Am Abend spielte eine Kapelle im Stadtgarten. Die riesige,
hellbeleuchtete Muschel auf der Bühne war mit Musikanten gefüllt, die
sich wie sonderbare Insekten hin und her bewegten. Ganze Reihen
schlanker, eleganter Bogen glitten wie die Beinchen von Heupferdchen auf
und nieder, und der Kapellmeister, der ebenfalls wie ein Käfer auf den
Hinterbeinen aussah, schien seine Schwingen bald ineinander zu schlagen
und sie dann wieder breit zu entfalten. Süß pfiffen die Flöten, die
Geigen schrien auf und stoben auseinander, schließlich rundete einsam
eine ernste, traurige Trompete die letzten schönen, samtenen Töne ab.
Durch alle Alleen ergossen sich -- scheinbar unerschöpflich -- lärmende
Menschenhaufen. In der Luft lagen ununterbrochen die Geräusche, die das
Scharren unzähliger Füße hervorruft, die Gespräche schwollen bald wie
eine Welle an und wurden stärker, bald aber ebbten sie unvermutet ab und
verliefen sich irgendwo in der Tiefe der dunklen Alleen, um sofort
wieder in einen breiten Wildbach von Lachen, Ausrufen und klingenden
Schaumkronen weiblicher Stimmen zurückzuschlagen.
Lachende Gesichter glitten eigenartig, phantastisch in trübem Spiel des
bläulichen elektrischen Lichtes, aneinander vorüber; plötzlich
entstanden sie, verwickelten sich, schoben sich zusammen und trennten
sich, wie in der komplizierten Figur eines ungewöhnlichen Tanzes. Und
von oben bedeckte der Samt des nächtlichen Himmels, schweigsam und
feierlich, mit seinen hellen südlichen Sternen die Erde.
Das Fest schimmerte voller Leben, in sorgloser Fröhlichkeit; nur
Mishujew kam es vor, als wäre er in dieser festlichen Menge einzig ein
düsterer Fleck, ein Siegeldruck der Einsamkeit und Nutzlosigkeit.
An diesem Tage war Maria Sergejewna, die in einem neuen blauen Kleid
besonders reizend aussah, wieder in Gesellschaft Parchomenkos
ausgefahren. Den ganzen Tag hindurch fühlte Mishujew, wie trübe Unruhe
gleich einem schwarzen Schatten über ihm hing. In der letzten Zeit wurde
die junge Frau etwas zu interessant und lustig; Mishujew wußte, daß
Parchomenko hinter seinem Rücken mit unablässiger Beharrlichkeit hinter
ihr her war. Er konnte sich leicht vorstellen, wie geschickt, frech und
selbstsicher Parchomenko sein schmutziges Spiel treiben und die Kreise
immer enger ziehen würde. Die junge Frau aber war von den
ununterbrochenen Freuden des neuen Lebens, in dem sie, nach so vielen
Jahren der Dürftigkeit und Langweile, wie in einem plötzlich
aufgewirbelten Strudel umhergeschleudert wurde, hingerissen und tanzte
gar zu sorgenlos den gefährlichen Tanz über dem Abgrund. Selbst ihre
Kostüme, in denen sie die Bescheidenheit einer anständigen Frau sehr
geschickt mit pikanten Andeutungen auf die Entblößungen einer Kokotte
vereinigte, sprachen deutlich für die taumelnde Erregung, die die
allgemeine Jagd nach ihrem Körper, der in voller Pracht geschmückt und
aufgeblüht war, hervorrief.
Sie selbst dachte wohl kaum darüber nach, aber Mishujew wußte, daß es in
solchem Zustand nur irgend eines Zufalls bedurfte -- einer Mondnacht,
einer kecken Zudringlichkeit, eines nicht erwarteten, leichtsinnigen
Kusses, -- und die junge Frau würde erst wieder zur Besinnung kommen,
wenn alles zu Ende war.
