I kan em jo die fine Sache un alles nit anschaffe. Der Pfarrer hett
mer vom Kommunikanten-Verein der Stoff zum Kleidli gä, un dem Lehrer
si Frau ’s Betbuch und der Rosekranz, aber ’s ander alls fehlt no.“
Die alte Sailern war das Bitten und Betteln gewohnt, seit ihr Mann
sie früh als Witwe in dem kleinen winkligen Häusle mit vier kleinen
Kindern zurückgelassen hatte. Hier und da konnte sie in die nahe Stadt
als Waschfrau gehen oder ein paar Eier den Stadtfrauen verkaufen, im
Sommer brachten die Kinder Beeren aus dem Wald für den Markt; aber doch
war Bargeld eine rare Sache, und wenn die Paten der vier Maidele nicht
hier und da ausgeholfen hätten, wäre es wohl gar nicht gegangen, den
kleinen eigenen Winkel zu behalten. Die Lenebas nickte auch freundlich
zu der vorgetragenen Bitte: „He freili jo, wenn eins zum erschtemol
zu unserem Herrgott geht, des isch e gar guet Werk, wenn mer doderzu
hilft, dös tu i gern. Schick’s Mariele nur her, i gang so morn i
d’Stadt, no kann’s am Obig sei Sach hole.“ Die Sailern empfahl sich
mit vielen „Vergelt’s Gott tusigmol“ von der wohlhabenden Bas und ging
ein paar Häuser weiter, dieselbe Bitte vortragen, und am Abend hatte
sie so ziemlich die Runde bei allen reichern Bauernfrauen gemacht und
war ihrer Sorgen wieder einmal ledig. Alle hatten gern versprochen,
ihr Scherflein für die kleine Erstkommunikantin beizutragen. Am
andern Abend schickt die Sailern denn auch das Mariele zur Bas: „Un
vergiß au nit z’sage, daß de an dim Ehretag recht bette wilsch für
deini Wohltäter.“ Und die Lenebas hatte auch richtig ein paar feine
Knopfstiefel fürs Mariele gekauft, mit schönen Lackspitzen. ’s Mariele
hätt vor lauter Freud über die „glänzige“ Stiefel fast sein Sprüchle
vergessen „vom bette für seine Wohltäter“. Vergnügt zeigt’s die
Stiefel, „schönere het’s Bürgermeisters Marie au keine g’hätt“, der
Mutter, und die schickt’s gleich weiter zur Patin, zur Burgerbäckin:
„Paß uf, die schenkt ders Kränzli und der Schleier und am End gar no
d’Kerze.“ ’s Mariele geht den steilen Weg zu dem stattlichen Hof mit
ungeduldigen Hopsern hinauf, und die Bäuerin winkt ihr vom Eckfenster
schon zu mit freundlichem Lachen. „Grüß Gott, Mariele, jo du kumsch
gerad zrecht, i ha der dei Sach scho gricht. Waisch, i tu’s gern,
’s isch gar e verdienschtlichs Werk“ ... und damit wickelte sie ein
Paket auf, „wenn mer em Erstkommunikantli d’Stiefel schenkt, mit dene
’s zum erschtemol zum Tisch des Herrn geht.“ Dem Mariele kamen fast
Tränen in die Augen, wie’s hörte, daß es schon wieder Stiefel bekommen
sollte, aber als die Bäuerin ihr das Paar entgegenhob, verschlug’s
ihr fast den Atem: weiße Lederstiefel! So fein war nur ’s Doktors
Tochter zur ersten heiligen Kommunion gekommen vor drei Jahren. „Jo
gell, do schaust,“ meinte die freundliche Patin, „i han mer’s ebbes
koschte losse. Weisch, nochher kansch se schwarz mache -- aber unser
Herrgott wird’s mir anrechne, so ä arm Maideli muß doch au ämol im Läbe
si Ehretag ha -- bett halt schön für mi, wenn de unser Heiland zum
erschtemol in dim reine Herzle häsch. ’s isch kei Gebet so kräftig,
wie des von so enem unschuldige Erstkommunikantli.“ Die Sailern machte
ein betroffenes Gesicht, als ’s Mariele strahlend zurückkam, aber die
selige Freude ihres Kindes mochte sie doch nicht verderben, und so ging
sie zur Lenebas und erzählte der von dem zweiten Paar Stiefel. Die
erboste sich aber arg, nachdem sie die Sache begriffen: „Was! meini
Stiefel sind der Rotznas jetzt nimi schön gnug, weil die hochnäsig
Burgerbäckin dem Maidli der Kopf verdreht hätt mit wiße Stiefel! I loß
mir vo dere nix wegnehme. Wenn mer d’Stiefel schenkt, mit dem eins
zum erschtemol zur Kommunion geht, so rechnet des unser Herrgott eim
ganz bsonders a, dös laß i mir nit nehme, und in meine Stiefel geht’s
Mariele in d’Kirch, oder i will nix mehr von euch Bettelpack wisse --
so, jetzt waisch’s.“ -- Die Sailern wollt’s nicht verderben mit der
sonst gutmütigen, kinderlosen Lenebas und ging auf ihre Seite über:
