III

Soeben war der abendliche Dampfer eingetroffen, und mitteilsame Feuer

brannten auf der anderen Seite der Bucht und spiegelten sich dort wie

bunte Blumengirlanden im dunklen Wasser wieder. Von diesem Ufer aus

konnte man keine Menschen erkennen, und die schwarze Masse des Schiffes

erschien rätselhaft, wie ein dunkles Seeungeheuer, das neben der Mole

aus der Tiefe aufgetaucht ist. Aber man hörte schon aus der Ferne das

schnelle Gerassel der anfahrenden Equipagen; man fühlte, daß in die

lustige Stadt gleich eine ganze Flut neuer Menschen, die das Ende der

langwierigen Reise angeregt hat, einströmen würde.

An diesem Tage machte Maria Sergejewna mit Parchomenko und seinen Damen

einen Ausflug in den benachbarten Kurort, und Mishujew ging allein

spazieren. Er schlenderte langsam über den Strand, vom Kurhaus und dem

Kurgarten, wo sich das Nachtpublikum drängte, möglichst entfernt. Er

fühlte sich so gut, wie seit langem nicht mehr. Der mondlose, zarte

Abend, mit seinem durchsichtigen, goldenen Sternenschmuck, die ruhigen,

rhythmischen Töne des leichten Wellenschlages, ergriffen stille,

zärtliche Saiten seiner Seele. Die argwöhnische Behutsamkeit, die ihn

die ganze Zeit über nicht verlassen hatte, verblaßte jetzt, und lautlos

singende Trauer senkte sich in sein Herz. Er wünschte allein zu sein,

sich etwas Nahes und Liebes ins Gedächtnis zurückzurufen.

Nachdenklich schritt er über die Strandpromenade, dort, wo sie leer und

still war, und leise, herzliche Gedanken zeichneten vor ihm tastend

bekannte, halb vergessene Gesichter wieder auf. Mishujew sah sie fast

körperlich mit offenen Augen, wie sie unfaßbar durch die blaue

abendliche Dämmerung zwischen den großen, blassen Sternen dahinglitten.

Allmählich kehrten seine Gedanken, wie auf einer Kreisbahn, zu der Zeit

zurück, als er nach seiner Rückkehr aus dem Auslande, ernüchtert von

sinnlosem Herumbummeln, seinem alten Freunde und dessen Frau, Maria

Sergejewna, begegnet war. Er war damals ermüdet, überreizt, bis zum Haß

gegen alle Menschen erbittert. Sie hatten ihn wieder mit einer ihm

ungewohnten Einfachheit ihres Verkehrs erwärmt, ihn in den engen Kreis

ihres hellen, gemütlichen Lebens gezogen; es gab viele Tage und Abende,

die voll der Zutraulichkeit, der Freude und dem eigenartigen Zauber, den

die Nähe einer schönen, guten Frau hervorruft, waren. Dann entstand

verborgene Liebe -- eine seltsame, anziehende Verbindung der keuschesten

Achtung und der schamlosesten, begehrlichen Phantasien. Und schließlich

kam der Augenblick, als in ihr die erst nur schüchterne Antwortsaite

erzitterte; dann mit einem Mal war alles, was ganz unmöglich schien,

woran er nicht einmal zu denken wagte, nahe geworden und umbrauste ihn

mit dem heißen Feuer weiblicher Leidenschaft. Neue Verwicklungen traten

ein; schmerzlich, abscheulich wie Alpdrucke. Lange hatte der schwere,

von vornherein aussichtslose Kampf ihres Gewissens gegen den

vorwärtsstürmenden Drang ihrer Körper gedauert. Da gab es grelle

Durchblicke tollen Glückes, wie an jenem Abend, als das strenge,

schwarze Kleid plötzlich zu Boden sank und das herrliche, nackte Weib

unterwürfig und schamlos wurde; aber das Glück ging in einem breiten

Sumpf niedrigster Heuchelei, Schande, unwillkürlichen Betrugs und Lüge

unter, die dem Menschen gegenüber, den sie beide liebten und achteten,

zur Infamie wurde, der Schmutz schwoll immer höher und höher an, stieg

bis an die Kehle, und als sie endlich kaum noch atmen konnten, kam es zu

einem kurzen, jähen Bruch.

Mishujew erinnerte sich, wie hell und leicht es um sie war, als alles

wohl oder übel beendet schien und sich ihnen ein neues Leben eröffnete.