Mishujew schien die Vorstellung sinnlos und unsäglich schmerzlich, daß
sich Maria Sergejewna einem Manne hingeben könnte, für den sie nichts
als ein gelungenes Werkzeug zur Aufpeitschung seiner übermüdeten Sinne
bedeutete. Das war zu ekelhaft und paßte durchaus nicht zu ihrem
reizenden Bilde. Manchmal hielt er einen solchen platten Vorgang für
ganz undenkbar. Sie war schön, klug, gebildet und hatte zwei Männer
geliebt, die über dem Durchschnitt standen. Nach ihnen konnte ein
Verhältnis mit diesem Halbtier, diesem Halbidioten, diesem Parchomenko,
nur eine unbegreifliche Gemeinheit sein.
Aber manchmal kam ihm der qualvolle Gedanke:
Wodurch bin ich denn besser als er? ... Gut, zugegeben, ich sei
intelligenter und feinfühliger. Aber gab ich ihr denn, als ich mich mit
ihr vereinigte, meine Intelligenz und meine Qualen, und nicht nur die
gleiche tierische Lüsternheit? Als wäre für mich nicht im letzten Grunde
wirklich nur ihre Seele und nicht ihr schöner nackter Körper Bedürfnis
gewesen. Und Parchomenko? ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß er
fähig wäre oder es auch nur wagte, eine Frau zu besitzen, die unendlich
höher steht als er. Aber ich selbst -- dort war es, im Garten -- quälte
diese unglückliche Emma, tötete in ihr den letzten Rest menschlicher
Würde, zerfleischte sie wie ein Tier, ohne mich im geringsten darum zu
kümmern, was sie im Augenblick gerade denken und fühlen mochte. Wenn ich
sogar gewußt hätte, daß sie ein viel feineres Gedanken- und Gefühlsleben
besitzt als ich, würde ich es dann anders gemacht haben? ... So wird
auch dieser ... Wenn sie, durch Zufall oder Gewalt die Seine wird, so
wird er ihren Körper wie jeden anderen an sich pressen, und die
Tatsache, daß sie höher steht als er, wird seinen Genuß höchstens noch
steigern.
Einst hatte sie ihren Gatten lieb, der doch unendlich intelligenter und
feiner veranlagt war als ich; dann gab sie sich mir hin, weil ich ihr
Luxus und Vergnügen verschaffte. Ich habe sie durch die Aussicht auf ein
neues Leben fortgerissen, Parchomenko erreicht dasselbe durch seine
Frechheit, seinen Despotismus, ... durch irgend etwas sonst noch ... Zu
mir war sie ohne Liebe gekommen, nur weil ich reich bin ... sie kam wie
das gemeinste Frauenzimmer, ja, es war noch schlimmer, weil sie ihre
Verkäuflichkeit hinter einer angeblichen Liebschaft versteckte ... Diese
Gemeinheit!
Es war schmerzlich, daran zu denken; so schmerzlich, als ob er sich
selbst durch ihre Erniedrigung in den Schmutz trat. Und doch lag in
diesen zusammenhanglosen, erdrückenden Visionen ein bohrender Genuß, als
träufelte er sich ätzendes Gift auf eine blutende Wunde.
Mishujew schlenderte durch die Menge, die sich von allen Seiten drängte
und ihn mit dem Duft von Parfüms und weiblichen Körpern, mit dem
Knistern seidener Röcke, umwehte. Er ging langsam vorwärts, blickte mit
achtlosen Augen auf seine Füße, und seine kranke Seele stieß sich in dem
erfolglosen Streben nach etwas wund, was er sich selbst nicht nennen
konnte.
In einer Allee begegnete er dem alten General und seiner Tochter, der
kleinen Njurotschka, die so silberhell lachte, den Kopf zurückwarf und
dabei das niedliche Kinn zeigte. Sie sah Mishujew schon von weitem,
wurde still und warf ihm einen komischen Seitenblick, in dem eine
unbewußte, schüchterne Aufforderung lag, zu. Ein erfrischender Zug wehte
Mishujew aus diesem blutjungen, reinen Gesichtchen entgegen; doch er zog
sich in sich zusammen, lüftete schwer den Hut und ging weiter.
