Die Nacht trennte das Meer von der Erde. Hinter der grell beleuchteten
steinernen Brüstung der Strandpromenade stand die dichte Finsternis wie
eine Mauer; ein unbegreifliches, unaufhörliches Leben schien sich in ihr
versteckt zu halten. In dem unsichtbaren freien Raum bewegte sich etwas,
stieß schwere Seufzer aus, plätscherte, als ob es schluchzte, schwoll
an, flaute ab, und schwoll dann wieder irgendwo in der schwarzen Ferne,
die mit dem schwarzen Himmel zusammenfloß, von neuem an. Dort in der
Finsternis, vor den menschlichen Augen verborgen, tobte unaufhörlich ein
ewiger geheimnisvoller Kampf, als arbeiteten Millionen Wesen unter dem
Schutz der kurzen Nacht daran ihr grausames düstres Werk zu vollenden.
Die Strandpromenade, die von den blassen Lampen der Laternen mit totem
Licht begossen wurde, war von durchsichtiger aufhorchender Leere
umgeben. Die Bäume verschwammen zu einer dunklen eintönigen Masse, und
nur dicht neben den Lampen schimmerten hell, aber leichengrün einzelne
erstarrte Blätter. Von Zeit zu Zeit wuchsen irgendwo einsame Schritte
deutlich heran, im Lichtkreise zeichnete sich scharf ein schwarzer
Schatten ab, wuchs, dehnte sich aus, bog sich über die Brüstung zum Meer
hinab und verschwand in der Finsternis ebenso schnell, die deutlich
verhallenden Schritte in die Ferne tragend.
Mishujew ging allein; sein Kopf schien ihm unendlich groß und sein Herz
leer.
Das rastlose Meer lärmte in ewiger Trauer; über den Bergen funkelten
große Sterne, und die Seele Mishujews erfüllte ein Gefühl, als stehe er
über einer Welt, in der alles längst abgestorben war, jedes Leben für
immer geendet hatte, und das Auge nur tote Schneefelder und ferne
Sterne, die von der Kälte ewigen Schweigens angeschmiedet sind,
erblickt.
Tote Trübsal weinte leise in seinem Herzen; es war für ihn ganz gleich,
wohin er in der Leere und dem Schweigen der Nacht gehen sollte. Warme
Erinnerung lebte noch in ihm, und in den Ohren gellte, wie aus weiter
Ferne, klingendes Lachen. Blonde Haare, feuchte Augen, das weiche, reine
Kinn eines in den Nacken geworfenen Köpfchens huschten durch sein
Gedächtnis. Aber die Gedanken flogen schnell, wie Wolken am Mond in
grauer Winternacht, vorüber. Weder Ziel noch Anfang oder Ende hatten
sie, und trübselig war ihre dunstige rasende Geschwindigkeit.
Langsam und schwer, wie ein Mensch, der ernstlich krank ist, ging
Mishujew bis ans Ende der Promenade, blieb stehen, ging zurück, und er
wäre nicht imstande gewesen, mit Worten auszudrücken, worüber er in
dieser Zeit dachte. Es gab keine bestimmten Worte, es gab keine
Personen, denen gegenüber er seinen Wunsch, sich aufzulehnen, äußern
konnte. Aber seine kranke Seele, die das Bewußtsein eines
unüberwindlichen Unrechtes, das sie bisher noch nicht begriffen hatte,
niederdrückte, verlangte nach etwas.
Eine stürmische Bewegung, grell und lebendig, wie menschliche Liebe und
menschliche Freude, schlug vor seinem Blick empor. Aber rings umher
blieb alles leer; ihm schien es, daß nicht nur auf dem breiten Kai,
sondern in seinem eigenen Leben nur seine schweren Schritte
widerhallten, als zählten sie, ohne Zweck und Grund Stufen eines toten
Weges, der für niemanden von Nutzen ist.
»-- -- Es ist Zeit, zu sterben!« dachte Mishujew plötzlich mit
verzerrtem Lächeln.
In einem Augenblick wurde es ihm leicht und frei ums Herz, als hätte
dieses Wort die Hülle alles Schweren und Düsteren abgestreift; und nun
stellte es sich heraus, daß nichts dahinter war -- -- -- als vollkommene
Leere. Das Gefühl der Leichtigkeit und Raumlosigkeit erfüllte für einen
Augenblick seinen Körper und machte ihn ebenso leer und frei, band ihn
von Mishujew, dem schwergewordenen, düsteren, abgelebten Menschen los.
