Ähnliche Szenen hatte es auch früher schon mehr als einmal gegeben, aber
in ihrer Wiederholung wuchsen sie unheimlich an. Jede neue wurde immer
sinnloser und abstoßender als die vorhergehende. Maria Sergejewna konnte
es nicht verstehen: manchmal erschien ihr Mishujew wie wahnsinnig,
manchmal aber warf sie sich mit brennender Reue allerhand Verbrechen,
die sie niemals in ruhigem Zustand anerkannt hätte, vor. Sie sah, daß
irgend ein unabwendbares Unglück an sie heranrückte, wußte aber nicht,
wie sie den Alb überwinden sollte und litt ohnmächtig und jammervoll
unter ihm.
Am allerentsetzlichsten war der Verlust an Selbstachtung und der
Schmutz, den diese widerwärtigen Szenen hervorriefen. Sie erniedrigten
sie und brachten sie in eine gewisse Abhängigkeit von ihrer Umgebung,
selbst von den Dienstboten. Von allen Seiten sahen Augen und lauschten
Ohren neugieriger, fremder Menschen, denen es gleich war, ob sie litten
oder Dummheiten trieben, für die aber das Ganze ein amüsantes Schauspiel
war. Sie mußten ihre Stimmen dämpfen, rasch die ätzenden Tränen
verbergen, den schmerzverzogenen Gesichtern unwahre Mienen aufzwingen
und sich unglücklicher als der elendeste Knecht fühlen.
In den letzten Tagen pflegten solche Szenen nur noch mit hysterischen
Anfällen und völliger Erschöpfung zu enden. Es schien, daß sie von Zeit
zu Zeit alles Schöne und Kultivierte verließ; in wilder Wut schlugen
sich zwei Halbverrückte herum, die selbst nicht mehr wußten, was und
wozu sie einander ins Gesicht schrien, und die nur darüber nachdachten,
wie einer den anderen schmerzhaft zu kränken und zu verletzen vermöchte.
Mitunter überkam sie völlige Verzweiflung, und sie wünschten ein Ende,
nur ein Ende zu machen. Aber in dem Augenblick, wenn Schmerz und Wut bis
zum äußersten angeschwollen waren, fielen sie plötzlich zusammen, die
Nerven gaben nach, es gab Tränen, gegenseitige Nachgiebigkeit, dann eine
krankhafte, unerwartete Erregung, die sie beide in einem brennenden,
wollüstigen Anfall zueinander trieb. Es kam ihnen wieder zum Bewußtsein,
wie unsinnig das Vorgefallene war, und gleichzeitig überfiel sie
hoffnungslose, qualvolle Reue.
»Wir sind verrückt!« sagte Maria Sergejewna verzweifelt und schmiegte
sich weinend an Mishujew, als suchte sie bei ihm Schutz. Er litt es
schweigend; vor seinen Augen sah er den schwarzen Abgrund des
unvermeidlichen Endes.
In derselben Weise war der heftige Auftritt auch an diesem Tage
verlaufen.
Maria Sergejewna lag, todmüde, weich und erhitzt, mit tränennassem
Gesicht und dunkelgewordenen Augen neben ihm. Das noch nicht befriedigte
Verlangen zog sie mit krankhaft verstärkter Macht zueinander. Da sagte
sie leise und treuherzig:
»Ich weiß, daß ich es deiner Ruhe wegen nicht tun sollte ... Aber glaube
mir doch! Er tat mir einfach leid; so unglücklich kam er mir vor. Krank!
... Wie man es nehmen will ... Schuld habe ich doch ihm gegenüber! ...«
Und dem ermüdeten, vielleicht auch nach der Aufregung klaren Gehirn
Mishujews schien es jetzt in der Tat ganz einfach und natürlich:
... Selbstredend hat sie ihm gegenüber Schuld ... Wie dem auch sei,
einst liebte sie ihn doch ...
Alle Verdächtigungen schienen ihm sinnlos, unbegründet, nichts als
unerträgliche Launen.
