Was? Hier, --« Mishujew schwieg eine Weile still und suchte nach dem
passenden Wort, in dem schmerzlichen Gefühl, daß er das Richtige nicht
finden würde und ein anderes nehmen müßte: »Hier hast du es: eins von
beiden, entweder du gestehst mir offen, daß ich für dich nichts bin, daß
du zu mir nur als Maitresse kamst, während du ... oder ...«
Mishujew sprach nicht zu Ende. Plötzlich tat er sich selbst leid: er
hatte diese Frau so innig geliebt, er opferte ihr einen Menschen, der
ihm teuer war, handelte gemein und schmutzig, log, betrog, immer in dem
Glauben, daß sie dafür ihm wenigstens nahe sein würde. Durch diese
unveränderlich wiederkehrenden Begegnungen mit ihrem Mann war es schon
oft zu qualvollen, erniedrigenden Eifersuchtsszenen gekommen. Er hatte
ihr einmal sogar gestanden, daß ihn der Gedanke folterte, sie habe ihm
nur seines Geldes wegen nachgegeben ... Jetzt sah er mit einem Mal, daß
dem wirklich so war: sie hatte ihn nicht geliebt, sie liebte den andern,
sie ist bereit, sich ihm wieder hinzugeben; ihn, Mishujew, belügt und
betrügt sie, wie einen Narren, aus lauter Furcht. Er fühlte sich
lächerlich; in einer dummen und erbärmlichen Situation.
»So würde nicht die niedrigste Dirne handeln!«
In diesen Worten klang ein ganzer Schwall toller, grober Worte zusammen.
Ihn packte ein unbändiges Verlangen: sie zu schlagen, sie irgendwie bis
zum äußersten brutal zu behandeln, um ihr zu zeigen, daß sie, da sie nun
einmal des Geldes wegen zu ihm gekommen war, auch sein Eigentum geworden
ist, mit dem er ganz nach Gefallen handeln kann.
Aber als er in ihrem Gesicht ohnmächtige, sklavische Furcht erblickte,
ergriff ihn plötzlich ein so drückendes, peinigendes Gefühl, daß er sich
schwer am Tisch niederließ, mit den Händen an den Kopf faßte und nur
noch einen Wunsch hatte, nichts mehr zu hören und zu denken.
Einige Minuten lang dauerte das Schweigen. Mishujew saß immer noch
unbeweglich am Tisch, und sein großer Kopf, der hilflos auf den Händen
gestützt lag, erschien arm und bemitleidenswert.
Maria Sergejewna stand lange auf einem Fleck und sah ihn schüchtern an.
Dann leuchtete mild und rührend weibliches Mitleid in ihren Augen auf.
Sie bewegte sich leise, trat schüchtern auf ihn zu, blieb stehen;
Mishujew konnte den schnellen, ungleichmäßigen Schlag ihres Herzens
hören.
Zarte, warme Finger berührten leise wie ein Atemzug seine Haare.