Einige Tage vorher hatte sich der General ein Herz gefaßt und ihn um
seine Hilfe gebeten, damit er das Mädchen auf die Universität nach
Moskau schicken könne. Fjodor Iwanowitsch hatte es versprochen. Anfangs
freute es ihn sogar; ihm schien es ganz reizend, dem niedlichen Mädchen
zu helfen; bald aber entstand wieder in dem Tumult seiner Seele ein
krankhafter Verdacht: vielleicht bot der General ihm, dem Millionär,
seine Tochter an, und gewiß war es undenkbar, daß sie davon nichts
wissen sollte. Mishujew sah klar vor Augen, wie er dann dem Mädchen in
Moskau begegnen würde, und wie sie beide vom ersten Moment an zwischen
sich besondere Beziehungen fühlten: sie ist durch seine Wohltat gebunden
und er der, welcher auf Dankbarkeit rechnet. Nach kurzem Kampf und
Tränen wird sie gewiß das Erlebnis als unvermeidlich hinnehmen und die
Geliebte des Millionärs werden. Eigenartig und beißend wird im Anfang
der Genuß ihrer Schamhaftigkeit und des jungfräulichen Körpers sein;
dann wird sie fesche Kleider anziehen und zur gewöhnlichen Maitresse
werden.
So unvermeidlich, so einfach das war; es machte auf Mishujew einen
furchtbaren Eindruck.
Aber weshalb? fragte er sich: vielleicht wird es gar nicht dazu kommen,
vielleicht werden wir Freunde bleiben oder sie gewinnt mich wirklich
lieb und an ihrem unberührten Leben wird auch das meine frisch und
gesund? ... Warum erwarte ich nur Gemeinheit, -- es gibt doch noch
andere Lebensmöglichkeiten ... Menschen leben glücklich und ehrlich ...
warum ich nur ... Oder trage ich einen besonderen Krankheitskeim in mir.
Alles, was ich nur berühre, muß zu Schmutz und Moder werden? Wie ein
Alpdruck! Ich bin krank und töte mich selbst durch solche widerwärtigen
Halluzinationen ...
Das Gesicht Mishujews verzerrte sich, als würde sein Herz von einem
Messer durchschnitten; mit einem Male wurde es ihm bange, noch weiter
inmitten dieser aufregend dummen Menge zu bleiben. Er ging aus dem
Garten, trat in ein kleines Restaurant über dem Meer und setzte sich
allein an ein Tischchen auf der Veranda.
»Fjodor Iwanowitsch! Warum sitzen Sie so allein?« rief jemand vom Kai
herauf, und der dicke, freche, unsaubere Podgurski kam mit glänzenden,
hungrigen Augen und der hervorstechenden Leinwandweste auf ihn zu.
»Guten Tag ... Sie langweilen sich wohl?«
Er setzte sich neben ihn und fragte:
»Na also, Fjodor Iwanowitsch, was wollen wir trinken?«
Mishujew lächelte. In der Gegenwart dieses unglücklichen, frechen
Burschen fühlte er sich aus irgend einem Grunde freier. Zu einfach sah
bei Podgurski der gefräßige Wunsch zum Buschkleppen hervor. Er lag ganz
natürlich und offen in ihm. Aber trotzdem konnte man herausmerken, daß
gerade seine Beziehungen zu Mishujew nicht davon abhingen, ob dieser
Geld geben würde oder nicht.
Podgurski sah sofort, daß sich Mishujew langweile, und in seinem Gesicht
spiegelte sich der treuherzige Wunsch wider, ihn aufzuheitern, damit es
überhaupt um ihn fröhlicher würde.