»Verzeihe mir ... ich bin tatsächlich verrückt ...« stammelte er, voll
schmerzlichen Mitleids, voll Liebe, Reue, Selbstverachtung und küßte das
nasse, heiße Gesichtchen.
Sie glaubte sofort, daß nunmehr alles in Ordnung sei, -- jetzt werden
sie sich aussprechen, und vom nächsten Tag an wird alles so glücklich
verlaufen wie noch nie zuvor. Sie überstürzte sich fast, um ihm alles zu
sagen:
»Ich weiß, du meinst, ich hätte dich nicht lieb und wäre nur deines
Geldes wegen zu dir gekommen ... Vielleicht hast du Grund, so zu denken
... Ich bin ein dummes, garstiges Ding, aber es ist doch nicht so:
wirklich, ich liebe dich mehr als mein Leben! ... Du hast mir schon
immer gefallen, schon lange ... Du bist so ... so groß, so stark, so
feinfühlig! ...«
Im Zimmer war es finster, und Maria Sergejewnas Gesicht schimmerte
trübe, weiß auf dem dunklen Divankissen. Ihre Augen taten sich weit wie
zwei Abgründe auf. Ihre Stimme klang zart und abgebrochen, wie die eines
gekränkten Kindes.
»Ich war immer froh, daß du dir deiner Macht bewußt bist und daß sich
alle dir unterwerfen. Natürlich machte es mir auch Vergnügen, daß du für
mich soviel hinauswerfen kannst, wie ich gar nicht wert bin ... Aber
reiche Menschen gab es doch so viel! Wenn ich nur wollte ... Aber du
bist größer, stärker als sie alle! ... Wir Frauen lieben im Manne die
Kraft und die Macht ...«
Mit Tränen der Zärtlichkeit und der Rührung küßte sie Mishujew; unter
ihren stillen, verliebten Worten war es um sie wohlig und
glückverheißend geworden. Sie flüsterte eilig und treuherzig, sie glühte
am ganzen Körper, sie war unterwürfig und hingebend! Ihm kam das stolze
Bewußtsein seiner Kraft, das Bewußtsein, daß sie ihn liebt und sich ihm
wie ihrer Sonne, für die allein sie existiert, hingibt.
»Ich bin ein dummes Ding, ich kann es nicht erklären,« flüsterte leise
Maria Sergejewna, »ich hatte ein so eintöniges, langweiliges Leben ...
es schien, als ob alles schon vorbei wäre und mir nichts mehr
bevorstände ... Da brachtest du etwas Kraftvolles hinein, ich war wie
wahnsinnig vor Glück geworden! ... Ich träumte von dir, lief dir wie ein
Backfisch nach.«
»Aber doch habe nicht ich es gebracht ...« bemerkte Mishujew mit dem
unbewußten Wunsch, noch weiter in sie zu dringen; seine Stimme
erzitterte im voraus in leichter Angst.
»Nein -- du! Du ... So wie du bist: groß, stark, mächtig wie ein König!
Aber das ist nicht das Wichtigste: wärest du arm, so hätte ich mich dir
ganz ebenso hingegeben ... Du bist mein Alles!« Maria Sergejewna
schmiegte ihren Körper mit rührender Schamhaftigkeit und doch schamlos
an den seinen.
Sie flüsterte noch etwas, während sie unter seiner Liebkosung wie eine
Blume aufblühte; Mishujew schien sein früheres Mißtrauen immer
unbegründeter.
-- Ich bin einfach nur ein Despot! dachte er.
Er wünschte nur, daß sie weiter spräche, noch mehr seine fürchtenden
Gedanken zerstreue, sie widerlege, es beweise.
»Ja, aber ... dein Mann war doch klüger und talentvoller als ich ... Was
bin ich denn im Grunde genommen ...«
Er fragte mit gedämpfter Stimme, als könne er dadurch seinen Wunsch
verbergen; er erschrak selbst vor diesem Verhör, wie wenn er über einen
Abgrund gleite. Er strengte sich an, sie zu überbieten, ihr den Gatten
von neuem in Erinnerung zu bringen, ihr zu beweisen, daß jener besser
sei als er.