Aber dieses Gefühl kam nur für einen Augenblick und erlosch, wie ein
Funke in Finsternis und Wind.
Wenn allein der Tod übrig bleibt, so ist Alles wahr: dann ist es
richtig, daß sein Leben in der Tat widerwärtig und sinnlos ist; er
braucht nicht weiterzuleben.
Plötzlich wurde es ihm so schwer zumute, daß er wünschte, weinen und
sich auf die Erde werfen zu können, mit dem Gesicht nach unten, und so
liegen zu bleiben.
Aber was ist denn geschehen? Bin ich krank? fragte er sich voller
Verzweiflung. Er erstickte fast unter einem furchtbaren Druck und
begriff nicht warum. -- Ich besitze alles, was einem Menschen nötig ist;
sogar viel mehr. Tausende Menschen träumen davon, ein Hundertstel von
dem zu haben, was ich besitze ... träumen davon, wie von einem
unerreichbaren Glück! Von all meinem Leid wird jeder Mensch nur sagen,
daß ich an meinem eigenen Fett ersticke. Was fehlt mir denn. Ich habe
alles ...
Und in grellen Streifen zogen im Augenblick Reihen herrlicher Frauen,
Theater, Meere, Städte, Bilder, Automobile, Pferde ... eine ganze Welt,
voll Farben, Licht und Bewegung, das Luxuriöseste, Schönste,
Angenehmste, was die Welt hervorbringen kann, ... an Mishujews Augen
vorüber. Aber sein eigenes Gesicht blieb krank und schwermütig zurück.
Alles entfernte sich, verblaßte, wurde plötzlich eintönig und ärmlich,
wie verblichenes Flitterzeug.
Nicht das, nicht das ist es ... doch was denn? -- Er richtete seine
Frage irgend wohin ins Innere seiner schweigenden Seele. Plötzlich
durchschüttelte eine Flut gegenstandsloser, unnützer Bitternis seinen
ganzen mächtigen Körper; er fiel durch eine Spanne übermenschlicher
Leidempfindung, die einen unendlichen Augenblick dauerte, in ein leeres
kaltes Loch hinein, wo nichts mehr war als die äußerste Abspannung.
Schweigsam ging Mishujew bis an das Ende der Straße, und sank in seinem
ganzen Wesen mit jedem Schritt mehr und mehr zusammen. Mit einem Male
fiel ihm ein, wie oft er schon von einem Ende bis zum anderen gegangen
war; er kehrte um. Und als sich aus den Scheiben eines Restaurants
grelle Lichter über seinen Weg schoben, überschritt er die Straße und
öffnete mechanisch die große schwere Tür.
Man muß etwas zu sich nehmen ... ich bin einfach schlaff geworden,
dachte er gleichgültig.
Hinter der blendenden Spiegelfläche des Fensters erglänzten lebende
Lichter, schwankten schwarze Silhouetten, schimmerten die scharf
geschnittenen grünen Blätter der Zimmerpflanzen; weiße Tischtücher
strahlten wie Bergschnee.
Sowie Mishujew die Tür geöffnet hatte und der Portier von seinen
massigen Schultern den Überzieher abnahm, schlug ihm von allen Seiten
verworrener Stimmenlärm, Gelächter und funkelndes Gläserklirren
entgegen, es betäubte ihn nach der Stille der Nacht. Er wurde sofort
erkannt. Bald hier bald dort tönte durch Gepolter, Klang und Getöse sein
Name, eilig und fast warnend ausgesprochen. Einige Frauengesichter
begleiteten ihn mit neugierigen Blicken, während er sich langsam
zwischen den Tischen vorwärts schob. Neben dem Buffet rief ihn ein
Bekannter, der Moskauer Schriftsteller Opalow, an.
»Fjodor Iwanowitsch!« Er schien erfreut und erhob sich eilig; sein
Gesicht, mit feinen Gesichtszügen und Augen, schmal und eigenartig, wie
bei einer japanischen Puppe, fing mit dem Ausdruck lebhaftester Freude
und völliger Zutraulichkeit zu lächeln an. »Fjodor Iwanowitsch, setzen
Sie sich zu uns heran! ... Kellner, einen Stuhl her!«
Am Tisch saßen drei Herren: die zwei Schriftsteller, denen Mishujew am
selben Tage auf der Promenade begegnet war, und ein aufgedunsener,
kahlköpfiger, etwas unsauberer Mensch in Leinwandhosen, die für seine
Beine zu eng waren, mit einer auffallenden entweder amerikanischen oder
einfach clownmäßigen Weste.
