In heller Sonne erglänzte der Strand wie vergoldet, und selbst das Meer
am Ufer schäumig grün, in der Ferne blau, fast lilafarben, schien mit
goldenem Glanz überstreut zu sein, Sonne und Himmel atmeten, ferne Berge
verschwammen mit den Sommervillen, die außerhalb der Stadt wie
verstreutes Spielzeug im Grase auf ihren Abhängen lagen, in weißem
Glanz.
Das grellfarbige Publikum des Badeortes schob sich über die
Strandpromenade, bog breit wie ein Strom an dem ovalen Kurgarten um und
leuchtete so wandlungsreich bunt, daß es unmöglich war herauszufinden,
woher alle diese hellen Kleider, Hüte, Beine, Schultern und Gesichter
mit den lebhaften Augen kämen. Es sah aus, als vergrößere sich die Menge
ganz von selbst, wie ein schnell wachsendes Blumenbeet. Wirbelndes
Sprechen, Lachen und Klingen verflocht sich schrill über den Köpfen und
verband sich mit den Wellenschlägen an den Quadersteinen, dem schnellen
Gerassel der Equipagen und dem deutlichen Trommeln der Hufe zu einer
liebenswürdigen Musik.
Maria Sergejewna und Mishujew fuhren in einem leichten Jaltaer Wagen
über die Strandpromenade, und der weiße Schleier, der von Maria
Sergejewnas Hut herabwehte, schwirrte schnell an Pferdeköpfen vorbei,
zwischen würdevollen Kutschern und dem auseinanderfließenden Zuge von
Schirmen und Hüten.
Vor einem Laden, in dessen Schaufenstern kapriziöse Damenhüte wie
exotische Vögel und Blumen prangten, hielt der Wagen plötzlich an, als
wenn er an eine unsichtbare elastische Barriere gestoßen hätte. Leicht
und schnell, wie vom Wind getragen, sprang Maria Sergejewna vom Tritt
der Equipage direkt in die dunkle Tür des Ladens hinein.
Mishujew trat schwer, ohne sich seitlich umzusehen, auf das Trottoir und
trat hinter ihr ein.
Sofort stürzten einige höfliche Verkäufer und Verkäuferinnen mit
dienstbereiten Verbeugungen auf Maria Sergejewna zu, scharrten mit den
Stiefelsohlen und lächelten mit plötzlich belebten Mienen. Eine Minute
lang machte es den Eindruck, als drängte sich dort eine Schar
glücklicher, ergebener Menschen, die freudig eine lang ersehnte, gute
Freundin umringten. Wie von einem Wirbelsturm herausgerissen öffneten
sich im Nu Dutzende Kartonschachteln, und blaue, rote, bunte Bänder
flogen über Haufen weißer Hüte wie Blumen auf Schnee.
Es waren einfache Stoffhüte »Babyfasson« vorgelegt worden; Maria
Sergejewna wünschte sich einen auszusuchen. Sie glaubte, daß sie in
diesem Hut wie ein graziöses, mutwilliges Mädchen aussehen müßte.
Die Verkäuferinnen plapperten mit übertriebener Lebhaftigkeit, die
Verkäufer spreizten die Stimmen, um für Franzosen gehalten zu werden,
und durch die offene Ladentür drang das Getöse und die Farben der Sonne
hinein, und Maria Sergejewna wählte und suchte, während sie sich wie ein
Kind über das Spiel der Farben und Modelle freute. Sie glänzte mit den
Augen, lehnte ab, schwankte, lachte und war ununterbrochen in Bewegung.
Sie musterte ihre Figur im großen Spiegel und reckte sich mit dem ganzen
Körper, um ihr Profil sehen zu können. Und in jedem neuen Hut -- mit
blauen, roten, bunten Bändern -- auf dem schwarzen Haar schien ihr
matt-rosiges Gesichtchen noch schöner und jünger.
Mishujew saß inzwischen unbeweglich am Ladentisch, wie ein schwarzer
Fleck inmitten der lärmenden Menge, die schweren Hände auf den aufrecht
stehenden Spazierstock gestützt. Er sah schläfrig aus, wie ein nicht
ausgeruhter, kranker Mensch, der nichts mehr sieht, nichts hört -- nicht
Sonne, noch Lachen, noch weibliche Anmut, -- nichts, außer einer
unheilvollen Bewegung, die langsam, schweigsam sein Leben Schritt für
Schritt von innen heraus untergräbt, ohne daß er sich dagegen auflehnen
könnte.