»Wofür hast du mich im Grunde lieb gewonnen? ... Gewiß nicht, weil ich
gesund bin wie ein Bulle?« er sprach mit Absicht verletzend von sich; er
war ganz gespannt in der sehnsüchtigen Erwartung nach Widerlegungen,
nach leidenschaftlichen, erhebenden Worten.
Maria Sergejewna war durch seine letzte Frage tief beleidigt. Ihr ganzer
Körper sträubte sich dagegen, als wäre er plötzlich entblößt auf die
Straße geworfen worden; sie fing an zu beteuern, daß es nicht wahr sei.
»Aber, wie denn?«
Sie antwortete nicht gleich, fand nicht die richtigen Worte. Es war
finster, und Mishujew konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht erkennen. Er
wartete und fühlte mit Entsetzen, wie ein schlüpfriger, fürchterlicher
Verdacht in dem Dunkel seiner Seele entstand und herumschlich.
Doch sie begann ihm auseinanderzusetzen, warum sie ihn für klüger,
besser, origineller als die anderen hielte. Sie bewies es
leidenschaftlich, aufgeregt, hastig. Aber er widersprach ihr immer
wieder und erklärte mit falscher, gehässiger Stimme, daß ihr Mann ein
hervorragender, prächtiger Mensch sei. Er schilderte ihn wahrheitsgetreu
und erniedrigte sich selbst dabei. Vor Maria Sergejewna tauchte
allmählich immer klarer und deutlicher die bekannte Gestalt auf; das
feinfühlige Gesicht des schönen, zärtlichen, eigenartigen Menschen, das
sie auch noch jetzt, ohne es zu wissen, liebte. Irgendwo in der Ferne
zeigten sich Erinnerungen an das erlebte Glück, an die ersten
Liebkosungen; sie riefen bis zur Unfaßbarkeit feine Trauer hervor. Sie
erschrak und begann zu streiten, ganz eigentümlich zu streiten, als ob
sie nicht Mishujew zu widerlegen suchte, sondern etwas anderes, das im
Innern ihrer selbst entstanden war. Das krankhaft angespannte Gehör
Mishujews erfaßte diesen eigentümlichen Klang der gebrochenen weiblichen
Stimme. Auch in seinem eigenen Flüstern änderte sich etwas: er stieß
seine Werte mit trockener, unbegreiflich gehässiger Hartnäckigkeit
hervor. Und mit einem Mal merkte Maria Sergejewna mit Entsetzen, daß es
ihr, sobald sie nicht mehr leugnen konnte, daß ihr Mann ein
hervorragender, guter Mensch ist, an den Beweisen fehlte, weshalb sie
Mishujew liebgewann.
Ohne Worte wurde es klar, daß sie ihren Mann liebte und ihn auch jetzt
noch nicht vergessen hatte, und daß sie nur von dem Drang nach neuem,
prunkvollem Leben, den sie bis jetzt mit solcher Beharrlichkeit, und,
wie sie glaubte, auch mit Aufrichtigkeit geleugnet hatte, fortgerissen
worden war.
Als sie dahin kam, verstummte sie plötzlich, ungeschickt, ratlos,
schwach, während sie sich angstvoll sagte, daß sie jede Sekunde dieses
Schweigens zugrunde richten müsse. Mishujew wartete, drückte noch immer
mit seiner schweren Schulter auf ihre weiche Brust und schob sein Bein
nicht von ihren runden, warmen Schenkeln zurück. Seine Augen starrten
unverwandt geradeaus in die Finsternis, sein ganzer Körper lag
abgestorben in der entsetzlichen Erwartung dessen, was er längst
vorausgesehen hatte. Eine unabwendbare, eisige Kälte stieg allmählich
von ihnen herauf und trennte sie voneinander. Sie versuchte, noch etwas
zu sagen, brachte es aber nicht fertig und brach plötzlich in
ohnmächtiges Weinen aus.