»Sie sind wohl noch nicht bekannt?« fragte Opalow, als sich alle langsam
Mishujew entgegen neigten: »Tschetyrjow, ... Marussin, ... Podgurski
...«
»Ehemaliger Schriftsteller!« fügte der aufgedunsene Herr hinzu mit einer
Stimme, die die eines Hansnarren -- vielleicht aber auch seine
gewöhnliche sein konnte.
Mishujew nannte kurz und flüchtig seinen Namen. Es war ihm stets
unangenehm, sich mit seinem Namen vorzustellen: es kam ihm kindisch vor,
einen Namen herzusagen, den alle gewöhnlich schon vorher wußten; sich
aber gar nicht vorzustellen, wäre auch nicht angegangen. Das erregte
ihn.
»Sie kennt ja jeder, Fjodor Iwanowitsch!« lachte Opalow; es war schwer
zu unterscheiden, ob er es gutmütig oder mit gehässiger Ironie meinte.
Mishujew lächelte mißmutig, und dieses schiefe Lächeln fiel ihm selbst
unangenehm auf: es konnte den Eindruck erwecken, als gebe er zu, daß ihn
alle kennen oder als leugne er es oder auch als heuchle er eine
Verneinung. Er fühlte, daß ihm Einfachheit fehlte und daß es allen
aufgefallen war. Es verstimmte ihn wieder.
Der Kellner brachte eilig einen Stuhl und Mishujew ließ sich nieder,
kreuzte sofort seine massigen Arme auf dem Tischtuch und starrte mit
schwerem Seitenblick auf das Nachbartischchen, wo drei beleibte,
aufgeputzte Damen und zwei glänzende, fesche Offiziere saßen. Für eine
Minute entstand peinliches Schweigen. Opalow blickte Mishujew
freundlich, aber so neugierig in die Augen, als wenn sich plötzlich ein
Eisbär neben ihn gesetzt hätte. Der zottige Podgurski, der wie ein
Bündel schmutziger Wäsche, in enge Höschen und ein Jackettchen aus
Segeltuch gepreßt, aussah, schaute ebenfalls neugierig auf ihn; in
seinen winzigen, scharfen Äuglein leuchtete ein freches, gieriges
Feuerchen. Tschetyrjow und Marussin tranken schweigsam ihr Bier und
schienen Mishujew nicht zu bemerken. Mishujew sah mit einem flüchtigen
Blick, daß Marussins weiche, schwache Hände die ganze Zeit hindurch
krankhaft zitterten, und er erinnerte sich, gehört zu haben, daß
Marussin an der Schwindsucht litt. Auch seine Augen fielen ihm auf:
etwas leicht Vergängliches und Durchsichtiges, wie ein Streifen zarten
Frühlingshimmels, sahen ihm daraus entgegen. Mishujew empfand, daß er
wahrscheinlich ein sehr unglücklicher, guter und reiner Mensch sein
müsse. Warmes Mitleid regte sich in ihm.
Bis an die Decke dröhnte das Restaurant von Rufen, Gläserklirren und
Gelächter. Manchmal fiel irgendwo mit trockenem Gepolter ein Stuhl um,
laut klingelte ein ungeduldiges Löffelchen an eine Glaskante und hoch
flatterten die feinen Töne der weiblichen Stimmen und ihr anrufendes
Lachen, das sich wie unter eigenem Kitzel verschluckte. Kellner mit
Servietten huschten vorüber, das Licht brach sich in den buntfarbigen
Kelchen und Flaschen und strahlte in den Schmucksachen auf glatter,
halboffener, weiblicher Haut. Nur durch die weiten Fenster blickte
unverwandt die schwarze Nacht herein.
»Warum sind Sie denn allein? Wo ist Maria Sergejewna?« fragte Opalow;
aus seiner Stimme konnte man heraushören, daß der Name Maria Sergejewnas
in ihm eine unfaßbare Vorstellung weiblicher Entblößung hervorrief.
