Seit etwa einem halben Jahr ging die Euphrosyne vom Plattenhof auch

schier gar nicht mehr aus der Kirche heraus, und im Dorf munkelte

man allerlei, und nicht gar freundliche Randglossen machte man. Die

drei Geschwister, die „einschichtig“ auf dem abseits an steiler Halde

liegenden Plattenhof hausten, waren nicht beliebt bei den Dörflern.

Man verdachte ihnen ihr besonderes Wesen. Die drei hatten bei dem

frühen Tod der Eltern beschlossen, gemeinsam den Hof zu behalten, um

die Erbteilung, die jedem wenig gelassen hätte und den Hofbesitzer mit

Schulden belastet hätte, zu umgehen. „Der Karli hät halt in en Hof

ihirote solle, ’s Euphrosyne in e Dienscht gehe un der Gottlieb eini

mit Geld uf de Hof nehme. No wär’s scho gange. Anderi maches au eso,“

meinten die Dorfweisen, und die Plattenhofbuben und ’s Maidli, wie die

drei ihres ledigen Standes wegen immer noch genannt wurden, obwohl

der Karli fünfzig, die Euphrosyne achtundvierzig und der Gottlieb, der

Jüngste,[1] sechsundvierzig Jahre alt war, wurden ziemlich gemieden

von den Nachbarn. Nur der geistliche Herr besuchte sie öfters auf

ihrer Höhe, weil sie halt gar so fromm waren und für die Kirche immer

einen offenen Beutel hatten. Aber gerade das, daß man wissen wollte,

der zuletzt Überlebende solle den Hof der Kirche hinterlassen, das

machte erst recht bös Blut unter den Bauern. „E paar hundert Märkli

für Seelemesse, sell scho, wenn mer’s mache ka, aber e Hof braucht d’

Kirche nit,“ meinte wieder die Dorfweisheit. Und schadenfroh sah man

jetzt zu, wie die Euphrosyne gar so viel betete, seit die junge frische

Magd auf dem Hof war; nur damit konnte ihr bekümmertes Wesen erklärt

werden, darüber waren die schlauen Frauen vom Dorf nur einer Meinung.

Und sie hatten recht mit ihrer Vermutung. Dem Gottlieb war plötzlich

eingefallen, daß er eigentlich noch jung genug sei zum Heiraten. Der

Hof war in den langen Jahren der sparsamen Geschwisterwirtschaft besser

geworden, manch Stücklein Acker war dazugekommen; er hätte jetzt die

Geschwister schon auszahlen können, ohne sich selber zu ruinieren.

Und die Resi „isch halt gar e schaffigs und luschtigs Maidli,“ meinte

er, „das wär doch ein ander Leben, als mit der fromme Schwester.“ „’s

druckt mer schier ’s Herz ab,“ sagte die Euphrosyne zu ihrer alten

vertrauten Magd, die noch von Elternzeiten her auf dem Hof war, „wenn i

denk, daß i g’schafft un g’rackert habe soll für des herg’laufe Mensch.

Un jetz uf mei alti Täg no unter fremdi Lüt soll, un die setzt sich

grad nei in Fetthafe. Un wo ni do gschafft hab für unser Herrgott, daß

mer doch au e Fürbitt hät, wenn’s ans Schterbe geht, un jetz soll die’s

ha für ihre Bube, die sie, wer weiß woher, dem alte Narr, dem Gottlieb,

ufschwätze wird, des Mensch, des schlecht. Gott verzeih mer d’Sünd,

wenn i er ’re Unrecht tue, i hät’s gern fortg’jagt, scho lang, aber

no wär der Unfriede erscht recht do, un der Gottlieb tät se mer grad

z’leid nit goh lo un vom Fleck weg hürote. Alli Wallfahrte han i jetz

mitg’macht i dem Johr, im heilige Joseph han i’s ans Herz g’legt, daß

er doch au d’Keuschheit vom Gottlieb hüte soll, un der Muttergottes uf

em Lindeberg han i e Kerze g’opfert. Du weisch’s jo, fascht ’s ganz’