Aber das Vergangene hatte seinen feinen Stachel zurückgelassen und

drehte ihn noch bis heute in der vernarbten Wunde um. Als die erste

Leidenschaft verflogen war, schien es Mishujew, daß ein furchtbarer, nie

gutzumachender Fehler geschehen sei. Die Leiden und Schwankungen, die

Maria Sergejewna erlebte, begannen ihm mit verborgener, giftiger Sprache

zuzuflüstern, daß er eine ganz erbärmliche Rolle spiele. Diese Frau

liebte ihren Mann und nur diesen, und er, Mishujew, der allein durch

sein Geld bemerkenswert war, hatte für sie nur zufällige Bedeutung.

Früher hatte sie so einfach und arm gelebt; jetzt wünschte sie ganz

unschuldig und naiv Glanz und Freude. -- Und weiter nichts ...

Wozu war es dann gut, drei Menschenleben zu vernichten? fragte er sich

mit Entsetzen.

Irgendwo durchlebt ein erniedrigter, verlassener Mensch einsam das

Mysterium seiner Schmach, die sich weder gut machen noch vergessen läßt;

eine junge Frau wurde von allem losgerissen, wie ein beiseite geworfenes

Spielzeug ...

Und in mein Leben trat nur ein käufliches Weib mehr ein, dachte Mishujew

mit peinigender Roheit, er fühlte selbst, wie sein Gesicht sich

verzerrte und zitterte.

Ich habe kein Recht, so von ihr zu denken! vielleicht liebt sie mich

wahr und aufrichtig! wandte er sich mit der Bemühung, die aufgetauchten

qualvollen Gedanken zu verdrängen, gegen sich selbst. Für einen

Augenblick wurde alles in seiner Seele durcheinandergerüttelt, aber bald

fühlte er wieder, daß der Gedanke nicht ertötet war, sondern sich nur

tief in sein Inneres verkrochen hatte, wo er unfaßbar, wie eine kleine

Schlange, die sich unter Steinen birgt, immer tiefer und tiefer fraß.

Mishujew warf den Kopf zurück, unterdrückte mit furchtbarer, fast

körperlicher Anstrengung die Erinnerungen; er ging lange die Promenade

hin und zurück, ohne festes Überlegen, nur mit formlosen Gedankenfetzen,

die er müde durch seine Seele streute. Der Abend wurde inzwischen immer

dunkler, immer tiefer und ruhiger glänzte der blaue Himmel, heller

prangten die Sterne über den Bergen, und die verstummende See seufzte

leicht und leise auf, als schliefe sie ein.

Wenn ich nur einen Menschen hätte, an den ich mich halten könnte! dachte

Mishujew plötzlich und erinnerte sich im selben Augenblick an einen

Menschen, der ihm in jener Zeit, als er frei mit dem Geld um sich warf

und von großangelegter schöpferischer Arbeit träumte, nahegestanden

hatte.

Ihn sehen, sprechen, dachte Mishujew mit naiver Sehnsucht; dabei

lächelte er unwillkürlich über die schwungvolle Gestalt des berühmten

Dichters Nikolajew, die mit einem Mal in der Dämmerung des südlichen

Abends unerwartet vor ihm auftauchte.

»Tut nichts, Bruder, wir werden uns schon durchsetzen! Wir sind eine

zähe Bande!« ertönte eine Stimme voll Kraft und Wagemut in der komischen

Aussprache der Wolgagegend neben ihm.

Mishujews Herz erzitterte.

Eine junge Dame in einem Reitkleid, das fest den prallen weiblichen

Körper umschloß, und ein kräftiger Tatar mit schiefen, wie auf Saiten

gespannten Beinen, trabten mit dröhnendem Hufschlag an ihm vorbei. Die

Dame lachte abgerissen und beugte sich auf den Sattel nieder, der Tatar

bewahrte seine majestätische Selbstgefälligkeit; doch kaum waren sie

vorüber, als sie auch schon in der Abenddunkelheit zerflossen.

