Gediegenes Gold kann nicht für sie
gegeben werden, und Gold nicht
zugewogen werden als ihr Kaufpreis.
Hiob 28, 15.
I
Zwischen dem dunklen Himmel und dem Meer schwebte der Schein des Mondes.
Rund und klar stand er, gleichmäßig wie ein Rauchschleier, über dem
Horizont. In den Ästen der Gartenbäume schwankten und hüpften kleine
bunte Lampions, als wären sie ein Schwarm feuriger Kolibris, an
unsichtbaren Drahtfäden auf und nieder. Von der sinnlos beleuchteten
Bühne her, wo ein schwarzgekleideter Kapellmeister komisch wie ein
Hampelmann Arme und Frackschwänze herumschleuderte, als ob er in jedem
Augenblick davonfliegen wollte, wirbelten festgeprägte Geigentöne nach
allen Seiten, sprangen auf, lachten, sangen, und flogen in leichtem
kapriziösem Reigen durch die dunklen Bäume zum offenen, lichtbegossenen
Seestrand hinaus. Dort tanzten sie vor den Blicken des hellen Mondes,
unsichtbar und unbestimmbar in ihrem gespensterhaften Augenblicksleben.
Seine kraftvollen Arme auf dem kalten Marmor des Tischchens verschränkt,
blickte Mishujew in finsterem Schweigen zur Seite. Sah er auf die Bühne,
schien ihm seine Umgebung voll sinnlosen Lärms und kleinlicher Hast,
wenn er sich aber dem Meer zuwendete, dann war alles majestätisch-ruhig
und nachdenklich-frei, wie der hohe helle Mond selbst.
Sein welliger, blonder Bart und die massigen Schultern erweckten die
Vorstellung schwerer Kraft und harter Willensstärke, aber seine Augen
waren ungesund, eingefallen, als wenn sie den Tod in sich trugen.
Am benachbarten Tisch zechte eine kleine Gesellschaft: die Herren mit
Hüten, welche unternehmend auf den Seiten eingeknickt waren und
reizvolle Frauen mit auffallend schönen Gesichtern und unnatürlich
blaugeschminkten Augenlidern. Man lachte sehr laut, stieß gegenseitig
mit wespenschlanken Kelchen an und witzelte ohne Unterlaß. Bei jedem
Scherz erhoben sie ihre Stimmen und schauten sich nach Mishujew um,
wobei sie unwillkürlich ein glänzendes, erwartungsvoll suchendes
Aussehen annahmen. In der Nähe standen vornübergebeugt die Kellner,
hielten zärtlich ihre weißen Servietten unter dem Arm und wandten kein
Auge von Mishujew ab, als wären sie bereit, sich auf seinen ersten Wink
kopfüber ins Meer zu stürzen.
Mishujew sah alles das und bemerkte doch nichts. Früher hatte es ihn
zuweilen noch amüsiert, jetzt war es ihm nur zu ärgerlicher Gewohnheit
geworden, wie die Luft, von der man sich niemals trennen kann und die
man dabei selten notwendig hat.
»Theodor, warum siehst du heute so verärgert aus?« fragte ihn Maria
Sergejewna, während sie mit den Fingern schüchtern über seinen
gespannten Ellbogen fuhr.
Sie trug ein herausfordernd schönes Kleid, das ihre Füße nur ganz wenig
freiließ. Auf ihrem dunklen üppigen Haar schwankten die zarten Blumen
ihres Hutes, die traurig zu den angeschminkten Wangen, den müde
flimmernden Augen und den leidenschaftlich roten Lippen paßten.
Schwerfällig wie ein kranker Bulle schob ihr Mishujew seinen breiten
Kopf entgegen, blieb aber stumm.
