VI

Der Morgen dämmerte schon, und ein feiner blauer Schein zog vom fernen

Rand des Meeres über die schlafende Stadt hin. Die Nacht verblaßte und

rückte zag in die Berge hinauf, die Schatten wurden grau, alles schien

durchsichtig, und selbst die Berge in der Ferne lagen wie Wolken vor

Sonnenaufgang im bläulichen Nebel da.

Mit lautem Hufschlag jagte eine Droschke durch die leeren Straßen nach

der Villa, in der Emma wohnte.

Immer noch zitterte in Mishujew die Erregung, die ihn plötzlich gepackt

hatte. Das gekaufte Weib war ganz in seinen Händen, und in dem

unbewußten Gefühl uneingeschränkter Gewalt tasteten seine Finger

instinktiv über den nachgiebigen, weiblichen Körper, der hinter

trockenen Falten eines grauen, weißseidengefütterten, breiten Mantels

glitt. Sie war noch immer nur oberflächlich bekleidet und bebte vom Kopf

bis zu den Füßen, doch anscheinend nicht einmal vor Kälte. Ihre großen

Augen blickten beim blassen Dämmerlicht erschrocken und sonderbar aus

dem bleichen, geschminkten Gesicht mit der zerstörten Frisur hervor.

Ganz entschieden lag etwas Eigentümliches in ihr: wie manchmal in der

Melodie eines eleganten, unverschämten Tanzes beharrlich eine versteckte

Note unverständlicher Trauer durchzittert, so blickte hin und wieder aus

der halbnackten, bemalten Kokotte eines Café-Chantants schüchtern und

trauervoll irgend etwas anderes -- ein unglückliches, niedergeschlagenes

Weib, hervor. Und wenn sie lachte, trank, tanzte, die Männer auf die

zutapsenden Finger klopfte, glitt um ihre geschminkten Mundwinkel und

die untermalten Augen ein unfaßbarer Schatten verborgenen Schmerzes. Das

gab ihr einen scharfen, beißenden Reiz. Im Restaurant, beim elektrischen

Licht, hatte sich dieser eigentümliche, auffallende Gesichtszug unter

der schamlosen Maske begehrlicher Verkäuflichkeit verborgen. Jetzt

dagegen, wo doch alles zu Ende war und sie nur darauf zu warten hatte,

was dieser Mann, von dem sie gekauft worden war, mit ihr anfangen würde,

trat er wieder, ohne sich zu verbergen, auf ihre abgeblaßten, müden

Mienen und verband sich traurig mit der Dämmerung des blassen einöden

Morgens.

Und dieser unterwürfige Ausdruck war es gerade, der Mishujew mit tollem

Rausch erfüllte und seinen ganzen, mächtigen Körper mit dem scharfen

Zittern unerbittlichen Verlangens durchtränkte. Je demütiger sie seinen

Händen nachgab, je müder und trauriger ihre Augen blickten, desto

dunkler und schwerer stieg irgendwo aus der dunklen Tiefe seiner Seele

der Trieb nach wollüstiger Grausamkeit herauf.

Bei der Villa angelangt, schritten sie durch den Garten, in dem südliche

Blumen betäubend dufteten. Mishujew hinter der Kokotte, die ihn wie eine

demütige Sklavin zu sich ins Haus führte.

In ihm schienen zwei Wesen zu leben: das eine entsetzte sich davor, was

sich seiner bemächtigt hatte; das andere wurde unter dem Bewußtsein der

vollen Gewalt trunken und wollte nicht mehr sehen, was das erste ganz

klar verstand. Und je höher in ihm der Widerwillen gegen sich und das

Mitleid mit diesem müden Weib, das offensichtlich litt und sein Leiden

zu verbergen suchte, aufstieg, desto unaufhaltsamer wurde sein Verlangen

nach schmutzigster, brutalster Wollust. Er hatte das Gefühl, als wäre er

völlig in der Gewalt eines uralten Tieres, das plötzlich in ihm erwacht

war, obgleich er es längst getötet glaubte, und das ihn jetzt in seinen

Abgrund schleppte; er sah sich klar niederstürzen, ihm graute davor und

dennoch glitt er immer tiefer und tiefer hinab.