Ganz mechanisch fühlte Mishujew seine Gedanken zu dieser Frau

hingezogen: vielen solchen Frauen stand er nahe. Ihre unergründlichen

Augen, ihre ausgemeißelten Arme, erhabenen Brüste, schlanke Taillen und

harte Schenkel liefen in fast lückenloser Reihe durch den zerfließenden

Nebel seiner Vergangenheit. Sie fielen ihm leicht zur Beute, nur

kosteten sie ihn mehr oder weniger. Mit geschlossenen Augen stürzten sie

sich unter den Goldregen, blühten unter ihm auf und wurden glatt und

gleißend wie gut gefütterte Panther.

Schon seit langer Zeit hatten sie aufgehört, Mishujews Leben zu

erheitern; schon seit langem blieb er auch, wenn er auf ihren

elastischen Brüsten, ihrem samtenen Körper, zwischen den in

leidenschaftlicher Qual erzitternden, weißen Beinen lag, doch nur der,

der er immer war, -- ein einsamer, suchender, trauertragender Mensch.

Mishujew ging weiter, und wieder begannen sich aus einem riesigen,

verwickelten Knäuel einsame Gedanken zu entwirren.

Von der Landungsbrücke rollte ihm schon eine ununterbrochene Flut von

Droschken entgegen, als wenn sie irgendwo einen Damm durchbrochen

hätten. Gesichter, Hüte, Pappschachteln und Koffer zogen vorüber;

unbekannte neue Augen leuchteten auf und verschwanden. Der Fahrweg der

Promenade begann unter dem ununterbrochenen Lauf der Räder lebendig zu

zittern und zu dröhnen. Mishujew sah sich alles mit Widerwillen an.

Wieviel da sind! ... Wer hat sie alle in die Welt gesetzt! dachte er

angeekelt. Vor ihm erhob sich ein riesiger, trüber Leib, den ein

unwiderstehlicher, ewiger Drang bis an den Himmel aufgebläht hatte, und

er sah aus ihm Millionen abscheulicher Geschöpfe, Gott weiß wozu,

hervorkriechen, durchschlüpfen, sich schütteln, über die Erde wimmeln --

von niemandem begehrt, niemanden interessierend.

Lärm und Dröhnen erschütterte die Strandpromenade wie ein Lawinensturz,

und verstummte dann in der Ferne, in den Straßen der Stadt, ebenso

schnell, wie es entstanden war.

Immer seltener und seltener rollten die Droschken vorbei; jetzt wurde

wieder das gleichmäßige, nachdenkliche Atmen des Meeres deutlich, als

stünde man an einem öden Ufer. Mishujew schritt noch einmal bis zum Ende

der Straße hinunter, an dem ein Kaffeehaus, das mit rotbefezten,

lärmenden Türken vollgepfropft war, aufleuchtete, und kehrte wieder

mechanisch um.

In der Nähe des Stadtgartens kamen ihm häufiger die üblichen

Spaziergänger entgegen. Ein Offizier mit einem Dämchen, das die

engumkleideten, biegsamen Schenkel beim Gehen wiegte, zwei oder drei

satte Herren mit blutig flimmernden Zigarren zwischen den Zähnen,

schlenderten vorüber. Dann umwehten ihn ein paar Backfische mit einem

zarten Aroma von Parfüm und dem leichten Hauch, der ihren Röcken

entströmte; ihr Gelächter und Geschwätz betäubte ihn für einen

Augenblick. Plötzlich sah er den alten General mit dem schmalen

Backenbart und den ungeheuerlich breiten, roten Hosenstreifen kurz vor

sich. Neben ihm ging ein hübsches Mädchen; ihre zarte Röte und die

keusche, strenge, vorschriftsmäßige Tracht des Mädchengymnasiums fielen

unwillkürlich sofort ins Auge.

Als der General Mishujew erblickte, geriet er in Hast. Er begann sofort,

ihn zu grüßen und ihm zuzulächeln, während er sein rechtes Bein etwas

unbeholfen hinter sich herschleppte. Sonst fürchtete er Mishujew und kam

nicht an ihn heran, heute aber wünschte er sehr, vor seiner Tochter mit

der Bekanntschaft eines leibhaftigen Millionärs zu renommieren, so daß

er es wagte. Aus seinen Augen und selbst aus seiner Stimme strahlte

kleinlicher, naiver Stolz; ungezwungener, als es nötig wäre, sagte er:

»Ah, Fjodor Iwanowitsch! Gehen spazieren. Was machen Sie?«

»Guten Abend,« sagte Mishujew rücksichtsvoll und doch mit einer für ihn

selbst unmerklichen Nuance von Hochmut und lüftete nachlässig den Hut.