„Jo i ha’s glei gsait, ’s isch verruckt, dem arme Maidli wißi Stiefel
zgä, i gang jetzt zu ner, un ’s Mariele muß dine Schuh anziehe, un
unser Herrgott soll’s der vergelte.“ Die Burgerbäckin nahm aber das
Anliegen der Sailern, die Stiefel gegen irgend ein anderes nötiges
Stück umzutauschen, erst recht ungnädig auf. „I ha’s gut gmeint, un
dös isch jetzt mei Lohn, so geht’s uf dere Welt. -- D’ Lenebas hätt
gar kei Recht, d’Stiefel z’schenke, des kommt mir zua, i bin d’Patin,
un unser Herrgott tät’s mir nit verzeihe, wenn i meim Patekind nit
d’Stiefel zu seinere erschte heilige Kommunion schenke tät. Des laß
i mir nit nehme, des ghört zu meine geischtliche Pflichte, un uf em
Sterbbett tät i’s im Mariele nit verzeihe, wenn’s nit mit meine Stiefel
’s erschtmol zu unserm Herrgott geh tät.“ -- Die Sailern nickte mit
bekümmertem Herzen und stimmte der reichen Patin zu, gab ihr in allem
recht und verschwand aus der Stube mit einem „Tusigmol vergelt’s Gott“.
Und ’s Mariele bekam eine derbe Ohrfeige, als sie bei der Heimkunft der
Mutter mit den weißen Stiefeln im Zimmer vorsichtig herumstolzierte.
„Des mag unser Herrgott wisse, wie i aus dem Schlamassel rauskomme
soll,“ meinte sie ernstlich besorgt zur ältesten Tochter, „i mein
alls, i frag der Pfarrer drum.“ Zunächst schickte sie aber ’s Mariele
zu den andern Wohltätern; der Schleier, die Kerze, ’s Kränzle, die
Handschuh, Strümpfe und Wäsche mußten noch kommen. Wie’s mit den
beiden feindlichen Stiefelspenderinnen werden sollte, das mußte der
Herr Pfarrer und der Herrgott halt entscheiden. Als aber ’s Mariele vom
dritten, vierten und fünften Bittgang auch je mit einem Paar Stiefel,
verschieden nur an Güte und Feinheit zurückkam, mit der Versicherung
von jeder Spenderin, daß „d’Stiefel, mit dem eins zum erstemal zum
Tisch des Herrn geht, halt a ganz a besonderi Gnad vom Himmel der
Spenderin in Aussicht stellen“, da jammerte sie mit dem Mariele um
die Wette, und es war kein „Vergelt’s Gott tusigmol“, was sie an dem
Abend für die „Wohltäter“ gen Himmel aufschickte. Der Pfarrer, dem
sie am Morgen ihr Leid klagte, machte ihr wohl den Vorschlag, die
Stiefelpaare dem Verein zur Ausstattung von Erstkommunikanten zu
geben und dagegen die andern Gebrauchsstücke einzutauschen; damit war
allerdings ’s Mariele angezogen aber der Zorn der Wohltäterinnen nicht
abgewendet. Der kleinen buckligen Schneiderlene klagte sie schließlich
ihre Not, und die wußte in ihrem hellen Kopf einen Rat: „Wissener, i
mach ’s Kleid vom Mariele so lang, daß mer d’Stiefel gar nit sieht
-- in der Stadt hän sie jetzt au immer d’Kleider vorne und hinte so
lang, daß mer druftritt“, und sie zeigte der ungläubigen Sailern ein
farbiges Modebild, wo wirklich das Kleid ringsum zehn Zentimeter auf
dem Boden lag -- „ganz so lang nit“, beruhigte sie die Mutter, die
zweifelte, ob ihr „gaschpliges Mariele“ drin würde gehen können, „aber
a so, daß mer halt d’Stiefel nit sehne kann.“ Die Sailern wollte sich
schon beruhigen, als ihr einfiel: „Jo, aber die wiße Schuh von der
Burgerbäcki.“ Aber auch dafür wußte die Lene Rat. „Jetzt gangsch no
amol zur Burgerbäcki und saisch zu nere: du tätsch natürli im Mariele
ihre Schuh lo, aber der Pfarrer hätt’s verbote im Mariele, ’s derf nit
in wiße Schuh komme, von wege weil das Neid bi de andere un Hoffart
bim Mariele erwecke könnt. Du müscht se gli anschwärze und sie soll
der’s doch jo nit verüble und em Mariele nix davu sage, dem tät’s so
scho schier’s Herz abdrücke, daß es sie nit wiß anziehe könnt. Aber
der Verdienst von seinere liebe Patin vor unserem Herrgott, der blibt
si jo glich.“ Und so geschah’s, und ’s Mariele ging in einem so langen
„vürnehme“ Kleid zur Kirche, daß es die Treppe hinaufstolperte, und
die verschiedenen Wohltäterinnen verlangten alle vom lieben Gott ihre
Extrabelohnung, weil sie so schön fürs Mariele gesorgt hatten und die
Stiefel geschenkt hatten, mit denen ’s zum erstenmal zur heiligen
Kommunion gegangen war.