Manchmal blieb sein Auge an dem niedlichen erregten Gesichtchen Maria
Sergejewnas haften, dann wendete er es wieder ab und stemmte den starren
Blick gegen den ersten besten Gegenstand, -- gegen die Tischecke, den
lackierten Stiefel eines Kommis oder die harten Schulterknochen einer
Verkäuferin, die wie selbstverständlich unter der koketten Seidenbluse
hervortraten.
»Theodor, schau mal her ... ich werde den hier nehmen. Ich glaube, er
steht mir gut, nicht? ... Oder den hier? ... Wie meinst du ... rate mir?
...« Maria Sergejewna fragte ihn; sie konnte die leichte Unruhe, die in
ihrer Stimme und ihrem Blick zitterte, nicht unterdrücken.
Ihr war froh und leicht gewesen. Die Szene vom Abend vorher hatte mit
einer leidenschaftlichen Versöhnung geendet; sie war fast ganz aus ihrer
Erinnerung geschwunden, verscheucht von Sonne, Lärm und dem Spiel des
Geldes, an dessen Hinauswerfen sie sich noch immer nicht gewöhnen
konnte.
Doch jetzt trübte das düstere Gesicht Mishujews ihre Freude. Es flößte
ihr Schrecken ein. Es erinnerte sie, daß Küsse und wollüstige
Zärtlichkeiten doch nur hinausschoben, was in ihr Leben eingedrungen
war, ohne es aufzulösen und zu vernichten.
... Sind wir damit wirklich noch nicht durch? Wird es wieder diese
widerwärtigen Szenen, die das Leben zur Last machen, geben? ... an der
äußersten Fläche ihrer Gedanken huschten die Fragen vorüber.
»Nun, welchen also? Sprich doch!« fragte sie nochmals, und schon klang
in ihrer Stimme die eigentümliche Nuance geheimer Bitten wieder, als
flehe sie ihn um Schonung an.
»Nimm alle,« antwortete Mishujew, der an etwas anderes dachte,
gleichgültig.
Sie lachte; alle Verkäufer und Verkäuferinnen lächelten entzückt. Einer
brüllte über den Einfall des Millionärs laut auf.
Mishujew sah ärgerlich die lachenden Gesichter an, er zog die
Augenbrauen zusammen. Sofort wurden alle ernst, und Mishujew, dem diese
augenblickliche, gefällige Veränderung der Mienen nicht entgangen war,
geriet in Empörung. Ein dringendes Verlangen, wie es ihn oft packte,
stieg ihm auch jetzt zu Kopf: sie anzubrüllen, jemand mit dem Fuß zu
treten, zu schlagen ...
-- -- So! Euch gefällt alles, wozu ich Lust habe? Schön! ... In seinem
Gehirn loderten tolle Worte auf, doch er blieb still und senkte nur
hilflos die Augen.
»Nein, warum bist du so ... Rate mir doch!« drängte Maria Sergejewna
kokett; Mishujew merkte, daß sie sich jetzt nur an ihn klammerte, damit
kein anderer herausspüre, was sie in ihm mit heißem Schrecken erriet.
Jetzt fühlte er Mitleid mit ihr; es erwärmte ihn. Doch in seiner Seele
wurde es noch trüber und hilfloser.
»Nimm den mit blauem Band ... Der steht dir am besten,« sagte er
klanglos.
»Wirklich!« Erfreut lächelte ihm Maria Sergejewna zu.
Sie hob beide Hände zum Kopf, und unter der weißen Bluse sah er
plötzlich ihren gekrümmten Rücken wie nackt; -- weich und erhaben.
Ein Verkäufer, der geknöpfte Lackschuhe trug, ließ einen
schüchtern-lüsternen Blick über sie gleiten, begegnete aber plötzlich
den Augen Mishujews. Im Augenblick klappte er zusammen, sein Gesichtchen
wurde schlaff und bedeckte sich mit einer Maske von Gefälligkeit und
Furcht.
-- Ungeziefer! -- dachte Mishujew mit jähem Anfall ekelnden Zornes und
sah dem Verkäufer starr in die Augen. Der schrumpfte sichtlich zusammen,
wurde dünner und kleiner. Fast eine Minute lang dauerte dieses
eigentümliche grausame Spiel, das Mishujew krankhafte Befriedigung
verschaffte. Er bemerkte, daß das Knie des Verkäufers, von einem zu
engen Beinkleid umschlossen, zitterte.