»Gestatten Sie ... hier ... das ist meine Tochter Njurotschka,« stellte

der General vor. In seiner Stimme lag Schüchternheit, die aber nicht

durch die Person Mishujews, vielmehr durch etwas anderes in ihm

hervorgerufen schien.

Mishujew drückte ein kleines, bebendes Händchen. Das ganze Mädchen war

zittrig wie ein Vorfrühlingstag. Als sie ihre feuchten, dunklen Augen

auf Mishujew richtete, lächelte er ihr unwillkürlich zu. Auch sie

lächelte.

Sie gingen alle drei zusammen weiter. Der General war hastig und drosch

auf irgend einen Unsinn los, mit dem offensichtlichen Bestreben, das

verwirrte Mädchen zu ermuntern und ihr zu zeigen, wie freundschaftlich

er mit diesem Millionär stände. Anfangs wurde er sogar ohne Grund

vertraulich und machte nach einem ziemlich mißlungenen Scherz den

Versuch, Mishujew den Arm um die Taille zu legen. Doch rechtzeitig kamen

ihm Bedenken. Trotzdem mißfiel Mishujew schon der Anklang an

Vertraulichkeit; er wurde kühl.

Das Mädchen errötete fortwährend und blickte Mishujew nicht an. Er

konnte nur ihr kleines Ohr, die flaumweiche Haarlocke und den unfaßbar

zarten Umriß der errötenden Wange sehen. Sie schritt nach vorn gebeugt,

als schämte sie sich, und ihre Absätzchen klopften nicht laut und nur

unsicher auf. Wenn der General besonders schiefe Witze machte, senkte

sie den Kopf noch tiefer, und ihre Wange begann zu brennen. Doch sobald

Mishujew, unwillkürlich dem Wunsch nachgebend, sie aufzumuntern, etwas

Lustiges sagte, warf sie plötzlich den Kopf, dessen Kinn so mollig wie

ein Kissen war, in den Nacken zurück und lachte hell auf. Mishujew

blickte auf dieses Kinn: es war so abgerundet und zart, daß man glauben

konnte, bei seiner Berührung müßte man ein Gefühl der Wärme empfangen.

Unwillkürlich begann er liebenswürdig und lustig auf sie einzuwirken, um

sie nur zum Lachen zu bringen.

Sie hatte eine ganz wunderbare Art zu lachen: da beginnt zuerst etwas zu

klingen und reißt ab, dann schaut sie ihm mit den dunklen Augen gerade

ins Gesicht, ihr Blick geht in ein verschämtes Lächeln über und wird

plötzlich ganz ernst.

Sobald sie nur das erste Mal gelacht hatte, wurde es Mishujew froh

zumute, und ihm gefiel dieses Pärchen -- dieses mädchenhafte Weib und

selbst der gutmütige, ängstliche General mit den ungeheuerlich breiten

Hosenstreifen und den vorbeigelingenden Witzen. Auch machte es ihm Spaß,

daß der Greis sie »Kindchen« und sie ihn »Papachen« anredete. Das war so

naiv und schön.

Sie gingen durch den ganzen Park, wo sich die duftige, blaue Dämmerung

verdichtete und einsame Pärchen mit leisem, geheimnisvollem Lachen und

Flüstern umherstreiften. Leichte Stimmung ließ sich auf Mishujew nieder,

wie er sie seit langem nicht mehr gekannt hatte; er wurde einfach,

gesprächig und lustig. Er begann von seinen Auslandsreisen zu erzählen,

schilderte recht humorvoll, wie er sich auf der Spitze der

Cheops-Pyramide ausnahm und kam dann, um dem Mädchen vertrauter zu

werden, auf seine Gymnasialzeit zu sprechen.

»Sind Sie denn aufs Gymnasium gegangen?« Aus irgend einem Grunde

wunderte es den General.

»Ja, wir sind sehr einfach erzogen worden; auch unsere Mittel waren

damals bescheidener.«

Mishujew verstummte. Er rief in der Erinnerung das beinahe vergessene

Bild des Pennals hervor und mußte lachen.

»Was für komische Käuze hatten wir unter unseren Paukern.«

»Wir hatten auch solche --«

»Warum >hatten<? Sind Sie denn nicht mehr auf dem Gymnasium?« fiel ihr

Mishujew erstaunt ins Wort und sah sie lächelnd an. Ihm war es angenehm,

daß sie schon eine »Erwachsene« sein sollte.

