»Eins von beiden: entweder muß der Millionär, wenn er die Richtung
einschlägt, die seiner Lage angemessen ist, ein Mitfresser werden, muß
Leben vernichten, indem er ihm allen Saft aussaugt, um selbst
anzuschwellen, wie ein Wurm auf dem Aas, oder er muß das bleiben, was er
zunächst ist: ein bedeutungsloses Anhängsel seiner Millionen ...«
»Kann denn aber der Millionär nicht selbst ein talentierter Mensch sein,
ein Dichter, Maler, Bildhauer?« fragte Opalow.
»Gewiß kann er es!« Tschetyrjow zuckte kurz die Achseln. »Aber damit
sich das Talent entwickelt, damit es aus sich etwas Größeres macht, sind
Kampf und Leiden notwendig ... Was kann einem Menschen Leiden schaffen,
dem das Leben ohne jede Mühe die verfeinertsten Genüsse ins Haus wirft.
Unsinn ist das!«
»Fjodor Iwanowitsch!« Höflich fiel ihm der alte Geschäftsführer, der
lautlos herangetreten war, in die Rede: »Sie werden ans Telefon
gebeten.«
Tschetyrjow verstummte plötzlich, und seine Augen wurden sonderbar
eingezogen, als wenn er in sich seine wütende Rede in Gedanken weiter
hielt.
»Wie?« fragte Mishujew, der nicht gleich verstanden hatte, um was es
sich handelt.
Sein Gesicht war blaß und traurig; ein schmerzlicher Ausdruck lag um
seine traurigen Augen.
»Der Herr Parchomenko bitten Sie ans Telefon.«
»Ja, bei manchem mögen Sie vielleicht recht haben,« sagte Mishujew, ohne
Tschetyrjow anzublicken, »und ich verstehe Sie sehr gut, aber ... brutal
ist es, wissen Sie! ... Entschuldigen Sie, meine Herren, ich komme
gleich ...« schnitt sich selbst das Wort ab und folgte dem Kellner.
Wieder begleiteten ihn neugierige Blicke, während er sich zwischen den
Tischen durchschob.
Parchomenko forderte ihn auf, in ein Restaurant außerhalb der Stadt zu
kommen; auch eine Chansonettensängerin Emma, die Mishujew ebenfalls
flüchtig kannte, sollte dort sein.
»Und Maria Sergejewna?« fragte Mishujew mechanisch.
»Maria Sergejewna ist nach Hause gefahren,« antwortete der unsichtbare
Parchomenko.
»Schön,« antwortete Mishujew ebenso mechanisch.
In der Telefonzelle war es schwül und finster. Mishujew schloß die Augen
und lehnte sich gegen die Wand. In seinen Ohren klang noch immer die
schwache, haßerfüllte Stimme.
»Ja ... vielleicht hat er wirklich recht ... Aber weshalb dieser Haß!
... Warum sieht er das nicht ein? ...«
Mishujew führte seinen Gedanken nicht zu Ende. Er fühlte, wie sich sein
Herz schmerzlich und trübe zusammenpreßte.
Als er zum Tisch zurückkehrte, waren Tschetyrjow und Marussin schon
dabei, sich zu verabschieden.
... Zwischen ihm und Millionen Menschen werden immer Millionen Rubel
stehen, und: entweder muß er ein Einsamer oder eine Bestie werden. Ein
Widersinn, der in sich selbst sein Verderben trägt ...
Als Tschetyrjow Mishujew erblickte, brach er sein Gespräch kurz ab und
sah ihm mit kühler, herausfordernder Entschlossenheit entgegen.
»Sie gehen schon fort?« Mishujew zwang sich die Frage ab.
»Ja.«
»Vielleicht sehen wir uns noch wieder?« fragte er weiter, während er
zwei Hände drückte. Die eine zitterte in Erregung, die andere vor
Spannung und Krankheit.
