Opalow fragte Podgurski leise: »Mit welchem Zauber packen Sie ihn?«

»Ich habe keinen,« erwiderte Podgurski verächtlich und ernst. »Nur

glauben diese Herren, daß ihnen mit ihrem Geld alles erlaubt ist. Stoßen

sie dann einmal auf einen Menschen, der sich auf ihren Geldsack in

ausgesprochenstem Maße zu spucken erlaubt, so werden sie gleich zahm ...

Etwas anderes haben sie nicht anzubringen!«

Der dicke Börsianer bemühte sich mit lauter, jüdischer Delikatesse das

unangenehme Vorkommnis zu vertuschen. Er lenkte das Gespräch auf andere

Streiche von Millionären und erzählte ein paar passende Witze. Das

schlug ein. Das Gespräch wurde allgemein, und Parchomenko sagte ganz

fortgerissen, mit glänzenden Augen:

»Nein, das ist nichts ... Keiner hat das feine Gefühl ... Das ist alles

roh, platt! ... Ich habe eine neue Idee: wie wäre es, mal so ein halbes

Dutzend Ballettänzerinnen vor einen Landauer zu spannen ... So wie sie

sind, im Trikot und Gazeröckchen ... und dann durch die Morskaja zu

fahren. Das wäre doch elegant, das wäre schick!«

»Wie albern!« Emma tat ärgerlich. »Wer würde sich so blamieren lassen!«

»Ach was! Werft ein paar Tausend hin, und jeder Makler von der Börse

geht als Deichselpferd.«

Der Börsianer lachte laut; auf seinen feisten Lippen entstand ein

kleiner Speichelstrudel.

»Wissen Sie, das wäre wirklich originell!«

»Aber sicher!« rief Parchomenko voller Entzücken und Begeisterung.

»Denken Sie mal an: rosige Beinchen, die blauen Gazeröckchen gehen in

die Höhe, und die nackten Rücken! Man könnte ein wenig mit der Peitsche

antreiben! ... Nein, wissen Sie, mit ein bißchen Phantasie kann man ein

ganz anständiges Ding zustande bringen!«

Mishujew saß schwer auf dem Divan und trank fast nichts. Seine

ungesunden Augen bewahrten die ganze Zeit über denselben düsteren,

angewiderten Ausdruck. Je weiter, um so langweiliger und widerwärtiger

wurde ihm zumute. Seine Schwermut begann in ein scharfes, schneidendes

Gefühl überzugehen. Aber er saß und saß, ohne aufzustehen. Er hatte

Angst, allein zu bleiben, um nichts zu denken, nicht nach

Unbegreiflichem zu verlangen.

Das Schreien und Lachen betäubten ihn, jedes Wort und jede Bewegung

jedoch riefen in ihm neuen Ekel hervor. Da, dieses Kaufmannssöhnchen,

das bald einem Schaf, bald einem dicken Kater, der mit einer Maus

spielt, ähnlich sieht, das ein Glück darin findet, nackte

Ballettänzerinnen mit der Peitsche zu schlagen und eine elende

Kurortkokotte zu mißhandeln ... ein feister Börsianer, der fortwährend

schmatzte, als hätte er Rubel im Munde, die er wollüstig wiederkäut und

saugt ... Der wirklich talentvolle Opalow, der auf seiner feinen,

künstlerischen Seele mit Füßen herumtritt, um sich die Gunst des

Geldmagnaten zu verschaffen ... Und Mishujew dachte mit Entsetzen, daß

so die Menschen in Wirklichkeit sind und daß er unter ihnen noch viele

Jahre leben soll. Ihm kamen Marussin und Tschetyrjow in Erinnerung, und

er stellte sich mit kühler Trauer ihre fernen, unversöhnlichen Seelen,

die ein Eigenes in sich tragen, das er nicht verstehen kann, vor.

Schmerzlicher Zorn begann wieder in ihm aufzusteigen. Nur Podgurski

allein, der jetzt mit Likören und Zigarren beschäftigt war, erweckte in

ihm noch eine gewisse, vorüberfliegende Zuneigung.

... Wie dem auch sei, er fürchtete sich wenigstens nicht, diese arme

Emma in Schutz zu nehmen ...

