Drei, vier Wochen sah der Pfarrer geduldig zu. Aber dann, als er sie

einmal abends eifrig disputierend auf der Hausbank sitzend traf, blieb

er einen Moment stehen, nicht ohne Erstaunen über die Gesellschaft,

die um das alte Weiblein versammelt war. Seine besten Bauern saßen

und standen um sie herum. Er fand die Gelegenheit gerade günstig, ein

Wörtlein mit seinem saumseligen Schäflein zu reden. „No,“ meinte er

nach dem üblichen Gruß, „ich hab gmeint, die Gertrud wär krank, weil

sie gar nicht mehr in die Kirch kommt.“ Aber der Gertrud paßte die

Vermahnung vor all den Zuhörern gar nicht, nur alter Respekt band ihr

die Zunge. „’s zieht au so fürchterli in der Kirche,“ murmelte sie, „i

han halt s’ Riße in de Glieder.“ Der Pfarrer hatte eine Entschuldigung

oder Erklärung erwartet, die gegebene klang doch gar zu sehr nach Lüge.

„Ich mein doch,“ hub er deshalb noch einmal an, „Eurem Reißen tät die

Kirch besser als das Herumlaufen zu Nacht in den Wäldern.“ Das hatte

die Gertrud wirklich öfters in letzter Zeit in mondhellen Nächten

getan. Sie wollte die „Kraft vom Mond“ in sich aufnehmen, und auch

allerlei Kräuter sammelte sie, und Rezepte aus ihren Sympathiebüchern

probierte sie aus dabei. Die Pfarrköchin hatte das dem Pfarrer erzählt.

Nun wurde aber die Gertrud zornig, der Pfarrer brauchte ihr keine

Vorwürfe zu machen. Resolut hob sie den Kopf und sah dem Geistlichen

scharf in die Augen: „Was i scho lang hab frage wolle, Herr Pfarrer,“

sagte sie laut, „hän die Lüt uf dene andere Schterner au sonigi Kirche

-- und so Pfarrer?“ setzte sie in ihrem Ärger halb für sich noch zu.

Dem Pfarrer gab’s einen kleinen Ruck, und die Bauern sahen sich mit

eingekniffenen Augen an, nur einander, beileibe nicht den Pfarrer.

Einer stellte sich breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, einen

Schritt aus dem Kreis heraus, einer spuckte aus und zertrat die Sache

mit großer Sorgfalt im Grund. Stolz auf die Gertrud lag in der Luft und

gespannte Erwartung auf des Pfarrers Antwort. Der kannte seine Leute

wohl, aber er sah doch nicht ein, wieviel von seiner Antwort abhing;