»Wissen Sie das Neueste? Opalow hat gestern bei Parchomenko
dreizehnhundert Rubel gewonnen!«
»Wirklich?« Mishujew gab sich mit gutmütiger Liebenswürdigkeit den
Anschein, als ob es ihn sehr interessierte.
»Ja, und wissen Sie, was er zuerst getan hat? ... Hat sofort die Emma
beim Kragen genommen und sie irgendwohin geschleppt, und so eilig, daß
er sogar seine Krawatte liegen ließ ... Das muß eine Wonne gewesen
sein.«
»Nicht viel brauchte er wohl, um in Wonne zu leben!« lächelte Mishujew.
»Für Sie mag das nicht viel sein, aber für Opalow, dessen Weib in einem
Flanellschlafrock herumläuft und alle drei Monate schwanger wird, der
eine Fünfundzwanzigrubel-Kokotte aus dem Elysium für den Gipfel
weiblichen Reizes hält, für ihn ist es eine neue Welt -- von Parfüms,
Spitzen, Luxus, gepflegtem Körper, verfeinerter Wollust! Oh!«
Mit verächtlicher Gutmütigkeit dachte Mishujew, daß das für einen so
armen Kerl wie Opalow wirklich ein Glück sei; in ihm regte sich fast
etwas wie Neid.
»Wissen Sie was? ...« Podgurski wurde plötzlich lebhaft: »fahren wir ins
Kasino?«
»Was sollen wir dort anfangen?«
»Wie, was? spielen!« rief Podgurski mit einer Stimme, als hätte er
Mishujew etwas äußerst Erfreuliches mitgeteilt.
»Aber, wozu ...« gab Mishujew matt zur Antwort. »Zu langweilig.«
»Na, dann fahren wir zu Emma herunter -- wollen sehen, wie Opalow in
Wonne schwelgt!«
Mishujew antwortete nichts, und Podgurski, der sofort die Ablehnung
erriet, machte einen neuen Ansatz:
»Wie kann ich es Ihnen recht machen!« er rieb sich mit besorgter Miene
die Stirn. »Wissen Sie was? Wenn Sie wollen, führe ich Sie in so ein
Haus ... Sie verstehen -- nur Mädchen unter dreizehn Jahren ... Und es
gibt welche, die noch nach dem Kinderzimmer riechen ...«
Podgurski küßte seine aneinander gelegten Fingerspitzen.
»Es wurde schon an die drei Mal aufgehoben. Jetzt sind sie da wohl etwas
eingeschüchtert, aber wenn man es auf ein paar Hundert nicht ankommen
läßt, kann man da Dinger sehen, wie man sie selbst in Paris nicht immer
trifft! Fahren wir doch! ... Warum denn nicht?«
»N--ein, wirklich ...« Mishujew machte eine Grimasse des Widerwillens.
»Warum?«
»So.«
Podgurski sah ihm prüfend in die Augen.
»Ach, das sind Grundsätze!« lächelte er unverfroren. »Und ich habe
bisher immer geglaubt, Millionäre leiden nicht an so was!«
»Können Sie denn Millionären nicht einmal das primitivste
Reinlichkeitsgefühl zubilligen?« fragte Mishujew ernster als er wollte
und lächelte mit verzerrten Mienen, als wäre eine seiner Backen in einem
Krampf zusammengezogen.
Podgurski blickte ihn aufmerksam an und wechselte plötzlich das Thema.
Er begann Witze zu erzählen, sich über Parchomenko und das Jaltaer
Publikum lustig zu machen; unvermittelt bat er dann um hundert Rubel.
Mishujew griff mechanisch in die Tasche und gab ihm das Geld, während er
an etwas anderes dachte. Als er die Geldtasche öffnete, durchbohrte
Podgurski mit scharfen Blicken die buntfarbigen Ränder der Geldscheine,
die daraus hervorlugten, und als Mishujew die Tasche auf den Tisch
legte, konnte er seine Augen nicht gleich von ihr abwenden.
»Eins kann ich nicht verstehen! ...« sagte Mishujew langsam, wie zur
Antwort auf seine eigenen Gedanken.
