Der Morgen dämmerte schon, und ein feiner blauer Schein zog vom fernen
Rand des Meeres über die schlafende Stadt hin. Die Nacht verblaßte und
rückte zag in die Berge hinauf, die Schatten wurden grau, alles schien
durchsichtig, und selbst die Berge in der Ferne lagen wie Wolken vor
Sonnenaufgang im bläulichen Nebel da.
Mit lautem Hufschlag jagte eine Droschke durch die leeren Straßen nach
der Villa, in der Emma wohnte.
Immer noch zitterte in Mishujew die Erregung, die ihn plötzlich gepackt
hatte. Das gekaufte Weib war ganz in seinen Händen, und in dem
unbewußten Gefühl uneingeschränkter Gewalt tasteten seine Finger
instinktiv über den nachgiebigen, weiblichen Körper, der hinter
trockenen Falten eines grauen, weißseidengefütterten, breiten Mantels
glitt. Sie war noch immer nur oberflächlich bekleidet und bebte vom Kopf
bis zu den Füßen, doch anscheinend nicht einmal vor Kälte. Ihre großen
Augen blickten beim blassen Dämmerlicht erschrocken und sonderbar aus
dem bleichen, geschminkten Gesicht mit der zerstörten Frisur hervor.
Ganz entschieden lag etwas Eigentümliches in ihr: wie manchmal in der
Melodie eines eleganten, unverschämten Tanzes beharrlich eine versteckte
Note unverständlicher Trauer durchzittert, so blickte hin und wieder aus
der halbnackten, bemalten Kokotte eines Café-Chantants schüchtern und
trauervoll irgend etwas anderes -- ein unglückliches, niedergeschlagenes
Weib, hervor. Und wenn sie lachte, trank, tanzte, die Männer auf die
zutapsenden Finger klopfte, glitt um ihre geschminkten Mundwinkel und
die untermalten Augen ein unfaßbarer Schatten verborgenen Schmerzes. Das
gab ihr einen scharfen, beißenden Reiz. Im Restaurant, beim elektrischen
Licht, hatte sich dieser eigentümliche, auffallende Gesichtszug unter
der schamlosen Maske begehrlicher Verkäuflichkeit verborgen. Jetzt
dagegen, wo doch alles zu Ende war und sie nur darauf zu warten hatte,
was dieser Mann, von dem sie gekauft worden war, mit ihr anfangen würde,
trat er wieder, ohne sich zu verbergen, auf ihre abgeblaßten, müden
Mienen und verband sich traurig mit der Dämmerung des blassen einöden
Morgens.
Und dieser unterwürfige Ausdruck war es gerade, der Mishujew mit tollem
Rausch erfüllte und seinen ganzen, mächtigen Körper mit dem scharfen
Zittern unerbittlichen Verlangens durchtränkte. Je demütiger sie seinen
Händen nachgab, je müder und trauriger ihre Augen blickten, desto
dunkler und schwerer stieg irgendwo aus der dunklen Tiefe seiner Seele
der Trieb nach wollüstiger Grausamkeit herauf.
Bei der Villa angelangt, schritten sie durch den Garten, in dem südliche
Blumen betäubend dufteten. Mishujew hinter der Kokotte, die ihn wie eine
demütige Sklavin zu sich ins Haus führte.
In ihm schienen zwei Wesen zu leben: das eine entsetzte sich davor, was
sich seiner bemächtigt hatte; das andere wurde unter dem Bewußtsein der
vollen Gewalt trunken und wollte nicht mehr sehen, was das erste ganz
klar verstand. Und je höher in ihm der Widerwillen gegen sich und das
Mitleid mit diesem müden Weib, das offensichtlich litt und sein Leiden
zu verbergen suchte, aufstieg, desto unaufhaltsamer wurde sein Verlangen
nach schmutzigster, brutalster Wollust. Er hatte das Gefühl, als wäre er
völlig in der Gewalt eines uralten Tieres, das plötzlich in ihm erwacht
war, obgleich er es längst getötet glaubte, und das ihn jetzt in seinen
Abgrund schleppte; er sah sich klar niederstürzen, ihm graute davor und
dennoch glitt er immer tiefer und tiefer hinab.
»Wohnst ... du allein?« fragte er abgerissen. Er zitterte und fühlte,
wie seine Füße in der Qual der Erwartung schwächer und schwächer wurden.
Und plötzlich sah er, wie sein ganzes Empfinden abriß und irgendwo
hinuntersauste. Ein widersinniger Gedanke blitzte durch das glühende
Gehirn, ein rotes Feuer leuchtete vor seinen Augen auf und etwas
Blindes, Ungeheures nahm ihn ganz in Besitz.
Mit einer letzten Willensanstrengung rief er sich zu:
-- -- Was ist das? Wahnsinn! Eine Lumperei! ... Doch diese Aufwallung
glitt gleich wieder ohnmächtig ab und in dumpfer Ergebenheit sagte etwas
im Innern seiner Seele: »Mag sein! warum denn nicht, wenn ich es kann
und will? Ja, eine Bestie, ein Despot ... meinetwegen! ... Sehr gut!«
Und in seiner Stimme klang es fast wie wilde Schadenfreude, wie wenn er
sich an einem rächte, der schöner und reiner war als er und den er jetzt
vollständig von sich stieß, als er plötzlich Emma befahl, stehen zu
bleiben.
»Höre,« sagte er plötzlich heiser, »laß uns hier!«
Emma blieb stehen. Sie verstand ihn nicht gleich und sah sich
unwillkürlich nach dem Grase im Schatten der Bäume und Rosenbüsche um.
Aber er erfaßte diesen Blick im Flug und ergriff sie in einem
furchtbaren Ausbruch brutaler Schonungslosigkeit an der Hand.
Emma wich zurück, und ihr Gesicht nahm sofort denselben
niedergeschlagenen und bemitleidenswerten Ausdruck an, wie vorher im
Restaurant, als man sie mit Gewalt entkleidete. Und wieder sah sie sich
um, aber nunmehr so hoffnungslos wie ein völlig erschöpftes Tierchen.
»Was wollen Sie! ... hier ist es unmöglich ...« flüsterte sie mit weiß
gewordenen Lippen.
Als sie zurückwich, öffnete sich ihr Mantel, und ihre nackten Schultern
kamen, blaß beleuchtet vom bläßlichen Dämmerlicht, zwischen weißer
zerbrechlicher Seide zum Vorschein.
»Und wenn ich es will! ...« Mishujew lächelte kurz und seltsam.
Sie erwiderte etwas, wich weiter zurück und sah sich mit weit geöffneten
traurigen Augen um. Es entstand ein kurzer krampfartiger Kampf, und
plötzlich stand mitten im märchenhaften Morgengarten ein fast nacktes
Weib, nur in einzelne Spitzenfetzen wie in Meeresschaum eingewickelt.
Mishujew packte es an dem nackten biegsamen Hals und drückte es mit
furchtbarer Kraft, unter dem qualvollen Genuß, daß er dem Weibe Schmerz
bereitete, zu Boden nieder.
Es trieb ihn, etwas zu tun, das möglichst schmerzlich, abscheulich,
widerwärtig wäre. Während er klar, wie von einem Blitz beleuchtet, die
ganze Erbärmlichkeit und Lumpenhaftigkeit des wilden Impulses empfand,
schleuderte er die ganze Last, die ihn so lange bedrückte, auf diese
unglückliche Prostituierte nieder und zerstampfte sein ganzes
langjähriges Leid, das niemand verstanden, das alle zurückgestoßen
hatten, in den Kot einer gemeinen, sinnlosen Erregung.
Emma stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus; im selben Augenblick
schlug Mishujew, gleichzeitig mit dem letzten erlöschenden Krampf voller
Befriedigung, eine riesige Welle Ekel und Verachtung über den Kopf. Er
schob das Weib krampfhaft von sich und erhob sich mit schwerem feuchten
Atem, am ganzen Körper schweißbedeckt, erhitzt, matt.
Mit einem Male war alles, was ihm noch soeben trübe und unüberwindlich
schien, verschwunden; er sah sich im Morgenlicht mitten im Garten neben
einer gemarterten Frau, schmutzig und abstoßend wie ein Tier.
Sie raffte ihre Kleiderstücke und Röcke zusammen und wickelte sich
sofort in die Spitzenfetzen ein. Dann schaute sie sich um, und trat mit
einem unbegreiflichen Blick in den dunklen Augen vor ihn. In diesen
Augen sah er Widerwillen und scharfen ohnmächtigen Haß leuchten.
Sie schwieg still und zitterte in ihrem Mantel am ganzen Leibe. Mishujew
lächelte, wartete eine Weile und ging dann verwirrt zur Seite. Er wußte
nicht, was er noch sagen und tun sollte.
Plötzlich empfand er entsetzliche, beißende Scham und eine eigentümliche
erniedrigende Furcht. Alle Menschen, die er heute gesehen hatte --
Tschetyrjow, Parchomenko, Maria Sergejewna, Marussin, Opalow --
schwirrten blitzschnell an ihm vorüber. Die haßerfüllten strafenden
Augen Tschetyrjows steckten hinter diesen furchtbaren, vom gleichen
unversöhnlichen Haß erfüllten Frauenaugen; er schrie beinahe vor
Schmerz, Scham und völliger Verzweiflung auf.
Doch inzwischen legte sich ein sonderbarer Schatten auf ihre Augen.
Teils Angst, teils Gefälligkeit und Habsucht. Sie machte eine
Anstrengung, um zu sprechen, ihre Lippen erzitterten, und Mishujew, der
sie anblickte, bekam mit einem Male vor ihr Furcht.
Das schien kein Mensch mehr zu sein, sondern etwas anderes, erbärmlich
Widerwärtiges; ihre gierigen und bösen Augen blickten verlogen und
frech, die Lippen waren gefällig zu einem glitschigen Lächeln verzogen.
Sie machte zwei Schritte vorwärts und legte den nackten Arm um seinen
Nacken.
Das blasse Morgenlicht glitt über ihre reinen Linien und verlor sich in
dem weichen Schatten der vollen, üppigen Brüste.
Ihn überlief etwas wie ein Schreck, aber im nächsten Augenblick blieb
nur noch Widerwillen gegen sie und gegen sich selbst zurück. Es kam ihm
sinnlos vor, daß in ihm eine Minute vorher noch dieser furchtbare Sturm
getobt hatte, von dem jetzt nichts zurückgeblieben war. Furchtlos und
töricht war er vorübergegangen; er empfand einfach Übelkeit.
»-- Nicht nötig, --« sagte er ungeschickt. »Das Geld schicke ich später
zu.«
Sie streckte sich ihm noch einmal entgegen, lächelte ihm verlockend mit
den verlogenen Lippen zu, aber Mishujew wandte sich jäh um und ging mit
schweren Schritten fort.
Kreischend schlug die Gartenpforte hinter ihm zu. Ihn umwehte ein Hauch
von Leere und Schweigen; vor ihm breitete sich die schwach beleuchtete,
blaue Straße aus.
Er hörte noch, wie leichte, weibliche Schritte eilig über den Kies
liefen, dann erstarb das Geknister der Seidenröcke in der Ferne; es
wurde ganz still und einsam.
Still und traurig-einsam wurde es auch im Herzen Mishujews, und der
ganze Alpdruck der vergangenen Nacht versank in diesem schweigenden,
ohnmächtigen Leid. Er blieb inmitten der Straße stehen und sah mit
trockenen Augen hinauf in den bläulichen Himmel, auf dem bereits ein
paar rötliche Morgenwölkchen wie ein Vogelzug, der in sonnige Gelände
eilt, dahinschwammen.