»Nein. Ich habe es hinter mir ... schon lange ...« erwiderte das Mädchen

leise.

»Ach, was denn >lange<!« der General lächelte liebevoll, »es sind im

ganzen drei Monate!«

»Mir kommt es vor, als wäre Gott weiß wie viel Zeit vergangen,«

erwiderte das Mädchen noch leiser und fügte kaum hörbar hinzu: »so viel

Wasser ist verflossen! ...«

»So--o!« sagte Mishujew mit komischer Wichtigkeit, und plötzlich kam ihm

der Wunsch, sich einfach zur Seite zu wenden und ihr einen Kuß auf die

Backe zu drücken. Einen festen, reinen und vollen Kuß.

Er blickte sie aufmerksamer an und sah, daß sie ihm anfangs viel jünger,

als sie in Wirklichkeit sein mochte, vorgekommen war. Von der Seite aus

sah er die weiche Linie ihrer Brust, die dicht neben ihm abgerundete

Schulter und den Arm, den der Stoff des Kleides fest umgab.

»Und was wird nun? Auf die Hochschulkurse?« fragte er zärtlich.

»Ich weiß nicht ...« antwortete das Mädchen kaum hörbar und senkte den

Blick.

Der General krächzte und fuhr ungeschickt über seinen Backenbart.

Für eine Minute entstand Schweigen, und Mishujew fühlte, daß er eine

wunde Stelle berührt hatte. Sie taten ihm plötzlich leid, und ihm kam

der fröhliche Gedanke, daß sich alles eigentlich mit einem Schlag in

Ordnung bringen ließe. Aber ihm war es peinlich, davon anzufangen, und

um das Schweigen zu verscheuchen und das Mädchen aufzuheitern, begann er

wieder von seinen Lehrern zu erzählen.

»Wir hatten einen Mathematiker ... so dick und majestätisch wie der

vortragende Rat im Ministerium. Die ganze Stunde hindurch pflegte er aus

einer Ecke in die andere zu gehen und seine Lebensweisheit zu verzapfen.

Dabei war sie in einem einzigen Satz erschöpft. Ja, so schritt er durch

das Klassenzimmer, immer aus einer Ecke in die andere, drehte die Finger

vor dem Bauch und sprach, doch äußerst gravitätisch: >Es gibt

Phi--lo--sophen ... es gibt Männer der Ar--beit ... und es gibt

Lieblinge des Schicksals! ...<«

»Sie, Fjodor Iwanowitsch, hat er sicherlich den Lieblingen des

Schicksals zugeteilt,« lächelte einschmeichelnd der General und

trippelte kurz mit den Füßchen.

»T--ja ... Ein Mann der Arbeit konnte ich jedenfalls schwerlich genannt

werden.«

»Und ein Philosoph?« bemerkte das Mädchen neckisch, wurde aber sofort

verwirrt.

Mishujew lachte und fühlte wieder den Wunsch, sie zu umarmen und zu

küssen, unbedingt auf die Backe und so mit vollem Klang!

Aber das Mädchen senkte wieder den Blick. Immer noch drückte ihr ganzes

schlankes Figürchen leise Trauer aus.

»Ja, ja ...« Mishujew beeilte sich zu antworten. Ihn hielt der launische

Wunsch fest, daß sie nicht wieder schweigsam und traurig werden dürfe.

»Wir hatten auch einen Lehrer der Geographie. Hoch gewachsen, hager wie

ein Stock; wir nannten ihn nur >die Makkaroniröhre<. Der erklärte uns

immer das Sonnensystem mit verteilten Rollen: er selbst war die Sonne,

ich stellte gewöhnlich die Erde vor, ein kleiner Judenjunge -- den Mond

usw. Die Sonne hockte auf den Fußspitzen in der Mitte der Klasse und

drehte sich langsam um sich selbst, die Erde lief um die Sonne im

Kreise, der Mond sauste aus allen Leibeskräften um die Erde herum ...