»Was?«
Mishujew antwortete nicht gleich und blickte mit einem betrübten
Ausdruck zur Seite, als wagte er es nicht, etwas Wichtiges und
Schwieriges auszusprechen.
»Sehen Sie,« er stotterte und blickte noch immer nicht auf, »worauf ich
auch zu sprechen komme, was ich auch tun mag, niemand sieht es mit
denselben Augen an wie bei einem anderen ... Niemand sagt es mir, daß
meine Gedanken, meine Gefühle falsch sind, sondern alle meinen: der
Millionär ... die Millionen ... Wenn Sie wüßten, wie das ... langweilig
ist!«
Mishujew verzog sein Gesicht zu einem ungeschickten Lächeln; an ihm
zeigte sich, daß er statt »langweilig« eigentlich ein stärkeres und
ernsteres Wort brauchen wollte.
Podgurski sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. Er hatte das Gespräch von
neulich längst vergessen und konnte nicht verstehen, was Mishujew damit
sagen wollte.
Schließlich wird Tschetyrjow wohl recht behalten! dachte er gespannt: es
reißt ihn offenbar ordentlich zusammen! ... Ein Dummkopf ist er trotzdem
... wird am eigenen Fett ersticken!
»Etwas Anormales ist doch bei all dem,« fuhr Mishujew mit trauriger,
krankhafter Miene fort. »Warum betrachten Sie einen Tschetyrjow z. B.,
der hundertmal so viel verdient wie Sie, ganz gleichgültig, während ...«
»Hm, Tschetyrjow ...« erwiderte Podgurski, »wieviel der auch verdient,
er verdient alles durch seinen eigenen Buckel. Solange die Kräfte
reichen, arbeitet er, wird er krank, kommt er aus der Mode, wird aus ihm
dasselbe, was mit mir geworden ist ... Und was für einen Verdienst hat
er schon ... Sein Leben unterscheidet sich nur sehr wenig von meinem.
Aber ein Millionär -- das ist etwas ganz anderes. Eine andere
Lebenshaltung, andere Möglichkeiten ... Seine Stellung ist schon
ganz Besonderes und auch alle Beziehungen zu ihm -- einfach
Ausnahmebeziehungen. Im Grunde begreife ich nicht, was Sie so quält?«
»Nicht gerade quält, nur ... aufregt,« erwiderte Mishujew. Mit einem Mal
empfand er unangenehm, daß seine Herzensergießung einen zu ernsten
Charakter angenommen hatte; er schämte sich, Podgurski gegenüber so
offen zu sein.
Podgurski schwieg still und wartete interessiert.
»Mich regt diese Sonderstellung meiner Person in der Gesellschaft auf,«
fuhr Mishujew gegen seinen Willen fort; er konnte dem erwartungsvollen
Schweigen Podgurskis nicht widerstehen. »Kann man denn wirklich nicht
zugeben, daß ich ganz ebensolch ein Mensch bin, wie alle anderen, daß
ich ebenso denke, ebenso fühle ...«
»Ich meine es anders,« lächelte Podgurski, »wie Sie wollen, aber Geld
ist eine große Macht. Und Sie können es auch gar nicht unausgenützt
lassen; jeder lebt eben davon, was er hat. In Fällen, wo wir anderen nur
mit unserem _Ich_ rechnen, mit seinen guten oder schlechten
Eigenschaften, führen Sie unwillkürlich Ihr Geld ins Feld ... das weiß
jeder Mensch. Was uns betrifft z. B. ... Ich spucke darauf, aber dennoch
fühle ich, daß Sie nicht ich, nicht Opalow, nicht Tschetyrjow sind ...
Vielleicht tun Sie mir nichts, nicht Böses noch Gutes, aber doch Sie
können es tun. Und ... weiß es der Teufel! Das stört ganz entschieden.
