„Behaglich und gar still habt Ihr’s aber hier,“ eröffnete Fräulein

Martha das Gespräch, „wer doch auch so in beschaulicher Ruhe leben

könnte.“ Die Gertrud verzog keine Miene. „Jo, i bin scho z’friede,“

hielt sie für eine genügende Antwort. „Ich wär schon lang gern komme,

Euch in Euerm neue Häusle zu besuche, aber Ihr wißt ja, unsereins,

man ist halt nicht sein eigener Herr.“ „He jo frili,“ schaltete die

Gertrud ein. Fräulein Martha unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer.

So kam sie nicht vorwärts. Sie gab sich einen Stoß und meinte: „Ihr

werdet lache und denke, so sind die Mensche, und Ihr habt eigentli

recht, wenn ihr schimpfet: erst die Not treibt mich zu Euch.“ „He

des wär,“ nahm die Gertrud teil. „Ja,“ beteuerte Fräulein Martha, „i

weiß mer nimmer z’helfe, und Ihr wißt ja: wenn die Not am höchsten,

ist die Hilfe am nächsten, das kann man hier wohl sagen. Ihr seid mir

eingefallen in meiner Not, i kenn ja Euer gscheite Kopf von früher

her, und da hab i mir denkt, wenn einer helfe ka, wenn’s Gotts Wille

isch, dann isch es die Gertrud.“ Wenn das Fräulein Martha in Eifer kam,

vergaß sie manchmal ihr Hochdeutsch, und sprach gut Rupertsweilerisch.

„Ja, aber des wär,“ meinte wieder die Gertrud, „was könnt denn ’s

Fraile Martha drucke, wo sie doch die bescht Hilf im Hus hät; un wenn

einer e gute Rat brucht hät, no hät er doch nur zum Fraile Martha

z’goh g’het, un g’holfe war em.“ Fräulein Martha schluckte etwas an

dieser Vergangenheit in Gertruds Satz; aber Gertruds Ernst und das

Geheimnisvolle im Häuschen, der starke Duft der Kräuter, die Tiere

in den Spiritusflaschen, die merkwürdigen Zeichnungen an den Wänden,

all das fing an, auf Fräulein Martha zu wirken. Gertrud erschien ihr

stark, wie noch nie, als die Mächtige, in deren Händen wirklich das

Wohl und Wehe des Dörfleins ruhte. Das ward ihr klar, mit List war da

nichts zu erreichen. Helfen konnte die Gertrud, das fühlte sie, aber

nur wenn sie gerne helfen wollte. Und so verwarf sie mit einem Ruck

ihren ganzen vorsichtigen Plan, sie fühlte sich zu unsicher, und die

abwartende Ruhe der Gertrud brachte sie ganz aus der Fassung. Wirkliche

Tränen kamen ihr in die Augen, und sie ergriff Gertruds Hand und

bat: „Gertrude, helfet us.“ Gertrud horchte auf, das klang ehrlich.

„Gertrude,“ begann die Pfarrköchin noch einmal, „schau, Ihr seid

doch so e gscheite Person, Ihr mißt doch des selber isehe, des kann

kei guets End nehme. Der Pfarrer im Ort darf doch nit alle Reschpekt

verliere; wenn seine Pfarrkinder lache über de Pfarrer, no isch’s us,

und er ka nimmi zu Gottes Ehre wirke in sim Dorf. Un entweder die

Lüt verkomme grad im Dreck un Elend, oder er muß halt go. Un schau,

Gertrude, wenn unser Herr fortgeht, was hän Ihr denn eigentli gwonne?

Es kummt jo nur ä anderer, un ob ä bessere, des wisse mer au nit. Un

Ihr seid doch immer fromm gwese, un habt doch sicher nix gege unsere

heilige Kirche. Denket au, wenn’s emol ans Schterbe got, ’s schtirbt

sich doch au viel lichter, wenn mer sei Pfarrer bei sich hät, bei

dem mer sei erschte heilige Kommunion gnomme hät, der eim au kennt.

Ihr könntet unserm Herr sei Ansehe wiedergebe, wenn Ihr nur wolltet.