Die Lenebas
Die Lenebas war nicht immer die bestgeachtetste Frau im Dorf
Rupertsweiler gewesen. Lange hatte man ihr sehr verdacht, daß sie
es durchsetzte, ihren Hof ganz ohne Knecht besorgen zu wollen. Ein
Abweichen von der Regel liebt man auf dem Dorf gar nicht, und auf ein
Gut von der Größe des der Lenebas gehört ein Großknecht. Und selbst,
daß sie bald Preise heimbrachte von den Geflügelausstellungen, und
daß das Gespinst von ihr und ihren Mägden auf der Großherzoglichen
Landesausstellung den ersten Preis errang und sie von der Großherzogin
die Brosche erhielt, die für fleißige Spinnerinnen von der hohen Frau
gestiftet worden war, das alles half ihr im Dörflein Rupertsweiler
nichts, man zuckte die Achseln über sie und meinte: „So e einschpännigs
Frauezimmer isch halt gschupft, un ’s wird schon noch e bös End
nähme.“ Erst als die Großherzogin bei einer Besichtigung des neuen
Waisenhauses, das in dem ehemaligen Kloster eingerichtet worden war,
auch einen Besuch bei der Lenebas machte und fast eine halbe Stunde
lang deren Geflügelhof besichtigte und sogar ein „Strüweli“ annahm
und am Kaffee, den die Lene ihr anbot, nippte, da schlug die Stimmung
um, und die Bauern rückten die Zipfelmütze, wenn sie an der Lenebas
vorbeikamen, fast wie beim Pfarrer, und sagten hinter ihr drein:
„Die Lenebas, die schafft wie zwei Mannsbilder, dös isch e tüchtigs
Frauezimmer.“ Und von da an kamen sie Rat holen zur Lenebas; eine Frau,
von der sogar die Großherzogin sich hatte zeigen lassen, wie man die
Ställe und Nester für Hühner und Enten einrichtet, die mußte schon über
alles Bescheid wissen. Aber einmal hätte sie doch fast wieder ihren
ganzen Einfluß verloren, und wochenlang tobte der Kampf im Dörfchen
zwischen den Verteidigern, die sehr in der Minderzahl waren, und den
Anklägern der Lenebas, und es gab erhitzte Köpfe. Nur grad die Lenebas
selber blieb ruhig und ging ihren Weg weiter und schien es gar nicht
zu merken, daß sie die meistbeschimpfte Person im ganzen Dörflein war.