er dachte nicht, wie oft die Gertrud schon unentgeltlich in Viehstall

und Familie geholfen hatte, wo er und seine Gebete versagt hatten. Es

schoß ihm durch den Kopf, daß er in eine seiner nächsten Predigten wohl

einmal über diese neuen Theorien ein paar Sätze einflechten könne,

aber laut sagte er nur: „Aber Gertrud, wo habt Ihr denn den Blödsinn

aufgeschnappt. Bewohnte Sterne! Und gar schon viele! Davon versteht Ihr

nun wirklich nichts, sonst müßtet Ihr wissen, daß kein Himmelskörper,

außer unserer Erde, die physikalischen Bedingungen erfüllt, die

es Menschen ermöglichten, darauf zu leben. Der Mond ist wie ein

ausgebrannter Krater, und viele andere Sterne sind in halbflüssig

feurigem Zustande. Nein, nein,“ unterbrach er sich, „schlagt Euch das

aus dem Kopf, das ist dummes Zeug. Kommt fleißig in die Kirche und

betet, das ist besser für Euch.“ Er rührte an den Hutrand und ging mit

einem „Gutnacht miteinander“ weiter. Ein paar gemurmelte „Gelobt sei

Jesus Christus!“ und „Gutnacht au Herr Pfarrer!“ folgten ihm nach. Dann

setzte aber sofort wieder die Stimme der Gertrud ein: „So meinet ’r i

wär jetz ufs Mul gschlage, meinet ’r des wär a Antwort gsi? Blödsinn

aufgschnappt? Jo weggerle, e schöner Blödsinn. I han’s glese in äme

Buch, ä langi Gschicht vu nem Professor gschriebe, die sin halt doch

noch andersch glehrt als unser Pfarrer; der saits und bewist’s, ä Kuh

könnt’s verschtoh, daß uf em Mars, wisse ner, des isch der Schtern,

der als am Obig gege d’Rhinebene zu so rot ufblitzet, jo der isch

bewohnt, un mit große Lichter hen d’Lüt dort uns scho Zeiche gä,

durch d’Ferngläser hät mer’s gsähe. Sie wisset nur no nit recht, die

Professore, wie mer soll än Antwort gä. Große Lichter hän sie au scho

anzunde, aber’s schint, sie sin nit hell gnua. Jo, un jetz hän ’r

ghört, was der Pfarrer gsait hät: In halbflüssig feurigem Zuschtand

wäre die Schtern! Jetz denket doch au nur selber, wenn des wohr wär,

no täte se jo doch runtertroppe. Hänget Sie doch ämol ä Honigkugle an

der Himmel ufi, Herr Pfarrer!“ Ein beifälliges Murmeln erhob sich. Der

Stollenbauer sagte: „Ihr hän bigelt ä dundersgschite Kopf, Gertrude.“

Aber der bedächtigere Burgersepp meinte doch: „Aber der Pfarrer hät

doch die Sach au schtudiert.“ Die Gertrud war aber mutig heute, und

angefeuert von der Anerkennung des angesehenen Stollenbauers trumpfte

sie nun auf: „Wissener, im Vertrauen gsait, die Pfarrer schtudiere halt

doch nit so älles, die hän d’Bibel immer vor der Nase, und do schtohn

doch au gar bsunderi Sache drin ...“ Sie merkte die Mißbilligung

dieser ihrer Behauptung, aber nun war sie im Zug: „Im Vertraue gsait,

wissener, so um Wihnächte rum hät der Pfarrer ämol uf der Kanzel so ä

Schtückle us der Bibel verzellt vom Josua, uf dem sei Gebet d’Sonne

schtillgschtande isch; wissener ’s no?“ „He jo“, murmelten die Zuhörer.

„No also,“ fuhr die Gertrud fort, „do driber han i mänchi schloflosi

Nacht nachsinniert. ’s klingt au gar so gwaltig, aber wenn i mers so

recht eindringli vorgschtellt hab, no isch mer’s immer mehr wie ä Lug

vorkomme, akkurat so wie uf em Jahrmärkt der Mann mit em Kitt immer

schreit: Wenn ihr eure zerbrochene Häfe mit dem Kitt leimt, so kann ein

Riese sie nit mehr auseinanderbreche. Un wenn mer denn so ä Fläschle

voll nach Hus nimmt un ä zerbrochene Vase mit kittet, no hängt’s

z’samme wie ä liderliche Noht. Ma ka höchschtens no trockeni Blume in

d’Vase neischtelle.“ „He aber au Gertrude, wie schwätze ner denn au,“

tadelte der Burgersepp wieder, „unser Herrgott kann doch ä Wunder tue.“

Die Gertrud gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile sagte sie: „Hän

Ihr schon emol in äre Uhr ei Rädle aghalte, ei einzigs? Was meint ’r,

goht d’Uhr dann no witers? Oder schtoht alles schtill, ’s ganz Werk?

Un i mein alls, d’Sonn wär au so ä Rädli“, schloß sie nachdenklich.