Ich habe es soeben erst gesagt, ich möchte auf Ihre Millionen am
liebsten spucken, und doch aufrichtig, ich habe mich gleich dabei im Ton
vergriffen ...« Podgurski lächelte treuherzig und machte eine
schicksalsergebene Bewegung mit den Händen.
Mishujew nickte ihm zu. Er blickte ihn jetzt gerade an und schien mit
Spannung auf etwas zu warten.
»Was Sie auch wollen,« sprach Podgurski fast verdrießlich weiter. »Ich
kann doch nicht vergessen, daß Sie Millionär sind, daß Sie von Genüssen
und Möglichkeiten leben und lebten, die ich nicht im Traum gesehen habe;
daß Sie mir auf den Tisch tausend Rubel legen könnten. Sie können es
aber auch nicht tun und können mir im Gegenteil irgend etwas einbrocken.
Nehmen wir bloß Parchomenko ...«
»Ich spreche doch nicht von Parchomenko!« versetzte Mishujew mit einer
Betonung, die ihn von diesem Namen scharf trennen sollte.
»Aber für uns sind Sie beide ganz egal!« rief Podgurski mit
treuherzigem, überzeugendem Eifer. »Wir wissen doch nicht, wie Sie
denken, wie Sie fühlen!«
Er verstummte für eine Sekunde und schien etwas gefunden zu haben.
»Hier, es regt Sie auf, daß alle Sie anders ansehen ... Aber Sie selbst,
Fjodor Iwanowitsch, tun Sie doch einmal was, um uns ihre wahre Seele zu
zeigen -- nicht die des Millionärs, nein, einfach die Mishujews? Es ist
Ihnen doch selbst unmöglich, nur für eine Sekunde aus dem Auge zu
verlieren, daß Sie Millionär sind! Statt sich gute Beziehungen zu
anderen Menschen zu verdienen, sie durch irgend etwas hervorzurufen,
regen Sie sich auf, fordern Sie diese Beziehungen ... So sei unser
souveräner Wunsch! ... Das ist doch auch ...«
»Mir scheint, ich gebe mich eher zu einfach,« versetzte Mishujew hitzig.
Podgurski zuckte nur die Achseln.
»Das sagen Sie, >zu<. Für mich gäbe es darin kein >zu<, wenn ich mich
einmal zusammennehme und alles, was mich quälte, Opalow erzählte. Aber
Sie sehen da gleich ein, >zu<. Ihnen kommt es vor, als lassen Sie sich
herab, indem Sie mit mir offen reden. Sie schämen sich wohl gar Ihrer
Offenheit? Ist doch wahr, nicht?«
Der Ton Podgurskis wurde dreist, und unbegreifliche Gehässigkeit klang
jetzt heraus.
»Sie merken es vielleicht selbst gar nicht!« sagte er triumphierend.
»Da sehen Sie es,« erwiderte Mishujew ernst und schob die breiten
Achseln in die Höhe. »Bei jedem andern hätten Sie das gar nicht bemerkt,
mir aber können Sie es nicht verzeihen ... Sie hören mir zu und denken
sicherlich, daß ich posiere oder mir in origineller Dummheit gefalle ...
werde am eigenen Fett ersticken ...«
Podgurski wurde unwillkürlich verwirrt und lachte.
»Das kann ich nicht bestreiten. Etwas wird wohl daran sein ...«
»Ja,« Mishujew nickte traurig mit dem Kopf, »Sie wollen nicht einsehen,
daß ich von ganzem Herzen froh bin, mit Ihnen zu reden, weil es mir
vorkommt, daß gerade Ihr Benehmen, -- wie es auch sei, ob gut oder
schlecht --, von meinen Millionen unabhängig ...«
»Das glaube ich auch!« Podgurski verbrauchte gegen seinen Willen in
diesen Worten zu viel Edelmut.
Sofort verstummten beide, weil sie den falschen Ton heraushörten.
Mishujew wurde finster, ohnmächtig; Podgurski ärgerlich.