Wachs vom obere Bienestock han i derzu hergä, sie soll mer do e Licht

ufstecke, wie ni des Maidli us em Hus bring, eso, daß d’Bube selber

dermit iverschtande sin. Was meinsch, ob villicht mei Traum hüt Nacht

m’r vu der Mutter Gottes g’schickt isch: i han träumt, der Pfarrer hät

’s Resi mit em Weihwasserwedel zum Hus naustriebe, un der Gottlieb

hät er ’re no d’Sau hintenoch g’hetzet. I mein alls, i will emol mit

em Pfarrer rede über d’Sach; i han mer nie recht traut, weisch, in so

Sache; unser Pfarrer in Ehre, aber da haltet d’Mannslüt doch alli

z’samme. Aber wenn mer d’Mutter Gottes hilft, wird er doch am End

isehe, wenn i em recht schön klar mach, was für e G’fahr droht -- unser

Hof isch doch jetz uf siebzigtusend Mark g’schätzt -- un der Unfriede

im Haus, wo mer doch so gut z’samme g’lebt hän. Grad verhext muß sie en

ha, Gott verzeih mer, wenn i er ’re Unrecht tue.“

Und so setzte sie beim nächsten Besuch des Pfarrers ihr bestes

Kirschenwasser und Sträuble von zwölf Eiern gemacht und ihren schönsten

Schinken ihm vor, und als er behaglich im Herrgottswinkel installiert

war, brachte sie ihr Anliegen an. „I mein alls, Herr Pfarrer,“ schloß

sie ihre lange Rede, „Sie könnte’s im Gottlieb in der nächste Bicht

sage, daß des nit recht isch, im e christliche Hus so e schlechts

Bispiel z’gä. Un ’s Maidli duret mi, wenn er’s so in Unehre bringt.

Er soll sie in Gottesname hürote -- d’Kirche verliert jo e schöns

Schtückli Geld, aber die gute Sitte isch jo doch meh wert.“ Der Pfarrer

unterbrach sie nun doch erstaunt: „Ja, Euphrosyne, was sagt Ihr da,

das Maidli ist doch brav. Ihr wollt doch nit sagen, daß da schon ein

unehrbares Verhältnis im Gang ist?“ Die Euphrosyne nahm erstmals einen

tüchtigen Schluck Kirschenwasser ehe sie antwortete. Es war doch nicht

so leicht, dem geistlichen Herrn so geradezu ins Gesicht zu lügen, aber

der gute Zweck, und sie hatte ihren Plan, und den hatte sie der Mutter

Gottes vorgelegt, und die hatte ihr im Traum ganz deutlich gesagt:

„Mach das nur so, Euphrosyne, du tust ein gut Werk, und Gottes Wege

sind dunkel. Du mußt das so anpacken, daß die nit merken, daß der liebe

Gott sich deiner als Werkzeug bedient. Von wegen deiner Bescheidenheit,

daß die nicht Not leidet.“ So antwortete sie denn: „Ja, Herr Pfarrer,

Sie fraget au gar e so g’nau, für mich als ehrsame Jungfrau isch des

halt e schenierlichi Sach, aber wie ni g’sagt hab, halte Sie’s im

Gottlieb nur vor in der Bicht, daß des Maidli durch ihn in Unehre komme

isch -- Gott verzeih mer, wenn i e Unrecht tue -- aber saget Sie’s em

nur scharf, Sie wüßte’s aus sicherer Quelle, jo des isch e so.“ Der

Pfarrer versprach nach ihrem Wunsch zu handeln und lobte sie ob ihres

tugendlichen Verzichtes. „Jo, Herr Pfarrer, ’s isch scho schwer, unter

fremdi Lüt z’müsse, aber alles mueß recht si, in Unehre soll ’s Maidli

nit komme.“

Am nächsten Samstag kam der Gottlieb mit hochrotem Kopf aus dem

Beichtstuhl, und ohne seine auferlegte Buße abzubeten, eilte er aus

der Kirche dem Plattenhof zu. Die Euphrosyne fing ihn unter der Tür

ab. „Bisch scho wieder do vu der Bicht?“ „Jo, los, i möcht di grad

was froge; was isch mit em Resi?“ fragte Gottlieb dagegen. Euphrosyne

nestelte an ihrer Schürze und schlug schämig die Augen nieder: „I mein

alls, sell müßt i eigentlich di froge.“ „Bigelt,“ wetterte Gottlieb,

„fangsch au mit dene Verrücktheite a, der Pfarrer hät mer scho der Kopf

heiß g’macht. ’s Maidli muß bigöscht Dreck am Stecke ha, der Pfarrer

muß es do wisse, er hät gsait, er wüßt es aus sicherer Quelle, daß des

Maidli durch mich in Unehre komme wär. Nit mit em kleine Finger han

i sie agrührt. Hürote han i’s wolle, jo gell, do schausch, i ha der

no nix dervo gsait, vor i im klare bin mit dem Maidli, han i niemed

nix sage wolle. Aber des hät scho ä andere Gspusi, scheint mer. Was

weisch du vun derene Sach?“ „Jo weisch, wenn de mi so grad uf de Kopf

frogscht, i hät mer suscht lieber d’Zung abbisse, aber d’Wohrheit

mueß mer alliweil sage, ’s Maidli isch mer komisch vorkomme i de letzte

Woche. I ha mer halt denkt, du hesch am End Absichte. Un i mueß der

grad sage, i hab viel bettet für di, weil du vor der Hochzit scho ...“

Sie machte eine verschämte Pause. „I hab halt alls g’meint, du wärsch

es, wenn i in der Kammere vum Maidli rumore g’hört hab. Aber sell soll

mer nit, uf e bloße Verdacht hi, des Maidli verschimpfiere, ’s hät jo

au d’Katz si könne ... ’s Maidli isch b’sunders in de letzte Woche,

aber nei, nur nit vu andere Böses denke, ’s Maidli isch am End doch

brav, hürot sie nur.“ „Jo weggerli,“ fiel der Gottlieb ein, „sell paßt

mer nimmi, woher denn soll der Pfarrer wisse, daß i sie in Unehre

bracht hab, jo des hät ’r mer gsait, sie muß em doch bichtet ha?“

„Jo, wenn der Pfarrer sait, daß sie in Unehre isch, du bisch’s gwiß

nit gsi?“ „Nei, bigelt.“ „I glaub der jo, du häsch nie nit g’loge,

aber wenn’s der Pfarrer doch sait, mer hän doch niemed suscht uf em

Hof. Der Mathes, unser Knecht, der macht keine so Sprüng meh mit sine

fünfundsechzig Johr ... Isch’s am End der Karl gsi?“ setzte sie tastend

hinzu. Gottlieb fuhr aus seinem Brüten auf und starrte die Schwester

an. „Der Karli?“ „Hei jo, ebber muß ’s doch si, wenn’s der Pfarrer

sait,“ bestätigte Euphrosyne, „wenn der Karli ’s Maidli hürote will,

musch em uszahle. Aber mer wennt nit Rede halte, vor mer’s g’wiß wisse;

unnütze Rede müsse mer verantworte am jüngste G’richt. Weisch Gottlieb,

der Pfarrer soll der Karli ushorche, un i will uf ’s Maidli ufpasse,

wenn du’s hürote willsch, isch des mei Pflicht, denn d’zukünftig Büeri

uf em Plattehof muß e ehrsame Jungfrau si; aber laß der nix amerke,

mer wennt erscht höre, was der Pfarrer zum Karli sait.“ Der Gottlieb

war damit einverstanden, aber es rumorte in ihm, und nachts schlich er

ums Haus herum und horchte an der Kammer, und er vernahm ein leises

Murmeln drin und manchmal ein Seufzen, und mit geballten Fäusten

schlich er zurück in seine Kammer. Und die Euphrosyne ging am andern

Tag beichten und klagte sich an, unbedacht ihren lieben Bruder Gottlieb

verleumdet zu haben: „Der isch’s gwiß nit, ’s muß der Karli sei, hät ’r

g’meint, aber i will kei übli Nachred mehr halte, Gott verzeih mer d’

Sünd. I leg d’Sach in Gotts Hand, der wird’s scho recht mache; gelle

Sie, Herr Pfarrer, Gotts Wille g’schicht, was mir armi sündigi Mensche

au plane.“

Der Pfarrer hatte es recht eilig, den Plattenhof zu besuchen. Der

schöne Hof lag ihm doch recht sehr am Herzen, und daß der Karli auf

seine alten Tage noch solche Streiche machen sollte, wollte ihm gar

nicht in den Kopf. Es gab eine heftige Auseinandersetzung, und die

Euphrosyne, die hinter der Tür horchte, rieb sich vergnügt die Hände.