... Übrigens, dachte Mishujew mit der früheren trüben Schwermut weiter,
... wenn ich selber der Kommis wäre, so würde die da und ähnliche andere
ihm gehören, und ich müßte ihr wie ein Sklave verstohlene Blicke
zuwerfen.
Er wendete sich ab. Alles wurde ihm zuwider: dieses Gesindel, das vor
ihm auf dem Bauche rutschte, und diese Frau, die erst gestern von einem
rohen Wort verletzt war und ins Wasser gehen wollte, und sich heute
wieder von dem armseligen Vergnügen des Geldausgebens bis zur
Selbstvergessenheit fortreißen ließ.
»Bist du bald fertig? ... Gehen wir doch!« sagte er und erhob sich.
»Ja, ja, ich bin schon fertig. Ich habe mich schon entschlossen!«
beeilte sich Maria Sergejewna zu antworten. »Schicken Sie mir diesen ...
nein, nein, den da, ... den mit dem hellblauen!« warf sie hin, während
sie sich nach Mishujew umsah, der wie eine schwarze Masse in der hellen
Türöffnung stand.
»Gehen wir, bleiben wir ein wenig in den Anlagen,« sagte sie, als sie in
die Sonne heraustraten und auf allen Seiten von warmer, reiner Luft und
fröhlichem Lärm empfangen wurden.
»Gut,« Mishujew willigte vollkommen gleichgültig ein.
Sie hatten, den Equipagen ausweichend, schon die Straße überschritten,
als er laut angerufen wurde.
»Fjodor Iwanowitsch! warten Sie einen Augenblick!«
Am Trottoir hielt ein glänzendes Automobil, und hinter drei Damen, die
einem Strauß von Spitzen und Blumen glichen, streckte ein strahlender,
schneeweißer Herr einen hellgelben Handschuh hervor und winkte.
»Theodor, man ruft dich ... Parchomenko!« Maria Sergejewna berührte
Mishujew am Ärmel und nickte an seiner Stelle lächelnd dem schneeweißen
Herrn zu.
Parchomenko sprang von seinem Sitz herab, schwenkte jetzt seinen Hut
durch die Luft und eilte rasch auf Maria Sergejewna zu:
»Maria Sergejewna, Sie Zauberin! Und ich suche Sie in der ganzen Stadt.«
»Wirklich!«
Maria Sergejewnas kleines Händchen preßte sich kokett an seine Lippen.
Sie lachte.
Die Damen im Automobil nickten ihr mit den Hüten zu, der strahlende
Parchomenko lachte und verlegte allen den Weg, das Automobil spiegelte,
das Publikum sah sich nach ihnen um. Es schien, als hätte die ganze
Stadt, die Berge und Blumen begonnen, nur für sie zu leuchten, zu
glänzen und zu lachen. Ein schwindsüchtiger Pope, der mühsam seine
trübselig grün gewordene Sutane vorbeischleppte, blickte mit großen
glänzenden Augen auf sie hin und verschwand traurig; er löste sich
gleichsam in Glanz und Fröhlichkeit der Menge auf.
Ein junger Mann und zwei Damen gingen an der Gesellschaft vorbei. Sofort
fing der Herr eilig, als fürchtete er etwas Hochwichtiges zu versäumen,
an, seinen Damen zuzuflüstern, wobei er mit den Augen winkte:
»Das sind Mishujew und Parchomenko -- die Moskauer Millionäre! ...«
»Wo ist Mishujew? Welcher ist es?« Die Damen wandten sich voll Neugierde
um.
»Der dort mit der Dame steht ... der große Kerl ...,« der junge Mann
wies hastig hin, und zwei Paar aufgeregt neugierige Frauenaugen
richteten sich auf Mishujew.
Mishujew drehte sich herum, aber Parchomenko sah strahlend die Damen an.
»Sehen Sie, uns kennen hier schon alle Menschen, Fjodor Iwanowitsch!«
»Erlauben Sie bitte,« sagte jemand im Vorbeigehen; aus der gebrochenen
Stimme hörte Mishujew scharfen Haß hervor. Er sah sich um und erblickte
einen weißblonden jungen Mann, der unter einem schäbigen Jackett ein
blaues Hemd trug. Seine hellen und offenbar guten Augen schauten auf
Parchomenko mit einem im Grunde sanftmütigen Haß.