Gellener Gertrud, Ihr helfet?“ Die Gertrud hatte die ganze Rede mit

unbeweglichem Gesicht über sich ergehen lassen. Nun stand sie auf und

ging, an ihrem Pult ein Buch langen. Sie fürchtete, der Schalk in ihrem

Auge könnte sie verraten. Ihr kam die Bitte der Pfarrköchin gar nicht

so ungelegen. Sie hatte sich selber schon gefragt, wozu das alles

führen sollte. Ihr wuchs die Bewegung über den Kopf. Sie wollte den

Pfarrer ja eigentlich gar nicht aus dem Dorf forthaben. Sie hatte nur

den Weg nicht gefunden, mit Anstand zurückzugehen. Den bot ihr nun die

Pfarrköchin, und sie stand noch groß da als Helferin und großmütige

Feindin. Und einen kleinen Schabernack wollte sie dem Pfarrer schon

noch antun. Als sie ihre Miene wieder in der Gewalt hatte, kam sie zu

der in ängstlicher Atemlosigkeit harrenden Pfarrköchin zurück. „Fraile

Martha, i will Euch was sage. Des was Ihr mir do verzählt, des han

i mer alles scho lang gsait. I hät scho lang gern e Sympathiemittel

angwendet, um unsere Herr wieder wohlan si zlasse bei de Bure, aber

i ka’s nit allei mache. Un daß Ihr zu mir komme sin, des isch grad e

Fügung Gottes. Aber --“ und sie zögerte lange -- „aber, aber i sag

Euch glei, Fraile Martha, ’s isch e schweri Sach un ob Ihr’s werdet

durchführe könne --?“ Die Fräulein Martha fuhr eifrig auf: „’s mag

si was es will, i werd ’s scho mache.“ „Wenns nämli nit ganz gnau

durchgführt wird,“ meinte die Gertrud eindringlich, „no bfallet den

Betreffende, für den mer’s tut, böse Schmerze, un d’Sach schtoht

schlechter als vorher. ’s erscht wär licht. Ihr müsset nur von der

Kirche, vom Schulhus, vom Rathus un von de angsehnschte Burehüser ä

Schnipfeli Holz abschnide. Sell könnet er licht so nach un nach mache.“

„Ja natürlich,“ nickte die Fräulein Martha voller Spannung. „Wenn

Ihr denn alle bienander hänt,“ fuhr die Gertrud fort, „no müssener

domit in der Fruah ’s Herdfüer azünde un im Pfarrer druf si Kaffee

koche, ’s derf aber niemed suscht vu dem Kaffee trinke. Un e weng vom

Wasser hebener uf un traget’s unbschraue in d’Kirche un schüttet’s

ins Wihwasser.“ „Ja, ja, das will ich schon gewissenhaft ausführe“,

sagte zögernd das Fräulein Martha. „Jo weggerle, wenn Ihr jetzt scho

zappelt,“ meinte schmunzelnd die Gertrud, „des isch’s Lichtescht

an dere Sach. Also höret: Drei Nächt lang, bschtimmti Nächt, wenn

Vollmond isch, muß der Pfarrer im Bett von ere Jungfrau schlofe. Jo

bhüt Gott,“ wehrte sie der entsetzt aufspringenden Pfarrköchin, „bhüt

Gott, daß i was Unrechts mein; natürlich im ä Bett, wo e Jungfrau drin

gschlofe hät; was denkener denn au.“ Die Pfarrköchin setzte sich tief

aufatmend. „Grad in dem Fall isch ’s meini gar nit so schwer zmache,

Fraili Martha, Ihr weret scho irgend e Usred finde, daß der geischtlich

Herr drei Nächt in Euerer Kammere schloft.“ Die Pfarrköchin nickte und

meinte nachdenklich: „Jo jo, das ging schon z’ mache.“ „Un des isch

grad bsonders gut, wie sich des in Euerm Fall trifft,“ fuhr Gertrud

fort, „denn wissener, sunscht hät i schier Angscht des zrote. Denn

im Buch schtoht mit menge Bischpiel, wenn’s ebe kei reine Jungfrau

isch, no schtirbt der Ma im nächschte Mond.“ Wieder drehte sich die

Gertrud geschäftig nach ihrem Pult um und blätterte in einem Buch.