Anfangs ging alles gut, aber bald kamen wir durcheinander, und es trat

eine Weltkatastrophe ein: der Mond rannte in die Erde hinein, Mars stieß

Jupiter mit dem Kopf vor den Bauch, und dieser majestätische Planet

setzte sich plötzlich auf die Sonne und verursachte ein vollkommenes

Chaos!«

Das Mädchen warf den Kopf in den Nacken, und ihr Lachen klirrte so

sorgenlos heiter durch die Luft, daß Mishujews Herz vor Freuden

mitklang. Er wünschte, daß sie weiter lache und begann von allem

möglichen zu plaudern, wie es ihm gerade in den Kopf kam, und obgleich

das, was er erzählte, äußerst unbedeutend war, brachte er es dennoch mit

solcher Komik heraus, daß es allen außerordentlich lustig schien. Das

Mädchen lachte nun ununterbrochen, warf den Kopf zurück und zeigte ihr

reizendes Kinn. Dem General traten vor lauter Lachen Tränen in die

Augen, und alle Passanten sahen sich nach den lärmenden Drei um.

»Ich hatte einen bekannten Diakon, in Ssamara ... Er war ein toller

Säufer! Kommt da jemand irgend einer heiligen Handlung wegen zu ihm. Da

tritt ihm die Diakonin entgegen und erklärt geheimnisvoll: Vater Diakon

könne jetzt nicht empfangen! ... -- Warum denn, -- ist er voll des

Spiritus ...? -- Jawohl, ja -- -- ganz voll! -- -- -- Ah, so! und der

Besucher entfernte sich teilnehmend.«

»Voll des Spiritus!« Das Mädchen lachte und blickte Mishujew nun wieder

gerade ins Gesicht, mit einem Ausdruck, als erwartete sie von ihm noch

eine Geschichte, die am allerlustigsten wäre.

Der General aber schleppte sich hinterher, hinkte und schwieg. Er war

mit einem Mal verstummt, und in seinem gerunzelten Gesicht spiegelte

sich irgend eine Unstimmigkeit wieder. Er erschrak über die unerwartete

Fröhlichkeit und Einfachheit Mishujews. In seinem Innern zu allertiefst

seiner Seele begann sich trübe Befürchtung zu regen. Er hatte ihr noch

keine Form gegeben; es war nur die schüchterne und ohnmächtige,

vogelartige Angst um sein reines, zartes Mädchen.

Diese reichen Herrschaften ... zuckte es durch seinen Kopf: für den da

wäre es nur eine Kleinigkeit ...

Die Vorstellung davon, was Mishujew mit seinem kleinen Mädchen anstellen

könnte, malte sich immer deutlicher vor ihm aus, war aber so grauenhaft,

daß der General sich fürchtete, sie in Gedanken festzuhalten.

»Njurotschka! ... Es ist wohl schon Zeit -- nach Hause ...« rief er sie

ungeschickt an.

Das Mädchen sah sich verwundert um.

»Es ist noch früh, Papachen!«

Der General murmelte etwas verwirrt vor sich hin. Sein Gesichtchen war

gerötet, die Äuglein liefen ganz sinnlos umher. Mishujew sah sich

ebenfalls nach ihm um und begriff instinktiv die feinsten Windungen

seines Denkens. Etwas Bitteres, Altgewöhntes regte sich in ihm. Zuerst

war es schmerzlich, aber gleich stieg irgendwoher, aus dunkelster Tiefe,

der scharfe versteckte Gedanke auf: Geld geben, auf die Hochschulkurse

bringen ... In gebrochenen, aber blitzgrellen Zickzacklinien wand sich

ihr blendender, junger, zum ersten Male entblößter Körper durch seine

Vorstellung; zitternde, naive Ausbrüche noch unerfahrener Wollust ...

Und dann die tolle, feurige Hingabe. -- Unwillkürlich blickte er das

Mädchen von der Seite an, und sie schien bereits nackt vor ihm zu

stehen; er sah ihre runden, bloßen Arme, die kleine, elastische Brust,

die weichen Haarlocken auf ihrer runden Schulter. Etwas schlug, wie eine

heiße Welle, an seinen Kopf, aber er kam sofort wieder zu sich.

Das Mädchen schaute auf und fragte etwas.

»Ja,« antwortete Mishujew. Er fühlte eine große Freude, daß diese

alpdrucksartige Vision verschwunden war. Er hatte den leidenschaftlichen

Wunsch, die Befürchtung des Generals, die er erriet, zu verscheuchen,

wieder schlicht, ebenmäßig, freundlich zu werden.