»Vielleicht,« antwortete Tschetyrjow kühl, und aus dieser Antwort wehte
sein unversöhnlicher Haß noch härter und kälter heraus.
Mit unbegreiflicher Erwartung blickte Mishujew in das Gesicht Marussins.
Aber es war verwirrt, und die guten, offenen Augen blickten fremd in die
Ferne.
Eine furchtbare Gefühlsaufwallung schnürte Mishujew die Kehle zusammen.
Es war Qual und Schmerz und plötzliches, glühendes Verlangen, etwas
entsetzlich Böses zu tun, ihnen zu zeigen, daß er dennoch stärker ist
als sie und sie wie Unkraut auf dem Wege zertreten, verkrüppeln kann.
Aber der Drang verlor sich ebenso schnell wie er herangebraust war, und
als Mishujew den Fortgehenden nachblickte, war sein Gesicht nur blaß und
eigentümlich, wie bei einem Menschen, der den Tod in sich trägt.
V
Den Busen vorgestreckt, den Rock über den Knieen gerafft und wie zur
Attacke geschwenkt, sprang ein Weib mit feschem und elastischem
Changieren der Füße, die Schultern entblößt und den Hut frech aufs Ohr
gerückt, in das Zimmer hinein.
Es wurde schon lange getrunken. Wein, Zigarrenrauch, die von
elektrischem Licht, Ausdünstungen und Likörs durchsättigte Luft hatten
die Männer so furchtbar erregt, daß das Weib zur Notwendigkeit wurde.
Man brauchte eine Stelle, auf die man die übermäßige Spannung der
schlaflosen tollen Nacht entladen konnte.
Beim Eintritt des Weibes brauste eine hinreißende, fast wahnsinnige
Bewegung auf, Parchomenko stürzte ihr, rot, mit blutunterlaufenen Augen
und feuchtem Schnurrbart, entgegen, warf einen Stuhl zur Seite, packte
sie an der schlanken, dünnen Taille, die in ein durchbrochenes Mieder
gespannt war, hob sie in die Luft und stellte sie im Fluge auf den
Tisch. Eine Flasche fiel um, und ein Glas ging in Scherben.
»Au! Sie schmeißen mich um!« schrie sie, und ihre unaufrichtige,
gewohnheitsmäßig erregte Stimme peitschte die sinnlose Fröhlichkeit noch
höher.
»Hurra!« rief Parchomenko, »es lebe die Schönheit! Gebt ihr Wein ... Sie
soll nachholen, was sie versäumt hat.«
Alle drängten sich in dichtem, engem Haufen auf das Weib. Die Augen
verspritzten scharfe Funken, die Finger haschten gierig nach ihren
ausgeprägten Schenkeln, den elastischen Beinen und den runden,
entblößten Armen. Parchomenko führte ein Kelchglas mit gelbem Sekt an
ihre lachenden scharlachroten Lippen; Opalow, dessen weiße Backen
dunkelrote Flecken bekamen, küßte sie oberhalb des Handschuhs auf den
bloßen Arm; ein dicker Börsianer, mit feuchtem Mund, der fast bis an das
Kinn aufgerissen war, schmatzte und gluckste, wie ein feistes, sattes
Tier im Augenblick der Begattung. Es schien, als ständen sie alle auf
dem Punkt, sich auf dieses nackte, schmackhafte Fleisch, das hinter den
schwarzen Spitzen hervorlugte, zu stürzen und es mit Winseln und Beißen
zu zerfleischen.
Nur Podgurski trank gleichgültig seinen Likör, und Mishujew lastete, wie
immer schwer und düster, auf dem Divan und schaute mit schläfrigen,
großen Augen um sich.
Die anderen trugen das Weib auf den Divan und ließen es dort
niederfallen, wobei sie ihm wahrscheinlich Schmerzen verursachten; aber
die Frau lachte nur laut auf, schlug mit den Spitzen ihrer schamlosen
Finger auf die Hände, die nach ihrem Körper griffen, und schrie herrisch
und gleichzeitig unaufrichtig:
»Regen Sie sich nicht zu sehr auf! Nicht aufregen, meine Herren! ...