Sie war noch immer so erregend schön, wie ehemals, und ebenso leuchtete
noch ihr ungewöhnlich gepflegter Körper durch die schwarzen Spitzen. Bei
ihrem Anblick überkam alle Männer die drängende Vorstellung von irgend
welchen unmöglichen, märchenhaften Genüssen. Doch in Mishujew war durch
die einfache Tatsache, daß sie ihren eigentlichen Namen -- Maria
Sergejewna -- verloren hatte und jetzt Mary hieß, und daß sie ihn nicht
mehr »Fedja« und »Sie« nannte, sondern mit »Theodor« und »Du«
anzusprechen begann, daß sie ihren Mann verließ, um mit ihm
zusammenzuleben, -- durch dies alles war in ihm die ehrfurchtsvolle
Leidenschaft, die er für sie noch bis in die letzte Zeit empfand,
ertötet worden. Von Zeit zu Zeit schlug kalter, unerklärlicher
Widerwillen in ihm hoch.
Selbst wenn Mishujew ihren nackten unterwürfigen Körper, der schüchterne
Liebkosungen heischte, mit bestialischer Gier zerquetschte und küßte,
hatte er nicht mehr das einstige Gefühl der Lust, sondern nur ein
schales, grausames Vergnügen, unnatürliche Lagen, die ihr Schmerzen,
Erniedrigungen brachten, zu erfinden.
Es schien, als rächte er irgend etwas an ihr, worunter er selbst
unaussprechliche Qualen litt.
Maria Sergejewna verstand den Grund, und so wurden ihre Augen schüchtern
und traurig, als wagten sie nicht, um Schonung zu bitten.
»Gehen wir,« sagte Mishujew kurz, während er die neugierigen Blicke der
Umsitzenden scharf auffing, und stand auf.
Sie erhob sich sofort eilig mit ihrer gewöhnlichen, anziehenden
Ungeschicklichkeit, die Mishujew früher fast zu Tränen gerührt hatte.
Bald verwickelte sie sich in die Spitzen des Rockes, bald ließ sie das
Taschentuch, dann den Pompadour fallen, und erschrak jedes Mal in
komischer Schüchternheit; schließlich ging sie neben ihm.
Sie stiegen an den Strand hinunter, wo allein die dunkle See und der
helle Mond herrschten, und setzten sich am äußersten Ende des Seestegs
auf eine Bank. Vor ihnen und zur Rechten und Linken und zu allen Seiten
breitete sich die See aus; in dem glänzenden Wasser wirbelte ohne Ruhe
eine Säule aus Mondenschein. Ein endloses Tonwogen aus Geräuschen,
Plätschern und dumpfen Schlägen gegen die Mole, in der die ganze Zeit
hindurch eine kristallene Stimme, die immer lauter klang und doch nicht
vernehmbar war, ertönte, schwebte ununterbrochen über der uferlosen,
stürmenden Meeresfläche und griff in rätselhafte, traurige Saiten; es
rief Erinnerungen und unfaßbare Verzweiflung in der innersten Tiefe der
Seele wach. Von Zeit zu Zeit trieb ein elastischer Wind heran, dann
prickelten unsichtbare Wassersplitter mit feinem kaltem Staub auf
Gesicht und Händen; Schauer durchdrangen die beiden.
Mishujew starrte auf die Mondlichtsäule, die sich im
melancholisch-dunklen Wasser drehte, und schwieg. Wie immer, wenn er des
Nachts in die Tiefe schaute, zitterte in ihm ganz still ein triebhaftes,
schwermütiges Gefühl. Es rührte sich kaum merklich und zwang ihn doch,
das zu vergessen, was um ihn war. Alles wurde leer und finster.
»Ich wollte mit dir sprechen, Theodor,« sagte Maria Sergejewna; vom
ersten Worte an tönte aus ihrer Stimme die Furcht heraus, daß er auf sie
zornig werden könnte, bevor er sie noch gehört hätte.
Mishujew schwieg; es schien, als vernähme er in dem Geräusch und dem
Klatschen der Wellen, die unter der Brücke verrollten, ihre Stimme gar
nicht. Am Ufer entlang, soweit es nur im Mondenlicht sichtbar war, legte
sich ein blanker Streifen Gischt und schmolz wie Schnee; hinter ihm
rückte bereits, prasselnd und schwellend, eine neue Welle heran.