Der Karli trumpfte ordentlich auf, und der Pfarrer ärgerte sich

über den verstockten Sünder und sprach von Ärgernis für das ganze

Dorf und von dem Kummer der braven tugendsamen Jungfrau Euphrosyne,

die immer zum Guten rede, gar erbaulich. Der Karli verstummte

schließlich verstockt, und Euphrosyne fand es nun an der Zeit, mit

unbefangener Miene in die Stube zu kommen, um die beiden mit guter

Manier auseinander zu bringen. Ihr Samen würde jetzt schon aufgehen,

mehr Eifer von Seiten des Pfarrers konnte ihr nur schaden. Und sie

überschüttete den Pfarrer mit einem Redeschwall und komplimentierte

ihn zur Tür hinaus, nicht ohne eine ansehnliche Geldgabe für heilige

Messen: „Sie wisset scho, fürs b’sondere Aliege, daß alles guet usgoht.“

Und ein paar Nächte darauf sah der Gottlieb im Dunkeln den Karli

um die Kammertür der Resi herumschleichen, aber der Karli sah auch

den Gottlieb, und er blieb lauernd stehen, um zu sehn, ob der wohl

hineinginge. Und wie sie so lautlos im Dunkeln warteten, hörten sie

ganz deutlich hinter der Kammertür ein leises Kichern, dann eine

unterdrückte tiefe Stimme und ein hastiges Tappen und Huschen, und

unwillkürlich machten beide einen Schritt nach der Kammer zu und

blieben dann verlegen voreinander stehn. „O des Mensch, des schlecht,“

sagte Gottlieb. Karli nickte bedächtig: „Also bischt du’s nit gsi!“

„Jo, wo denksch au hi,“ meinte leis der Gottlieb, „i werd mi do nit uf

mini alti Däg so zum Narre halte lo von so me junge Mensch ... Aber us

em Hus muß se mer, morge no,“ setzte er in erneutem Ärger hinzu. „Jo,

’s wird ’s G’schitescht si,“ meinte der Karli, „weisch, mer sind in de

Müler vom ganze Dorf, mir händ si’s gsait geschtern,“ und er lachte

leise in sich hinein, „der Pfarrer hät g’meint, i hät se uf schlechte

Weg brocht.“ „Us em Hus mueß se mer,“ wiederholte der Gottlieb,

„d’Euphrosyne soll se morge in der Frueh fortschicke, i will’s gar

nimmi sehe, des schlecht Maidli des; in unserm christliche Hus so e

Lotterlebe z’führe.“ Brummend zogen sich die Brüder jeder in seine

Kammer zurück.

Und drin in der Kammer der Resi streckte sich die Euphrosyne recht

behaglich unter das dicke Federbett. Sie hatte sich ohne Wissen der

Brüder für ein paar Nächte bei der Resi einquartiert. „Weisch, i han

au so ängstliche Träum in der letzte Zit, un do möcht mer doch gern e

lebigi Seel um si habe,“ hatte sie der Resi als Vorwand gesagt. Sie

hatte das Knarren der Diele und das Flüstern der Brüder gehört und ihre

Schlüsse draus gezogen. Sie wußte, daß sie jetzt auf dem Hof bleiben

konnte bis zu ihrem Sterbestündlein, und ein guter Platz im Himmel war

ihr auch sicher, wo doch der liebe Gott den schönen Hof bekam. Eine

große Kerze gelobte sie noch der lieben Mutter Gottes, die ihren Plan,

ohne Unfrieden das fremde Mädel fortzukriegen, hatte gelingen lassen.

Und der Resi sollte auch nichts passieren. Sie hatte sich das schon

zurecht gelegt. Am Morgen wollte sie sich mit ihr aufs Bernerwägeli

setzen und zur Bas über den Berg fahren; die suchte eine Hilfe, bei

ihrer Gicht konnte sie so schon lang ’s Vieh nicht mehr ordentlich

besorgen. Daß die Resi gleich dort blieb, das wollte sie schon

einrichten. Dann schlief die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne

befriedigt ein, und so gut und traumlos hatte sie schon seit Monaten

nicht mehr geschlafen wie diese Nacht. Das ruhige Gewissen und das gute

Einvernehmen mit dem lieben Gott und seinen Dienern auf Erden verlor

sie nicht bis sie achtundsiebzigjährig als letzte der drei Geschwister

selig verstarb.

Und der Pfarrer hielt ihr eine so erbauliche Grabrede, daß das ganze

Dorf Rupertsweiler einsehen mußte, wie sehr es im Unrecht gewesen

war mit seiner Abneigung und wie wohl verdient die Inschrift auf dem

Grabstein war:

Hier ruht

bei ihrem Heiland

die ehr- und tugendsame Jungfrau

Euphrosyne Platner.