Es war spät geworden. Man hatte schon über die Maßen getrunken, zur

Genüge geschrien und gelacht. Die Müdigkeit zeigte sich in der unruhigen

Aufregung. Emma wurde sehr rot und war stark verschwitzt. Ein erregender

Geruch ergoß sich von ihr, Parfüms und Puder. Die glatte, weiche Haut

auf den Schultern und der Brust schien feuchtglänzend und lockte an. Sie

selbst begann ebenfalls das Sehnen der Erwartung zu empfinden. Ihre

Augen, gelb wie die einer Katze, wurden feucht und schamlos. Sie setzte

sich den Männern auf den Schoß, tanzte Matshiche, kniff in die Arme,

schmiegte sich mit den nackten Schultern an die Lippen. Die Männer

wurden allmählich toll. Nur Mishujew und Podgurski, der unbeirrt seinen

Likör trank, blieben auf ihren Plätzen. Die anderen drängten sich an sie

heran, man konnte sehen, daß sie sehr bald einem von ihnen als Beute für

die zügelloseste, unverhüllteste Leidenschaft zufallen würde.

Alle empfanden klar die Nähe des Augenblicks, in dem das jetzt noch

verhüllte Weib durch einen von ihnen entkleidet würde; das Bewußtsein,

daß dieses Weib dazu bereit war, und die Begierde, der erste zu sein,

erregte die Männer so stark, daß ihre Beine zu zittern begannen.

Opalow konnte kaum sitzen bleiben. Er bückte sich tief zu ihr hinab, so

daß er den erregenden Geruch ihrer Achseln aufsaugen konnte; er war blaß

wie ein Kranker. Er wußte, daß sie einem andern und nicht ihm zufallen

würde, aber eine kleine, lüsterne Hoffnung verließ ihn nicht.

»Sie sind wahrhaft schön ... Einen solchen Bogen der Augenbrauen, solche

Nackenlinie, wie die Ihre, habe ich immer im Traum gesehen. Oh, wenn der

Traum zur Wirklichkeit würde!« sprach er leise, und durch das gemacht

ritterliche Bestreben, ihr zu zeigen, daß er sie »trotz allem« achtete,

klang armselig und elend der Wunsch heraus: gib dich mir hin! so tue es

doch! ... Für dich hat es ja nichts zu sagen, dich einmal so -- einfach

-- hinzugeben ... mir allein! ... Gib dich mir hin!

Durch den Lärm und das Geschrei hörte Mishujew sein bebendes Flüstern.

Offensichtlich gefiel Opalow dem Weib, aber obgleich sie lachte und ihn

durch augenblickliche Berührung ihrer nackten Arme und glühenden Beine

in Erregung brachte, verfolgten ihre Katzenaugen unablässig Parchomenko

und den Börsianer. Mishujew blickte sie traurig an; sie war ihm ebenso

zuwider wie die Männer: ihren kräftigen weiblichen Körper zog es ganz

deutlich zu Opalow hin, und ihr Zusammensein wäre, trotzdem sie schon

lange Kokotte war, sicher licht und kraftvoll gewesen. Und doch hatte

sie nicht den Mut, ihrem Verlangen nachzugeben; sie wartete wie eine

Sklavin, bis jemandem beliebte, sie _en passant_ zu sich zu nehmen und

durch seine gleichgültige Gier zu besudeln.

Die elenden, elenden Menschen! dachte Mishujew, aus irgend einem Grunde

fühlte er in diesem Augenblick sich selbst als Elendesten und

Einsamsten.

»Sie wissen, in meiner Novelle >Feuer< habe ich eine Frau geschildert,

die Ihnen ähnlich ist ...« flüsterte Opalow, während sich sein Gesicht

mit roten Flecken bedeckte.

»Spucken Sie nur gleich darauf, mein Lieber,« fiel ihm plötzlich

Podgurski ins Wort, »nichts, aber gar nichts werden sie davon haben.

Dies Gericht ist nicht für uns beide!«

Opalow zitterte und wurde verwirrt, als wäre er ertappt worden. Seine

Aufregung war augenblicklich verschwunden, aber um das peinliche Gefühl

zu verbergen, versuchte er, einen unverfrorenen Ton anzuschlagen:

»Aber vielleicht doch! Was, Emmchen? Man kann doch nie wissen, nicht

wahr?«

Er fragte zum Scherz, aber gegen seinen Willen blieben seine Blicke eine

Weile mit geheimer Frage an ihren Augen hängen. Sie lachte und warf sich

zurück, ihre Augen verschleierten sich, während sich ihr offener,

flaumweicher Busen und die kräftigen, gewölbten Schenkel in geheimer

Lust ausreckten. Doch gleich sorgte sie sich, daß es Parchomenko nicht

merke und blickte zu ihm hinüber.

Der aber schien wirklich alle ihre verborgenen Gefühle und Wünsche

abzulesen. Die frühere Grausamkeit huschte über sein schwarzbärtiges

Gesicht. Einige Augenblicke sah er sie scharf an, wobei sein einer

Augenwinkel zitterte; plötzlich leuchtete er in brutalem Entzücken auf.