Die Lenebas hatte nämlich den Pfarrer zu ihrem Hause hinausgewiesen,
richtig hinausgewiesen, wie einen lästigen, gefährlichen Strolch. Die
Großmagd erzählte es immer wieder im Dorf: „Dagschtande isch se, wie
der heilig Erzengel Gabriel, mir hän uns grad gfürchtet, un zum Pfarrer
hät sie gsait: ‚Ganget usi, uf der Schtell ganget er, oder bigelt, i
nimm e Schtecke und trieb euch usi‘.“ Und die Großmagd und die Zuhörer
bekreuzigten sich jedesmal, wenn sie in der Erzählung wieder an diesem
Höhepunkt angelangt waren. Die Mägde hatten ernstlich unter sich
beraten, ob sie nicht allesamt der Lenebas kündigen wollten; denn das
Strafgericht Gottes mußte ja das Haus treffen, wo so was geschah, und
da wären sie unschuldig mitgehangen. Aber der Erdboden verschlang das
Haus merkwürdigerweise nicht, auch kam kein Hagelwetter und zerstörte
alle Ernte, nicht einmal unter dem Federvieh brach eine Seuche aus; die
legten ihre Eier, als wäre nichts geschehen. Die Großmagd prophezeite
zwar, es würden Basilisken aus den Eiern ausschlüpfen, die die Hennen
grade bebrüteten -- solche Gottesgerichte standen in ihrem Gebetbuch
viele angezeichnet -- aber es kamen gesunde und lustige Kücken und
Entlein heraus wie immer, und da legte sich allmählich die Unruhe der
Mägde, und an deren Stelle kam ein gewisser Stolz, auf einem Hof zu
dienen, wo so eine Frau Bäuerin war, die nicht nur die Großherzogin
zu Kaffee und Sträuble bei sich sah, sondern sogar den Herrn Pfarrer
ungestraft aus dem Haus jagen durfte. Und gut war die Stelle, und gut
war die Lenebas immer gewesen, die Mägde hingen eigentlich alle an ihr
und standen denn auch bald tapfer auf ihrer Seite, wenn jemand wagte,
in ihrer Gegenwart ihre Bäuerin anzugreifen. Und nach und nach wurde
die Auffassung der Mägde vom ganzen Dorf angenommen, und man war jetzt
doppelt stolz auf das „Dunderswib“, die Lenebas.
Und daß die Lenebas den Pfarrer aus ihrem Haus gejagt hatte, das war
so gekommen: Als sie einmal um Weihnachten herum spät abends noch nach
dem Weiher gegangen war, um eine Marderfalle frisch zu stellen -- der
Räuber hatte ihr zwei Prachtshennen weggefangen in den letzten Nächten
-- da sah sie ’s Marei, die Magd vom Schulzenhof, durch den dichten
Schnee auf den Weiher zukommen. Fast wie betrunken stolperte sie daher,
und als die Lenebas sich ihr in den Weg stellte und mit der Laterne
ihr ins Gesicht leuchtete, da sah sie ein verweintes, verstörtes
Gesicht und ein paar Augen, die kaum zu erkennen schienen, was um sie
vorging. Kurz entschlossen, nahm die Lenebas ’s Marei am Arm, schwenkte
sie herum und wollte sie ins Haus führen. Da wehrte und sträubte sich
aber ’s Marei und fing an zu jammern: „Lasset mi los, i muß ins Wasser,
des überleb i nit.“ Aber die Lenebas hielt nur um so fester und sagte:
„Schtill bischt, Maidli, ins Wasser kannsch immer noch, erscht kommsch
jetz emol zu mir in e warmi Schtube un verzehlsch mer, wenn de ufgfrore
bisch, bisch jo de reinscht Isklumpe, was de für Schmerze häsch. I
halt keins, wenns us dere Welt dervolaufe will, aber erscht musch emol
wie e vernünftige Mensch dei Sach vom Ofewinkel us mit ere warme Suppe
im Leib aschaue. Wenn de derno immer no meinsch, ’s isch kei Plätzli
meh für di do, sell isch denn en anderi Sach; aber in dere Verfassung
ka mer keini Bschlüß fasse.“ Und während sie so redete, hatte sie die
immer weniger Widerstrebende bis ins Haus gebracht, installierte sie
im Ofenwinkel und eilte nun, ihr warme Strümpfe und Schuhe und einen
trockenen Rock zu bringen.
’s Marei ließ alles mit sich geschehen; als sie trocken und warm
angezogen war, rückte die Lene nahe zu ihr auf die Ofenbank und sagte:
„Glei kommet jetz d Mägd mit der Obedsuppe in d Schtube rei. Du bisch
e ordentli Mädli, i kenn die vo klei uf un hen dini Eltere, Gott hab
sie selig, kennt, des ware bravi Lüt. Hüt Nacht schlofsch in der
Schrankkammere nebe meiner, un morge dischkuriere mer derno wieder über
dei Sach. Aber solang d Mägd in der Schtube sind, nimmsch di z’samme un
tusch nit dergleiche, des versprichsch mer.“ Und sie streckte der Marei
die Hand hin, und die schlug ein, und damit war die Lenebas befriedigt.
Und bei der Abendsuppe wurde über die täglichen Verrichtungen
gesprochen wie sonst auch, und nur ganz beiläufig sagte die Lenebas:
„’s Marei will no was von der Hühnerzucht zulerne. Annastasi, du
richtesch derno ’s Bett für’s in der Schrankkammere, bruchsch d’Pfulbe
nur us der Truhe nemme, ’s liegt alles bienander.“ Und dann wurde das
gemeinsame Abendgebet gesprochen, und die Mägde schoben mit einem „Gut
Nacht au“ zur Tür hinaus. Die Bäuerin hielt ’s Marei einen Augenblick
zurück: „’s Annastas zeigt der dei Kammere, un schlof guet die erscht
Nacht im Maidlihof, un halt di tapfer.“ Und damit reichte sie dem Marei
die Hand und nahm dann die Stalllaterne vom Türpfosten, ihren üblichen
Rundgang noch zu machen.