Sie lebte ohne Lug und Fehl,

Und gut geht’s ihrer armen Seel;

Auch weil sie all ihr Gut und Hab

Dem lieben Gott zu eigen gab.

Sonst wollt’ sie nur den Grabstein haben.

Gott möge ihre Seele laben.

Amen.

Fußnote:

[1] Im Schwarzwald übernimmt der Jüngste den Hof.

Das Gespenst

Beim Walzenbauer geisterte es; die Knechte und Mägde des Hofes

flüsterten es sich untereinander zu und erzählten es, unter dem Siegel

der Verschwiegenheit, bald da bald dort einem Knecht oder einer Dirn

vom Nachbarhof. Der Bauer und die Bäuerin wußten es auch, das hatten

die „Völker“ schon gemerkt; aber es war nicht gut Kirschenessen mit

dem Walzenbauer, und so hüteten sich die Leute wohl, laut darüber zu

sprechen. Und gar so fromm war der Bauer und die Bäuerin, und der

Pfarrer kam jedes Jahr in der Dreikönigswoche und segnete Haus und

Stall und Hof und zeichnete die drei Buchstaben ~C~ † ~M~ † ~B~ † über

Haus- und Stalltür. Und im Herrgottswinkel steckten hinter dem Kruzifix

die geweihten Palmbuschen vom Palmsonntag, und in der Schlafstube

stand riesengroß die Statue vom heiligen Joseph, dem Namenspatron

des Walzenbauern. Und doch -- gerade in der Schlafstube hatte das

Gespenst zuerst sich gezeigt, wie die Mägde sich zu erzählen wußten,

und von der Schlafstube aus kam’s immer, wenn sich’s bald da bald

dort im Haus verzeigte. Der Bauer war sichtlich gedrückt von dieser

Gespenstergeschichte; sein Hof war immer ein Musterhof gewesen, und

wie’s seine Großeltern auf dem Hof gehalten hatten, so ward’s jetzt

gehalten, und seine Großeltern und seine Eltern waren brave, fromme

Leute gewesen und hatten sich nichts zuschulden kommen lassen in ihrem

Leben; die brauchten nicht als friedlose Seel’ jetzt in ihrem Hof

herumzugeistern, und wenn’s eine fremde Seel’ war, die hatt’ erst recht

nichts auf dem ehrbaren Hof zu suchen. Und der liebe Gott meinte es

nach des Bauern geheimster Herzensmeinung überhaupt nicht gut mit ihm,

der doch rechtschaffen lebte und niemand ein Unrecht tat.

Seine Frau hatte ihm statt des Stammhalters, der mal den schönen Besitz

hätte übernehmen können, eine einzige Tochter geboren.

Wie oft hatte er’s dem Pfarrer vorgeklagt: „No ja, klage kunt i nit,

recht wär sie, die Resi, schaffig un immer lustig un zum Anschauen wär

sie au nit übel, i wüßt im Dorf kei schöneres un kei braveres Maidle

z’nenne, wenn i eini hätt’ nennen sollen, als ’s Resi, des müssener

selber sage, Herr Pfarrer, daß dös so isch. Aber a Stammhalter isch’s

halt doch nit, un des war nit recht vom liebe Gott, Gott verzeih mer d’

Sünd. Un gar jetzt, wo des Resi en riche Buresohn hirate sollt, jetzt

hat sie sich der Waltertoni in de Kopf g’setzt, der Großknecht, he jo,

alles was recht isch, schaffig isch er un a brave Bua. Aber gleich

g’hört zu gleich, Herr Pfarrer, un der Waltertoni isch a Häuslerbua, un

des paßt mer nit für’s Walzebauereresi.“ Oft schon hatte der Pfarrer

gut zugeredet, der hätte dem Resi und dem Toni gern geholfen, aber der

Bauer blieb hartnäckig bei seinem „Gleich g’hört zu gleich“. -- Und

als die Resi immer hartnäckiger auf ihrem Willen bestand, da hatte der

Walzenbauer zwar nicht den Großknecht fortgeschickt, der war nicht so

bald zu ersetzen, denn er schaffte für drei jetzt in der Erntezeit;

aber ’s Resi hatte er hergenommen und es mit allen Strafen des Himmels

und der Erde bedroht, wenn er sie noch einmal ein Wort mit dem Toni

sprechen sehen würde.