Mishujew wußte, daß Maria Sergejewna auf alle Männer eine schmerzlich
erregende Wirkung ausübte, und daß man von ihr mit einer besonderen
Nuance im Tone sprach. Einst schmeichelte es ihm, er fühlte einen
eigentümlichen Reiz, zuzuschauen, wie fruchtlos alle Männer durch diese
Frau erregt wurden. Doch in der letzten Zeit fiel ihm darin etwas
Verletzendes und Unangenehmes auf; er erinnerte sich, daß man erst
begonnen hatte, mit ihr und über sie so zu sprechen, seitdem er zu ihr
in feste Beziehungen getreten war. Ebenso schön war sie auch früher
gewesen, aber damals umhüllte sie eine besondere Reinheit. Durch seine
Berührung war diese Reinheit abgestreift worden, vor allen Menschen
hatte er sie in der erniedrigenden und groben Gestalt eines allen
zugänglichen Weibchens entblößt.
»Sie ist nach Ssemeïd gefahren,« antwortete Mishujew ungern und mit
einem Blick nach der Seite.
»So! Ich war ihnen heute begegnet ... Mit Parchomenko?« Opalow war
entzückt, und wieder spürte Mishujew aus diesem Entzücken etwas
Besonderes heraus. Als hätte Opalow niemals daran gezweifelt, daß Maria
Sergejewna früher oder später in Parchomenkos Hände übergehen müßte;
jetzt aber wäre er zur Überzeugung gekommen, daß es sich schon
vorbereitete. Nach Opalows Meinung war Mishujew schon der Liebhaber a.
D.
»-- -- Anders kann er es sich gar nicht vorstellen,« dachte Mishujew.
»Parchomenko, das war jener? ...« erkundigte sich plötzlich Podgurski.
»Ganz recht -- der!« sagte Opalow, während seine eigentümlich
japanischen Augen glänzten.
»Kennen Sie ihn?« fragte Podgurski weiter. »Machen Sie mich bitte mit
ihm bekannt. Ich habe in einer geschäftlichen Angelegenheit mit ihm zu
tun.«
»Wollen Sie ihn anpumpen, -- -- -- auf Nimmerwiedergeben?« fragte Opalow
offensichtlich scherzend.
»Und wenn schon. Meinen Sie, er gibt nichts?«
»Ja, der würde Ihnen wohl nichts geben,« bemerkte Mishujew mechanisch.
»Und Sie, würden Sie etwas herausrücken?« wandte sich unerwartet
Podgurski an ihn und offenherzige Unverschämtheit klang aus seiner
Stimme.
Mishujew war eine Weile vor Überraschung sprachlos. »Vielleicht,«
lächelte er dann.
»So, dann geben Sie mir bitte fünfundzwanzig Rubel! Warum auch nicht?«
Mishujew lenkte seinen schweren Blick in Podgurskis Augen, dachte eine
Weile nach, lächelte dann wieder und reichte ihm einen 25-Rubelschein
über den Tisch. Ihm gefiel die Aufrichtigkeit, die in dieser Frechheit
lag.
Podgurski erwartete kaum etwas und war nicht einmal besonders gespannt,
ob Mishujew ihm Geld geben würde oder nicht, aber beim Anblick des
Geldes blitzten seine Äuglein noch frecher auf. Er nahm den Schein und
schob ihn wie selbstverständlich in die Tasche der halb amerikanischen,
halb clownartigen, vielleicht aber nur einfach schäbigen,
fettverschlissenen Weste, die auf seiner Brust hin- und herrutschte.
»Danke!«
Mishujew bemerkte, wie sich Marussins gute Mädchenaugen mit
zurückhaltendem Lächeln Podgurski zuwendeten, sich aber im Augenblick
wieder verschämt senkten, ohne sein Gesicht gestreift zu haben.
Tschetyrjow blickte schweigend über die Köpfe hinweg nach dem Innern des
Restaurants und schien überhaupt nichts zu sehen.
»Sie sind aber ein frecher Patron!« bemerkte Opalow; man konnte seinen
Augen ansehen, daß auch ihm der Gedanke an eine Anleihe gekommen war;
leider nur zu spät.
»Ach, ich spucke darauf!« erwiderte Podgurski unverfroren. »Ich bin ein
frecher Patron, Sie ein Feuilletonschreiber, er -- ein Millionär; -- was
dabei das Schlimmste ist, das steht noch lange nicht fest!«
Opalow hob mit komischer Miene seine eigentümlichen Augen, aus denen
stets beobachtende Neugierde blickte, zur Decke. Tschetyrjow und
Marussin lachten gutmütig, und dieses gutmütige Lächeln des
ungemütlichen Tschetyrjow überraschte Mishujew. Doch lächelte er selber
mit.