»Warum folterst du mich so! ... Ich weiß von nichts ... von nichts ...«
Mishujew schwieg und atmete schwer. Er fühlte, wie sein ganzer Körper,
sein Herz und Gehirn in schwarze Leere versanken.
Maria Sergejewna schluchzte auf und verstummte. Er schwieg und wartete
auf etwas. Ohne mit dem Weinen aufzuhören, hob sie schüchtern ihren
Blick. Da klatschte plötzlich eine scharfe Ohrfeige mit furchtbarer
Kraft über ihr Gesicht.
»Ah!« schrie Maria Sergejewna; sie verlor für einen Augenblick vor
Entsetzen und Schmerz fast die Besinnung.
»Luder!« sagte Mishujew heiser. Schwer und vierschrötig, in der
Finsternis unsichtbar, kroch er fort, wobei er sich bemühte, ihren
warmen, regungslosen Körper nicht zu berühren, und ging rasch, an die
Möbel stoßend, aus dem Zimmer.
»Ende!« sagte in ihm dumpf eine Stimme.
Inmitten seines Arbeitszimmers blieb er stehen und starrte mit weit
aufgerissenen Augen vor sich hin. Dort, hinten, suchte das gespannte Ohr
irgend einen Laut zu fassen, aber alles blieb still, wie ausgestorben.
Er fürchtete sich, auch nur einen Finger zu rühren, ihm schien, daß die
leiseste Bewegung den Tod mit sich bringen würde. Sein ganzes Wesen war
ein einziger, unsäglicher Schmerz. Entsetzliche Scham, tiefste
Vereinsamung und tödliches, herzzerreißendes Mitleid mit sich und mit
ihr verschlangen sich chaotisch mit kalter, böser Freude, als ob er
endlich an jemandem Rache nahm, indem er, ihm zum Trotz, sich selbst
vernichtet hatte.
»Ende!« sagte Mishujew mit sonderbarem Lächeln.
Er wollte dieses unsinnige Lächeln unterdrücken, aber es wuchs in die
Breite, wurde größer, zerrte an seinem Gesicht, er konnte die
klappernden Kiefer nicht ruhen lassen, und mit einem Mal zuckte sein
ganzes Gesicht in _einem_ furchtbaren, wahnsinnigen Krampf auf.
X
Es war ein windiger Tag; die breite See, mit weißen Gischtkämmen
bedeckt, scharf blau in der Ferne und grell-grün in der Nähe, wogte
nicht, sondern schien sich zu drehen. Alles war scharf und buntfarbig:
die Schatten, das Sonnenlicht, die prächtigen Toiletten der Damen, die
auf dem Dampfer standen, die Borde und Taue des Schiffes. Der Wind
erfüllte alles mit launischer, gleißender Bewegung; die ganze Umgebung
wurde dadurch ungeheuer groß, die Menschen aber und das Städtchen, das
hinter der Bucht strahlte, fast spielzeugartig klein.
Auf die Abfahrt des Dampfers mußte sehr lange gewartet werden. Mishujew
wie Maria Sergejewna fühlten sich traurig, schwer und unbehaglich.
Grob rasselte der Krahn, während er schwere Kisten durch die Luft trug
und in den Kielraum versenkte. Über die Schiffsbrücke, zwischen Verdeck
und Ufer, strömte ungeduldig eine bunte Menge, unter der sich auffallend
viele Damen befanden. Vom Ufer schrie man zum Bord hinüber, vom Bord zum
Ufer, man warf sich gegenseitig Blumen zu, die von scharfen Windstößen
ins Wasser gerissen wurden. Die Damen hielten die Hutkrempen fest; die
Röcke flatterten bald auf, bald umschlangen sie die Kniee, zeigten die
weichen Umrisse der Füße und verliehen dadurch dem Ganzen einen
ungeduldigen, unsteten Charakter. Trotzdem sah es aus, als ob der
Dampfer nie mit der Aufladung der zahllosen Kisten fertig werden und
abfahren wird. Manchmal begann die Dampfhuppe ungestüm zu brüllen, und
ihr gewaltiger, schriller Seufzer übertönte alle Laute, schwoll höher
und höher an; erst als die Ohren bereits schmerzten und das Gebrüll ganz
unerträglich wurde, riß es plötzlich ab, schrie kurz auf und verstummte.