»Lassen Sie einen doch vorbeigehn,« wiederholte er noch leidender.
Parchomenko maß ihn mit einem raschen wegwerfenden Blick und trat
achtlos auf die Seite.
»Maria Sergejewna, wollen wir heute nach Suuk-Su fahren ... Gestern
haben wir es hin und zurück in zwei Stunden gemacht. Ehrenwort!
Wunderbar angenehm, mein Ehrenwort ... wie Vögel! ... Wir werden dort
Abendbrot essen und dann zurück! ... Bei Mondenschein hat es etwas
Bezauberndes, auf Ehrenwort!« schrie er ganz strahlend; offenbar bis in
die Zehenspitzen von der Freude über die eigene Existenz erfüllt.
Maria Sergejewna weigerte sich, mutwillig und kokett den neuen Hut
schüttelnd, der ihr in der Tat das Aussehen eines graziösen Mädchens
gab.
»Wir waren erst vorgestern dort!«
»Ja, aber im Auto ist es etwas ganz anderes. Über die Berge weg! Sie
können sich gar nicht vorstellen, wie leicht man von einem Berg auf den
anderen fliegt ... Ja, geradezu die Empfindung, als fliege man im Traum
... auf Ehrenwort!«
»Nun gut ... später. Jetzt will ich spazieren gehen. Gehen wir! Das Meer
ist heute wunderschön.«
Die drei Damen Parchomenkos, alles üppig blonde, phlegmatische
Schönheiten, stiegen lachend und wie im Spiele aus dem Automobil.
»Fjodor Iwanowitsch, warum sind Sie denn heute so mürrisch?« Parchomenko
strotzte vor Freude.
»Er ist jetzt immer mißgestimmt,« antwortete Maria Sergejewna für ihn,
als wäre sie selbst daran schuld, und berührte Mishujews Gesicht mit
einem schüchternen Blick.
»Sie sollten ihn doch dazu verleiten, ein Auto zu kaufen, -- das bringt
ihn augenblicklich in andre Stimmung. Aufblühen wird er,« lachte laut
Parchomenko. »Mit dem Auto kuriere ich mich jetzt in allen Nöten.
Ehrenwort, -- kein Scherz!«
Die Damen gingen zu viert voran, allgemeines Aufsehen erregend.
Parchomenko rannte neben ihnen her, steckte sie mit seiner lärmenden
Freude und Sicherheit an, wobei er ihnen fortgesetzt vor die Füße lief;
nur Mishujew schritt schwer hinterdrein. Während sie mitten durch die
festlich gekleidete Menge, die wie ein sonnendurchwärmter Bienenschwarm
summte, gingen, blickte Mishujew aufmerksam und lange in die Gesichter,
die ihnen entgegenkamen, als suchte er aus ihnen etwas herauszulesen.
Sie begegneten wieder dem schwindsüchtigen Popen und dem weißblonden
Menschen im blauen Hemd. Diesmal ging ein hochgewachsener, hagerer,
ernster Mann neben ihm. Mishujew kannte ihn; nun erinnerte er sich auch
an den blonden. Der Ernste war ein bekannter Schriftsteller, der andere
ein junger, schwindsüchtiger Dichter.
Der Schriftsteller warf einen flüchtigen, unfreundlichen Blick über die
Gesellschaft und wandte sich ab. Der Dichter sagte ein paar Worte zu
ihm, und in dieser Stimme wie in dem zornigen Blick des anderen lag ein
spöttisch-feindseliger Zug gegen Mishujew, Parchomenko und ihre
gutgepflegten, schönen Damen.
Bald von der Sonne überstrahlt, bald im Schatten der Schirme, zogen in
bunter Reihenfolge männliche und weibliche, hübsche und häßliche
Gesichter vorüber. Ein lebendiger Kaleidoskop, der sich in jedem
Augenblick veränderte, rollte vor ihren Augen ab, und Mishujew verfolgte
mit gewohnheitsmäßiger, krankhafter Unruhe dieses einförmige,
eigentümliche Spiel: er sah, wie alle die gleichgültigen menschlichen
Augen, die flüchtig über die herankommenden Gesichter glitten, plötzlich
auf ihm haften blieben und den Ausdruck stumpfer Neugierde annahmen. Das
war alles so gewohnt und eintönig, daß es Mishujew mitunter vorkam, als
habe die ganze festliche Menge nur ein einziges -- ein flaches Gesicht,
das ihm über alle Maßen widerwärtig war.