„Aber jetz isch gnua dischputiert,“ setzte sie hinzu und stand auf; „’s

isch schpot. Gutnacht mitenander, än andersmal wieder.“

Sie zog sich in ihr Zimmer zurück, das jetzt ein ganz anderes Aussehen

hatte, als in den ersten Monaten ihres Darinhausens. Die Heiligenbilder

waren von den Wänden verschwunden, nur ein Marienbild und die heilige

Gertrud hingen noch über dem Myrtenkränzchen. Statt dessen waren die

Wände voller astronomischer Karten, ausgeschnitten aus Kalendern,

schön säuberlich auf Pappe aufgezogen. Aus einem neueren Kalender

hatte sie sogar eine der Schiaparellischen Marskarten mit den Kanälen

ausgeschnitten und, mit den Köpfen von Schiaparelli und Flammarion

auf einem Blatt vereinigt, in einen der Rahmen eingefügt, die früher

ein Heiligenbild enthielten. An der Kaminwand hingen Dutzende von

Kräuterbündeln, in den Fensterchen nach Osten standen Medizinflaschen,

worin Kräuter, einzelne Tiere, besonders Spinnen, auch eine Eidechse,

im Spiritus unter dem Einfluß der Sonne „ihren Geist“ einfangen lassen

sollten. Und das Schreibpult lag nicht mehr voller Traktätlein und

Heiligenlegenden, sondern Kalender und altaussehende dicke Bücher

waren da aufgehäuft und eine Unzahl von Steinen, die wohl wegen des

Katzengolds, das sie enthielten, gesammelt zu sein schienen.

Die Gertrud war sehr eifrig, als sie in ihr Zimmer gekommen war. Heute

hatte sie noch einen großen Hauptschlag vor. ’s Annemai, die arme

Witwe eines Holzhauers, war von einer Mücke gestochen worden, der Arm

angeschwollen, eine böse Blutvergiftung war in dem entkräfteten Körper

ausgebrochen, und morgen in der Frühe sollte sie in die Klinik geholt

werden, man wollte ihr den Arm abnehmen. Und ’s Annemai hatte gar nicht

an ihre Schmerzen gedacht, nur immer an ihre drei kleinen Kinder, und

hatte gejammert und sich gewehrt; nur nicht den Arm ihr abnehmen,

lieber wolle sie sterben, dann kämen die Kinder doch ins Waisenhaus,

aber wenn sie, die Mutter, am Leben und nur noch den linken Arm habe,

wie solle sie dann die Kinder ernähren; jetzt mit ihren fleißigen zwei

Armen könne sie nur grad ’s trockene Brot und Kartoffeln aufbringen.

Und Bettelleute wollten sie nicht werden. Die Gertrud hatte von dem

Jammern der Annemai ganz das Herz schwer, und schließlich schlich sie

sich heimlich zu ihr. „Annemai, wenn Ihr den Glaube an mich hän, könnt

i Euch scho helfe; aber bschraue darf’s nit werde. Wenn Ihr niemand

was verzehle wollt, no komm i in der Nacht un kurier Euch.“ ’s Annemai

griff mit Jubel zu. „Jo Gertrude, Ihr könnt mir sicher andersch helfe

als die Professore. Nei, gwiß sag i niemend nix, kommet jo au gwiß

un vergelt’s Gott tusigmol.“ Und die Gertrud war nach Hause geeilt

und hatte gekocht und geprozelt und unter ihren Kräutern gewählt und

immer wieder in dem Buch nachgesehen, wo das unfehlbare Rezept stand:

gegen verdorbene Säfte und bösartige Geschwülste. Und jetzt war der

Kräutersaft fertig und ausgekühlt. Sie steckte das Fläschchen zu sich,

wählte noch einige Farrenkräuter aus einem Bündel, und mit dem Buch

zusammen steckte sie alles in ihre Tasche. Nun noch in den Wald an

eine feuchte Stelle, die sie kannte, wo die großen Huflattichblätter

wuchsen. Drei große Blätter wählte sie aus. Kein Insektenstich durfte

daran sein, und lange mußte sie suchen, bis sie ganz tadellose

Exemplare fand. Jedes einzelne leuchtete sie genau mit ihrer kleinen

Laterne ab, und feierlich murmelte sie beim Pflücken:

„Huflattich du kalter,

Du Hitzezerspalter,

Üb’ deine Kraft,

Halt’ deinen Saft

Zur Kühlung der Wunde,

Daß ’s Annemai gesunde.“

Dann löschte sie ihr Laternchen, denn sie wollte nicht gesehen werden,

und eilte zur Wohnung der Annemai. Beim Eintritt in deren Kammer legte

sie den Finger auf den Mund, gesprochen durfte jetzt nicht werden.

Rasch löste sie den Umschlag, der auf dem kranken Arm befestigt war.

Drei Kreuzzeichen machte sie über sich, drei über den kranken Arm der

Annemai, dann rieb sie den dunkelgrünen, zähflüssigen Kräutersaft auf

den geschwollenen Arm und sprach:

„Sieben Kräuter,

Sieben Schmerzen,

Maria hilf.

Bilsenkraut und Erdbeerblüten,

Müßt des Herzens Schlagen hüten.

Knabenkraut und Eisenhut

Schüttet Kraft ins kranke Blut.

Holderblüt und Minzekraus

Treibt das Fieber mir hinaus.

Mit Johanniskraut so lind

Hilf Maria deinem Kind.

Sieben Kräuter,

Sieben Schmerzen,

Maria hilf.“

Dann legte sie kreuzweise um den Arm zwei Huflattichblätter und band

sie mit einem weißen Faden fest. Das dritte Blatt legte sie der Kranken

aufs Herz. Nun holte sie noch aus der Tasche die Farrenkrautblätter und

schob sie unter das Kopfkissen mit dem gemurmelten Spruch:

„Farrenkraut den Schlaf dir schafft

Durch des Schlangensamen Kraft.

Wenn Schlangenmutter dich bewacht,

Hat kein böser Dämon Macht.“

Nun hat sie das Ihre getan. „So Annemai,“ meint sie nun in ihrem

gewöhnlichen Ton, „jetz müsset ’r schlofe. Schlofe!“ wiederholt sie

noch einmal nachdrücklich, und die erschöpfte Frau, die mit ängstlicher

Spannung den geheimnisvollen Worten und Manipulationen gefolgt war,

schloß auch willig die Augen und versank in ein dämmerndes Schlummern.

Die Gertrud saß Stunde um Stunde am Fensterchen der engen Stube und

lauschte den immer ruhiger werdenden Atemzügen ihrer Patientin. Mit

dem ersten Hahnenschrei wachte das älteste, siebenjährige Mädele, ’s

Liesele, auf und sah mit Angst nach der Mutter hinüber. Bis jetzt

hatten die drei Kinder eng gekauert in ihrem kleinen Bettchen am

Ofenwinkel geschlafen; nun wurden sie unruhig. Die Gertrud schlich

sich leise zu ihnen hin und redete dem Liesele zu: „Ihr müsset ganz

schtill si, d’Mutter derf nit ufwache. Lieget ganz schtill un bettet

au für d’Mutter.“ Und die verängstigten Kinder lagen mäuschenstill in

dem Bettchen, falteten die Händchen und flüsterten leise, leise ihre

kleinen Gebetchen, bis sie wieder einschliefen. Die Gertrud saß wie

aus Holz geschnitzt am Fenster und sah dem lichter werdenden Himmel

entgegen. Um fünf Uhr wurde es lebhaft im Häuschen. Die Bäuerin, bei

der ’s Annemai zur Miete wohnte, rumorte im Stall, die Kühe brüllten,

nun ließen sich auch die Kinder nicht mehr halten. Das Kleinste

weinte, und die Kranke wachte auf. Und die Gertrud sprang geschäftig

hin und her, die Kinder anziehen, die Milch wärmen, das Zimmerchen

herrichten; flink ging ihr alles von der Hand. Dann erst nahm sie

vorsichtig die Huflattichblätter vom Arm. Sie hätte beinah geheult vor

Rührung, als sie sah, daß die Röte am Arm wirklich etwas geschwunden

war und die Haut sich auch gar nicht mehr so prall und heiß anfühlte.