Hände weg! Sekt her! ... Ich will heute betrunken sein! ... Ich bin
vergnügt ... Wenn Sie nur dabei gewesen wären, wie mich heute das
Publikum aufnahm! Ein Triumph!«
Und unvermittelt sang sie laut ein Stück aus einem feschen Chanson.
Opalow reichte ihr Wein und ließ dabei plötzlich eine elektrische
Taschenlampe unter dem Kelch aufleuchten. Hellgoldene Funken
durchzuckten den gelben Saft; der Sekt lachte wie lebendig. Es war sehr
hübsch; die gelben Funken gaben den schwarzen, lachenden Frauenaugen, in
denen sie sich widerspiegelten, ein wildes, phantastisches Gepräge.
»Ah, wie wunderbar! Noch einmal, noch mal, Schatz!« schrie sie lachend.
Opalow wollte das Licht noch einmal andrücken, aber Parchomenko riß ihm
die Lampe aus der Hand und richtete ihr den grellen, weißen Strahl
direkt in die Augen. Sie wurden gelb und durchleuchtend wie bei einer
Katze. Das Frauenzimmer kniff zuerst vor Schmerz die Augen zusammen,
dann lachte sie. Und doch bemerkten alle die armselige, naive Schminke
über den Wimpern und versteckte bemitleidenswerte Fältchen in den
Augenwinkeln dieses jungen Weibes, das doch schon am Verwelken war.
Sogar Podgurski und Opalow empfanden etwas wie Scham und Mitleid.
Parchomenko verwickelte sich mit dem Fuß, scheinbar zufällig, in ihren
Spitzenüberwurf, der auf dem Boden lag, zog den Fuß an und riß ihn
entzwei.
»Um Gottes willen, was machen Sie!« rief das Weib; Mishujew hörte den
demütigen Schreck in ihrer Stimme.
Parchomenko tat, als wäre er beinahe gefallen und zerriß die Spitzen,
jetzt schon offenbar absichtlich, noch weiter, sodaß ihr rundes Bein im
engen, schwarzen Strumpf sichtbar wurde. Sein Gesicht mit dem schwarzen
Schnurrbart zog sich in einer grausamen Bewegung zusammen; seine Mienen
bekamen einen katzenartigen Ausdruck.
»Aber halten Sie doch!« rief das Weib wieder; in ihren untermalten Augen
zuckte erschrockene Wut.
Opalow hatte ein peinliches Gefühl und trat neben beiden mit
unnatürlichem, unsicherem Lächeln auf seinem eigenartigen, japanischen
Puppengesicht von einem Fuß auf den andern. Podgurski schien dem Vorgang
ganz gleichgültig zuzusehen, aber gerade in dem Augenblick, als sich
Mishujew mit Widerwillen einmischen wollte, sagte er plötzlich:
»Pawel Alexejewitsch ... lassen Sie das gefälligst!« Parchomenko
zitterte förmlich vor Entzücken. Er tat, als wollte er das Kleid ordnen
und knetete in Wirklichkeit mit verschwitzten Händen ihre runden Knie,
wobei er das Spitzenwerk so hoch raffte, daß ein Streifen ihres nackten,
rosigen Körpers zum Vorschein kam ... Das Weib riß sich los und lachte
hysterisch. Aber durch das Lachen klangen einfache, naive Tränen. Ihr
schönes, teures Kleid tat ihr leid.
»Lassen Sie das, was tun Sie denn!« wiederholte Podgurski.
»Lassen Sie sie in Ruhe, Pawel Alexejewitsch,« unterstützte ihn
Mishujew.
Aber Parchomenko hörte nichts oder wollte nichts hören. Sein rotes,
schwarzbärtiges Gesicht sah in der wütenden, wollüstigen Grausamkeit
fürchterlich aus.