»Und wissen Sie, was ich Ihnen sagen möchte ...« begann Podgurski in
einem Ton, als wollte er allen eine freudige Nachricht bringen, »laden
Sie uns doch zum Sekt ein, Fjodor Iwanowitsch. Was? Warum denn nicht?«
Mishujew zuckte mit den mächtigen Achseln. Dieser durchtriebene Bursche,
der ihm gleich beim ersten Wort auf die Schultern stieg, und dazu noch
mit solcher Gradheit und Selbstverständlichkeit, fing an ihn zu
amüsieren.
»Meinetwegen, gut. Nur müssen Sie selbst alles anordnen,« sagte er.
»Schön, ausgezeichnet! ... Kellner!« Podgurski schrie laut, ohne darauf
zu achten, daß sich das ganze Restaurant nach ihrem Tisch umdrehte.
Der Geschäftsführer, ein schmächtiger Greis mit üppigem, grauem
Backenbart, der schon lange in der Nähe Mishujews wie ein Jagdhund auf
der Lauer gestanden hatte, trippelte rasch auf ihn zu, wobei er mit der
süßesten Miene seine winzigen Händchen rieb. Podgurski ging daran, ein
Souper zusammenzustellen. Er tat es so sicher, als hätte er sich sein
ganzes Leben lang mit nichts anderem als feinen, üppigen Diners
abgegeben. Mishujew schaute ihn sogar verwundert an. Podgurski, der
alles mit der Gewandtheit eines Taschenspielers fertig machte und alles
bemerkte, warf dazwischen:
»Gleich kommt der Millionär zum Vorschein! Sie denken, daß sie nur
allein essen und trinken können.«
»Und wissen Sie, was Millionäre denken?« fragte Mishujew hochmütig, ohne
daß ihm selbst sein Ton zum Bewußtsein kam.
»Aber gewiß doch! Alles weiß ich! Als ich ein berühmter Schriftsteller
war ...«
Alle brachen in Lachen aus. Aber Podgurski maß dem keine Bedeutung bei.
»... habe ich mir Millionäre angesehen, wie andere Hunde. Ich sehe sie
durch und durch, wie ein Gläschen Wodka!«
Es wurde Sekt gebracht. Mit ihm kam der Geruch von Eis und Feuchtigkeit,
als hätte man die Türen zu einem Keller geöffnet. Der alte
Geschäftsführer schüttelte höflich den Backenbart und strengte sich an,
in irgend einer Sache den rücksichtslosen Podgurski zur Vernunft zu
bringen. Der lebte auf: seine dünnen Haare erhoben sich, einzeln und in
Büscheln, seine Äuglein funkelten unverfroren und gierig, und die
widersinnige Weste streckte sich frech hervor. Er machte Witze, trank,
schrie, und man sah ihm an, daß er sich wenn nicht gerade glücklich, so
wenigstens satt und behaglich fühlte. Mishujew schaute auf ihn und
bemerkte mit intensivem Vergnügen, daß sich dieser Gentleman den Teufel
um Mishujew, um dessen Millionen, um Tschetyrjow, um irgend etwas in der
Welt kümmerte. Er hatte Sekt, Zigarren, seine Witze; alles andere kam
für ihn nur insofern in Betracht, als es zu ihm gehörte und ihn
fütterte.
Tschetyrjow und Marussin tranken nichts; sie aßen auch fast gar nichts.
Sie schwiegen die ganze Zeit, wechselten selten einzelne Worte
miteinander und hörten nur allem, was um sie vorging, so aufmerksam zu,
wie nur Künstler zuzuhören vermögen. Dabei schienen sie Mishujew
vollständig und mit Absicht zu übersehen. Ihn quälte es. Dafür wendete
aber Opalow kein Auge von ihm. Immer noch war er erwartungsvoll
neugierig. Die ganze Zeit gab er sich Mühe, das Gespräch mit Mishujew im
Fluß zu halten, machte Witze, warf treffsichere Bemerkungen ein, in
deren Spiel sein Wunsch, Mishujew zu gefallen, deutlich hervortrat.
Am Nebentisch saß eine starke, auffallend elegante Dame mit einem
kleinen Ausschnitt auf ihrem zarten, rosigen Rücken.