Er hat ja recht, wenn er mich fürchtet, dachte er schwermütig. Aber auch

ich habe keine Schuld ... so würde jeder andere an meiner Stelle

handeln. Was soll man tun ...

Mit großer Anstrengung gelang es Mishujew, die wieder heranrückenden,

gierigen und beherrschenden Gedanken beiseite zu drängen; doch wurde ihm

traurig, hoffnungslos traurig zumute, als befände er sich einer Macht

gegenüber, die stärker ist, als sein Widerstand.

Und Wort für Wort kam er, von diesem traurigen Bewußtsein und dem warmen

Gefühl für das reine zarte Mädchen ergriffen, auf sein Leben zu

sprechen.

»Wie glücklich Sie sind,« plapperte naiv Njurotschka. »Überallhin können

Sie reisen, alles sehen, erfahren! Wir sind jetzt zum ersten Mal in

Jalta und fühlen uns schon wie im Paradies!«

»Darin liegt ja gar nicht das Glück,« erwiderte Mishujew traurig: »leben

kann man überall; Menschen leben am Nordpol wie in Kamschatka, in der

Sahara und den Pinski-Sümpfen ... Und selbst, die dort leben, können

sich dazu erheben, sich eine eigene Poesie zu schaffen. Leben kann man

auch ohne Palmen, ohne Wärme, ohne große Städte. Das ist alles Unsinn

... reine Formsache. Nur eins kann der Mensch nicht entbehren --

Menschen. In der Einsamkeit wird der Mensch stumpf, schwach, wird

ohnmächtig und unnütz ...«

»Und mir scheint, ich könnte auch in einer Wüste leben, wenn nur Blumen,

die duften und Vögel und das Meer ...«

»Das scheint nur so,« lächelte Mishujew, »uns Menschen sind komplizierte

und tiefe Gefühle gegeben ... Und um sie mit Leben zu erfüllen, ist eine

Umgebung erforderlich, die ebenso kompliziert, fein und tief wäre. In

Himmel, Bäumen und Meer allein kann sich eine Menschenseele nicht

auslösen. Man kann noch soviel reisen und sehen ...«

»Ja. Aber Sie haben doch immer Menschen um sich soviel Sie wollen ...

Sie können doch soviel Gutes tun,« bemerkte Njurotschka schüchtern. Und

ehe er noch etwas erwiderte, fühlte sie, wie sich ihr Herz leise

zusammenzog.

Mishujew verzog seine Mundwinkel ein wenig; dadurch machte er auf sie

plötzlich einen überaus plumpen, krankhaften Eindruck.

»Ah!« sagte er bitter, von einer plötzlichen heißen Aufwallung

fortgerissen: »Gutes! wenn aber jeder, der zu einem kommt, nur um dieses

Guten willen kommt ...«

»Aber nicht jeder!« erwiderte das Mädchen mit eigentümlich

mitleidsvoller Hast.

Mishujew schwieg. In seiner Seele ging etwas Sonderbares vor: er war auf

sich äußerst ärgerlich, daß er so redete, daß er irgend einem Mädchen

gegenüber seine Seele entblößte; ein kühler Stolz preßte seine Lippen,

und dennoch wollte er sich gerne, ohne daß die rechte Gelegenheit war,

einfach aussprechen. Dieser Wunsch siegte.

»Vielleicht wirklich nicht jeder,« sagte er mit Überwindung. »Aber wenn

die meisten Menschen nur kommen, um Geld zu holen, so scheint es immer,

daß einer, der einfach, ohne Hintergedanken, mit offenem Herzen kommt,

sich nur verstellt, und im Innern seiner Seele dasselbe will. Daß auch

er nicht gekommen wäre, wenn er nicht Geld finden würde. Und da wird man

im Voraus argwöhnisch ... Manchmal überläuft einen solche Bitterkeit,

daß man alles von sich abstößt, grob und brutal wird ... Das ist

entsetzlich, wirklich!«

Etwas zitterte wieder in Mishujews Stimme, er kniff die Lippen ein und

verstummte. Wieder wurde es still und das Getöse des Meeres schien dem

Mädchen einsam und traurig. Sie wurde nachdenklich, und tausende zarte,

liebevolle Worte schwirrten durch ihren Kopf. Eine mütterliche

Zärtlichkeit erfüllte ihre mädchenhafte, naive Seele, sie wünschte ihn

zu liebkosen, zu trösten.