Und am Morgen nach der Frühsuppe, als jeder an seine Arbeit gegangen
war, blieb die Lenebas mit dem Marei im Herrgottswinkel sitzen. „So,“
meinte sie, „jetz hen mer e Schtündli für uns, jetz könne mer schaue,
ob’s wahr isch, was de geschtern gmeint hesch, daß kei Plätzli meh für
di uf derer Herrgottswelt isch; aber alls schön der Reih nach. Hesch
dei Sach no uf em Schulzehof?“ Das Marei nickte nur. „Hesch bündeled?“
fragte die Lene weiter. Dem Marei kamen doch wieder die Tränen in die
Augen: „Er hät mi fortgjagt, i hätt scho Zit gha z’bündle, aber i
hen ghült, un derno wie’s dunkel worde isch un der Schulzebur a mei
Kammere klopft hät, no bin i grad wie ni war an nem vorbigrennt, alls
fort ...“ Sie stockte und die Lene ergänzte gelassen: „Glücklicherwis
der Lenebas grad in d’Arm neigrennt.“ Und nun fragte sie bündig: „’s
Kind isch vom Bur, nit vom e Knecht?“ ’s Marei guckte erstaunt auf.
Das wußte die Lenebas also schon. Wie zur Antwort nickte die Lenebas:
„Worum hättscht denn suscht ins Wasser renne wolle. Aber i verschtoh
do nit recht, worum hät der Bur di denn fortgjagt? D’Frau liegt krank
un schtoht au kaum meh uf, bis mer sie mit de Füeß vorweg zum Hof
naustraget. Die hät’s doch nit erfahre un nit verlangt; un der Bur ...
hät der scho wieder en anderi wolle?“ „Nei, sell nit,“ erzählte nun ’s
Marei, „wenn i em Bur zwille wär, so könnt i grad e Herrelebe führe uf
em Hof.“ Und jetzt brach’s aus ihr heraus, der ganze Jammer, und die
Worte überstürzten sich fast, mit denen sie der Lenebas klar machen
wollte, wie sie in die elende Lage gekommen sei. „Jo schauet, der Bur
isch mer nachgange vom erschte Tag, wo ni uf em Hof war, i hän mer
lang nix derbi denkt, i war halt au no e dumms Ding un hab gmeint, wo
ner doch verhürotet isch, no solt’r do nit nach de Mädli luege. Aber
derno hän’s die andere gmerkt un hän gschpöttelt und gschtichelt un
händ alles tue, um im Bur d’Glegeheit z’mache. Si hän mer e Kammere
gä, ganz ab vu de andere Mägdekammere, si hän gsait, daß i nächer bei
der kranke Büeri si soll. Wie ni emol uf em Heubode z’ tue ghabt hab
un der Bur au rufgschtiegen isch, no het der Großknecht unte d’Leiter
ewegzoge. Un derno hän i deutli gmerkt, was der Bur vu mer will; blaui
Flecke han i ghabt, no acht Däg lang, so han i kamplet mit em, aber ’s
het mer nix gholfe, er het si Wille ghet. I will nit lüege, Lenebas,
i han mi gwehret, sell isch wohr, aber ’s isch e Moment gsi, wo ni mi
nimmi gwehrt hab, un i het jo au glei derno bündle könne, aber i bin
dobliebe, un i han em am Obig d Kammeretüre nit zugmacht. Aber derno,
wie ni d’Büeri wieder gsehe hab uf ihrem Siechbett, un wie die Huslüt
alli so schiech guckt hän, oder au gar so um mi rumg’schmeichelt hän
un mi schier scho wie d’künftig Büeri um alles gfragt hän, wo doch
d’recht Büeri no lebig isch, do han i en Ekel kriegt. I han der Bur
nimmi sehe könne un hab mi gschämt, daß d’Sonn mi ascheint. Der Bur
hät bettelt un hät mer bei alli Heilige versproche, daß i sei Büeri
wir, wia die ander tot isch; aber wenn er bei mer i der Kammere gsi
isch, no isch grad immer d’Büeri mit ihrem breschthafte Lib zwische
uns gsi, so daß es mer graust het, un i hans nimmi könne ushalte, i
hab nei gsait un nei, un wie i’s Kind gmerkt hab, derno hab i erscht
recht gwußt, daß i der kranke Büeri des nit antue ka. Der Bur het in
sim Zorn brüllt un gsait, wenn i nem nit z’wille bi, so gibt er der
Büeri grad Rattegift. Derno han i mer nimmi z’helfe g’wußt andersch,
i han em gsait, daß i en Andere gern heb, un er soll mi in Ruh losse.