»Ist es Ihnen schon aufgefallen, Fjodor Iwanowitsch,« sagte Opalow, »daß
die nackte Frauenhaut in der Restaurantbeleuchtung stets naß erscheint?«
»Fehlgeschlagen!« schnitt Podgurski seine Worte autoritär ab; man sah
ihm sofort an, daß er das versteckte Bestreben Opalows, zu gefallen,
genau bemerkt hatte und es nun zu verspotten suchte. »Tüfteln Sie was
besseres aus. Das war billig. Warum gerade bei Restaurantsbeleuchtung?«
Die weiten, schwarzen Augen blinzelten rasch, doch Opalow gab sich den
Anschein, als verfechte er aufrichtig seine Bemerkung.
»Jawohl, gerade bei Restaurantsbeleuchtung ... Und, wissen Sie, das ist
auch ganz natürlich: das Licht in Restaurants ist immer von feuchten
Ausdünstungen durchtränkt ...«
»Sie schwitzen einfach!« sprach Podgurski mit unwiderruflicher
Entschiedenheit. »Aber das ist sicher: überall, wo es viele Frauen gibt,
da riecht es nach Puder, Parfüms und faulem Fleisch.«
»Was Sie sagen!« Mishujew lächelte.
»Ja, ja -- -- -- das mag vielleicht wahr sein,« bemerkte Tschetyrjow.
Als die Dame am Nebentisch sich erhob und ihre Federboa fallen ließ,
musterte Opalow mit einem Blick ihre ganze Gestalt und sagte zu
Podgurski, während er gleichzeitig Mishujew ansah:
»Nun, so sehen Sie hier: wenn eine Frau plötzlich eine Boa fallen läßt,
scheint ihr ganzer Rücken für einen Augenblick nackt!«
»Das ist nicht schlecht,« billigte Podgurski. »Sie sollten es nur
Parchomenko erzählen. Der gibt Ihnen Geld für so was.«
»Sie haben neulich, wie ich glaube, gesagt, daß Sie Parchomenko nicht
kennen,« bemerkte Marussin und wurde verwirrt.
»Wirklich? Ja, möglicherweise habe ich es behauptet. Dann habe ich
offenbar gelogen,« erwiderte kaltblütig Podgurski.
Marussin machte den Versuch, ihn anzublicken, begann aber zu blinzeln,
errötete etwas, und seine Verwirrung zeigte sich so naiv und aufrichtig,
als wäre er und nicht Podgurski beim Lügen ertappt worden.
Und wieder dachte Mishujew mit zarter Liebenswürdigkeit von ihm: was für
eine liebe Seele er ist!
»Ich kenne ihn schon lange, noch von Moskau her ...« erzählte Podgurski.
»Niemand kennt ihn vielleicht so gut wie ich ... Hier habe ich ihn!«
Podgurski streckte seine breite, verschwitzte Tatze aus. Und die
Bewegung dieser unsauberen Hand mit den schwarzen, stumpfen Nägeln war
so klettenartig und gierig, daß alle unwillkürlich auf sie blickten und
selbst Mishujew von einem peinlich bangen Gefühl überlaufen wurde.
»Als noch der alte Parchomenko lebte, hielt er den Sohn unter einem
strengen Regiment -- er prügelte ihn und gab ihm keinen Groschen ... Er
pflegte mit zwei Silberstücken à 20 Kopeken auf den Ladentisch zu
klopfen: hier nimm und schere dich fort ... Damals suchte dieser Paschka
überall nach Geld, gegen falsche Wechsel natürlich ... Dabei liefen wir
uns beide in den Weg. Ich kenne solche prächtige Affären von ihm! Ich
müßte nur noch _ein_ Schriftstückchen in die Hände kriegen, dann würde
ich bei ihm eine Erpressung anlegen, daß er wie ein Ferkel zu quietschen
anfängt!«
»Ist das wirklich notwendig?« fragte Marussin. Da er Podgurski nur mit
Überwindung ins Gesicht sehen konnte, blinzelte er wieder mit den Augen.
»Sie kennen den Kerl nicht, Nikolaj Nikolajewitsch! Das ist ein
furchtbares Insekt! Ein Reptil voll Gift! Wer es zertritt, dem werden
vierzig Sünden erlassen! Platt wie ein Gummischuh, und von einer
Niedertracht, daß es für drei Könige und vier Erzäbte ausreichen würde.