»Einfach verrückt!« dachte der, und der falsche Ton empörte ihn nicht
mehr seinetwegen, sondern machte ihn auf Mishujew wütend.
Durch das geöffnete Fenster war die dunkle, wogende See sichtbar; vom
Ufer klangen dumpfe Hufschläge und ferne Musik herauf. Podgurski fühlte,
daß er sofort weitersprechen müßte, fand aber im Augenblick keine Worte.
Das Schweigen dauerte an, es wurde immer schwerer, das Gespräch wieder
aufzunehmen. Gleichsam als wäre etwas vollständig abgerissen. Ihre
Stimmung wurde so schwerfällig, wie wenn etwas, woran es ihrer Seele
ohnehin mangelt, nutzlos und unsinnig vergeudet worden wäre. Mishujew
seufzte schwer und bewegte die schweren Arme, die er auf der Tischplatte
gekreuzt hielt.
»Nun, ich werde gehen ...« sagte er.
»Wohin? Bleiben Sie noch.«
»Nein, ich habe Kopfschmerzen. Auf Wiedersehen!«
Podgurski zuckte unmerklich verdrossen die Achseln.
Uff, Teufel, wie schwerfällig der Kerl ist, dachte er.
In diesem Augenblick sah er das Portefeuille mit Geld, das Mishujew auf
dem Tisch vergessen hatte. Er wollte ihn rufen, aber etwas hielt ihn
zurück.
Mishujew trat auf die Straße hinaus und schlenderte langsam dem Park zu.
Etwas Eigentümliches war in seinem Gedächtnis zurückgeblieben und machte
ihn unruhig: war es das schwere, mißlungene Gespräch mit irgend einem
geriebenen Burschen oder eine huschende Bewegung hinter seinem Rücken
als er aus dem Restaurant trat?
Was war es doch?
Plötzlich erinnerte er sich, daß er sein Portefeuille vergessen hatte.
Noch bevor es ihm ganz zu Bewußtsein kam, fühlte er, daß etwas
Scheußliches geschehen war. Ein trüber Gedanke kam ihm, eine Weile
versuchte er schneller zu gehen, aber dann setzte sich in ihm der
Gedanke fest, daß Podgurski das Geld stehlen werde. Das war ihm
peinlich. Er machte Kehrt und trat wieder ins Restaurant ein.
Podgurski stieß beinahe mit ihm zusammen. Ein Blick auf sein etwas
verwirrtes und doch freches Gesicht, dessen Augen feindselig zur
Verteidigung bereit waren, genügte, um den Verdacht Mishujews zu
bestätigen.
Eine Weile blickten sie sich gegenseitig in die Augen. Dann sprach
Mishujew ungeschickt:
»Ich habe mein Portefeuille liegen lassen.«
Podgurski zwinkerte mit den Augen, riß die Lider hoch, sein ganzer
Körper geriet in Bewegung, als wäre er sofort bereit, sich ins Suchen zu
stürzen.
»Wirklich? Ich habe es nicht gesehen. Kellner!«
»Nicht nötig ...« erwiderte Mishujew leise.
»Warum nicht nötig ... es muß sich doch finden ...« Podgurski geriet in
nervöse Hast; sein Gesicht bekam das Aussehen eines gefangenen Fuchses,
der doch noch in jedem Augenblick zuschnappen will.
Mishujew sah ihm fest in die Augen.
»Für mich macht es doch nicht viel aus ...« sagte er unsicher.
Er wünschte nur, Podgurski möge begreifen, daß er ihm wegen dieses
verfluchten Geldes nicht zürnen würde, und es ihm offen gestehen.
Aber das Gesicht Podgurskis wurde noch wütender, sogar seine Zähne
kamen, wie zum Beißen bereit, zum Vorschein.
»Was wollen Sie damit sagen? ... Ich sag Ihnen doch, ich habe nichts
gesehen! ...«
Mishujew überflog ihn mit einem kurzen Blick, lächelte knapp und ging
plötzlich mit einer wegwerfenden Handbewegung fort.