Jo, un derno hät er mi verschlage un hät mi dervog’jagt; un wie ’r am
Obig wieder komme isch un bettlet hät un mer alles möglich versproche
hät, un i soll em nur sage, daß des von dem Andere e Lueg isch, do bin
i fortg’rennt un hab mer denkt: lebe kann i nimmi.“ Die Lenebas hatte
den ganzen Ausbruch ruhig mit angehört und ihr Spinnrad gedreht: „So
han i m’r d’Sach ug’fähr scho selber denkt, i kenn jo de Schulzebur“,
meinte sie jetzt gelassen, „daß de weggange bisch vom Schulzehof isch
recht, du hetsch ’s a weng früher tue könne, ’s wär besser gsi, aber
was g’schehe isch, isch g’schehe. Nur Maidli, do verschtoh i kei
Schpaß, du bisch zu dem Kind komme, nit viel anders, wie ne Henne en Ei
legt; ’s isch der halt so komme, un i sag der g’wiß nix dergege, aber
jetz häts en End mit dem in Dag neilebe, jetz bisch für des Kind do un
nit für di. Jetz häsch derfür z’sorge, daß des Kind e warms Plätzli uf
dere Welt findet, un wenn de nix andersch häsch als dini Ärm, no häsch
halt dini Ärm um so fester um des klei Wurm z’samme z’halte, daß es
nit gar z’frue merkt, wia kalt d’Welt suscht isch. Un helfe will i der
derbi, do de mer grad in d’ Ärm neigrennt bisch. Jetz blibsch uf em Hof
un hilfsch mer bei der Arbet, un was witers wird, des wolle mer unserm
Herrgott überlasse.“ Und ’s Marei sagte „Vergelt’s Gott viel dusigmol“
und weinte noch ein Weilchen, und dann nahm sie ihr Leben wieder in
zwei Hände und ging an die Arbeit. Und es wäre alles gut gegangen,
denn die Mägde des Maidlihofs nahmen die Sache natürlich und gutmütig,
und die Lenebas war die letzte, die sich um Gerede gekümmert hätte,
wenn geredet worden wäre. Aber ’s Marei fand sich doch nicht immer mit
dem gleichen Mut in ihre Lage; oft genug ertappte die Lenebas sie,
wie sie mit verweinten Augen vor sich hinstarrte. Und da der Lenebas
eine Aussprache mit ihrem Herrgott immer geholfen hatte, so riet sie
der Marei eines Morgens: „I mein alls, dir täts guet, emol bichte
z’goh; du bisch jetz scho zwei Monet bei mer un häsch in dere Zit dei
Friede nit g’funde. I ganget jetz emol, wenn i di wär, un tät unserm
Herrgott ’s Herz usschütte, un e gueti Bicht hilft mengesmol, wenn mer
e schwers Herz hät.“ Und da ’s Marei in den zwei Monaten gelernt hatte,
die Lenebas wie eine Mutter zu verehren, so folgte sie auch jetzt,
und eilte gleich am nächsten Samstag zur Beichte. Aber das Resultat
war anders, als die Lenebas erhofft hatte. ’s Marei kam verstört und
halb von Sinnen aus der Kirche zurück und erzählte der erschrockenen
Base, der Pfarrer habe sie so hart beschimpft, daß sie nicht mehr
wisse, wie sie weiter leben solle. „O die Mannsbilder,“ fuhr die
Bäuerin auf, „die elendige Mannsbilder, wenn die nur alles hinterefür
aschtelle könne! Schau Marei, was so a Mannsbild sagt, un wenn’s der
Herr Pfarrer isch, des gilt grad gar nix; was verschtoht denn so a
Mannsbild, noch derzue so e einschichtigs, vu uns Wibervölker. So laß
en doch schwätze un halt dich an unsere liebi Mutter Gottes; jetz häsch
dei Pflicht tue, wie ’s d’Kirche vorschreibt, un jetz bettescht zum
liebe Gott, un derno wird’s d’r scho besser were. Was der Pfarrer
gsait hät, des schlagsch d’r aus em Kopf, der schwätzt halt wie’r ’s
verstoht un wie’r meint, daß er muß; aber des musch nit schwerer nehme,
als wenn unser Geißbock dir e Stoß mit de Hörner gibt, ’s tut e weng
weh, aber so em e uverninftige Tier ka mers do nit verdenke, un derno
lacht mer drieber.“ Es schien, als würd’s der Marei etwas leichter
ums Herz unter dem Zuspruch der Lenebas, aber es hielt nicht an. Ihr