„I mein alls,“ sagte sie bedächtig, „Ihr bruchet nit in d’Schtadt.

D’Gschwulscht isch scho e weng ufgsoge. Wenn Ihr mir glaubet, no

trinket Ihr jetz no ä Holdertee un derno schwitzener, un morge schtohn

Ihr gsund uf.“ ’s Annemai hatte die Augen voll Tränen: „Jo, Gertrude,

vergelt’s Euch Gott, i tua, was Ihr saget, i gschpür selber, daß es

mir besser goht. Ihr hän meine Kinderle d’Mutter grettet, durchs

Feuer ganget i für Euch.“ Die Gertrud war geschäftig fortgeeilt, um

Tee zu kochen, und was an Federbetten aufzutreiben war, das wurde dann

aufgetürmt über die geduldige Annemai. Nun dauerte es nicht mehr lang

und man hörte Wagengerassel draußen. Dann ein energisches Klopfen an

der Tür, und ein Krankenwärter mit einer Schwester traten herein. „Die

Frau Annemaria Kohler sollen wir holen. Sind wir hier recht?“ fragte

die Schwester. „Sell schon,“ antwortete Gertrud, „die Frau Annemaria

Kohler tät schon hier wohne, aber hole, sell bruchen ’r nit.“ Die

Schwester sah auf. „Gestorben?“ fragte sie leise. „Nei, sell nit,“

meinte wieder die Gertrud, die breitspurig den Eingang ins Zimmer

versperrte, „aber gsund isch sie oder wird sie, in d’Klinik brucht

sie nit un will sie nit.“ Die Schwester sah den Wärter an, der Wärter

die Schwester. „Wir haben den Auftrag und -- ja, gute Frau, was wissen

Sie denn, ob die Frau gsund ist“, meinte die Schwester. „Weil i nit

blind bin, do drum weiß i’s,“ entgegnete grob die Gertrud, „un zwinge

könnet Ihr die Frau nit un sie will nit in d’Klinik. Annemai,“ rief

sie mit lauter Stimme, ohne sich von der Tür verdrängen zu lassen,

„saget’s au selber, daß Ihr dobliebe wollet.“ „I dank au für d’Müh,“

kam die schwache Stimme aus den Federbetten, „aber gwiß nit will i do

furt, nit in d’Klinik“, steigerte sie sich voller Angst. „Aber Frau

Kohler,“ rief nun die Schwester, die absolut nicht an der stämmigen

Gertrud vorbeikam, „überlegen Sie sich’s doch, Sie wollen doch gesund

werden! Das können Sie doch nur bei uns in der Klinik.“ „Nei,“ schrie

die Kranke, „nei, i laß mer der Arm nit abschnide, lieber will i

schterbe, aber mit meine beide Ärm. Wenn i schterbe soll, mit meine

beide Ärm, no kann i doch d’Mutter Gottes mit beide Ärm anflehe, daß

sie mir meine Kindli bschützt. Nei, i gang nit. Un wenn’s Gotts Wille

isch, no werd i au do gsund. Un dobliebe will i, dobliebe“, jammerte

sie still für sich weiter. Die Gertrud griff die Schwester fest am Arm:

„Kommet usi in de Gang, i will Euch was sage, Schwester,“ flüsterte

sie rasch; und als sie Schwester und Wärter draußen hatte, und die

Tür hinter ihr einschnappte, sagte sie: „Jetz fahret nur mitenander

wieder in d’Schtadt un saget dene Herre vergelt’s Gott, un i sag Euch

au für’s Annemai vergelt’s Gott, aber mitgoh tut sie nit, sie will

nit und i lids nit. Un i weiß, morge isch sie gsund un hät ihre Ärm,

un doderzue brauche mer keine gschtudierte Herre. Mit Gwalt kenne ner

sie nit fortführe, un gutwillig goht sie nit.“ Nach einigem Zögern und

Reden fuhren die beiden denn auch wieder zurück, und die Gertrud sah

ihnen vom Trippel des Hauses sehr befriedigt nach. Und dann eilte sie

zur Kranken zurück, ermahnte sie zur Ruhe und predigte dem Liesele,

sie solle ja keinen Menschen ins Zimmer lassen: „Wenn einer nit höre

will un doch in d’Schtube will, no schrausch, daß i’s im Wald obe hör,

i gang nit wit weg, i hol nur drei neue Huflattichblätter, die kühlet

no gar de Brand usi.“ Und eilig wuschelte sie fort. Als sie nach

einer knappen Viertelstunde zurückkam, stand der Pfarrer aufgeregt

schimpfend im Zimmer, dem hatte das Liesele doch nicht den Eintritt

zu weigern gewagt. Auch zu schreien nach der Gertrud wäre ihr als

Sünde erschienen. Die Ehre! Kaum war die Gertrud im Zimmer, drehte

sich der Pfarrer scharf nach ihr um: „Da wäret Ihr ja,“ polterte er

sie an, „höret emal Gertrude, jetzt hab ich Eure Narrenspossen aber

satt, das geht denn doch zu weit. Was fällt Euch denn ein, die Frau da

ohne Hilfe sterben zu lassen, eigenmächtig die Leute aus der Klinik

fortzuschicken?“ Der Pfarrer schöpfte Luft, und die Gertrud fiel ihm

schnell ins Wort: „I mein alls, Herr Pfarrer, vor Ihr so schimpfet,

guckener Euch ’s Annemai erscht emol a. Gsund wird sie, un ihr Arm

behaltet sie un ....“ „Unsinn,“ wehrte der Pfarrer ihr eifriges Reden

ab, „Ihr meint, Ihr wärt der einzig gscheite Mensch auf der Welt, so

scheint mir. Macht meinetwegen Eure Teufelskuren bei den Kühen und

Schweinen der Bauern; wenn die so dumm sind, ist das ihre Sache, aber

von Menschen habt Ihr Eure Finger zu lassen. Seid froh, wenn ich

Euch nicht anzeige, ins Zuchthaus könntet Ihr kommen. Und wie Ihr das

Menschenleben, das Ihr da in Lebensgefahr gebracht, vor dem lieben Gott

verantworten wollt, das weiß ich nicht. Ich hab den Löwenwirt gebeten,

den Wagen anzuspannen, er wird bald hier sein, und daß Ihr mir dann

nicht wieder Geschichten macht, das rat ich Euch, sonst bekommt Ihr’s

mit mir zu tun.“ „Liesele,“ wandte sich die Gertrud an das Mädele,

„geh, lauf zum Löwewirt, was de laufe kahsch, wenn de dei Mutter lieb

häsch, un sag em, ’s brucht de Wage nit, der Herr Pfarrer heb sich

g’irrt.“ Und sie schob das zögernde Kind mit einem harten: „Lauf, oder

wilsch, daß dei Mutter uf der Gottesacker kommt?“ zur Tür hinaus.

Dem Pfarrer hatte es die Sprache verschlagen. Jetzt wetterte er los:

„Ins Zuchthaus kommet Ihr. Meint Ihr, so kann man mit Menschenleben

umspringen und mit Eurer geistlichen Obrigkeit? Meint Ihr, Ihr könnt

mit Euren Hexenkünsten das ganze Dorf rebellisch machen? Ich hab den

Geist des Aufruhrs schon an allen Ecken bemerkt, das geht von Euch aus.