Und ’s Resi durfte nimmer mit der Großmagd zusammen schlafen in den

Mädlekammern, das kleine Kämmerle hinter der ehelichen Schlafstube

wurde der Resi eingeräumt, mit dem einzigen Ausgang durch die

Schlafstube der Eltern, und das Fenster nagelte der Bauer eigenhändig

zu, nicht das kleinste Schieberchen ließ er offen. Ein paar Tag lang

lief ’s Resi mit verschwollenen Augen herum, aber dann warf’s wieder

den Kopf in die Höh wie in guten Tagen und sang im Haus herum, so

lustig wie immer. Und gerad da, wie im Hof scheinbar aller Unfriede

wieder aufgehört hatte und der Bauer stillvergnügt sich die Hände rieb

und zu seiner Frau sagte: „Siehsch Annelies, mer muß dem Maidle nur

zurede, no läßt’s die Narreposse scho si“, gerade in den Tagen fing

die Gespenstergeschichte an. Und die Bäuerin hatte bald Grund über ihr

Resi den Kopf zu schütteln, ihr schien immer mehr, als wär’s mit der

Heiterkeit der Resi nit gar weit her. Als der Bauer wieder einmal sein

diplomatisches Talent gar sehr rühmte, meinte sie: „I weiß it, au gar

so schreckhaft isch des Maidli, heut hän i mit em de Rosekranz bettet

un beim letzschte G’setzli han i noch a Bittgebet ag’hängt, daß uns au

der heilig Joseph behüte un bewahre soll vor dem G’schpensterwese, do

hatt’s z’hüle ag’fange, so daß es gar nit hät mit bette könne, grad

der Bock hät’s g’stoße. Mir g’fallt ’s Maidle nit,“ schloß die Bäuerin

bedächtig. Aber der Bauer wollte nichts davon wissen; „warum soll’s

nit hüle,“ meinte er brummig, „’s isch au grad a Schand für unsere

Hof, ’s hät ganz recht, des Maidle, wenn’s braiget, un bigoscht, i

hann’s au satt, un wenn der heilig Joseph uns nit besser b’schütze ka,

Gott verzeih mer d’Sünd, no kann er mer g’schtohle werre,“ setzte er

in vollem Zorn hinzu. Die Bäuerin bekreuzigte sich voller Entsetzen.

„Jesus, Maria und Joseph, Gott verzeih der d’Sünd. Dei heiliger

Namenspatron! Bauer, so b’sinn di doch au!“

Aber der Bauer blieb verstockt und sein Entschluß, im Zorn gefaßt,

sollte nun durchgeführt werden, die Geisterei duldete er nicht mehr

auf seinem ehrbaren Hof. Am nächsten Samstag war Sichelhenke, dann

war Zeit, er würde den Pfarrer bitten, am darauffolgenden Montag das

Haus auszuweihen und dem Spuk durch den Segen der Kirche ein Ende zu

machen. Und Samstag in aller Früh fuhr er in seinem Bennewägele nach

der nahen Stadt, und das riesengroße Paket, das er auf dem Sitz neben

sich mit zurückbrachte, das ließ er, ohne auf die Neugier seiner

Frau zu achten, unausgepackt ins Schlafzimmer tragen. Der Pfarrer

mochte dem angesehenen Bauern seine Bitte, das Haus neu auszuweihen

und den Geisterspuk zu vertreiben, nicht abschlagen. Am Sonntag früh

ging der Bauer und seine Frau zur Beicht und Kommunion. Einen Strich

durch seine Rechnung machte das Resi dem Bauern, die konnte vor argen

Halsschmerzen nicht mit zur Kirche, sie war so heiser, daß sie kein

Wort hervorbringen konnte. Aber der liebe Gott würde schon mit dem

guten Willen zufrieden sein, er und sein Haus wollten bereit sein, daß

die Segnungen der Kirche am Montag auch Kraft hätten. Am Sonntag abend

nach dem gemeinsamen Abendgebet verkündete der Bauer seiner Frau und

Tochter und dem Gesinde: „Morge glei nach ’em Nüniesse kommener alli

do in die Stube, mit änem subere Häs, i wer euch dann was verkündige.

Un jetzt gut Nacht mitenander.“ Das Gesinde verteilte sich in die

Kammern und wunderte sich, was wohl morgen „verkündigt“ werden würde.