»Wohnst ... du allein?« fragte er abgerissen. Er zitterte und fühlte,

wie seine Füße in der Qual der Erwartung schwächer und schwächer wurden.

Und plötzlich sah er, wie sein ganzes Empfinden abriß und irgendwo

hinuntersauste. Ein widersinniger Gedanke blitzte durch das glühende

Gehirn, ein rotes Feuer leuchtete vor seinen Augen auf und etwas

Blindes, Ungeheures nahm ihn ganz in Besitz.

Mit einer letzten Willensanstrengung rief er sich zu:

-- -- Was ist das? Wahnsinn! Eine Lumperei! ... Doch diese Aufwallung

glitt gleich wieder ohnmächtig ab und in dumpfer Ergebenheit sagte etwas

im Innern seiner Seele: »Mag sein! warum denn nicht, wenn ich es kann

und will? Ja, eine Bestie, ein Despot ... meinetwegen! ... Sehr gut!«

Und in seiner Stimme klang es fast wie wilde Schadenfreude, wie wenn er

sich an einem rächte, der schöner und reiner war als er und den er jetzt

vollständig von sich stieß, als er plötzlich Emma befahl, stehen zu

bleiben.

»Höre,« sagte er plötzlich heiser, »laß uns hier!«

Emma blieb stehen. Sie verstand ihn nicht gleich und sah sich

unwillkürlich nach dem Grase im Schatten der Bäume und Rosenbüsche um.

Aber er erfaßte diesen Blick im Flug und ergriff sie in einem

furchtbaren Ausbruch brutaler Schonungslosigkeit an der Hand.

Emma wich zurück, und ihr Gesicht nahm sofort denselben

niedergeschlagenen und bemitleidenswerten Ausdruck an, wie vorher im

Restaurant, als man sie mit Gewalt entkleidete. Und wieder sah sie sich

um, aber nunmehr so hoffnungslos wie ein völlig erschöpftes Tierchen.

»Was wollen Sie! ... hier ist es unmöglich ...« flüsterte sie mit weiß

gewordenen Lippen.

Als sie zurückwich, öffnete sich ihr Mantel, und ihre nackten Schultern

kamen, blaß beleuchtet vom bläßlichen Dämmerlicht, zwischen weißer

zerbrechlicher Seide zum Vorschein.

»Und wenn ich es will! ...« Mishujew lächelte kurz und seltsam.

Sie erwiderte etwas, wich weiter zurück und sah sich mit weit geöffneten

traurigen Augen um. Es entstand ein kurzer krampfartiger Kampf, und

plötzlich stand mitten im märchenhaften Morgengarten ein fast nacktes

Weib, nur in einzelne Spitzenfetzen wie in Meeresschaum eingewickelt.

Mishujew packte es an dem nackten biegsamen Hals und drückte es mit

furchtbarer Kraft, unter dem qualvollen Genuß, daß er dem Weibe Schmerz

bereitete, zu Boden nieder.

Es trieb ihn, etwas zu tun, das möglichst schmerzlich, abscheulich,

widerwärtig wäre. Während er klar, wie von einem Blitz beleuchtet, die

ganze Erbärmlichkeit und Lumpenhaftigkeit des wilden Impulses empfand,

schleuderte er die ganze Last, die ihn so lange bedrückte, auf diese

unglückliche Prostituierte nieder und zerstampfte sein ganzes

langjähriges Leid, das niemand verstanden, das alle zurückgestoßen

hatten, in den Kot einer gemeinen, sinnlosen Erregung.

Emma stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus; im selben Augenblick

schlug Mishujew, gleichzeitig mit dem letzten erlöschenden Krampf voller

Befriedigung, eine riesige Welle Ekel und Verachtung über den Kopf. Er

schob das Weib krampfhaft von sich und erhob sich mit schwerem feuchten

Atem, am ganzen Körper schweißbedeckt, erhitzt, matt.