Meint Ihr ich sei blind? Aber das Handwerk soll Euch gelegt werden,

Ihr Hexe Ihr. Ins Zuchthaus mit solchem Gesindel wie Ihr.“ „I han

Euch rede lo, Herr Pfarrer,“ sagte die Gertrud nun sehr ruhig; „aber

’s wird Euch g’raue, was Ihr gsagt hän. Im Beichtschtuhl könnet Ihr

mir meintswege der Marsch mache, wenn i zu Euch kumm no mol, aber

hier hän Ihr kei Recht uf mi z’schimpfe, hier in dere Schtube han i

mehr Recht als Ihr. I han im Annemai gholfe, un mit Gotts Hilf han i

ner gholfe, un nit mit Hexekünschte. Un des isch Husfriedensbruch un

Beleidigung, soviel weiß i au no vom Recht. Un wenn’s druf akummt, mein

i alls, Ihr hänt Dreck am Schtecke un nit i. Un i mein alls, Ihr hänt

hier nix verlore. ’s Annemai hät nit nach Euch verlangt, un händle am

e Krankebett tu i nit.“ Sie machte dem Pfarrer höflich die Tür auf und

stand wartend da. Der hob drohend die Faust. „Ich gehe, ich gehe Euerm

ungewaschenen Mundwerk aus dem Weg, aber das sollt Ihr mir büßen.“ Und

ohne einen Blick nach der Kranken, ohne einen Gruß ging er.

Als wäre nichts geschehen, wickelte die Gertrud der Kranken die neuen

Huflattichblätter um den Arm, legte das dritte ihr aufs Herz und

beruhigte die leise Jammernde: „Schauet nur, d’Gschwulscht isch scho

fascht völlig gschwunde, i sag Euch, morge seid Ihr gsund.“ Und die

Kranke fühlte selber, wie sehr der Arm besser geworden war, und lag

schließlich mit glücklichen Tränen in den Augen beruhigt unter ihren

Federbetten.

Am Nachmittag kam der Doktor aus der Stadt, und wenn er auch wetterte

und fluchte auf die Altweiberwirtschaft, er mußte doch zugeben, daß

jede Gefahr für die Kranke vorüber war. Er zuckte die Achseln, sprach

von Selbsthilfe der Natur und verließ kopfschüttelnd die Stube. Draußen

fing ihn die Bauersfrau auf und erzählte ihm, was die Gertrud gewagt

hatte, denn sie hatte natürlich an der Türe gehorcht bei dem Disput

mit dem Geistlichen. Der Arzt hörte ihr zuerst etwas ungeduldig zu,

dann aber lachte er doch laut auf, als die Bäuerin die resoluten Worte

der Gertrud wiedergab, und er klinkte die Tür noch einmal auf und rief

fröhlich der Annemai zu: „Ich laß auch die Gertrud schön grüßen.“ Und

immer noch lachend sprang er die Treppe hinunter in seinen Wagen und

fuhr davon.