Gemüt war verstört und wurde es immer mehr. Als sie gar erfuhr, daß
die Schulzenbäuerin gestorben sei, da wuchs ihre Aufregung so, daß
die besonnene Lenebas sich fragte, ob das Mädel nicht besser in einem
Krankenhaus untergebracht würde. ’s Marei schrie laut, sie habe die
Schulzenbäuerin getötet, und die Lenebas konnte ’s Marei nur mit Mühe
davon abhalten, vor dem ganzen Dorf und vor dem Gericht sich des Mordes
anzuklagen. ’s Marei war geisteskrank, das wurde der Lenebas klar,
aber sie vertraute immer noch auf die gute Natur des Mädchens, und
ein Arzt, den sie aus der nahen Stadt hatte rufen lassen, gab ihr im
Grunde recht und tröstete sie mit der Behauptung, daß diese Verstörung
mit der Schwangerschaft zu Ende gehen werde. Die letzten Tage vor der
Niederkunft wich die Lenebas dem Marei fast nicht von der Seite. Ein
kleiner Bub kam zur Welt, und ’s Marei hörte auf zu jammern und zu
schreien und lag still in ihren Kissen und hätschelte den kleinen Kerl.
Und die Lenebas atmete auf und ging nun wieder mit erleichtertem Gemüt
ihren etwas vernachlässigten Geschäften nach und überließ ’s Marei
sich selbst und dem Einfluß ihres Kindes. Und da geschah das Unheil.
Als die Lenebas eines Nachmittags ihre Geflügelställe inspizierte,
kam plötzlich die Anastas gelaufen und meldete ihr: „Der Herr Pfarrer
isch kumme, er hät nach em Marei gfrogt un ’r isch drin bi n’ re.“
Die Lenebas eilte was sie konnte nach dem Haus zurück; da hörte sie
schon auf dem Gang zu Mareis Stube lautes Weinen und dazwischen die
erregte Stimme des Pfarrers. Ohne Zaudern riß die Lenebas die Tür
auf und stand vor dem erstaunten Geistlichen. Mit einem kurzen „Grüß
Gott, Herr Pfarrer“, ging sie an ihm vorbei zur weinenden Marei und
nahm sie tröstend in ihre Arme. „Bäuerin, Ihr tut Unrecht, den Trotz
dieser Verworfenen noch zu stützen,“ fing der Pfarrer an, „ich bin
mit den besten Absichten hergekommen der Schulzenhofbauer hat mich
beauftragt, Geld für das Kind, für dieses Kind der Sünde, zu bringen.
Seine Verirrung reut den Mann, und er will ’s Marei wieder zu Ehren
bringen und, soweit möglich, gutmachen, was er gefehlt und wozu er
doch wohl von dieser Person eigentlich ist verführet worden, denn er
war immer ein braver Sohn unserer heiligen Kirche; aber er will ’s
Marei zu seiner christlichen Ehefrau machen. Das hab ich ausgerichtet
und der Marei gesagt, sie soll in Demut unserm Herrgott danken, daß er
sie aus ihrem tiefen Fall wieder sich erheben lassen will.“ Geduldig
hatte die Lenebas bis jetzt zugehört, die erregte Kranke mit leisem
Zuspruch zwischen hinein tröstend; nun war ihre Geduld zu Ende: „Un mit
Verlaub, Herr Pfarrer, i mein alls, Sie könnte jetz dodervu ufhöre;
’s Marei isch krank, un ob sie eine Sünderin un eine Verworfene
isch, des könnet Sie doch unserm Herrgott überlasse un meinswege im
Beichtstuhl mit e’re usmache. Aber jetz scheint’s m’r nit grad die
recht Zit dazue, un was Sie vom Schulzebaur z’sage händ, des könnet Sie
mir sage, aber in meine’re Schtube; i sag derno scho im Marei, was
se z’wisse brucht.“ ’s Marei rief dazwischen: „E Sündekind isch der
Klei, so hät der Pfarrer gsait, un i bin schlecht un in der Schand. O
himmlischer Heiland, brenne müsse mer alle zwei im höllische Feuer, o
heilige Mutter Gottes hilf, un e Mörderin bin i, i han d’Schulzebäueri
umbrocht; i, i hans tue, schterbe will i, so schlaget mer doch de Kopf
ab ...“ „Was liegt da noch vor,“ fragte der Pfarrer, „da scheint ja
noch die irdische Gerichtsbarkeit einschreiten zu sollen.“ „Marei,
jetz bisch schtill,“ wandte sich die Lenebas zunächst an die Kranke,