»Haben Sie denn nicht gehört? Nehmen Sie die Hände weg, sage ich Ihnen!«
rief plötzlich Podgurski, nicht laut, aber drohend, und seine Stimme war
so eigentümlich, daß Mishujew sich verwundert umsah. Er erwartete, daß
Parchomenko antwortete. Aber der ließ augenblicklich von dem
Frauenzimmer ab; durch seinen Blick, der noch in grausamer Erregung
leuchtete, zuckte hastige Furcht.
»Wir bringen es gleich wieder in Ordnung,« sagte versöhnlich Opalow.
»Geben Sie mir ein paar Stecknadeln ...« Er wandte sich freundlich an
die Sängerin, die ihre Spitzenfetzen zusammenraffte.
»Sieh mal einer an, welch Edelmut!« murmelte Parchomenko frech und
gleichzeitig feige, während er wie ein Hund zur Seite wich und scheele
Blicke herüber warf. »Man darf sich nicht mehr ein bißchen amüsieren ...
wir haben noch ganz andere gehabt! ...«
»Alles hat seine Grenzen ...« bemerkte Mishujew kühl.
Parchomenko verstummte für einen Augenblick; er schien allen Halt
verloren zu haben. Bald wurde er aber wieder unnatürlich lebhaft und
wandte sich an die Sängerin. Er hatte verstanden, daß der Auftritt
niemandem gefallen hatte und war kleinlaut geworden.
»Ach was, Stecknadeln! ... Lassen Sie mich, Opalow ... Ich weiß ein
besseres Mittel.«
Zwei Hundertrubelscheine erschienen in seiner Hand, und er steckte sie
dem Weibe feierlich in den Ausschnitt, wobei er seine ganze Hand
zwischen ihren flaumweichen, üppigen Brüsten versenkte.
»Hier, Emmachen! Sei nicht böse!«
Emma wurde sofort still; dann begann in ihren Äuglein ein gieriges
Feuerlein zu funkeln; plötzlich küßte sie Parchomenko direkt auf den
schwarzen, feuchten Schnurrbart.
»Ach, wie bist du gut!« sagte sie, und es war schwer herauszuhören, ob
sie es aufrichtig meinte oder nicht.
»Ja, gut!« warf Podgurski dazwischen; »warum auch nicht, -- zuerst das
Kleid zerrissen, dann Geld gegeben! Ein Prachtkerl! ...«
Es sah gerade so aus, als wäre er auf dem Sprunge, sich auf Parchomenko
zu stürzen und ihm eine in die runde, selbstgefällige Fratze
hineinzuhauen.
»Eine schöne Art,« fuhr er wütend, angeekelt fort; »reißen, zerschlagen
und dann Geld herauswerfen! ... Jahrmarktswitze!«
Er sprach mit einem Nachdruck, als wünschte er nicht nur mit den Worten,
sondern auch mit jedem Laut seiner Stimme zu verletzen.
»Sie sollten es doch mal versuchen, den Kellnern die Schnauzen mit
Mostrich beschmieren ... Warum nicht, das wäre doch ebenso witzig ...
Oder mit der Stirn einen Spiegel einzurennen!«
Parchomenko lachte winselnd, und Mishujew sah zu seinem Erstaunen in
seinem Gesicht feige, ohnmächtige Wut, wie bei kleinen Kötern, die
beißen möchten, es aber nicht wagen.
Podgurski ließ nicht mehr von ihm ab. Bald riet er ihm, allein in vier
Galawagen spazieren zu fahren, dann schlug er ihm vor, ein Sektbad zu
nehmen oder sich zu feierlichen Ausfahrten auf der Straße eine Mauer
durchbrechen zu lassen, wie es ein Moskauer Kaufmann getan hatte.
Parchomenko lachte immer unnatürlicher; man sah ihm an, wie die Furcht
in ihm gegen ohnmächtigen Haß ankämpfte.