»Hören Sie, meine Herren!« rief er, auf den Stuhl springend, »wir sind

unserer drei ...«

»Fünf!« korrigierte ihn spöttisch Podgurski.

»Und nur ein Weib! Alle auf die eine -- das wäre eine Barbarei! Ich

schlage vor, Emma zu verlosen!«

»Pfui!« Emma tat entsetzt.

»Oder nein ... nicht verlosen! ... Lieber, wissen Sie was: eine

amerikanische Auktion machen! Das wird amüsant! Wer höher bietet! ...

Hier -- für eine >Liebes- und Freudennacht<!«

»Eine herrliche Idee!« stimmte ihm der Börsianer voller Achtung bei.

»Was? Nicht wahr! Podgurski, Sie werden den Auktionator machen! ...

Emma, her auf den Stuhl ... Bluse runter! Die Ware soll offen vor uns

liegen!«

»Muß das sein!« rief das Frauenzimmer und lachte abgerissen, als wäre

sie mit kaltem Wasser bespritzt worden. Aber trotz ihres geheuchelten

Lachens sah Mishujew, wie früher, eine scharfe Röte auf ihr Gesicht

treten.

»O nein, nein! Da hilft nichts! Eine amerikanische Auktion! ... Sträube

dich nicht lange!« schrie Parchomenko, der durch seine Erfindung selber

mehr und mehr in Aufregung geriet.

Mishujew sah sie regungslos an.

Und dann spielte sich vor seinen Augen in einem wilden Taumel von

Geilheit und Leidenschaft eine aufregende, blödsinnige Szene ab.

Emma wollte sich nicht selbst auskleiden und sträubte sich lange. In

ihren Augen leuchteten Funken armseliger abgehetzter Scham, und ihre

Backen bedeckten sich mit rosigen Flecken. Parchomenko, der schon schwer

zu atmen begann, zerrte ihr fast mit Gewalt die Bluse von den runden,

strahlenden Schultern, und plötzlich bebten und schwankten vor den

gierigen Augen der Männer zwei elastische, junge Brüste, die nun,

nachdem sie von dem engen Korsett und den Spitzen des Seidenhemdes

befreit waren, ein wenig voller wurden.

Von diesem Moment an fiel Mishujew das sinnlose Gesicht Opalows auf: der

stand da in keuchender Gier, gespannt wie eine Saite, damit ihm auch

nicht eine Regung des entblößten, weiblichen Körpers verloren ginge. Als

das Weib mit dem nackten Oberkörper auf den Stuhl gehoben wurde und sich

instinktiv mit den Armen zu decken suchte, taumelte er. Mishujew schien

es, daß er nur den einen Gedanken hatte, auf sie zuzustürzen und diese

verhüllenden Arme loszureißen.

»Ah ... ah ... die Hände, die Hände!« rief Parchomenko wie betrunken.

»Hände weg! ... Alles muß zum Vorschein kommen! Was für eine Auktion

wäre das ... So geht es nicht!«

Eine Minute lang sträubte sich Emma innerlich; es war sonderbar, diesen

Kampf bei einem Weibe mitanzusehen, das sich all und jedem für Geld

hingibt. In dieser Szene lag etwas, das über ihre Kräfte ging, und

gerade das peitschte in den Männern die Gier nach Wollust und

Grausamkeit höher auf. Selbst Mishujew fühlte, wie ihm eine trübe, heiße

Welle zu Kopfe stieg.

Plötzlich funkelte in ihren Augen ein fast stolzer, doch gleichzeitig

hilfloser, haßerfüllter Strahl auf ... langsam hob sie die Hände empor.

Jetzt stand sie offen vor ihren Augen, unwiderstehlich durch ihre

Unterwürfigkeit an sich lockend. Der Körper bog sich schamlos nach

hinten aus, nur ihre dunkelgewordenen Augen auf dem wie ausgestorben

lächelnden Gesicht blickten kühl und bange. Es war schön und furchtbar:

man konnte kaum glauben, daß es sich da nur um eine Kokotte, eine

Sängerin aus dem Varieté handelte.

Was geht jetzt in ihr vor? schwirrte es undeutlich durch Mishujews Kopf.