Der General schaute verwundert von hinten auf die riesige gebückte

Gestalt Mishujews. Anfangs glaubte er ihm nicht, er wurde sogar von

stärkerem trüben Schrecken erfaßt: ihm kam es vor, als wollte sich

Mishujew gerade in Njurotschkas Augen als Unglücklichen aufspielen. Aber

später schämte er sich dieses Gedankens und bedauerte Mishujew auf seine

besondere Greisenart -- mit väterlicher Zärtlichkeit:

»Mir scheint ...« begann das Mädchen leise.

Doch die Stimmung war bei ihm schon verflogen. Das kühle Denken bekam

Oberhand. Mishujew tat seine Offenherzigkeit vor solchen im Grunde

belanglosen Leuten, wie irgend einem General a. D. und seiner Tochter,

einer Gymnasiastin, die er sich einfach kaufen konnte, leid. Zwar wurde

ihm dieses Gefühl selbst peinlich und er wurde sich seiner Grobheit

bewußt; er zeigte sich aber trotzdem plötzlich hochmütig und kühl.

»Nein, das sind alles Bagatellen ...« fiel er ihr kühl ins Wort und fing

unvermittelt an, von etwas Unnötigem und Uninteressantem zu sprechen.

Njurotschka blickte ihn rasch an, aber Mishujews Gesicht blieb

regungslos und reserviert. Sie wurde plötzlich blaß, richtete sich mit

einem Male auf und starrte vor sich hin, während ihre Finger unter der

trüben, schmerzlichen Empfindung, verletzt zu sein, erzitterten.

Gleichsam, als wäre sie von jemandem entkleidet und verhöhnt worden, sie

und alles, was sie mit reiner, inniger Zärtlichkeit in sich entdeckt

hatte.

Der General versuchte Mishujew zu trösten, aber er benahm sich

ungeschickt, so daß er selbst verwirrt wurde und nur irgend welchen

Unsinn murmelte.

Als sie ans Ende der Promenade gekommen waren, hatten alle das Gefühl

peinlicher Öde; sie verstanden, daß es Zeit sei, auseinander zu gehen.

Der General fiel vollständig zusammen. Er wußte nicht, wie er ihrem

Zusammensein ein Ende machen sollte, wurde unschlüssig, trippelte mit

den Füßen und redete blödes Zeug über den Abend, das Meer, das Jaltaer

Leben. Mishujew schwieg und antwortete nur einige Male ohne

aufzublicken:

»Ja, das ist richtig ...«

»Sehen Sie mal, Fjodor Iwanowitsch ...« begann wieder der General, aber

gerade da zupfte ihn die Tochter am Ärmel und sagte, mit abgewendetem

Blick, leise, aber fest:

»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, Papachen ... Mir ist kalt.«

»Sofort, sofort, Kindlein,« beeilte sich erfreut der General. -- »Nun,

auf Wiedersehen, Fjodor Iwanowitsch, auf Wiedersehen.«

Er drückte lange die Hand Mishujews; er konnte sich nicht entschließen,

fortzugehen. Er hatte das Gefühl, daß noch etwas fehle. Njurotschka

wartete schweigend, blaß und traurig. Ihr taten alle leid -- sie selbst,

der Vater, und Mishujew und das Helle und Schöne, das gekommen und

wieder vergangen war. Es war ein Gefühl des Mitleids und der schweren

Verletzung, das ihr fast Tränen herauspreßte.

Sie lachte nur beim Abschied, über irgend eine Bemerkung des Vaters,

schwach und abgerissen, auf, warf aber doch das Köpfchen in den Nacken

und zeigte ihr reines zartes Kinn.

In der letzten Minute rührte sich in ihr eine warme Empfindung und sie

sagte mit klingender Stimme:

»Fjodor Iwanowitsch, darf ich Sie bitten, mit zu uns heranzukommen.«

»Danke schön,« erwiderte Mishujew kühl.

Das Mädchen errötete und ihre Augen wurden traurig, ratlos.

Den ganzen Weg schwieg sie und hörte darauf, wie der Kies surrend unter

ihren Füßen knirschte. Ihre Seele war von einem verwirrten Gefühl

erfüllt, als wäre irgend ein Glück abgerissen; ihr Mitleid mit Mishujew

wurde noch stärker.

Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen · 第 5 / 45 题