Was für eine Grausamkeit in dem Aas steckt! Er hat da irgendwo gelesen,
daß Kolonialoffiziere in Afrika Negerweiber auf Bretter nageln ließen
und auf sie aus Revolvern um die Wette schossen. Was meinen Sie nun --
das wurde seitdem sein Traum! Eine Frau zu kreuzigen. Und einmal tut er
es sicher noch ... Als sein Vater im Sterben lag und kein Wort mehr
herausbringen konnte, da fühlte sich dieser Paschka Parchomenko vor
allen Dingen als Erbe, -- er kam ins Schlafzimmer, griff den Sterbenden
beim Bart und zerrte daran: Geier, hier hast du eine Belohnung für dein
diebisches Leben! ... Und als er die Erbschaft in den Händen hatte,
wurde er selber schlimmer als der Alte. Geizig ist der Bursche, wie ein
Kettenhund! Dieses Dreckvieh. Millionäre existieren auf der Welt nur,
damit man auf ihre Kosten Sekt trinkt; aber dieses Aas taugt nicht
einmal zum Sekt!«
»Sie sind wohl fest davon überzeugt, daß Millionäre zu nichts anderem
taugen?« bemerkte Tschetyrjow.
Er fragte es anscheinend zum Scherz, aber alle, und auch Mishujew
selbst, fühlten sofort, daß es eine Herausforderung gegen ihn war.
»Und zu was sonst noch, zum Teufel?« antwortete frech Podgurski, der
Tschetyrjows Ton aufgegriffen hatte und offensichtlich einen Skandal
hervorrufen wollte.
Opalow blickte Mishujew versöhnlich in die Augen.
»Und welche Meinung haben Sie von Parchomenko?« fiel er mit zu
natürlicher Stimme Podgurski ins Wort.
Mishujew sah ihn von oben herab an und antwortete nicht. Der Haß, der
handgreiflich in der Stimme Tschetyrjows, den er als Dichter liebte und
achtete, lag, berührte ihn schmerzlich und machte ihn traurig. Mit
drückender Ratlosigkeit fühlte er mit einem Mal, daß er von Feinden
umgeben war.
»Mir scheint,« sagte er, während er seine Hände, die auf der Tischplatte
ruhten, unverwandt betrachtete, »daß Sie im Irrtum sind: man kann
Millionär sein und dennoch zu etwas besserem taugen, als andere mit Sekt
zu tränken.«
Tschetyrjow schob ihm seinen hartnäckigen, haßerfüllten Blick entgegen
und lächelte kaum merklich. Mishujew zitterte und wurde rot.
»Sie scheinen sich gar verletzt zu fühlen,« warf Podgurski mit
doppelsinnigem Ausdruck ein.
»Ich fühle mich nicht verletzt,« erwiderte Mishujew und errötete noch
mehr. »Ich sagte das nicht, weil ich selbst Millionär bin ...
Parchomenko ist eine Ausnahme. Das ist ein degeneriertes Subjekt, wie es
in jedem Gesellschaftskreis vorkommen kann. Ich glaube allerdings, daß
ein Mensch so oder anders sein kann, ganz unabhängig von dem Geldgewicht
seiner Taschen.«
»Sicherlich!« rief Opalow wieder zu aufrichtig.
»Parchomenko ist kein degeneriertes Subjekt,« meinte Tschetyrjow kühl.
»In einem Milieu, wo alles auf Geld aufgebaut, wo alles um Geld käuflich
und verkäuflich ist, sind die Parchomenkos eine rein gesetzmäßige
Erscheinung. Gerade so muß ein richtiger Millionär sein. Und wenn es
andere gibt, so sind die schon eher in ihrer Art degeneriert ...
Beispiele lebendigen Widersinns.«
Der Hauch der Feindseligkeit und des nahenden Streites wehte so deutlich
aus dieser Stimme, daß Marussin seinen Kopf anhob und rot wurde, und
Opalow auf seinem Stuhl zwischen Tschetyrjow und Mishujew in unbestimmte
Bewegung geriet.
»Warum gleich?« fragte Mishujew; ein trauriger Klang lag in seinen
Worten. »Ich, z. B. ...«
»Nicht von Ihnen rede ich,« erwiderte Tschetyrjow achtlos.
»Und wenn es selbst von mir wäre.« Mishujew sprach leise, ohne die Augen
zu bewegen.