»Also!« rief Podgurski, während er mit dem Messer an den Rand des

Kelchglases klirrte, und mit seiner Stimme übertönte er das scharfe,

leiderfüllte Klirren. »Ein Weib, namens Emma, wird in öffentlicher

Auktion meistbietend versteigert. Besichtigung, ja sogar Berührung mit

den Händen ist Kauflustigen gestattet! ... Nach eingehender Schätzung

...« er wurde für eine Weile verlegen und endete mit entschlossener

Stimme auf gut Glück, »na, dreihundert Rubel. Wer bietet mehr?«

»Vierhundert!« rief Parchomenko und hob seinen Kelch.

»Nu, was, -- so soll es fünfhundert heißen!« der Börsianer verschluckte

sich fast vor Entzücken; sein Gesicht erhielt mit einem Mal einen

gierigen und zügellos geilen Ausdruck.

Podgurski blickte ihn an und lächelte.

»Fünfhundert,« sagte er, »wer mehr? Eins ...«

Opalow, tiefrot und schweißbedeckt, lächelte verwirrt und sinnlos. In

seinem Hirn schwankte der wahnsinnige Gedanke: sich von irgend woher das

Geld zu leihen. Und wie ein Blitz durchliefen sein Denken gleichzeitig

verflechtende Vorstellungen, die sich wie ein Alpdruck auf ihn legten:

die Rechnung am nächsten Tage für das Hotelzimmer, das er noch zu

bezahlen hatte, die Rückreise nach Moskau und das blasse, vergrämte

Gesicht seiner Frau. Aber der nackte, herrliche weibliche Körper stand

abgerundet und strahlend vor seinen Augen.

Irgendwie ... später bekomme ich es ... dachte er, nahe daran, jeden

Halt zu verlieren; aber doch war er sich noch ganz klar, daß er an

keiner Stelle Geld bekommen könnte, daß er nach Hause fahren müsse, daß

er es doch nicht wagen wird. Und ein erbärmliches, erniedrigendes

Lächeln verzerrte sein hübsches, feines Gesicht.

Die Auktion dauerte fort. Die ungewöhnliche Umgebung, das halbnackte

Weib, offen zum Verkauf ausgestellt, wie auf einem orientalischen Markt,

all dies erregte die Männer bis zur äußersten, fast gefährlichen

Spannung. Man konnte glauben, daß sie, abgesehen von diesem Weib,

überhaupt noch kein nacktes Weib jemals früher gesehen hätten. Mishujew

merkte, daß selbst er sich dem Einfluß nicht entziehen konnte. Seine

breiten Nüstern blähten sich allmählich auf. Er sah die glühenden

Gesichter an, ließ den Blick drohend über den nackten weiblichen Körper

gleiten, und ein kurzer Gedanke schwirrte durch seinen Kopf.

Wie wäre es, sie ihnen vor der Nase wegzuschnappen ...?

In seinen Augen leuchteten stechende Funken auf. Das machtvolle

Bewußtsein seiner Kraft berauschte ihn.

»Schneller doch, meine Herren ... Es ist kalt ...« sagte Emma. Sie

schauerte und zuckte die nackten Achseln. Die vollen Brüste schwankten

und standen wieder still; die erhitzten Männerkörper traf es wie ein

Peitschenhieb.

»Sechshundert!« winselte Parchomenko voller Entzücken.

Der Börsianer stammelte mit jüdischem Akzent etwas wie eine

Entschuldigung.

»Was?«

»Aber das geht doch schon zu weit, meine Herren ... Scherz mag Scherz

bleiben, aber Emmachen ...«

»Nicht auf die Emma kommt es mehr an,« erwiderte Parchomenko, ganz

hingerissen, mit den Augen glänzend.

»N--nein ... Auktion ist Auktion!« sagte Podgurski, »wer bietet mehr?

Sechshundert ... wer mehr?«

Etwas eigentümlich Quälendes ging in Mishujew vor: ein dunkles, brutales

Verlangen stieg aus der Tiefe empor und trat mit dem Widerwillen und der

bewußten Verachtung gegen alles um ihn und auch gegen sich selbst in

einen kurzen Kampf. Aber etwas war stärker als die Verachtung.

»Eins! zwei ...!«

Parchomenko sprang auf Emma zu, und sie machte schon eine instinktive,

demütige Bewegung zu ihm hin.

»Siebenhundert!« sagte Mishujew leise, und sein düsteres Gesicht wurde

durch den finsteren Ausdruck brutaler Gewalt, die sich zur Freiheit

losgerissen hatte, verzerrt.

Parchomenko wurde stutzig.

»Eins ... zwei ... drei! verkauft!« rief Podgurski.

Und plötzlich begann Emma krampfhaft zu lachen. Aber in ihren

untermalten Augen zeigten sich Tränen der Verletzung und Scham, die ihr

vielleicht selbst unbegreiflich waren.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 8 / 45 题