Maria Sergejewna blickte mit Augen voll unsichtbarer Tränen auf
Mishujew, stand auf und zerrte krampfhaft am Taschentuch.
»Es ist nicht zum Ertragen!« sagte sie mit gepreßter, schwacher Stimme;
sie fühlte, wie sie ebenso unter der Erniedrigung als unter dem kalten
Wind erzitterte. »Weshalb quälst du mich?«
Ohne sie anzusehen, zuckte Mishujew hartnäckig mit den Achseln.
Maria Sergejewna schwieg; sie fuhr nur fort, am Taschentuch zu zerren
und am ganzen Körper zu zittern; wunderbar zart und elegant hob sie sich
auf dem Hintergrund der ungeheuren wogenden Fläche ab.
»Ich halte es nicht mehr aus ...,« sie sprach schnell und steigerte die
Stimme mehr und mehr; »du hast kein Recht, mich zu verachten ... hast
kein Recht, mich zu quälen und zu erniedrigen! Wenn ich auch deinen
Millionen gegenüber nicht standhalten konnte, wie du behauptest ...«
»Nichts behaupte ich,« erwiderte Mishujew finster und starrte unverwandt
in die Lichtsäule, die mit Milliarden tanzender blauer Sterne in den
Wellen glitzerte und am Horizont in ein geheimnisvoll helles, scharf vom
finsteren Himmel abgeschnittenes Märchenreich zerfloß.
Wieder schwieg Maria Sergejewna, von qualvoller Ratlosigkeit verwirrt
und zerdrückt. Ihr ganzes Wesen empfand, daß er es ihr gegenüber
behauptet hatte, trotzdem aber wollte in ihrer Erinnerung kein
beweisendes Wort auftauchen. Sie fühlte sich nur in kalter Leere
widerstandslos versinken; sie war so schwach und hilflos geworden, daß
sie unterging, ohne zu wissen, welch Wort noch gesagt werden könnte, wie
und gegen wen sie sich verteidigen müßte.
»Aber du glaubst es ... ich weiß ... und wenn es selbst wäre, so ... Du
hast es ja selbst gewollt ... nun gut, ja ... nicht standgehalten!
Wollte einmal aus dem Vollen leben ... meinetwegen ...!« Maria
Sergejewna drückte in voller Verzweiflung beide Hände an die Schläfen.
»Aber welchen Preis habe ich für diese Millionen bezahlt, sie haben mich
meiner Seele beraubt ... ich lernte es, mich als das verworfenste Ding
... Irgend was! Entweder ... oder ... oder ... Wie du willst, kann ich
aber nicht mehr weiter ... kann nicht mehr! Ich ...«
Sie verlor sich in ihren Worten; sie schaute nur mit zerbrochenem,
kraftlosem Blick in die furchtbare Finsternis des Wassers. Ihre Hände
flogen; ihre Lippen bebten.
»Wenn du dich selbst so einschätzst, -- -- so als das verworfenste Ding
-- -- -- welche Stellung soll ich dann zu dir nehmen?« fragte plötzlich
Mishujew, ohne seine glänzenden Augen vom Wasser abzuwenden.
»Ah!« schrie Maria Sergejewna ganz entgeistert auf, ließ den Pompadour
und das Taschentuch, die im Augenblick ins Meer gerissen wurden, fallen,
bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und ging schnell fort, fast
laufend; sie verwickelte sich in ihr langes Kleid, das der Wind sofort
erfaßt hatte. Die schlanke Frauengestalt schwankte schattengleich in dem
leeren, windigen Raum, der über der finsteren, unaufhörlich am Ufer
zerbrechenden Wasserfläche lag.