»Von Anwesenden wird nicht gesprochen!« mischte sich Opalow ein. »Das
haben Sie wohl vergessen, Fjodor Iwanowitsch!«
Mishujew senkte den Blick noch tiefer und erwiderte noch leiser: »Nein,
warum denn nicht ... Mir wäre es äußerst interessant zu erfahren, wie
... Ssergej Maximowitsch, den ich als Dichter liebe und schätze, darüber
denkt ...«
Tschetyrjow wurde plötzlich ebenfalls rot. Und ohne ihn anzusehen,
verstand Mishujew, daß ihm sein Gegner nicht glaube und meinte, Mishujew
suche ihn nur umzustimmen. Das schien ihm noch kränkender. Ein Gefühl
der Scham über seine Offenherzigkeit und trauriger Ratlosigkeit überkam
ihn. Er hielt Tschetyrjow aus vollem Herzen für einen feinfühligen und
ergreifenden Dichter und konnte nicht verstehen, warum ihn dieser
nachdenkliche, wahrheitliebende Mensch, der ihn fast gar nicht kannte,
bereits haßte und kränken wollte.
Mit schmerzlicher Mühe überwand sich Mishujew und sagte ebenso leise wie
früher:
»Ich meine es ganz aufrichtig ...«
Ein warmer, bittender Klang zitterte in seinen Worten.
Marussin wurde gerührt, als er sah, wie ein so großer, starker,
lebenserfahrener Mensch sanftmütig zu Menschen spricht, die ihn von sich
fortstoßen. Ein leichter Ärger gegen Tschetyrjow regte sich in ihm.
»Ssergej Maximowitsch will wahrscheinlich ausführen,« sagte er errötend
und seine guten Augen aufschlagend, »daß die Anhäufung von
Riesenvermögen in den Händen eines einzelnen Menschen ... ein Unsinn
wäre ...«
»Na, da hätten wir ja ein Stück aus dem sozialdemokratischen Programm,«
bemerkte Podgurski spöttisch.
»Der Millionär selbst, wie er steht und geht, als lebender Mensch, ist
meines Erachtens ein Unsinn!« fiel ihm Tschetyrjow schroff ins Wort.
»Was haben Ihnen nur die unglückseligen Millionäre getan?« Opalow
versuchte wieder, das Gespräch in ein friedlicheres Fahrwasser zu
bringen.
Aber diese Einmischung erregte Mishujew. Er las in den neugierigen Augen
Opalows verstecktes Vergnügen.
»Nein, ich möchte Sie bitten, Ssergej Maximowitsch, sich eingehender
auszusprechen,« sagte er kühl aber zwingend.
Opalow blinzelte unsicher und lächelte ungeschickt.
»Wie habe ich mich noch auszusprechen!« erwiderte Tschetyrjow düster.
»Was ich denke, das habe ich bereits gesagt. Ich halte das Leben von
Menschen, in deren Händen sich eine kolossale, ihnen nicht zukommende
Macht konzentriert, für sinnlos. Sie können sich doch unmöglich dem
Bewußtsein entziehen, daß sie an sich nicht eine Null, sondern noch
etwas Tieferes sind ... daß sie ohne ihre Millionen für niemanden mehr
nötig sind. Und da ergibt sich dann als logische Notwendigkeit für sie,
sich entweder in volles Nichts zurückzuziehen oder diese Macht
auszunützen. Wie aber kann sie ausgenützt werden? Was kann Geld, vieles
Geld, verschaffen? Ausschweifungen, Gewalt, Luxus ... Es wäre unter
solchen Umständen recht sonderbar, wenn man annehmen wollte, daß ein
Mensch allem dem leicht entsagen würde, was sich ihm so gefällig und
bequem in den Weg stellt. Der Reiche gefällt sich in Ausschweifungen,
Vergewaltigungen, ... im Despotismus ...«
»Aber doch nicht darin allein ... Z. B. Tretjakow[1] ...« warf Mishujew
leise hin.
»Was war denn Tretjakow,« schnitt ihm Tschetyrjow schroff das Wort ab.
»Ein gleicher Despot wie andere. Ein Mensch, der sein ganzes Leben
darauf verwendet hat, einen Druck auf die Kunst in der ihm genehmen
Richtung auszuüben. Der eine neue Strömung widerwärtigster Tendenzkunst
in Rußland ins Leben rief und die gesunde, normale Entwicklung unserer
Kunst für ein Dutzend Jahre aufgehalten hat ...«
Die schwache aber scharfe Stimme Tschetyrjows konnte nur mit Anstrengung
gegen den Restaurantslärm ankämpfen, sie klang angestrengt und böse.
[Fußnote 1: Tretjakow, ein reicher Moskauer Kaufmann, legte eine
Gemäldegallerie an, die als eine der größten und besten in Rußland gilt
und dem Publikum frei zugänglich ist.