Als ’s Annemai am dritten Abend richtig bei der Gertrud auf der Bank

saß, da hätte die Gertrud nicht mit einer Königin getauscht. Die Bauern

machten nicht viel Worte, aber sie wußte, sie war die Erste im Dorf

jetzt, und ohne ihren Rat und ihre Hilfe geschah nichts mehr, und wenn

einer den Pfarrer erwähnte oder ängstlich fragte: „Wird er wirklich

d’Gertrude verklage?“, dann sagte sie nur mild: „Der arm Tschole.“

Und bei den Bauern, die von Anfang an zu ihr gehalten hatten, fügte

sie wohl noch hinzu: „Es wundert mi eigentli doch, daß Ihr Euch so ä

bschränkte Mensch als Pfarrer gfalle losset. ’s Dorf hätt au ä anders

Ansehe, wenn mer e weng ä gschitere Herr hätte.“

Der Pfarrer, der ein etwas cholerischer Mann war, sonst aber gern seine

Ruhe hatte, unternahm nichts gegen die Gertrud, was die natürlich auf

ihre Weise den Bauern ausdeutete: „Gellener,“ sagte sie, „der hüt sich,

er hät Angscht.“ Die Bauern glaubten’s gern, und der Pfarrer hatte

nur noch wenig Anhänger im Dorf. Denn wenn sie auch alle einen großen

Respekt vor Gertruds Weisheit hatten, daß der Pfarrer sich auch vor der

Gertrud zu fürchten schien, das schadete seinem Ansehen doch sehr. Und

die Gertrud herrschte immer unumschränkter im Dorf, die Kirche wurde

immer leerer, und selbst die Feldprozessionen, die sonst immer mit

großem Zulaufe abgehalten worden waren, waren dieses Jahr armselig: ein

paar Kinder, die von Zwangs wegen mitmußten und ein paar alte Männlein

und Weiblein. Die Bauern erwarteten viel mehr vom Spruch der Gertrud,

die auf Bitten hin gerne in Mondscheinnächten über die Felder ging und

den Bauern volle Scheunen herabzog mit dem kräftigen Mondsprüchlein,

das da heißt:

„Mondsichel steige,

Belade die Zweige

Mit quellender Frucht.

Wenn du rundest dich wieder,

So falle hernieder

Der silberne Tau

Auf die blühende Au.

Bis im Dunkeln du ruhst,

Behüte den Blust.“

Im Dorfe gärte es immer mehr, und die Gertrud triumphierte immer

bescheidener. Der Pfarrer, dem die gute, bequeme Pfründe ans Herz

gewachsen war, wetterte gelegentlich von der Kanzel, aber wenn er

seinem Zorn wieder Luft gemacht hatte, dann ließ er seine rebellische

Gemeinde laufen, wie sie wollte. Aber der Pfarrköchin, der Fräulein

Martha, der brach’s schier das Herz, daß ihr Herr so wenig Macht

und Ansehen mehr hatte; man kam ja kaum mehr zu ihr ins Pfarrhaus

um Rat und Hilfe zu bitten, was hatte sie denn jetzt von ihrem

Pfarrköchinnentum. Jede simple Bauersfrau hatte genau soviel Einfluß

wie sie, und da war nur diese gottlose Schwäche ihres Herrn daran

schuld. Das wollte ein Diener der heiligen Kirche sein! Sie, die

einfache, bescheidene Pfarrköchin, sie wußte besser, was der liebe

Gott und die heilige Kirche verlangten. Nicht umsonst sollte sie der

Bischof bei der heiligen Firmelung zum Streiter Gottes geweiht haben;

wenn ihr Herr das vergessen konnte, dann mußte sie eben kämpfen. Das

war sie unserer lieben Mutter, der Kirche schuldig. Soviel war ihr in

diesen Wochen der Vernachlässigung klar geworden. Nun hieß es zunächst,

unauffällig sich dem Feinde nähern und dessen Position kennen lernen.

Dann würde ein Feldzugsplan ihr schon klar werden. Sie wollte sich

krank stellen und scheinbar um Hilfe bitten; irgend eine Blöße, wo sie

angreifen konnte, würde die Gertrud ihr dann schon bieten.

So ging sie denn mutig an einem hellen Nachmittag zur Gertrud ins

Häuschen. Sie begrüßten sich ein wenig feierlich, die entthronte

Fürstin und die regierende Fürstin, sie reichten sich die Hände, und

die Gertrud schob dem Gast den geerbten Lehnsessel hin und setzte sich

erst auf einen Holzstuhl, als die Fräulein Martha wohl plaziert war.

Dann wartete sie auf die Eröffnung des Kampfes; denn daß es sich darum

handelte, war ihr schon gleich klar geworden, als sie die Pfarrköchin

auf ihr Häuschen zukommen sah.

Rupertsweiler Leut · 第 2 / 7 段