Frau und Tochter bestürmten den Bauern um Auskunft. Der wehrte aber

mit einem ruhigen „I gang jetzt schlofe, bhüt Gott Resi“ alle Fragen

ab, und Resi mußte in ihr Kämmerle schlüpfen. Im Ehebett mußte der

Bauer seiner Frau wohl Rede stehen; denn einmal hörte die Resi einen

Ausruf der Mutter, der fast nach Schreck klang, aber mehr konnte sie,

so nah sie auch ihr Ohr an die solide Holztür anlegte, nicht hören. Und

der Morgen kam heran, und die Arbeit auf dem Hof wollte heute keinem

recht von der Hand gehen; wo zwei zusammenstießen, tauschten sie immer

wieder ihre Meinung aus, was wohl geschehen würde. Aber endlich kam die

neunte Stunde, das Nüni wurde schnell verschluckt, alle vertauschten

den Arbeitsanzug mit dem Sonntagsgewand, und verlegen, oder, je nach

Gemütsart, mit geheucheltem Gleichmut trat Gesinde und Frau und Tochter

in die Stube zum Bauern, der im Herrgottswinkel saß, auch in seinem

Kirchenrock.

„I han euch herbschtellt,“ fing der Bauer an, „weil i will, daß

alli dabei sin, wenn jetzt der Herr Pfarrer kommt un unsere Hof neu

ausweiht.“ Eine kleine Pause machte er, dann fuhr er fort: „I han no

nit mit euch dodrüber g’sproche, aber ihr werret’s alli wisse, daß

sitener a paar Woche sich Eins verzeigt, un dem will i a End mache.

Mir Walzebauere sin alli ehrbare Lüt gsi, solang der Hof steht,

un i wüßt nit, wodermit mer so ne Heimsuchung verdient hätte. Mir

hän alliweil der Kirche gä, was der Kirche g’hört, un so soll denn

jetzt au d’Kirche helfe un dene Spuk vertreibe. So, un bis der Herr

Pfarrer kommt,“ der Bauer sah nach der großen Standuhr in der Ecke,

-- „er muß äneweg gli do si, so lange bette mer jetzt no d’Litanei

von alle Heilige. Resi bett vor“, schloß der Bauer. Aber ’s Resi war

nicht imstand vorzubeten. Als der Bauer sagte, daß der Geistliche

zum Austreiben des Spuks kommen würde, war ’s Resi totenbleich und

halb ohnmächtig auf die Ofenbank gesunken, und da kauerte es noch und

stierte nach dem Großknecht, als wär’s von Sinnen. Der machte einen

Schritt nach dem Ofen zu, als wollte er ’s Resi an sich reißen, aber er

blieb dann doch stehen und winkte unmerklich mit der Hand. Der Bauer

wollte auffahren, als er das Mädle sah, aber die Bäuerin kam begütigend

dazwischen: „I hab der ja gsait, daß des Maidle so schreckhaft isch,

wenn von dem Geistersach d’Red isch, laß es nur si.“ Und resolut fing

sie an: „Herr erbarme dich unser. Christus erbarme dich unser“, und das

Gesinde mit dem Bauer fiel ein mit den Antworten. Und dann sahen sie

den Pfarrer im Chorrock zum Hoftor hereinkommen mit zwei Ministranten,

der eine trug den großen Weihwasserkessel, der andere das Rauchfaß. Der

Bauer stand auf mit Frau und Gesinde und ging dem Pfarrer bis unter die

Haustür entgegen. Auf seinen Wink betete die Bäuerin weiter und der

Pfarrer respondierte, so gingen sie, der Pfarrer voran, in die Stube

zurück und beteten erst die lange Litanei ganz zu Ende. Beim letzten

Amen trat der Bauer auf den Geistlichen zu und sagte: „I dank au

schön, daß Ihr komma seid, Herr Pfarrer.“ Und der sagte: „Ich bin gern

gekommen, Walzenbauer, um Euern frommen Wunsch zu erfüllen; aber bevor

ich weitergehe, muß ich doch von Euch und von Euern Leuten bestätigt

erhalten, was ich bis jetzt doch nur sehr ungenau gehört. Sonst weiß

ich nicht, wie ich vorzugehen habe, mit was für einer Art Erscheinung

wir hier zu tun haben. Wollt Ihr, Walzenbauer, also zuerst Euere

Beobachtungen erzählen, und wer dann noch etwas bemerkt hat, der rede

dann.“

Rupertsweiler Leut · 第 5 / 7 段