Fräulein Martha saß versunken in Gedanken. Nun hob sie den Kopf und

sprach zu dem breiten Rücken der Gertrud hin: „Meinet Ihr, des mit dem

Verbrenne von de Spänli dät nit allei scho helfe?“ „Jo bhüt,“ sprach

die Gertrud, „Ihr wisset jo, was e reine Jungfrau für e bsunderi

Kraft un Gwalt im Himmel un uf der Erd hat, un die Kraft muß in der

Pfarrer übergoh, daderdurch, daß er drei Nächt in dem Bett schlofet;

sunscht hilft die ganzi Sympathie nix. Un wie i scho gsait hab, in

Euerm Fall ...“ „Ja,“ unterbrach die Pfarrköchin, „sell scho. Natürli

könnt i des scho so einrichte ...“ Sie wand sich auf ihrem Stuhl,

zupfte imaginäre Stäubchen von der Armstütze ihres Sessels; endlich

fiel ihr ein triftiger Grund ein: „Aber denket au, die böse Müler!

Wir Pfarrköchinnen könne nit vorsichtig genug sei. Wenn jemand davon

erführ, der Herr in meim Zimmer sehe tät, mei Zimmer liegt nach der

Straße zu. Nein, das geht nicht.“ Die Gertrud blätterte immer noch in

ihrem Buch. „Ja, wie denket Ihr des sonscht zmache,“ meinte sie nun,

„in änem fremde Hus, do wird’s halt schwer zmache si. Un des Mittel

isch e so sicher. Do lies i grad e Bischpiel, wie si e Bürgermeischter

in äre große Stadt grad uf Hände trage hänt, nachdem er die Sympathie

angwendet hät, un vorher hen sie em d’Fenschter igschmisse.“ Fräulein

Martha schlug auf die Lehne ihres Sessels: „So goht’s, so mache mer’s.“

Gertrud spitzte die Ohren. „Wissener,“ erklärte Fräulein Martha, „mei

Bäsle, ’s Eva, siebzehn Jahr isch’s alt. I hab’s in d’Schtadt in

d’Nähschul tue. Da leg i d’Hand ins Feuer, eine reine Jungfrau isch es

noch. Scho als kleins Mädele hat sie für kei andere Mensche so viel

übrig ghabt, wie für unsere Lehrer, vor eme Jahr scho hätet sie sich

gern ghürotet, die zwei; deshalb hab i sie in d’Schtadt tue. Der Herr

will’s nit ha, der Lehrer isch so e Liberaler; sonscht e ordentlicher

Mensch. I hät’s dene zwei gunnt, daß sie e Pärle worde wäret. Wenn i

der Eve schreib, sie dürf auf e paar Woche heimkomme, die isch selig.

Un derno, wenn sie ä paar Tag da isch, dann kann ich ja in des Herrn

Zimmer irgend eine Reparatur mache lasse, und ihn ins Ev sei Zimmer

umquartiere, des geht scho.“ Die Gertrud hatte sich umgedreht und große

Zufriedenheit strahlte aus ihrem Gesicht. „Nei, Fraile Martha, Ihr hän

der Kopf am rechte Fleck, des isch gar ä gute Ifall. Natürli, ’s Ev.

Aber hörener, im Ev si Kammere isch jo nur vom Garte us übers Trippel

zugängli.“ „Ja,“ nickte Fräulein Martha erstaunt. „No müsset Ihr’s

irgend dem Herr bibringe, daß er jo recht heimli in d’Kammere goht, ’s

derf niemet sehe, ’s derf niemet dervu wisse. Soviel wissener jo au vu

dene Sache. Bschraut mer si, no isch’s vorbi mit aller Kraft un allem

Sege.“ „Jo, i muß halt dem Herrn sage, daß er wege de Leut vorsichtig

sei soll; des mach i denn scho,“ beruhigte die Pfarrköchin. „Hejo,“

beschloß Gertrud, „mehr kann i nit dabei tue. Ihr müsset Spänli sammle

und im Bäsle schribe, un derno sag i die Nächt, die mer wähle müsse. In

vierzehn Täg hän mer Vollmond, derno isch die recht Zit. Aber redet nit

drüber. Un wenn’s Gotts Wille isch, no goht alles guet us.“ Fräulein

Martha hatte sich erhoben und schüttelte der Gertrud dankbar die Hand.

„Vergelt’s Gott tusigmol, und an mir soll’s nit fehle. Ich bin nur

froh, daß ich den Mut gefaßt hab, Euch meine Sorgen zu klage. Bei Euch

findet man immer Hilfe.“ „Gern gschähe isch’s, gern,“ versicherte die

Gertrud und begleitete ihren Besuch bis vors Häusle. Und dann sah sie

der eilig Davoneilenden noch lange mit sehr vergnügtem Schmunzeln nach.

„So, Herr Pfarrer, ne kleine Denkzettel krieget Ihr jetzt doch noch,

oder i will nit d’Gertrude heißen. Aber dann isch Friede.“ Sie nickte

sich selbst bestätigend eifrig mit dem Kopf, und ging ins Häusle zurück

an ihre Arbeit.

Das Bäsle kam ins Dorf, und in dem Lehrer wachte die Hoffnung wieder

auf, seine Ev doch noch zu erringen, und gar gefühlvoll spielte er

die Orgel am Sonntag, so daß der Pfarrer ganz freundlich ihn grüßte

nach dem Gottesdienst, denn schöne Musik liebte er auch. Der Vollmond

kam, und Fräulein Martha hatte der Gertrud noch einen Besuch im Häusle

gemacht. Und am Morgen nach der Vollmondnacht traf die Gertrud den

Lehrer an der Kirchhofsmauer, sie kam scheinbar vom Wald zurück, sie

hatte große Kräuterbündel im Arm. Der Lehrer wollte, noch bevor er

in die Schule ging, den Pfarrgarten, der an den Kirchhof stieß, ein

bißchen inspizieren, ob er keinen heimlichen Gruß von seiner Eva

erhaschen könnte. Die beiden begrüßten sich, und die Gertrud knüpfte

geschickt ein Gespräch an. Ganz gelegentlich kam dann die Frage: „Han

se eigentli im Pfarrhus Herrebsuch?“ „Nit daß ich wüßte,“ meinte der

Lehrer. „So, so,“ sagte die Gertrud, „i han geschtern Obig, ’s war scho

arg schpot, han i e Mannsbild uf em Trippele gseh un in d’Fremdekammer

ni goh.“ Der Lehrer lachte. „Aber Gertrud, ich glaub gar, Ihr seht

Gspenster. ’s Ev ist doch da, die wohnt doch oberm Trippel.“ „So, so,

’s Ev,“ murmelte die Gertrud scheinbar mißtrauisch, „aber blind bin i

nit,“ setzte sie trotzig zu. „Des war nit d’Ev, geschtern z’Nacht.“

Dann, als sie den Argwohn im Gesicht des Lehrers aufleuchten sah, sagte

sie harmlos schelmisch: „Herr Lehrer, Herr Lehrer, so, ’s Ev wohnt da;

no i will nix gseh habe.“

Und lächelnd und kopfschüttelnd ging sie eilig fort und ließ den

armen Lehrer mit seiner Eifersucht stehen. Und es kam, wie sie

erhofft hatte. Am Abend stand der Lehrer Schildwache, sie beobachtete

ihn, gedeckt hinter einem Stein des Friedhofs. Bald darauf sah sie

den Pfarrer schnell und scheu um die Ecke huschen und die kleine

Treppe hinaufeilen. Erkennen konnte man ihn nicht; plötzlich war er

aufgetaucht und schnell schon hinter der Tür verschwunden, und die

Seite des Hauses lag im tiefen Schatten der großen alten Nußbäume.

Dann sah Gertrud den Lehrer über die Mauer klettern und nach dem

Trippel zueilen. Erst fürchtete sie, er würde Lärm schlagen, aber die

Eifersucht machte den armen Kerl klug. Er duckte sich in den Schatten

und setzte sich auf die Bank unter dem Trippel. Wieder hatte die

Gertrud richtig gerechnet. Der Lehrer wollte den Eindringling abpassen,

und der derbe Knotenstock, den er in der Hand hielt, der würde wohl

dann mitsprechen. Die Gertrud beschloß auch zu warten. Ihr machte

das gar nichts, eine kurze Sommernacht im Mondschein zu sitzen. Ihre

Gedanken würden sie schon wachhalten, und dem Lehrer gönnte sie die

Qual dieser Stunden, er hatte doch manchmal etwas hochmütig zu ihr

gesprochen. Und der Mond ging langsam nach Westen und bald erhob sich

ein leiser Wind, im Osten flammte lichte Röte auf, und der rosige

Schein verschlang die bleiche Kugel im Westen, bis sie nur noch wie

ein helles Wölkchen über dem Horizont stand. Da erklang auch schon

die Betglocke im Kirchturm, und andächtig faltete Gertrud die Hände.

Friede sollte heute werden zwischen ihr und dem Pfarrer, Friede in der

ganzen Gemeinde. Sie wollte es ganz dem lieben Gott anheimstellen, ob

der Lehrer den Pfarrer rechtzeitig erkennen würde, ober ob ein paar

Hiebe noch erst den unschuldigen geistlichen Herrn treffen würden. Das

stellte sie in Gottes Hand, ob er das Unrecht, das ihr, der Gertrud,

geschehen war, noch strafen wollte, oder ob er dem Lehrer die Augen

noch früh genug öffnen würde. Aber dann würde sie dazwischentreten und

alles erklären und versöhnt fortan dem Pfarrer sein Recht einräumen

im Dorf. Die Betglocke verklang, und gespannt richtete sich die

Gertrud auf, nach dem Pfarrhaus zu sehen. Der Pfarrer mußte jetzt

jeden Augenblick heraustreten, es wurde bald Zeit zur Frühmesse. Der

Lehrer hatte sich ganz in die Ecke des Lattenwerks unter dem Holzgang

gedrückt, kaum konnte sie ihn erkennen. Da knarrte oben die Tür, und

eiligen Schrittes stieg der Pfarrer die Stufen herunter. Er war in

Hemdsärmel und Hosen, die Soutane hatte er über dem Arm hängen. Gerade

wollte er um die Ecke biegen, als er von hinten gefaßt wurde und eine

von Erregung heisere Stimme aufbrüllte: „Hab ich dich, du Lump du!“

Und ein derber Hieb mit dem Knotenstock saß da auf dem breiten Rücken

des Pfarrers. Der versuchte vergebens sich frei zu machen, sein

unbekannter Gegner hielt ihn mit eiserner Faust im Genick fest. Bevor

aber noch ein zweiter Hieb fiel, stand die Gertrud wie aus dem Boden

gewachsen vor dem ergrimmten Lehrer: „Ums Jesu Wille, Herr Lehrer,

was machet Sie au!“ schrie sie den Verblüfften an. „Was packet Sie

de Herr Pfarrer, so kommet doch zu Euch.“ Der Lehrer war aber durch

die Erklärung, wer der nächtliche Besucher im Zimmer seiner Ev sei,

keineswegs beruhigt. Er ließ allerdings los und trat zurück, aber

sein Gesicht sah finster genug aus. Der Pfarrer rieb sich ergrimmt

die schmerzende Schulter und suchte nach Worten, seine Entrüstung zu

äußern. Aber die Gertrud war schneller bei der Hand. „Ihr Hansnarr

Ihr,“ sprudelte sie den Lehrer an, „schämet Euch au, von unserm Herrn

Pfarrer so zdenke. Un au no mit der Ev, wo doch sei ... Ihr wisset jo.