„e arme Tschole bisch un witers nix, un do hesch dei Kindli,“ und sie
legte ihr den Kleinen in den Arm; „jetz sei verninftig un red nit so,
’s Kind wird jo no krank, un mir meine’s guet mit dir alli, un nix
Böses häsch tue, du arme Tropf du, nix ...“ „So darf man doch wohl ...“
wollte der Pfarrer unterbrechen; aber jetzt wandte sich die Bäuerin
ihm zu: „Händ Sie no nie e Fieberkranks dumms Zeug schwätze höre, Herr
Pfarrer? Kommet Se jetz, ’s witer verzell i ne in meinere Schtube,“
und sie drängte den Pfarrer in den Gang hinaus. „I bin glei wieder bei
d’r,“ rief sie dem Marei noch zu. Und dann führte sie den Geistlichen
in ihre Stube. Was die beiden da sprachen, konnte selbst die hellhörige
Anastas nicht erfahren; als kleine Befriedigung ihrer Neugierde
bemerkte sie nur, daß Bäuerin wie Pfarrer nach einer kleinen halben
Stunde mit ziemlich roten Köpfen herauskamen und die Verabschiedung
recht kurz war. Die Lenebas eilte dann schnell zur Marei zurück, da
fand sie Bett und Wiege leer. Voller Angst eilte sie aus dem Hause in
den Hof und in banger Ahnung nach dem Weiher. Da sah sie rasch genug,
was passiert war. Das Kind lag fast am Rand des Weihers, die Kräfte
hatten ’s Marei wohl verlassen, sie hatte es fallen lassen, es war mit
dem Köpfchen auf einen Stein gefallen und war tot, das sah die Lenebas
auf den ersten Blick. Nicht weit davon im flachen Wasser, deutlich
erkennbar, lag ’s Marei in einem Gewirr von Wasserpflanzen, die sie
niederhielten. Ein paar Augenblicke stand die Lenebas, unfähig sich zu
rühren; dann eilte sie zum Nachbarhof, Hilfe zu holen. Und nun setzte
das Räderwerk der Staatsmaschine sich in Bewegung. Polizei und Schulze
machten die nötigen Notizen und Berichte, und erst nach langen, langen
Stunden konnte ’s Marei mit ihrem Kind in den herbeigeschafften Sarg
gelegt werden.
Am andern Nachmittag kam der Pfarrer auf den Hof, von der Bäuerin den
Hergang zu erfragen. Die Lenebas empfing den Geistlichen zuerst ruhig,
als er aber nach den ersten Worten von „Selbstmörderin“ sprach, da riß
sie die Tür zum Nebenzimmer auf, wo der Sarg stand und wo die Anastas
mit zwei andern Mägden den Rosenkranz für die armen Seelen beteten,
und zeigte auf die Tote: „Herr Pfarrer, nix für ungut, aber i mein
alls, an dere Lich täte Sie besser, nit vo Selbstmord z’rede; wenn
Einer in dere Schtube Schuld hät, no sind Sie’s, Herr Pfarrer, un wenn
g’mordet worde isch, no hän Sie g’mordet, Herr Pfarrer! Des Maidli wär
e bravs Wibervolk worde, wenn mer em über die schweri Zit nüberg’holfe
hät; aber uf si schwere Weg auch no Schtei z’werfe, des het i nit
g’meint, daß des e Mensch tue könnt, wenn i Sie, Herr Pfarrer, nit
rede hät höre am Bett vu dem arme Maidli.“ „Was Sie da reden, werd’
ich überhören, weil Sie in begreiflicher Aufregung sind,“ sprach der
Pfarrer, „aber ich spreche im Namen unserer heiligen Kirche und an
Gottes Statt: ich verweigere der Marei das christliche Begräbnis als
einer Selbstmörderin.“ „No sprech ich im Name vo unserm liebe Heiland
un verzehl am Grab, wenn’s sei mueß, wer sie zu dem triebe hät,“
sagte die Lenebas gelassen; „aber mir zwei sind fertig miteinander,
Herr Pfarrer,“ und sie richtete sich in ihrer ganzen Größe auf, „jetz
ganget usi un kommet mer nimmi ins Hus, un wenn i uf em Totbett lieg
nit. Ganget usi, oder i trib Euch mit em Stecke usi, wie e Räuber und
Mörder.“ Der Pfarrer ging, und die Lenebas stand an der Leiche und
betete ein andächtiges „Gott gebe ihr die ewige Ruh, und das ewige
Licht leuchte ihr. Amen.“
Die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne