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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
Dialektausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit
halber an den Anfang des Buches verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen in
Antiquaschrift werden in der vorliegenden Fassung mit ~Tilden~
gekennzeichnet.
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Rupertsweiler Leut
Rupertsweiler Leut
von
Harriet Straub
[Illustration]
1912
München bei Georg Müller
Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig
Inhalt
Seite
Der heilige Aloysius 1
Die Alt-Pfarrköchin 11
D’ Gertrude 35
Ein verdienstliches Werk 83
Die Lenebas 91
Die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne 110
Das Gespenst 123
Die Leich’ 153
Wortverzeichnis 161
Der heilige Aloysius
Im Dörfchen Rupertsweiler herrscht reges Leben, seit ein paar Tagen
schon fahren Wagen hochgepackt mit Tannenreisig aus dem nahen Wald und
die würzig duftenden Zweige werden in großen Massen an der Kirche und
den ansehnlichsten Häusern abgeladen. Und abends sitzen die jungen
Mädchen auf den Bänken vor den Häusern und winden unter frommem Gesang
meterlange Gewinde aus Tannenzweigen, während die kleinen Geschwister
rote, weiße oder gelbe Papierblumen hineinbinden.
Fronleichnam steht vor der Tür, und wie jedes Jahr wetteifern alle, wer
den schönsten Schmuck haben würde zur feierlichen Prozession. In den
Häusern ist auch geschäftiges Treiben, die Heiligen werden unter den
schützenden Florhüllen oder Glasstürzen hervorgeholt und wo’s nötig
ist, die Kronen oder Heiligenscheine neu vergoldet, die Sockel mit
Kränzen von leuchtend bunten Papierblumen umwunden. Öllämpchen oder
gar Leuchter aus Glas oder Silberblech werden geputzt und gefüllt,
um zu Ehren des Allerheiligsten angezündet zu werden, wenn die ganze
Gemeinde, was nur laufen kann, mitzieht durch alle Straßen und bis an
die äußerste Feldgrenze im Triumphzug des Heilands. Die Küfermarie ist
eben fertig geworden mit ihrem letzten Gewinde und reinigt sich jetzt
am Bächlein, das an ihrem Haus vorbeieilt, die harzigen Hände, bindet
eine frische Schürze vor und geht quer über die Straße zum Kirchplatz,
wo das Pfarrhaus steht. Die alte Haushälterin des Pfarrers, Fräulein
Theres, öffnete auf ihr Klopfen und begrüßte die Küfern mit einem
freundlichen: „Ihr wänn wieder der hl. Aloysius hole zum ziere, i han
nen scho runtergeholt us em Gaschtzimmer.“ --
Das war altes Gewohnheitsrecht, daß der Pfarrer seinen Pfarrkindern
von seinem Überfluß an Heiligenbildern und Statuen austeilte, und die
Küfern, die so nah an der Kirche wohnte, hatte immer den Ehrgeiz gehabt
ihre Fenster besonders stattlich auszuputzen, aber eine eigene Statue
sich anzuschaffen, dazu hatte es nie gelangt. Der Mann hätte mit seinem
Küferhandwerk schon ganz schön verdient in dem weinbautreibenden
Dorfe, wenn er nur den Wein nicht gar so gern selber getrunken hätte.
Jetzt, auf die freundliche Anrede der Pfarrköchin, stand die Frau
verlegen und zupfte am Schürzenzipfel. „Nix für ungut!“ fing sie
schließlich an, „aber wenn’s Euch recht wär, möcht’ i gern än andere
Heilige, nit der hl. Aloysius.“ Die Pfarrköchin zog die Stirn in
Falten: „Jo do komma ner a weng spot, mer hän scho alle hergä -- i
ha grad nur der hl. Aloysius für Euch ufg’hobe. -- Ihr hänn en doch
alli Jahr ghät.“ -- „Scho, scho, freili,“ meinte zögernd die Küfern,
„gar nix hän er meh? Nei, der hl. Aloysius nem i et, lieber stell i
gar nix na.“ Trotzig klingt’s, und die Pfarrköchin, die eigentlich
ungeduldig war, zu ihren Kränzen zurückzugehen, horchte neugierig
auf: „Jo ä Kruzifix hätte mer scho no.“ „Dös han i selber,“ meinte
brummig die Küferfrau, „dös hängt mer doch nit gern zum ziere naus am
Fronleichnigstag, -- a Tafla werdener doch no ha?“ fragt sie drängend,
und da sie merkt, wie die Haushälterin eilig ist, setzt sie hinzu:
„Wenn Ihr Müh dervo hänt, i ka warte, i bin fertig mit de Kränz, wenn
Ihr wänn, kann i helfe kränzle, und derweil überlegt Ihr’s, ob Ihr nix
andersch meh hän.“
Die Pfarrköchin, die alle Hände voll zu tun hatte, war froh um die
angebotene Hilfe, und die beiden sitzen sich bald im Hof gegenüber
unter einem Berg von Tannenzweigen, die noch kunstvoll auf Bretter
genagelt werden mußten. Auf dem dunklen Tannengrün werden weiße
Papierrosen befestigt, die die Namenszüge ~J. H. S.~ und auf zwei
andern ~M(aria)~ und ~J(oseph)~ bilden sollen. Das Ganze wurde dann
genau in die drei Frontfenster eingepaßt. Das hatte die Pfarrköchin in
der Stadt gesehen und war sehr stolz auf diesen neuen Schmuck, und die
Küferfrau war zuerst ganz stumm vor Bewunderung und Neid. „Nei, wo hän
Ihr au nur immer die neue Ifäll här,“ sprudelte sie dann los, „do kann
usereins sich heimgige lo, immer s’glich, amol rote un amol gäle Rose,
aber susch“ -- „Do derdrum wän Ihr der hl. Aloysius nimme?“ fragte die
Pfarrköchin nun direkt. „Jo, do drum au,“ meint zögernd die Küfern,
„aber nei, warum soll i denn lüage, i ha gar nit dra denkt, andersch
z’ziere wie suscht -- aber wissener -- i ha ne Hühnle z’rupfe mit em
hl. Aloysius, un do drum will i en nit ha zum ziere dös Jahr, nei
wissener, der verdient’s bei Göscht nit,“ setzte sie in ausbrechendem
Ärger hinzu. Die Pfarrköchin bekreuzt sich erschrocken, und die
Küfermarie schlägt sich auf den Mund: „Gott verzeih mer d’Sünd -- i
schwätz halt alls, wie mer der Schnabel gwachse isch -- jo, aber wenn
i verzähl, wie’s mer gange isch -- no werdet’s Ihr selber isehe -- daß
i Recht han. Ihr kenne jo der Karli -- mei Ma -- er wär ganz ordentli
-- i kann grad suscht nit kloge -- bis ufs suffe -- wen er Eine hät,
no isch nimme mit em uszkomme. Im Frühjahr, wie n’i uf der Lindeberg
gwallfahrtet ha, hän i halt au wieder do dra denkt, un ’s Weine isch
mir ko, wenn i dra denkt ha, was i scho bett und bett ha bei nere jede
Wallfahrt, un nie nit hät die lieb Mutter Gottes gholfe. Nei wissener,
i hann mer jo gsait, daß dös a bsunderi Gnad wär, un daß i deß nit
so verlange ka, i bin a arme sündige Mensch, aber i ha grad gmeint,
unser lieber Herrgott könnt mer amol a anderi Buß uflege, ’s tragt si
lichter, wenn mer amol wechsle ka -- un wie n’i so gweint ha -- hät
mi a Nachbari, i ha se witers nit kennt, se war von der andere Site
vom Berg z’Hus, die hät mi agschtoße und hät gmeint: ‚Ha jetzt, was
weinener au so? Wenn’s Euch so ’s Herz abdruckt -- i ha’s au amol so
ghätt -- i han dem hl. Aloysius a Noväne globet un a Kerze, un er hät
mer gli gholfe. Hän Ihr dös scho amol tua?‘“ -- „I hän mir gli denkt,
dös isch a Wink vo der Mutter Gottes, si ka do au nit alles selber
mache, mer tät jo ganz die andere liebe Heilige hinte dra setze, wenn
sie alles mache wot, han i nit recht?“ Und die Pfarrköchin mit ihrer
besseren Bildung bestätigte das, indem sie sagte: „Uf dere Welt isch’s
ja au eso, der König und die Königin machet au nit alles selber, und
jedes hät si Posta, mit sine bsundere Pflichte.“
„Freili jo,“ nickt die Küfern, die’s jetzt eilig hatte, ihr Herz gar
vollends auszuschütten, „un wo’n i do scho sit Jahre der hl. Aloysius
zum Ziere gno hä, ’s war jo zu dütli ä Wink. No natürli han i au uf
der Schtell a Noväne globet un a Kerz, un weil i gar ä so sicher war,
daß dös a Wink von der liebe Mutter Gottes war, hän i a silbernes Herz
globet -- i han’s erscht versproche, wenn mei Ma ganz ’s Sufe si glasse
hät, sell isch wahr. -- Jetzt höret no -- i komm vo der Wallfahrt nach
Hus, ame Suntig Obig isch ’s gsi -- un wian’i daher komm, hockt der
Karli bei Göscht uf em Bänkli vor der Tür. Wo ner doch soscht erscht am
Montig in der Fruah usem Wirtshus komme isch.
‚Karli, fehlt der was?‘ hän i’n gfragt. ‚Nit, daß i wüßt,‘ sait er, ‚i
ha nur kei Lust ghet i’s Wirtshus z’go,‘ sait er, ‚’s isch so friedli
do z’hocke am Suntig Obig.‘ ‚O du gütiger, du süßer hl. Aloysius,‘
han i denkt, ‚dös isch dei mächtige Fürsprach, un glei morn fang i
d’Andacht a.‘ Un so han i’s ghalte, un d’Kerz han i an sei Altar
gschtiftet, er hät lang kei so große meh ghätt.
Un daß i’s kurz mach, a ganze Monet lang isch der Karli i kei Wirtshus
meh ganga, un gschafft hät er im Hof mit de Fässer, daß es a wahri
Freud war, un gsunge dabi luschtige Schelmeliedle, un i han nit gwußt,
was i dem hl. Aloysius antua soll vor Freuda -- jo un dann hätt der
Karli au agfange lieb z’tua un mir z’schmeichle, wia i de erschte
Woche, wie mer ghirot kha hän, un i ha mi grad gschämt, un Geld hät er
mer gä -- -- do bin i in d’Stadt glaufe i meinere Freud un han dem hl.
Aloysius a schön’s silberig’s Herz kauft, des gschenkt Geld vom Karli
un mei ganz Gschparts han i hergä derfür -- ’s wär nit nötig gsi -- i
ha’s erscht globet kha, wenn der Karli ganz gbessert gwese gsi wär, un
i hätt guat no a Monet oder zwo zuwarte könne -- aber i han mi halt so
gfreut über die wirksam Fürsprach, jo und wian’i z’Hus komma bin, i bin
schneller gsi als suscht, weil i au gar so a lichts Herz kha ha -- do
han i d’Bscherig gsehe.
Jetzt han i gwüßt, warum der Karli so gern ‚friedli‘ vor dere Hustür
ghockt hät un nimmi ins Wirtshus hät wölle. Über der Zaun über hät er
mit der nia Magd von’s Vogte scharmuziert, un i han wohl gsähe, daß dös
nit zum erschtemal gsi isch, un von wege seim schlechte Gwisse isch
er a so duckmäuserig gsi un hät mer flattieret, daß i nix merke soll.
Z’erscht isch mir d’Wut über den Duckmäuser ko, ’vor er nur gwußt hät,
daß i nen gsehne ha, han i em eis übergwischt, wo’n er dra denke wird,
un d’Meinig han i em au gsagt, ihm un dem schlechte Mensch -- die were
nimmi viel Freud mitenander ha. Der Karli isch in seim Zorn natürli
glei ins Wirtshus gloffe, un so bsoffe wia in dera Nacht isch er scho
lang nimme gsi, un so goht’s jetzt widersch, ’s isch schier nimma mit
em us’ko. -- Jo seh’n er, sither han i grad a Zorn, wenn i a der hl.
Aloysius denk -- Gott verzeih mer d’Sünd, si nitägig Andacht un die
großmächtig Kerz hät er gha, un’s silberig Herz han i em kauft, Gottlob
han i’s no nit an der Altar ghängt -- un ä so bhütet er mer mei Mann.
So hän mer nit gwettet -- zrucknehme kann i em d’Kerz un d’Andacht
nimmi -- aber in mei Hus kommt er mer nimme -- sell weiß i.“ Zornig
schlug sie den letzten Zweig auf das Brett fest und wischte sich dann
energisch die Hände an der guten Schürze ab -- die Pfarrers-Theres
hatte sich auch erhoben und meinte bedächtig: „Hütet Euch der Sünd,
Küfern, i mein alls, so derfet Er do nit spreche, -- aber i ha mer’s
durch de Kopf go lasse, i han no a Tafla vo der hl. Elisabeth, die hät
au a Huskrüz ghätt mit ihrem zornmütige Ma, wänn Er die ha? Und wenn
Er die vielleicht aruft -- vielleicht hilft die ehnder no, die kennt
si eher us mit so na Sache.“ Die Küfern zog erfreut mit ihrer Tafel
ab, und als am andern Morgen die Prozession an ihrem Haus vorüberzog,
nickte sie der hl. Elisabeth verständnisvoll zu: „Gelt, du hütsch mer
mei Hus besser, ’s isch gfehlt, wenn mer sich uf d’Mannsbilder verlaßt,
die halte alli zsamme, wenn’s gege us Wiber goht.“
Die Alt-Pfarrköchin
„Fräulein Elisabeth“ und die Lene hausten jetzt schon bald zwei Jahre
zusammen im kleinsten Häuschen des Dörfchens, das zum Ausgeding der
Lene gehörte. Beide waren aus dem Dorf Rupertsweiler gebürtig, beide
hatten in einem Pfarrhof gedient. Die Lene als Magd, nur eigentlich
mehr für den Viehstall angestellt, auswärts, draußen in der Ebene.
Fräulein Elisabeth war Pfarrköchin beim Vorgänger des jetzigen
Dorfpfarrers bis zu dessen Tod.
Arm war die Pfarre gewesen, in der der Herr der Lene amtiert hatte,
ihr Lohn war gering, und nach dem Tod des Geistlichen erhielt sie
eine Rente von monatlich 15 Mark. Damit zog sie sich, 60 Jahre alt,
in das Häuschen zurück, das ihr bei der Erbteilung der Geschwister
als Ausgeding zugefallen war. Besser war’s ihrer Freundin Elisabeth
gegangen.
Die Pfarre war aus Klosterzeiten noch reich dotiert, und als bald nach
der Rückkunft der Lene auch der Dorfpfarrer starb, konnte Fräulein
Elisabeth, so wurde sie in ihrer Würde als Pfarrköchin allgemein
von den Dörflern angeredet, auf ein sorgenloses Alter rechnen; sie
hatte nahe an 100 Mark im Monat zu verzehren. Sie zog zur Lene ins
Häuschen, und da sie die Rüstigere war, mit ihren 52 Jahren, gesund
und frisch, besorgte sie auch das kleine Gärtchen, worin wuchs, was
sie zum Lebensunterhalt brauchten. Und sie behielt die Kirchenwäsche
auch unter dem Nachfolger ihres Herrn in ihrer Pflege, das gab ihr
außer der Ehre auch noch ein ganz nettes Sümmchen im Monat. Die neue
Pfarrköchin konnte überhaupt gegen die „Fräulein Elisabeth“ nicht
aufkommen. Das Zieren der Altäre an den Festtagen, keine verstand so
wie sie immer neue künstliche Blumenformen zu erfinden aus Wachs und
Stoff, die Ausschmückung der Straßen und Brunnen bei den öffentlichen
Prozessionen, alles gedieh nur unter ihrer Oberaufsicht, davon war
Fräulein Elisabeth überzeugt, und der Pfarrer und die Dörfler fügten
sich der Ansicht. Und der alte Meßner, der eigentlich lieber seinem
Schneiderhandwerk nachging, war erst recht damit einverstanden, daß
ihm nur die Dienste blieben, die eben von Frauen nicht versehen werden
durften. Nur die neue Pfarrköchin wollte nicht in die Lage der Dinge
sich fügen, bis jetzt stand sie aber allein mit ihrer Meinung, und
was sie auch nur vorgeschlagen hatte, war immer zum Übel ausgefallen.
Einmal hatte sie’s durchgesetzt, daß zur Auferstehungsfeier
Öllämpchen aufgestellt worden waren ums heilige Grab herum, statt der
Wachskerzchen, die Fräulein Elisabeth immer angebracht hatte. Bevor
aber die Prozession am heiligen Grabe angekommen war, fingen die
Lämpchen an fürchterlich zu prusten und zu spritzen, und die Flämmchen
erloschen jämmerlich im Wasser. „Ja die Fräulein Martha kennt eben
unsere Verhältnisse noch nicht,“ meinte mit betrübtem Kopfschütteln
Fräulein Elisabeth, die mit den Dörflern gern hochdeutsch sprach, „die
hat halt denkt, es geht so geschwind, wie in der Stadt, und da hat
sie halt mit dem Öl sparen wollen, sie isch überhaupt arg tüchtig und
sparsam.“ Die Fräulein Martha schwor hoch und teuer, daß sie genug Öl
eingefüllt habe, um die ganze Nacht zu reichen; gegen die Tatsache,
daß die Lämpchen ausgegangen waren, konnte sie nicht ankämpfen,
und die Dörfler spotteten und schimpften, und der Fräulein Martha
Behauptung, daß Fräulein Elisabeth Wasser nachgegossen habe, heimlich,
wurde von den wenigsten geglaubt. Und als nun gar am Fronleichnamstag
die Stufe des Altars am Pfarrhaus, den die Neue allein hergerichtet
hatte, unter dem Pfarrer einbrach, als er die Monstranz aufstellen
wollte, da wurde sie selber verzagt und tat lange Zeit nichts mehr
ohne den Rat ihrer erfahrenen Vorgängerin. Und so hätte die Fräulein
Elisabeth ganz glücklich leben können als Alt-Pfarrköchin, wenn sie
nur mit der Lene besser ausgekommen wäre. Sie war doch eigentlich
aus „purer Gutmütigkeit“ in das kleine Häuschen zur Lene gezogen,
weil „der arme Tschole“ sonst so ganz verlassen gewesen wäre; mit den
paar Pfennigen hätte sie ja doch nicht leben können, nur durch ihren
Beitrag zum Haushalt ging die Sache einigermaßen, und sie besorgte
doch den Garten -- die Setzlinge bekam sie überall her geschenkt -- so
hatten sie Gemüse in Hülle und Fülle. Aber die Lene wollte auch wieder
nicht recht einsehen, daß es ohne Fräulein Elisabeth nicht gegangen
wäre, sondern tat ganz so, als wäre die Fräulein Elisabeth nicht die
„Öberschte“ des Dörfchens, gleich nach dem geistlichen Herrn. „Du bisch
doch lang gnua Pfarrköchin gsi, i mein alls, du könnsch jetz au der
Fräuli Martha Platz gä,“ wiederholte sie immer wieder, wenn sie hörte,
wie Fräulein Elisabeth mit dem Meßner beratschlagte über die „äußeren
Kirchenangelegenheiten“. „Was hätsch au du gsait, wenn di Vorgängeri
grad so gsi wär un di nit dra glosse hätt,“ fragte sie ärgerlich.
Aber Fräulein Elisabeth fuhr auf und meinte in ihrer explosiven Art:
„I tua’s doch zur größeren Ehre Gottes, weil d’Fräulein Martha ja
alles hintere für macht, meinsch denn i hätt nit gern mi Ruah! I han
lang gnua gschafft, i tät gern usruha, aber sie verschtoht jo nint,
wenn i’s nit mach, glingt jo nix wie’s si soll, denk doch nur an die
Blamage mit de Öllämpli. I müßt mi ja vor unserem Herrgott und de liebe
Heilige schämme.“ -- Und es schlug dem Faß den Boden aus, als die Lene
nach einer solchen Rede einmal zur Antwort brummte: „I mein alls, dini
Kerzli hätte au nit brennt, wenn mer sie vorher ins Wasser tunkt hätt.“
Danach sprachen die Beiden überhaupt nicht mehr miteinander, außer
wenn Besuch da war, denn nach außen ließen sie sich nichts merken,
das waren sie ihrer Stellung schuldig. Nur ein Gemeinsames gab’s noch,
das sie immer wieder zusammenführte: ihre Furcht vor Gewittern. Die
Lene fürchtete sich einfach, schlicht und recht wie ein frommes Kind,
sie zündete ihre geweihte Wachskerze an bei jedem Gewitter, schloß
Tür und Läden und betete den Rosenkranz. Fräulein Elisabeth war aber
zu ihrem Unglück gebildet. Sie hatte einmal eine Abhandlung über
Gewitter gelesen, und da war ihr hängen geblieben, daß „ein Gewitter
am liebsten in einen feindlichen Pol schlägt“. Und in der populären
Abhandlung war das so schön verdeutlicht worden, daß Fräulein Elisabeth
ganz genau wußte: „Feindschaft zieht Gewitter an“. Und da das mit dem,
was ihr ihr Gewissen sagte, vom Zorn Gottes gegen Menschen, die in
Feindschaft leben, so gar genau übereinstimmte, vermehrte ihr „Wissen“
nur noch ihre Angst. Wenn Gewitterwolken aufstiegen, wurde die kleine
lebhafte Person noch unruhiger und fahriger als sonst und hantierte mit
fieberhaftem Fleiß im Haus herum. Beim ersten Donner zieht sie sich
aber in ihr Schlafzimmer zurück, zündet auch die geweihte Wachskerze
an und holt den Rosenkranz aus der Tasche; aber lang hält sie’s nicht
allein im Zimmer aus. Sie klopft an das Schlafkämmerchen der Lene und
tritt zögernd auf das „Herein“ mit ihrer Wachskerze über die Schwelle.
„Lene, hänn Ihr was gege mi uf em Herze?“ ist ihre erste Frage. Die
Lene läßt sich im Beten nicht stören, sie schüttelt nur mit dem Kopfe.
„I mein alls, mer wänn zsamme bete,“ sagt Fräulein Elisabeth. Die Lene
betet ruhig weiter. Beim Absatz angelangt, sagt sie: „Stoh it so an der
Türe, hock di abi.“ Fräulein Elisabeth setzt sich dicht neben die Lene
auf die schmale Ofenbank im Zimmerwinkel. „I bin am zweite Gsätzli vum
Schmerzhafte,“ sagt sie dann auffordernd. Trocken erwidert die Lene:
„Wenn de mit bette willsch, i bi am vierte vum Trostreiche.“ Fräulein
Elisabeth gibt es einen Ruck, aber ein neuer Donner macht sie gefügig,
und sie spricht das Gesetzle mit der Lene weiter. Der erste Rosenkranz
ist zu Ende, aber das Gewitter dauert fort. „Waisch Lene, wenn i alls
so a weng heftig bin, i mein’s nie nit bös; gell mer wänn üs vertrage
wieder,“ fängt Fräulein Elisabeth nochmal an auf die Lene einzureden.
Die nickt und meint: „I ha nix gegen di, ’s isch mer recht, wem mer
üs vertrage.“ Mit erleichtertem Herzen fängt Fräulein Elisabeth nun
den Schmerzhaften an, und die Lene gibt die Antwort. Und so beten
sie in schöner Eintracht weiter, bis das Gewitter ausgetobt hat oder
fortgezogen ist, und zwei, drei Tage lang herrscht dann noch im kleinen
Häuschen Friede und Verträglichkeit.
Gewöhnlich ist der Meßner der Störenfried. Ist’s alte Gewohnheit oder
Freigebigkeit von Fräulein Elisabeth, oder traut er wirklich der neuen
Pfarrköchin keinen Sinn für Kirchenangelegenheiten zu, er kommt nach
wie vor mit seinen Anliegen zu Fräulein Elisabeth. Trifft er zufällig
die Lene allein in dem Häuschen an, so schickt ihn die gewöhnlich fort
mit einem: „Gehnt doch zur Fräuli Martha, die verschtoht des grad so
guat.“ Erfährt das Fräulein Elisabeth, so droht sie der armen Lene
mit allen Strafen der Hölle. „Du waisch, was des für a Sünd isch,
wenn mer jemand verhindert, a guts Werk z’tu. Wenn i unserm Herrgott
z’Ehre mich abschaff, wo doch suscht er grad in Unehre kumme tät, mit
dere ungeschickte Trine, i wüßt nit, was für a Straf groß gnug wär
für die, die des verdienschtlich Werk hindere wolle.“ Aber die Lene
blieb verstockt: „Blos nit, was di nit brennt, hätt mer mei Mutter
immer gsait un wenn’s d’Fraile Martha nit recht macht, muß sie des mit
unserem Herrgott ausmache, aber di Sach isch des jetzt amol nimmi, un
doderbi blieb i.“ Das war Anfang und Ende ihrer Rede, und Fräulein
Elisabeth gab es auf, sie zu bekehren.
Nun nahte aber dem kleinen Dörfchen ein Ereignis: zum erstenmal wieder
seit 18 Jahren sollte eine Primiz gefeiert werden. Ein Rupertsweiler
Kind war zum Priester geweiht worden und wollte seine erste heilige
Messe in der Kirche seiner Heimat feiern. Er war der Sohn vermöglicher
Bauern, und so freute sich das ganze Dorf, galt es doch nicht nur den
geistlichen Segen, den die erste heilige Messe eines Neupriesters
allen Anwesenden und dem ganzen Dorfe bringt; man wußte, daß auch die
irdische Freude zu ihrem Recht kommen würde. Festessen, Ständchen und
was noch alles stand zu erwarten. Fräulein Elisabeth triumphierte. Die
letzte heilige Primiz war unter ihrer Leitung glänzend verlaufen, und
ohne sie würde es auch diesmal einfach nicht zu machen sein. Fräulein
Martha hatte sie auch wirklich um Rat gefragt wegen der „geistlichen
Braut“ des Neupriesters, und von da an schlug Fräulein Elisabeth
ihr Hauptquartier im Pfarrhof auf und herrschte und regierte wie zu
ihrer Glanzzeit. Die Länge und Anzahl der Kranzgewinde, die Breite
und Höhe der Triumphbogen, durch die der Neupriester vom Elternhause
nach der Kirche schreiten sollte, die Inschriften aus der Bibel in
der Kirche und an den Bögen, die wählte sie mit besonders feinen
persönlichen Anspielungen, alles bestimmte sie, die Musikstücke auf dem
Zug zur Kirche und beim Ständchen sogar diktierte sie dem Leiter der
Dorfkapelle. Das Kissen, auf dem die geistliche Braut des Neupriesters
den Myrtenkranz tragen sollte, nähte Fräulein Elisabeth aus weißem
Atlas mit schönen Spitzen, und das Kränzchen besorgte sie in der nahen
Stadt, und der geistlichen Braut, einem zehnjährigen Mädele, zeigte
sie mit unermüdlicher Geduld, wie sie in ihrem weißen Kleidchen vor
dem Priester herschreiten sollte, wie sie das Kissen mit dem Kränzchen
tragen sollte, das ja nicht herunterfallen dürfte: „Das wär a gar
a böses Zeichen für die Reinheit vom hochwürdige Herr Neupriester,
aber dodervon verstehst du nix“; und wie und wo sie während der Feier
am Altar stehen mußte. Nur über das Zieren des Altars, an dem der
Neupriester zelebrieren sollte, brach eine Meinungsverschiedenheit
aus. Im Pfarrgarten blühten Hunderte von prächtigen weißen Lilien, und
Fräulein Martha, die ein poetisches Gemüt war, meinte, einen schöneren
Schmuck als Lilien, das Sinnbild der Reinheit und Unschuld, könnte
man nicht finden, und viel schöner als künstliche Blumen würden diese
Lilien wirken. Fräulein Elisabeth, die „fürs Symbolische“ war, beharrte
aber bei ihrem Plan, den Altar mit Weinreben zu schmücken. „Die Traube
ghöre zum Meßopfer, die hän a gar a bsondere geheimnisvolle Bedeutung,
und unser Heiland spricht nie von de Arbeiter im Blumengarte mit Lilie,
aber von de Arbeiter im Weinberg des Herrn, un ’s letschtemal hän i au
Weintrube gnomme, und unser seliger Herr hät in der Festpredigt vom
‚geistliche Weinstock‘ predigt, un dös war gar arg schön und rührend.
Von dene Lilie wüßt i nix z’sage, ’s stoht grad nur: ‚Sie säen nicht
und ernten nicht, und unser Vater ernährt sie doch‘, un i mein alls,
so brucht der jung hochwürdig Herr keiner z’werde, ’s isch besser,
er hat der Weinstock vor Auge, der erquickt der Menschen Herz. Und
außerdem hän mer nachher alli Kopfschmerze von dem strenge Gschmack
von dene Lilie.“ Aber Fräulein Martha ergab sich den schönen Gründen
nicht: „Vo wege dem Gschmack kan mer ja d’Staubfäde rauspfetze, no
schmeckt mer ga nit meh, un wenn der hochwürdige Herr Neupriester si
Lebtig Lilie vor Auge hät un so rein und unschuldig lebt, wie die
Blumen auf dem Felde, so wird unser Herrgott au z’friede sei, un i mein
alls, mer sotte doch d’Lilie nä.“ „Wenn Ihr alls besser mache wollt,
nu so machet’s halt,“ fuhr Fräulein Elisabeth auf. Sie schüttelt die
Tannenreisig vom Kränzeln von sich ab, holt ihr Kopftuch und bindet es
scheinbar gelassen um: „Also da bin i ja überflüssig, i wasch mei Händ
in Unschuld. Ihr wisset ja viel besser wie ich, wie a Primiz gefeiert
werden muß, machet au alles recht schön. B’hüt Gott beieinander.“ Und
bevor die verblüffte Pfarrköchin viel sagen konnte, war sie zur Tür
draußen und eilte zum Meßner. Bei diesem ihrem vertrauten Freund, der
in ihr immer noch so etwas wie die rechtmäßig regierende Pfarrköchin
sah, weinte sie erst ihre Kränkung recht aus, und der bestärkte sie
nur in ihrer Meinung: „Die Fräule Marthe hät halt au gar kei Sinn
fürs christliche Symbolium, he jo, für ä Erstkommunion, do ka mer
minswege Liliä näme, aber für ä Priester, do sin doch Weirebe halt au
viel beditungsvoller.“ „Un krank werde mer alli werde von dem starke
Gschmack. Aber des gschieht ere recht, dere eigensinnige Person der,“
schürte Fräulein Elisabeth weiter, „lasset nur alli Fenschter zua;
so a schöne Tag, der Ehretag vum ganzen Dorf, a so verderben mit dem
sündhafte Eigesinn! Wenn nur a paar ohnmächtig wäre täte, des tät ere
grad recht gschäh, i kann’s nit ändere, wenn mi nur unser Herrgott
nit stroft, daß i des gschehe laß -- aber i kann’s nit ändere. ’s
gäb grad Unfriede un Skandal fürs ganz Dorf, zugredet han i ere in
christlicher Lieb grad gnug, i han mi so schon verdemütigt gnua, daß
i ganzi Täg unter ihrem Bfehl im Pfarrhaus garbeitet ha, i han’s halt
im liebe Heiland aufgopfert, aber jetzt muß i’s halt go lo, wie’s
goht. Ihr were sehne, ’s gibt a Unglück -- aber i wasch mei Händ in
Unschuld -- aber wie gsagt, sorget derfür, daß Türe und d’Fenschter
zua sin, wenn’s a paare so recht schlecht wäre tät von dem starken
Gschmack, vielleicht sicht sie dann ehnder ei, wie Unrecht sie ghabt
hat, so eigensinnig z’si un mir grad in allem z’wider z’handle. ’s isch
jo grad a guats Werk, wenn mer dere verstockte Person zur Einsicht
verhilft.“ Und der Küster meinte: „Jo grad a guats Werk tuat mer,“ und
versprach dafür zu sorgen, daß alles schön geschlossen sei. Fräulein
Elisabeth ging nun zur Lene ins Häuschen, zog Hut und Jacke an und
marschierte, ohne eine weitere Erklärung abzugeben als: „I han no
ebbes für d’Primiz z’bsorge“, nach der nahen Stadt. Als sie zurückkam,
zeigte sie ihren Einkauf nicht, sondern schloß das kleine Paket in die
Schublade ihres Sekretärs, ein Erbstück von ihrem Pfarrer, in dem sie
ihre Sparkassenbücher und Papiere aufbewahrte. -- Am Tag darauf, am
Vortag der Feier, schickte Fräulein Martha wiederholt nach Fräulein
Elisabeth. Da bis jetzt alles durch ihre Hände gegangen war, fehlte
sie jetzt wirklich an allen Ecken und Enden. Beim dritten Boten ließ
sie sich auch erbitten und gab alle gewünschte Auskunft, ging auch
in den Pfarrhof und half die Lilien abschneiden und in die Vasen
richten auf dem Altar. Niemand merkte ihr ihren Groll an, nur daß sie
bei jeder, auch der unbedeutendsten, Handreichung erst fragte: „Wänn
Ihr’s au so habe? Isch’s Euch so recht, Fräulein Martha?“ wirkte etwas
beängstigend auf die Zuhörer. Der Abend kam heran, der Neupriester
hatte vom „Trippel“ seines Vaterhauses aus gedankt für das Ständchen,
das die Dorfmusikanten ihm gebracht. Hatte allen und jedem, der danach
verlangt, die Hand gedrückt und den scheu-vertraulichen Gruß mancher
früheren Spielgenossin mit priesterlicher Würde erwidert. Allmählich
kam das Dörfchen zur Ruhe in Erwartung des morgigen Festes. Kaum hatte
früh die Betglocke geläutet und die ersten Böllerschüsse waren gelöst
worden, eilte Fräulein Elisabeth in die Kirche, noch einen letzten
Blick auf den Altar zu werfen, ob auch nichts fehle. Zu Hause hatte
sie das kleine Paket aus dem Sekretär geholt, es ausgewickelt und drei
Fläschchen daraus entnommen, die sie in ihre Tasche versenkte. In der
Kirche ging sie zunächst hinter den Hochaltar. Sie mußte wohl an den
Vasen noch etwas geordnet haben; auf dem Fußboden um den Altar und auf
dem Teppich davor waren feuchte Flecke zu sehen. Auch die Lehnstühle
für den Neupriester und den assistierenden Priester befühlte sie noch
sorgfältig, und am Betschemel fand sie auch noch etwas zu wischen und
zurechtzurücken. Dann ging sie noch die mit rotem Tuch behangenen Bänke
entlang, die für die Eltern und Verwandten des Neupriesters aufgestellt
waren, und nun schien sie befriedigt zu sein mit ihrem Werk, mit
einem so freudigen Gesicht hob sie ihre Nase in die Luft und atmete
den üppigen Geruch der Lilien ein. Sie hatte sich entschieden damit
ausgesöhnt, warum hätte sie sonst so glücklich gelacht? Merkwürdig
war’s, wie der Geruch von Minute zu Minute stärker zu werden schien,
nicht nur nach Lilien, nach allen möglichen und unmöglichen Blumen
schien es zu duften. Recht mit Wohlbehagen sog Fräulein Elisabeth die
Luft ein.
Nun dröhnten die zweiten Böllerschüsse, und die Glocken fingen an
zu läuten. Fräulein Elisabeth verschwand mit einem eiligen Knix
vor dem Tabernakel aus der Kirche. Gleich würden jetzt die ersten
Kirchgänger kommen. Jetzt ging der Pfarrer aus dem Pfarrhaus fort, um
den Neupriester aus dem Elternhaus abzuholen. Draußen vor der Kirche
verwandelte sich das freudige Gesicht von Fräulein Elisabeth zu einem
scheu ängstlichen. Es war ein schwüler Augustmorgen, noch ziemlich
klar in der Höhe; aber am Horizont ballten sich schwere weiße Wolken
zusammen. „Wenn die no lang so fortlüte und böllere, ziehe se uns
noch ’s schönst Gewitter her,“ murmelte sie vor sich hin, mit einem
ärgerlichen Blick nach der nahen Halde, wo die Mörser aufgestellt
waren. Sie eilte nach Hause, ihren Sonntagsstaat zu vervollständigen,
und fand zu ihrer Überraschung die Lene im Werktagskleid auf der
Ofenbank. „’s wird jo gli z’sammenlütte, bisch no nit fertig?“ fragte
sie erstaunt. Die Lene stöhnte: „’s reißt mer wieder in alle Glieder,
i mein alls, i kann’s nit vermache, in d’Kirche z’go, ’s muß hit no ä
Gwitter gä, i spür’s.“ -- „Geh, schwätz nit,“ fuhr Fräulein Elisabeth
auf, „wo wird’s denn hit ä Gwitter gä, ’s isch jo blaue Himmel, un
überhaupt, unser Herrgott wird doch ä Primiz nit verderbe lo mit eme
Gwitter,“ beruhigte sie mehr sich als die Lene. Die beharrte: „So
Riße han i immer, wenn’s ä Gwitter git,“ und brachte die arme Fräulein
Elisabeth zur höchsten Unruhe mit dieser Starrköpfigkeit. Sie lief
schnell nochmal ins Gärtchen, von wo aus sie die Horizontlinie im
Westen sehen konnte, und, war’s nun Einbildung, oder ballten sich da
wirklich die Wolken schon dunkler und höher als vorhin? Aufgeregt
lief sie ins Haus zurück und holte die geweihte Wachskerze hervor. Da
dröhnten von neuem die Böllerschüsse durchs Tal, und bei jedem Knall
fuhr Fräulein Elisabeth zusammen und ballte die Fäuste vor Zorn. Jetzt
setzte sich der Zug in Bewegung, gleich würde der junge Geistliche vor
dem Altar stehen. Und wenn er nun krank würde von dem starken Geruch
-- der Lilien? Ein Blick nach dem blauen Himmel über ihr gab ihr Mut:
„Waisch Lene, wenn’s hit ä Gwitter gäb -- oder suscht was passiert --
grad ’s Fräule Martha wär schuld.“ -- Die Lene sah ihre Freundin scharf
an. „Häsch wider emol ä schlechts Gwisse?“ fragte sie. -- „Jetzt nei,
mit dir isch nimmi z’rede,“ ereiferte sich Fräulein Elisabeth, „i sag
der doch grad, i möcht hit nit des schlecht Gwisse vu der Fräule Martha
ha.“ „He jo, grad,“ antwortete gelassen die Lene, „aber ’s isch Zit
in d’Kirch,“ setzt sie noch hinzu und beobachtet gespannt die Miene
von Fräulein Elisabeth. Die zögert, und zwischen Tür und Fenster sucht
ihr Blick ängstlich fragend den Himmel. „Bruchst nit der Himmel so
az’luage, mei Reiße kenn i,“ sagt die Lene ein klein wenig boshaft,
„hit git’s a Gwitter, sell isch sicher.“ Fräulein Elisabeth wirft einen
wütenden Blick auf die Lene, nimmt Gebetbuch und Rosenkranz und eilt
aus dem Häuschen mit einem knappen: „B’hüt di Gott derweil.“ „Bet au
für mi“, ruft die Lene noch nach, und dann schmunzelt sie vergnügt vor
sich hin und vergißt ihr Reißen. „I mein alls, die fürcht hit unsere
Herrgott wieder ä mol extrig“, meint sie. Fräulein Elisabeth kommt
richtig zu spät, der Zug ist schon in der Kirche, eine betäubende
Duftwolke schlägt ihr entgegen. Sie bleibt zunächst unter der Empore
stehen, sie mag sich nicht durchdrängen zu ihrem gewohnten Sitz in den
ersten Reihen, aber die Dörfler machen ihr wie immer so bereitwillig
Platz, daß sie gegen ihren Willen doch nach vorne mehr geschoben wird,
als daß sie eigentlich ginge. So steht sie an der vierten Bank, der
Platz neben Fräulein Martha ist leer. Niemand hatte gewagt, trotz der
Überfüllung, ihr den wegzunehmen. Sie kniet nieder, macht mechanisch
das Kreuzzeichen, und dann wischt sie sich den Schweiß von der Stirne,
es ist unerträglich schwüle Luft in der Kirche. Nun schaut sie nach
dem Altar. Der Neupriester fährt sich eben auch mit dem Taschentuch
übers Gesicht. „Grad grün sieht er aus“, konstatiert sie innerlich.
Aber behaglich ist ihr nicht zumute, ein Blick auf ihre Nachbarin, die
auch sichtlich unruhig ist, frischt sie wieder ein wenig auf. Sie kann
nicht widerstehen, sie muß ihr zuflüstern: „Ein wenig schmeckt mer
d’Lilie doch no.“ Das arme Fräulein Martha ist viel zu unglücklich, um
zu protestieren. „Hätt i nur auf Sie ghorcht“, flüstert sie zurück.
Gar keine Freude macht dies Zugeständnis dem Fräulein Elisabeth.
Verstocktheit, über die sie sich so recht hätte ärgern können, wär
ihr lieber gewesen. Eifrig schlägt sie in ihrem Gebetbuch nach, und
in bunter Hast liest sie die Gebete: „Für unsere Feinde.“ „Bei einem
Gewitter.“ Fast unbeachtet gehen die Zeremonien am Altar an ihr
vorüber. Immer wieder studiert sie die Gesichter der Nebensitzenden
mit ängstlichen Augen, und dann sucht sie am gegenüberliegenden Fenster
das blaue Stückchen Himmel, das von ihrem Platz zu sehen ist. Jetzt
besteigt der Domherr aus der Stadt, der dem jungen Mitbruder die
Festrede halten will, die Kanzel. Ihr summt’s und brummt’s vor den
Ohren, und die Böllerschüsse, die nun die Verlesung des Evangeliums
verkünden, jagen ihr neue Schrecken ein. Jetzt geht hinter ihr eine
unruhige Bewegung durch die Menge. Eine Frau ist ohnmächtig geworden
und muß hinausgetragen werden. Fräulein Martha fängt an zu weinen und
greift verstohlen nach der Hand von Fräulein Elisabeth, die flüstert
fast zärtlich zurück: „Des isch d’Ufregung un d’Hitz, bildet Euch doch
nix ei.“ -- Der Geistliche hat eine kleine Pause gemacht, bis alles
wieder ruhig ist, und nun spricht er weiter von den erhabenen Pflichten
eines Priesters, der ein Bote der Liebe und der Versöhnung sein soll
auf dieser Erde, ein geistiger Leiter für seine Schäflein auf dem Wege
zum Himmel. Fräulein Elisabeth hört die Worte kaum, denn das Stücklein
blauer Himmel, das ihr Trost war bis jetzt, ist verschwunden, grau
und dräuend steht eine Wolke hinter der hohen Scheibe. „Wenn jetzt a
Gwitter kommt“, fährt ihr durch den Sinn, „un in dere heiße Kirche,
bei dere Luft, ’s muß ja eischlage. Wenn der Meßner doch a einzigs
mal herschaue wollt, daß i em winke könnt, er soll Türe und Fenster
ufmache.“ „Wenn’s doch nur scho vorbi wär“, seufzt Fräulein Martha
neben ihr. Im selben Moment rollt ein ferner Donner durch die Kirche.
„Jesses, Maria und Joseph!“ entfährt es fast laut Fräulein Elisabeth,
und sie bekreuzt sich. Der Prediger ist zu Ende und erteilt seinem
neuen Amtsbruder und der Gemeinde den Segen. Alles kniet nieder, und
Fräulein Elisabeth flüstert voll Hast ihrer Nachbarin zu: „I bin jo an
allem Schuld! Ihr hän do nix uf em Herze gege mi? Gell it? Betet au für
mi.“ Fräulein Martha ist viel zu verstört selbst, um die Anklage recht
zu fassen, sie drückt nur ihrer Nachbarin die Hand und meint: „Jo, mer
wänn bete für enander.“ Endlich kommt der Meßner mit dem Klingelbeutel
an ihre Bank, und Fräulein Elisabeth winkt ihm und flüstert ihm zu:
„Machet doch au d’Fenster und d’Türe uf, mer verstickt ja.“ Der schaut
sie erstaunt an, nickt aber dann bedächtig, zwinkert mit den Augen
und meint: „Jo, der Pfarrer het’s au scho gsait, i han’s aber nit
tan.“ Fräulein Elisabeth flüstert dringender noch: „Machet ja alles
uf, was ufgoht, i bitt Euch.“ Und so geschieht’s auch, und alle atmen
erleichtert in dem frischen Luftzug auf, und mit glockenheller Stimme
intoniert der Neupriester am Altar das Gloria, und befreit stimmt die
Gemeinde mit ein. Alles verläuft schön und würdig, und als die Feier
zu Ende ist, stehen die alte und die neue Pfarrköchin noch lange vor
der Kirchentüre und beglückwünschen sich gegenseitig, wie schön alles
gegangen wäre. Fräulein Elisabeth läuft vor dem Festessen, an dem sie
natürlich teilnehmen will, schnell noch mal nach Hause, zu sehen, wie’s
der Lene geht. Und auf deren Frage, wie’s denn gewesen wäre, meint sie:
„Waisch, Lene, eis hab i mer vorgnomme hit, i will nie nix meh mit sone
Sache z’tun ha. D’Verantwortig isch z’groß, s’Fräule Martha hät mi grad
duert, wie die zittert un bebt hätt, wie’s einere ohnmächtig wore isch,
von wegen dem starke Gschmack vu de Lilie, nei des möcht i nit uf mim
Gwisse ha. I bi froh, daß i mei Ruah hab un loß gwiß d’Finger davo --
des han i mir globet.“ -- „Jo, bis zum nächste Mol“, meinte halblaut
die Lene. Aber die Fräulein Elisabeth hörte es nicht, weil sie grad
drei leere Fläschchen in die hinterste Sekretärschublade verschloß.
D’ Gertrude
Gertrud war ein uneheliches Kind; recht und schlecht schlug sie sich
durchs Leben in der Spinnerei, die im ehemaligen Kloster Rupertsweiler
eingerichtet war. Als der alte Fabrikant starb, der wie ein Vater mit
all seinen Arbeitern stand und die Gertrud immer besonders bevorzugt
hatte -- 37 Jahre hatte sie fleißig und ehrlich in seiner Fabrik
gearbeitet -- fanden sich alle Arbeiter im Testament bedacht. Auch die
Gertrud hatte ein kleines Legat erhalten, und die Möbel aus dem alten
Bureau des Herrn, das sie immer selbst in Ordnung gehalten hatte,
schenkte ihr die Witwe des Fabrikanten noch dazu. Ein Tisch, ein
Schreibpult, zwei Stühle und ein bequemer Fauteuil wurden ihr Eigentum.
Die Fabrik wurde zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt, und die
Gertrud nahm ihre Entlassung. Sie hatte mit ihren 50 Jahren nicht Lust,
sich an andere Verhältnisse zu gewöhnen und sah jetzt die Möglichkeit,
einen alten Traum zu verwirklichen.
Oberhalb des Dörfchens, da wo früher die Grenzen des Klosterwaldes
waren und die Stadtwaldungen anfingen, stand noch aus Klosterzeiten
eine Art Holzhauerhütte. Der Fabrikant hatte sie mitgekauft zur Zeit,
als man die Klostergüter im Badischen beinah geschenkt erhielt, und
seither stand sie leer und vergessen. Nur die Gertrud war manchmal an
freien Tagen hinaufgewandelt, hatte das kleine Gärtchen notdürftig
vor gänzlicher Verwilderung bewahrt; Stachelbeeren, Johannisbeeren,
Himbeeren wuchsen da in üppiger Fülle, hier und da eine Sonnenblume,
etwas Flox, Jungfer im Grün, leuchtende Mohnblumen; die hatte die
Gertrud ausgesät, den Samen hatte sie da und dort aus den Bauerngärten
geholt. An den Abenden, wenn sie sich müde geschafft, hatte sie sich
manchmal auf die kleine Galerie gesetzt, die an der Vorderwand des
Häuschens hinlief, und hatte gar gerne in die schöne Landschaft still
hinausgeblickt. Direkt unter ihr das Dörfchen mit der wuchtigen Kuppel
der Klosterkirche, den spitzen Giebeln der alten Klostergebäude, den
vereinzelten Holzhäusern mit den silberigen Schindeldächern, rings
eingeschlossen von hochragendem Tannenwald, nach Westen die Talöffnung
weit sich ausbuchtend, begrenzt in der Ferne durch die schwachen Linien
der Vogesen. Jetzt, wo sie Kapitalistin war, konnte ihr stiller Traum,
Herrin des Häuschens zu werden, in Erfüllung gehen, wenn die Witwe
des Fabrikanten noch einmal gütig sein wollte. Sie hatte nie in ihrem
Leben gebettelt, die Gertrud, und der Gang zur Fabrikantenvilla, wo die
Witwe bis zur Übersiedlung nach der Stadt noch lebte, wurde ihr schwer.
Aber sie war entschlossen, das ganze Legat und ihre paar Sparpfennige
zu opfern, geschenkt wollte sie eigentlich nichts haben. Die Witwe
redete der Gertrud zu, das Häuschen gegen einen geringen Mietzins zu
beziehen, aber die Gertrud wollte Gärtchen und Häuschen zu eigen haben,
und so willigte die gütige Frau denn ein, ihr den Besitz für 800 Mark
zu lassen. 500 Mark zahlte die Gertrud an, 300 Mark ließ die Witwe als
Hypothek gegen geringen Zins auf dem Häuschen stehen. Und so konnte
die Gertrud einziehen. Eine Küche und ein großes Zimmer enthielt das
Häuschen und oben zwei geräumige Bodenkammern. Gleich fing die Gertrud
an zu zimmern und zu nageln und die gröbsten Reparaturen zu machen. Und
dann lieh sie sich einen Karren und holte ihre Möbel vom Burgertoni ab,
wo sie bis zu diesem Tage in einem kleinen Dachkämmerchen gehaust hatte.
War es nun die größere Einsamkeit, in der sie jetzt lebte, oder die
herrschaftlichen Möbel, oder die Ruhe von der Fabrikarbeit, die in
ihr aufweckten, was geschlummert hatte, die Gertrud, die bis jetzt in
nichts sich von den andern Weibern des Dorfes unterschieden hatte,
wurde „a Bsunderi“, eine die sich absondert. Zunächst fiel den Leuten
auf, daß die Gertrud so sehr eifrig betete in der Kirche. Die bis jetzt
immer peinlich saubere Person wurde fast verlottert und schmierig
im Anzug, weil sie jeden freien Augenblick dazu verwendete, in die
Kirche zu eilen und jeden überflüssigen Pfennig für Heiligenbildchen
oder Traktätchen, die die Händler ins Haus brachten, ausgab. Ihr
Zimmer sah bald bunt genug aus. Am Fußende des Bettes hatte sie das
Myrtenkränzchen unter Glas und Rahmen aufgehängt, das sie bei ihrer
ersten heiligen Kommunion getragen, darunter waren Bilder ihrer
Namensheiligen und von Maria und Joseph angebracht; an der Wand,
wo ihr Bett stand, hingen die vierzehn Nothelfer, alle mit ihren
Marterwerkzeugen in den Händen, schön bunt gemalt. Auf dem Schreibpult
lagen in ganzen Stößen die Heftchen und Aufrufe der Missionen, die sie
mühselig genug durchbuchstabierte. Gerne saß sie im Sommer, wenn die
Betglocke geläutet hatte, auf der Bank vor der Türe, und bald sammelten
sich von den Nachbarhöfen die Bauern um sie, denen sie von den lieben
Heiligen oder überhaupt so von der Weltordnung, wie ihr es aufgegangen
war, erzählte. Und die Bauern, Männer und Weiber, hörten ihr gerne zu,
sie wußte für alles einen Rat und für die vielen unerklärlichen Dinge,
die den Bauern aufstießen, immer eine gar einleuchtende Erklärung.
Besonders beredt wurde sie, wenn vom Mond die Rede war, von seinem
Wechsel und seinem Einfluß auf Pflanzen, Menschen und Tiere.
„Der hät halt si ganzi Kraft vu der Sonn, un wenn er witersch fort
isch vu dere, no verliert er alli sini Kräfte un schrumpft grad i,
dös könne mer jo an de Pflanze grad au sehe, wenn mer dene kei Sonne
zulaßt; wenn er aber wieder in d’Nähi vu der Sonn kummt, -- des hän
die Aschtrinome so usgrechnet, wie des kummt, daß er bald ä so, bald
andersch schtoht -- no wird er schtark un kann gra gar nit alli Kraft
ufbruche, die er kriegt, no laßt er vu sinere Kraft i de Nächte alles
zu uns abi, uf d’Pflanze bsunders, aber wenn ä Mensch in dene Zite vum
Mond sich bschiene loßt, no sieht er au Sache, die er suscht mit sim
eifache Verstand nie nit sehe tät, der Mond hät em vu sinere Kraft
gäh.“ Aber ebenso genau und gut wußte sie auch auf dieser Erde Bescheid.
Des Stollenbauers Kuh gab seit einiger Zeit ohne ersichtlichen Grund
fast keine Milch mehr, und er fragte die Gertrud, was sie davon halte.
Genau ließ sie sich den Zustand des Tieres beschreiben, dann zögerte
sie aber auch nicht mit ihrem Rat: „Jetzt ganget Ihr am früha Morga
nach em Neumond in de Diesedobel, am Bächli dort wachst die schönscht
Brunnekresse vu der ganze Gegend, do pflücket er ä Hampfle voll ab und
sagt derzu schön andächtig nach em heilige Kreuzzeiche:
Heiliger Wendelin gib Kraft,
Dene Blätter gib Saft,
Daß der Kuh geht fort
Die Krankheit vom Ort,
Heiliger Wendelin steh bei,
Treibs Übel vorbei.
Des müsset’r dreimol sage, un dann machet’r wieder ’s heilige
Kreuzzeiche un ganget nach Hus un gebet a Hampfle voll der Kuh uf
einmol ins Mul. Ihr weret säh, am Obig ischt d’Kuh gsund.“
Der Erfolg, den Gertrud mit diesen und ähnlichen Ratschlägen hatte,
stachelte sie an, und sie verlegte sich aufs Studieren. Die Sympathie
durchzustudieren, war nun ihr Ziel. Sie steckte Heiligenbilder und
Traktätlein in ihre Tasche und wanderte von Bauernhof zu Bauernhof.
Überall ein gerngesehener Gast, da sie für ihre Ratschläge nie Geld
nahm, und in Eiern und Chriesewasser zahlt der Bauer im Schwarzwald
immer gern ohne zu rechnen. Wo sie nun einen alten Kalender oder gar
ein Sympathiebuch aus Großvaters Zeiten vorfand, da versuchte sie
einen kleinen Tauschhandel. Gegen ihre bunten Heiligenbilder oder
löschpapiernen Heiligengeschichten handelte sie die alten Schmöker
ein. Stieß sie doch mal auf Widerstand, so „verdlehnte“ sie doch
wenigstens das Buch zum Durchstudieren. Großen Wert legte sie scheinbar
gar nicht auf die alten „Fetze“. „Wissen ’r,“ pflegte sie zu sagen,
„wenn mer halt au gar so allei z’ Hus hockt am ä Obig, no ka mer halt
au nit immer de Rosekranz bette, no liest mer halt menchmol gern so
Gschichtli.“ Und meistens erreichte sie ihren Willen, und verstohlen
schmunzelnd schob sie die alten Bücher in ihre tiefe Tasche. Zu
Hause versenkte sie sich dann in die Weisheit der alten Kalender,
besonders die astronomischen Tafeln versuchte sie mit heißem Eifer sich
anschaulich zu machen. So eifrig war ihr Studium, daß die Kirchgänge
bald anfingen darunter zu leiden. Werktags wurde sie überhaupt nicht
mehr in der Kirche gesehen. Am Fenster ihrer Stube saß sie im Winter,
im Sommer unter dem Holunderbaum ihres Gärtchens auf einer Bank,
die der Burgertoni ihr gezimmert hatte, als Dank für Befreiung von
Zahnschmerzen durch ihre Sprüchlein. Immer strickend und lesend; nur
wenn das Studieren ganz besonders schwierig wurde, ruhten die Nadeln;
dann kraute sie sich wohl minutenlang mit der kühlen Stahlnadel die
immer noch starken Haare an der Schläfe und las immer wieder mühsam
und langsam die gar so schweren Worte. Aber einen Sinn fand sie immer
heraus, und oft verblüffte sie dann am Abend die Bauern auf der
Hausbank mit ihrer neuen Weltanschauung. Aber das Studium war schwer,
immer mehr Zeit brauchte sie, und in ihrem Eifer saß sie bald auch an
Sonn- und Feiertagen hinter ihren Kalendern und Sympathiebüchern und
versäumte Messe und Predigt.