Die Damen und Parchomenko lachten laut auf, Mishujew ging hinter ihnen,
und das Gefühl der Einsamkeit, die ihm längst zur Gewohnheit geworden
war, lief unablässig neben ihm her. Er wünschte, fortzugehen, wo nichts
und niemand um ihn wäre -- weder Sonne, noch Menschen, noch Lärm. Dort
stehen bleiben und lange, sehr lange ganz still für sich stehen. -- --
Der freudestrahlende Parchomenko wandte sich um und rief ihm etwas zu.
Irgend eine Abgeschmacktheit, ohne Sinn und Witz, aber sonderbar
aufdringlich durch das zur Schau getragene Selbstbewußtsein, daß alles,
was er sprach, schön und äußerst interessant sein müßte.
-- -- -- Dieser glückliche Trottel -- dachte Mishujew, während er auf
seine Füße hinunterschaute; plötzlich regte sich stumpfer Neid in ihm.
Wollte man diese Empfindung in Worte übersetzen, so wäre der Unsinn
herausgekommen: -- ach, wenn ich doch solch ein Idiot wäre! Dann könnte
ich ebenfalls glücklich sein wie er, mit meinen Automobilen, Millionen,
Maitressen, mit all den Menschen, die mich selbst gar nicht bemerken,
sondern nur das, was nicht meine Person ausmacht, die mich fürchten,
hassen, an mir kleben bleiben.
»Hier kommt auch unser General!« rief Parchomenko. »General, kommen Sie
doch her! Ohne Sie ist es langweilig!«
Ein alter General mit breiten roten Streifen und einem verschrumpften,
rosigen Gesichtchen auf einem Hals, dünn wie bei einem Küchlein, den der
schmale, graue Backenbart nicht zu verdecken vermochte, lief, die Füße
nachschleppend, auf sie zu. Er begann, den Damen mit freudestrahlendem
Gesicht und kraftloser, greisenhafter Koketterie die Hände zu küssen.
Man sah ihm an, daß er im voraus fürchtete, fortgejagt zu werden.
Parchomenko zeigte eine Freude, als wäre ihm ein amüsantes Spielzeug
gebracht worden.
»Nun, wie ist's, General, hat der Dampfer von gestern viel hübsche
Frauen gebracht? Hat Ihr Herz oft gezuckt?« er lachte laut und drehte
sich vor den Damen, die auf der Bank Platz genommen hatten, auf den
Stiefelabsätzen herum.
»Wußten Sie schon, Maria Sergejewna,« wandte sich Parchomenko zu ihr,
und man sah seinem rosigen Gesicht an, daß er im Begriff war, etwas
ungemein Geistreiches zum Besten zu geben, »der General geht jeden Abend
zur Landungsbrücke; er will der Unvorsichtigen nachstellen, die sich ihm
anvertrauen würde ... Er ist ein Don-Juan, wie er im Buche steht. Auf
Ehrenwort, -- ohne Spaß!«
»So, General -- und ich wußte gar nicht, daß Sie so gefährlich sind!«
Eine der blonden Damen Parchomenkos redete ihn gedehnt mit voller,
schmachtender Stimme an.
»Oh, Sie kennen ihn eben nicht!« Parchomenko verschluckte sich vor
Entzücken; »jeden Abend läuft er hin. Nur wird er von diesen
hartherzigen Damen leider so unhöflich wie möglich behandelt: er sucht
an jedem Abend für sie Wohnungen, er schleppt ihre Sachen, er zahlt die
Droschkenkutscher, und am nächsten Tag laufen sie, -- Gott sei's
geklagt! -- mit irgend einem Fähnrich über die Boulevards, und der
General wandelt wieder zum Dampfer hin! Auf Ehrenwort, -- -- -- ohne
Spaß!«
»Was Sie sagen!« Die üppige Blonde tat äußerst erstaunt.
»Sie müssen stets etwas ausdenken, Pawel Alexejewitsch!« verteidigte
sich der General und errötete.
»Ja, reden Sie nur! Ich etwas ausdenken! Und wer hat Sie vor drei Tagen
in Dschalita mit einer Gymnasiastin erwischt? wie, -- was?«
»Aber, bei Gott ist es wahr, Pawel Alexejewitsch ... das war meine
Tochter Njurotschka! was wollen Sie, bei Gott! ...« sein Gesicht wurde
noch röter.
»Eine Tochter? Wir kennen sie schon -- -- diese Töchter!«
»Nein, wirklich, meine Tochter ... Njurotschka!«
»Daß sie Njurotschka heißt, glaube ich schon! Und daß ...« Parchomenko
hielt sofort wieder ein und kniff die Augen zusammen; offenbar bereitete
er einen recht pikanten Witz vor. »Übrigens ist es schon glaublich, daß
Sie nur noch väterliche Gefühle hegen können. Sehr möglich!«
Die Damen lachten, ihre Blicke etwas gesenkt, mit jenem eigentümlichen
über die Lippen gleitenden halben Lächeln, in dem noch ein besonderes
weibliches Geheimnis zu lauern scheint.
Der General kicherte ebenfalls, doch in seinem freundlichen Gesichtchen
zeigte sich ein schmerzlicher Zug, als könnte seine Njurotschka dadurch
verletzt sein. Einen Augenblick wollte er sich einfach umdrehen und
fortgehen, wagte es aber nicht und kicherte nur krampfhaft weiter.
»Dats ist wunderbar, dats ist wunderbar,« murmelte er, während seine
Äuglein ratlos umherliefen.
»General,« plötzlich leuchtete Parchomenko noch intensiver auf, »warum
sagen Sie immer >dats< und nicht >das<? Damit es sich komischer ausmacht
oder haben Sie einen hohlen Zahn?«
»Sage ich denn dats?« Der General errötete.
»Aber natürlich, dats! Sagen Sie doch: das! So -- -- -- deutlich: das!«
»Ist es denn nicht ganz gleich?«
»In keiner Weise gleich ... Das ist ja furchtbar komisch! Auf Ehrenwort!
Nun, sagen Sie mal: das!«
Der Alte lachte, und seine greisen Wangen wurden immer rosiger.
»Nein, Sie müssen es rausbekommen!« Parchomenko ließ nicht von ihm ab.
»Dat--s!« sagte der General mit heldenmütiger Anstrengung.
Parchomenko drehte sich vor Entzücken auf den Absätzen herum. Die Damen
lachten. Auch Maria Sergejewna lachte und hob ihr feines Profil empor.
»Das, das, General!« schrie Parchomenko. Sein strahlendes Gesicht war
von Wonne übergossen. Er sah aus, als wollte er zurufen: Immer lustiger
noch, alter Spaßvogel! ... Du siehst ja, ich bin in guter Laune ... Nur
los!
»General, Sie sind der geborene Komiker ... Auf Ehrenwort!« schrie er
unter Lachausbrüchen.
Der alte General lächelte verwirrt, und seine Wangen glänzten hilflos.
Maria Sergejewna hatte mit dem Alten, nach dem sich schon die
Spaziergänger umsahen, Mitleid. Sie sprach mit ihm weich und zärtlich,
erkundigte sich nach seiner Gesundheit und nach der Tochter, der
Gymnasiastin, die sie einige Minuten vorher in einem Haufen anderer,
ebenso junger und fröhlicher Mädchen gesehen hatte. Der Alte schmolz
sofort unter ihrer Zärtlichkeit und lächelte jetzt ganz anders, während
er ihr nach Greisenmanier, wie ein gestreichelter, altersschwacher
Kater, den Hof machte.
Aber Parchomenko begann wieder geistreich zu werden und ihn zu necken.
Mishujew blickte auf sie; es widerte ihn an; der Alte tat ihm leid. Er
wollte ihn in Schutz nehmen, bekam aber kein Wort heraus.
Der junge Dichter und der ältere Schriftsteller kamen wieder an ihnen
vorbei. Mishujew hörte, wie aus einer Gruppe junger Menschen, die auf
einer benachbarten Bank saßen, einer rief:
»Seht mal dort, seht ... da kommt Tschetyrjow und Marussin!«
»Wo, wo denn?«
Gespannte Mädchenblicke begleiteten die gebeugten Gestalten der beiden
Poeten, die sich langsam in der bunten, festlichen Menge entfernten, von
ihr wie ein trauriger Fleck geschieden. Mishujew hörte, wie in der
jungen Gesellschaft eine heftige Diskussion über Tschetyrjows Talent
losbrach.
Als wäre diese Begegnung schuld, wurde ihm mit einem Mal traurig zumute;
wieder zog es ihn von hier fort irgendwohin, wo er allein bleiben und
lange -- lange stehen könnte, ohne etwas zu sehen, etwas zu hören.