Un von der Ev, von Euerm Bräutle. -- Ganget doch ufi ins Kämmerle,

wenn Ihr mir nit glaube went, da isch die Ev nit. Wenn Ihr nit so

hochnäsig wäret un au mit de Leut rede tätet, no wüßtet Ihr, wie mir

alle im Dorf, daß im Pfarrer sim Zimmer sit zwi Täg der Schriner isch,

die Diele sind ufgrisse, un so isch er usquartiert worde ins Bäsle

sei Kammer. Un ’s Bäsle schloft bei der Fraili Martha. He, ’s isch

nur au grad e Schickung, daß i vom Kräutersammle grad zrück kumme bi

un Euer Schraue ghört hab, ’s het jo grad e Unglück passiere könne.“

Der Pfarrer schaute ziemlich verdutzt drein, er verstand von der Sache

sehr wenig und der Lehrer wußte auch kaum, was nun tun. Da kam, von dem

erregten Sprechen angelockt, Fräulein Martha und die Ev aus dem Haus

heraus und sahen mit Staunen die drei Menschen da stehn. Dem Lehrer

schwanden nun die letzten Zweifel, und verlegen und sehr herzlich bat

er den beleidigten Pfarrherrn um Verzeihung ob des Überfalls. Die

Gertrud erklärte mit ein paar rasch geflüsterten Worten dem Fräulein

Martha soweit möglich den Vorfall und gab ihr noch ein paar weitere

Verhaltungsmaßregeln. So ging denn Fräulein Martha und half die beiden

versöhnen und äußerte zum Schluß: „Aber Herr Lehrer, ich hoffe doch,

wir dürfen uns auf Ihre Diskretion verlassen, davon darf nichts in die

Öffentlichkeit dringen.“ Und da die Gertrud Gelegenheit gehabt hatte,

dem Lehrer auch zwei Worte ins Ohr zu flüstern, so verstand er auch,

wie er die Lage zu seinem Vorteil wenden konnte. Er trat noch einmal

zu dem Pfarrherrn vor und machte einen ehrerbietigen Kratzfuß: „Herr

Pfarrer, Sie haben ’s Eve mir emal abgeschlagen, ich mein alls, wenn

ich Ihr ... wenn Sie mir ’s Bäsle von der Fräulein Theres zur Frau

geben würden, dann wäre diese ganze traurige Sache am besten begraben.

Als Ihr ... als Mann vom Bäsle von der Fräulein Martha können Sie

doch meiner ganz sicher sein, und meiner Treue und Ergebenheit.“ Die

Fräulein Theres stupfte den Pfarrer in die Rippen, und der zögerte auch

nur eine ganz kleine Weile, dann reichte er der Ev die Hand und zog sie

zum Lehrer und legte die Hände der beiden ineinander. „Meinetwegen,

meinen Segen habt ihr.“ Er rieb sich noch einmal die schmerzende Stelle

und fügte dann hinzu: „Und wenn’s mal not tut, dann verteidigt mich

auch so tapfer wie ihr ...“ Auf einen erneuten Rippenstoß von Fräulein

Martha schluckte er den Satz hinunter. „’s isch höchste Zeit zur

Frühmesse,“ schaltete Fräulein Martha eilig ein, „nachher sprechen wir

weiter; der Herr Lehrer ist ja doch unser Gast beim Mittagessen, und

ich mein, auch die Gertrud gehört heute dazu.“ Die Fräulein Martha

wußte, was sich schickte. Mit einem Knicks bedankte sich die Gertrud,

und „Vergelt’s Gott, und b’hüt’s Gott miteinander“ murmelte sie noch,

und dann eilte sie ihrem Häuschen zu.

Am Abend war der Zulauf zu ihrer Bank besonders stark; denn die Ehre,

die der Gertrud widerfahren war, hatte sich schnell herumgesprochen.

In ihrem höchsten Staat war Gertrud um die Mittagszeit in den Pfarrhof

gewandert und erst um zwei Uhr wieder fortgegangen, in heiterm

Gespräch mit dem Herrn Lehrer, der dann hell lachend in das Schulhaus

verschwand. Und nur am Abend erzählte die Gertrud von der Verlobung im

Pfarrhaus, die nun kein Geheimnis mehr war. „Un wissener,“ schloß sie

ihren Bericht, „unser Pfarrer isch recht, alles was recht isch, mer ka

nit anders sage. Er isch in dere letzschte Zit e weng ufg’hetzt gsi

vo dene ganz Schwarze in der Stadt un het nimme recht gwußt, wonaus

und wonei. Aber mir hän üs usgschproche, un wie gsait, alles was recht

isch, ’s isch e braver Herr. Un daß er ’s Ev em Lehrer gibt, der doch

e Liberaler isch, do sehener doch, daß er e guts Herz hät un kei so

stockvernagelte Schwarze isch, wie mer gmeint hät. Wie gsait, mir hen

üs so recht usgsproche hüt, dodrum hät er mi emol im Pfarrhus ha wolle,

daß mer so recht gmütli dischkuriere könne, un i kann nur sage: ’s isch

e rechte, brave Herr. Jetz wo er wieder weiß, weller Weg er geh soll.“

Und die Rupertsweiler fügten sich ihrem Urteil, und bald genug hieß es

einstimmig im Dorf: „Unser Pfarrer? Jo des isch e rechte, brave Herr.“

Ein verdienstliches Werk

Rupertsweiler Leut · 第 3 / 7 段