Mit einem Male war alles, was ihm noch soeben trübe und unüberwindlich

schien, verschwunden; er sah sich im Morgenlicht mitten im Garten neben

einer gemarterten Frau, schmutzig und abstoßend wie ein Tier.

Sie raffte ihre Kleiderstücke und Röcke zusammen und wickelte sich

sofort in die Spitzenfetzen ein. Dann schaute sie sich um, und trat mit

einem unbegreiflichen Blick in den dunklen Augen vor ihn. In diesen

Augen sah er Widerwillen und scharfen ohnmächtigen Haß leuchten.

Sie schwieg still und zitterte in ihrem Mantel am ganzen Leibe. Mishujew

lächelte, wartete eine Weile und ging dann verwirrt zur Seite. Er wußte

nicht, was er noch sagen und tun sollte.

Plötzlich empfand er entsetzliche, beißende Scham und eine eigentümliche

erniedrigende Furcht. Alle Menschen, die er heute gesehen hatte --

Tschetyrjow, Parchomenko, Maria Sergejewna, Marussin, Opalow --

schwirrten blitzschnell an ihm vorüber. Die haßerfüllten strafenden

Augen Tschetyrjows steckten hinter diesen furchtbaren, vom gleichen

unversöhnlichen Haß erfüllten Frauenaugen; er schrie beinahe vor

Schmerz, Scham und völliger Verzweiflung auf.

Doch inzwischen legte sich ein sonderbarer Schatten auf ihre Augen.

Teils Angst, teils Gefälligkeit und Habsucht. Sie machte eine

Anstrengung, um zu sprechen, ihre Lippen erzitterten, und Mishujew, der

sie anblickte, bekam mit einem Male vor ihr Furcht.

Das schien kein Mensch mehr zu sein, sondern etwas anderes, erbärmlich

Widerwärtiges; ihre gierigen und bösen Augen blickten verlogen und

frech, die Lippen waren gefällig zu einem glitschigen Lächeln verzogen.

Sie machte zwei Schritte vorwärts und legte den nackten Arm um seinen

Nacken.

Das blasse Morgenlicht glitt über ihre reinen Linien und verlor sich in

dem weichen Schatten der vollen, üppigen Brüste.

Ihn überlief etwas wie ein Schreck, aber im nächsten Augenblick blieb

nur noch Widerwillen gegen sie und gegen sich selbst zurück. Es kam ihm

sinnlos vor, daß in ihm eine Minute vorher noch dieser furchtbare Sturm

getobt hatte, von dem jetzt nichts zurückgeblieben war. Furchtlos und

töricht war er vorübergegangen; er empfand einfach Übelkeit.

»-- Nicht nötig, --« sagte er ungeschickt. »Das Geld schicke ich später

zu.«

Sie streckte sich ihm noch einmal entgegen, lächelte ihm verlockend mit

den verlogenen Lippen zu, aber Mishujew wandte sich jäh um und ging mit

schweren Schritten fort.

Kreischend schlug die Gartenpforte hinter ihm zu. Ihn umwehte ein Hauch

von Leere und Schweigen; vor ihm breitete sich die schwach beleuchtete,

blaue Straße aus.

Er hörte noch, wie leichte, weibliche Schritte eilig über den Kies

liefen, dann erstarb das Geknister der Seidenröcke in der Ferne; es

wurde ganz still und einsam.

Still und traurig-einsam wurde es auch im Herzen Mishujews, und der

ganze Alpdruck der vergangenen Nacht versank in diesem schweigenden,

ohnmächtigen Leid. Er blieb inmitten der Straße stehen und sah mit

trockenen Augen hinauf in den bläulichen Himmel, auf dem bereits ein

paar rötliche Morgenwölkchen wie ein Vogelzug, der in sonnige Gelände

eilt, dahinschwammen.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 9 / 45 题