Eine seltsame Stille trat ein, lange hörte man in den fernen Bergen das
verhallende Echo. Dann erhob sich wieder scharfes, eiliges Gerede, und
ungeschlacht rasselte der Hebekrahn.
Mishujew stand am Bord und litt unter einer furchtbaren, drückenden
Last. Er fühlte, daß Maria Sergejewna ihn immer wieder anschaute, und
sah von der Seite ihre dunklen Augen, die sich anstrengten, ruhig und
lächelnd auszusehen, in denen aber durchsichtige Tränen standen.
Sie sagte nichts. Die Entscheidung war schon gestern getroffen; nach der
schweren, abscheulichen Unterredung gab es jetzt nichts mehr, worüber
sie sprechen konnten.
Nun schön ... Ende, -- mag es das Ende sein ... wiederholte sich Maria
Sergejewna lautlos, und nur ihre Hand im weißen Handschuh fuhr ohne
Grund über den blanken Messing des Schiffsbords. An dieser
ununterbrochenen, gespannten Bewegung konnte Mishujew verstehen, was sie
fühlte und dachte, was für auswegslose Trauer ihr kleines Herz zerriß.
Sie tat ihm leid; er fühlte eine unendliche Schuld gegen sie. Doch in
seiner Seele war es leer, und es war unmöglich, sich eine Rückkehr zu
dem früheren, zu den Zärtlichkeiten, dem gemeinsamen Leben und der
gegenseitigen Wärme, vorzustellen. Etwas war gerissen, zwischen ihnen
lag kalte Leere, und jetzt hatte er nur noch einen Wunsch: nichts mehr
in die Länge zu ziehen! Nur schneller alles zu enden!
Tja ... dachte Mishujew, unbeweglich auf die bunte Menge starrend. Sie
wird auch ohne mich fertig werden. Wird das bisherige festliche Leben
führen, nichts entbehren, nur Lust und Freude suchen.
Ihm schien, daß sie einen anderen Mann finden müsse, den sie so wie
einst ihn lieb gewinnen kann, der sie aber aufrichtig und mit dem Gefühl
des Dankes, mit warmer, inniger Achtung liebt. Doch aus irgend einem
Grunde konnte er sich diesen anderen nicht vorstellen; statt dessen
stieg vor ihm bald das schwarzbärtige, runde Gesicht Parchomenkos bald
die hängende Unterlippe des Börsianers auf.
Auch das ist möglich, dachte Mishujew -- sie hatte die reine,
aufrichtige Liebe zu ihrem Mann, sie tauschte sie gegen mich ein, weil
ich ihr neue Eindrücke, die Möglichkeit eines sorgenlosen, lustigen
Lebens gab. Jetzt wird es ihr schwer sein, zum früheren zurückzukehren
... sie muß in dem neuen Gleise bleiben ... Und sie wird fröhlich sein,
sich glücklich hingeben, lachen, sich schön kleiden ... Bis das Leben
selbst erblaßt und in Leere aufgeht ... Es ist doch schade! ... Aber ich
allein bin schuld ... Na, schön ... Ich werde leben, wie ich schon
gelebt ... es wird öde, widerwärtig, einsam zugehen! Leer ...
Die Messinghuppe fing zu brüllen an. Die Luft erzitterte, das Verdeck
zitterte, und eine Minute lang schien es, daß auch das Meer und der
Himmel unter dieser unmenschlichen Stimme, die in den Bergen
widerhallte, erbebten. Auf dem Verdeck schrie man, man bewegte sich und
schwenkte die Tücher.
Maria Sergejewna wurde blaß, und in ihren dunklen Augen drückte sich
unterwürfige Trauer aus. Mishujews Herz zog sich zusammen. Beide fühlten
in diesem letzten Augenblick die hoffnungslose, traurige Zärtlichkeit.
Man konnte den Moment nicht bemerken, in dem der Dampfer abstieß, nur
der trübe, grüne Wasserstreifen wurde plötzlich breit und wuchs zwischen
der nassen Steinumfassung der Mole und dem schwarzen Borde schnell an.
Mishujew stand auf dem Verdeck und schaute lange aus, um unter der Menge
die schlanke, winderfaßte Gestalt Maria Sergejewnas zu finden. Der
Dampfer fuhr mit voller Geschwindigkeit, und die Gischtkronen der freien
Wellen zeigten sich zwischen ihm und dem Ufer. Der Kai wurde immer
kleiner und kleiner, aber lange noch sah Mishujew die in der Richtung
des Dampfers hergehende, helle, weibliche Gestalt, deren Kleid der
sonndurchstrahlte Wind hin und her zerrte und hochhob.
Ihre Gesichtszüge konnte er nicht mehr erkennen ... nicht mehr sehen, ob
sie steht oder geht. Nur ein kleines, helles Fleckchen schmiegte sich an
die lange, graue Steinwand, mitten im Wind, den rollenden Wellen und dem
weißen Gischt, den der Wind von ihren Köpfen reißt.
Immer kleiner und kleiner. Und als das Städtchen, und der Kai, und das
kleine, weibliche Figürchen zu einem Panorama, das wie Spitzenwerk
durchleuchtet war, zusammenflossen, stach ein scharfer Schmerz tief in
sein Herz; er fühlte sich in der ganzen Welt allein.
Abgebrochen war das frühere Leben; es verschwand für immer in der blauen
Vergangenheit. Vor ihm breitete das leere, bewegliche Meer, hebend und
fallend, seinen windigen, kalten Raum aus.
-- -- Na, sei's so ... dachte Mishujew. Vielleicht ist es zum guten ...
Irgendwie werde ich schon damit fertig werden.
Auf dem Dampfer ging es lustig und farbig zu. Viele Frauen in schönen
Kleidern, mit Blumensträußen in der Hand, gaben ihm ein festliches
Aussehen, und als auf dem Vorderteil unerwartet Musik zu spielen begann,
glich das Ganze einem fröhlichen Ausflug. Die Fahrgäste teilten sich in
Gruppen, zwischen den Damen tauchte bald der Kapitän auf, der in seinem
schneeweißen Kittel halb wie ein Geck, halb wie ein Seemann aussah.
Scherze, Lachen, weibliche Ausrufe erschollen. Und hinter dem Schiff
schäumte das Meer und schwamm in die vergehende Ferne zurück.
Im blauen Nebel zogen grüne Ufer und rosige Berge vorbei. Auf einem
Felsvorsprung lag ein weißes Kloster hoch über dem Meer und schwebte
lange, wie eine Möve, in der Luft, bis es in der blauen Weite zerfloß.
Das Meer rollte und bewegte sich, die weißen Wellen hoben sich und
fielen nieder.
Unermüdlich schritt Mishujew auf dem Verdeck auf und ab, schaute auf das
verschwindende Ufer und sann nach. In seiner Seele klang und schmerzte
ein trauriges, hoffnungsloses Gefühl.
Wohin fahren? Wozu? dachte er, während sein Blick gleichgültig über Meer
und Ufer schweifte, die er schon so oft gesehen hatte -- hier, wie an
der Küste Italiens und in Ägypten -- und die ihm von der ergreifenden,
blauen Schönheit der Natur, die das Herz des Menschen frei wie einen
Vogel an einem hellen Sommertag macht, nichts mehr zu sagen wußten.
Nur fiel es ihm auf, wie eigentümlich die Möven kreischten, die den
Dampfer begleiteten.