Mishujew begleitete mit seinen Blicken dieses winzig weiße Stückchen
Stoff, das sich über dem Kamm der schäumigen Wellen hoch emporzuheben
schien und dann plötzlich in der Schwärze der eingesunkenen kalten Tiefe
verschwand.
Etwas Warmes regte sich in seiner Seele.
Er ging ihr nach, ohne sich selbst in Gedanken darüber klar zu werden,
und holte sie bald ein.
Ihre kleinen, abfallenden Schultern waren eingezogen, und über ihnen
schimmerte die feine Linie des im Mondlicht erblaßten Halses. Als sie
seine Schritte hörte, blieb sie augenblicklich stehen, hob aber den Kopf
nicht an, sondern hielt wie vorher das Gesicht mit den Händen bedeckt
und den großen hellen Hut gesenkt; zart, niedlich und bis zu Tränen
bemitleidenswert.
»Nun, genug doch ... Mä...russja,« rief Mishujew, ihren früheren Namen
mit dem jetzigen verwechselnd in plötzlich erwachter inniger
Zärtlichkeit und legte den Arm um ihre Schultern. »Verzeihe mir ... Ich
wollte dich nicht kränken!«
Er erwartete, daß sie ihn launisch zurückstoßen, ihre Hände losreißen
würde und kühl und fremd bliebe, er empfand bange Furcht davor. Er
fühlte, daß er dann vollständig einsam wäre. Aber sie legte nur ihren
Kopf an seine Brust und schob ihr Gesicht mit unruhig fragendem Schimmer
in den Augen, die vom Mondenschein und Tränen geweitet waren, seinen
Lippen entgegen. In ihren feuchten Pupillen und in den Mundwinkeln, um
die ein leidendes Lächeln glitt, sah Mishujew den demütigen,
erfreut-vergebenden Ausdruck, wie ihn geprügelte und wieder geliebkoste
junge Hunde und kleine Kinder haben.
Im Augenblick war dieses Gefühl der Wärme und des Mitleids, das ihn
selbst angenehm berührt hatte, wieder verschwunden, als wäre es nie
gewesen; es hatte nur eine Kühle von Ärger und wachsender Erregung
zurückgelassen. Er küßte sie kalt auf die warmen, feuchten Lippen und
sagte, indem er ein wenig zurücktrat:
»Sei bitte nicht so launisch ... Das wird auf die Dauer langweilig ...
was willst du eigentlich ... ich begreife dich nicht!«
Er schwieg, blickte starr auf die Seite und fügte hinzu:
»Ist Zeit nach Hause zu gehen ...«
Sie lächelte verwirrt, als wollte sie sagen: verzeihe mir -- --
vielleicht hatte ich wirklich Unrecht, ich weiß es nicht -- -- mir
schien, daß du mich nicht liebst, -- -- daß du mich verachtest; -- --
und das ist ja unerträglich schwer ...
Sie geriet in Hast. Schweigend gingen sie nebeneinander her. Der weiße,
kühle Mond und das unaufhörlich rauschende Meer blieben hinter ihnen
zurück; ihnen entgegen flog schon ein Schwarm tanzender Töne. Doch immer
noch war etwas Fremdes zwischen den Beiden.
Als sie nach Hause fuhren, fühlte Mishujew an seinem Schenkel die
Berührung ihres elastischen Körpers, der unter trockenem, sprödem Stoff
verschwand, sah ihr feines wie mit lichtlosen Farben gemaltes Profil,
den Kopf, wie von einer unerträglichen Last gebeugt und fragte sich, was
zwischen ihnen wäre ... zwischen ihm, dem Manne, der sie so viele Jahre
hindurch verehrte, ohne daß er gewagt hätte, sich ihre Nacktheit, ihre
Liebkosungen in Gedanken vorzustellen, und ihr, der reizenden, gütigen
Frau, die ihren stillen Gatten so stark geliebt hatte, sich so einfach,
wie eine ältere Schwester, zu ihm selbst verhielt und sich ein so
keusches und reines Aussehen bewahrte, trotzdem sie verheiratet war.