Machold klopfte ihm begütigend auf die Schulter.

»Sei gescheit, Alter! Es will dir niemand an den Kragen. Also, was

ist's?«

»Bist du mir nicht bös?«

»Gar nicht. Warum auch?«

»Dann bitt ich dich, Machold, dann mußt du mir einen großen Gefallen

tun. Schick mich nicht nach Oberstetten! Wenn ich doch in so einen

Spittel muß, dann möcht ich wenigstens nach Gerbersau, da kennt man

mich, und ich bin dort daheim. Vielleicht ist es auch wegen der

Armenpflege besser, ich bin ja dort geboren, und überhaupt --«

Seine Augen bettelten mit Inbrunst, er konnte vor Erregung kaum

sprechen.

Er hat Fieber, dachte Machold. Und er sagte ruhig: »Wenn das alles ist,

was du zu bitten hast -- das wird bald in Ordnung sein. Du hast ganz

recht, ich will nach Gerbersau schreiben. Geh du jetzt und lege dich

hin, du bist müd und hast zuviel gesprochen.«

Er sah ihm nach, wie er schleppend ins Haus ging, und mußte plötzlich an

den Sommer denken, da Knulp ihn im Forellenfangen unterrichtet hatte, an

seine kluge, beherrschende Art, mit Kameraden umzugehen, an die hübsche

zwölfjährige Glut des rassigen Buben.

»Armer Kerl,« dachte er mit einer Rührung, die ihn störte, und erhob

sich rasch, um an die Arbeit zu gehen.

* * * * *

Der nächste Morgen brachte Nebel, und Knulp blieb den ganzen Tag im

Bett. Der Doktor legte ihm einige Bücher hin, die er aber kaum berührte.

Er war verdrossen und bedrückt, denn seit er Sorgfalt, Pflege, gutes

Bett und zarte Kost genoß, spürte er deutlicher als zuvor, daß es mit

ihm zu Ende gehe.

Wenn ich noch ein Weile so liege, dachte er unmutig, dann komme ich

nimmer auf. Es war ihm wenig mehr ums Leben zu tun, die Landstraße hatte

in den letzten Jahren viel von ihrem Zauber verloren. Aber sterben

wollte er nicht, ehe er Gerbersau wiedergesehen und allerlei heimlichen

Abschied dort genommen hätte, von Fluß und Brücke, vom Marktplatz und

vom einstigen Garten seines Vaters, und auch von jener Franziska. Seine

späteren Liebschaften waren vergessen, wie denn überhaupt die lange

Reihe seiner Wanderjahre ihm jetzt klein und unwesentlich erschien,

während die geheimnisvollen Zeiten der Knabenschaft einen neuen Glanz

und Zauber gewannen.

Aufmerksam betrachtete er das einfache Gastzimmer; er hatte in vielen

Jahren nicht so prächtig gewohnt. Er studierte mit sachlichem Blick und

tastenden Fingern das Gewebe der Bettleinwand, die weiche, ungefärbte

Wolldecke, die feinen Kissenbezüge. Auch der hartholzene Fußboden

interessierte ihn, und die Photographie an der Wand, die den Dogenpalast

in Venedig vorstellte und in Glasmosaik gerahmt war.

Dann lag er wieder lange mit offenen Augen, ohne etwas zu sehen, müde

und nur mit dem beschäftigt, was still in seinem kranken Leibe vorging.

Aber plötzlich fuhr er wieder auf, beugte sich schnell aus dem Bett und

angelte mit hastigen Fingern seine Stiefel her, um sie sorgfältig und

sachkundig zu untersuchen. Gut waren sie nimmer, aber es war Oktober,

und bis zum ersten Schnee würden sie noch aushalten. Und nachher war

doch alles aus. Es kam ihm der Gedanke, er könnte Machold um ein paar

alte Schuhe bitten. Aber nein, der würde nur mißtrauisch werden; ins

Spital braucht man kein Schuhwerk. Vorsichtig tastete er die brüchigen

Stellen im Oberleder ab. Wenn das gut mit Fett behandelt wurde, mußte es

mindestens noch einen Monat halten. Die Sorge war überflüssig;

vermutlich würde dies alte Paar Schuhe ihn überdauern und noch im

Dienste sein, wenn er selbst schon von der Landstraße verschwunden war.

Er ließ die Stiefel fallen und versuchte tief zu atmen, es tat ihm aber

weh und machte ihn husten. Da blieb er still und wartend liegen, atmete

in kleinen Zügen und hatte Angst, es möchte schlimm mit ihm werden, ehe

er sich seine letzten Wünsche erfüllt hätte.

Er versuchte an den Tod zu denken, wie schon manchmal, aber sein Kopf

ermüdete daran und er fiel in Halbschlummer. Nach einer Stunde

erwachend, meinte er tagelang geschlafen zu haben und fühlte sich frisch

und still. Er dachte an Machold, und es fiel ihm ein, er müsse ihm ein

Zeichen seiner Dankbarkeit dalassen, wenn er fortginge. Er wollte ihm

eins von seinen Gedichten aufschreiben, weil der Doktor gestern einmal

danach gefragt hatte. Aber er konnte sich auf keines ganz besinnen, und

keines gefiel ihm. Durchs Fenster sah er im nahen Wald den Nebel stehen

und starrte lange hinüber, bis ihm ein Gedanke kam. Mit einem

Bleistiftende, das er gestern im Hause gefunden und mitgenommen hatte,

schrieb er auf das saubere weiße Papier, mit dem die Schublade seines

Nachttisches ausgelegt war, einige Zeilen:

Die Blumen müssen

Alle verdorren,

Wenn der Nebel kommt,

Und die Menschen

Müssen sterben,

Man legt sie ins Grab.

Auch die Menschen sind Blumen,

Sie kommen alle wieder,

Wenn ihr Frühling ist.

Dann sind sie nimmer krank,

Und alles wird verziehen.

Er hielt inne und las, was er geschrieben hatte. Es war kein richtiges

Lied, die Reime fehlten, aber es stand doch das darin, was er hatte

sagen wollen. Und er netzte den Bleistift an den Lippen und schrieb

darunter: »Für Herrn Doktor Machold, Wohlgeboren, von seinem dankbaren

Freunde K.«

Dann legte er das Blatt in die kleine Schublade.

* * * * *

Andern Tages war der Nebel noch dicker geworden, aber es war eine

strengkühle Luft, und man konnte am Mittag auf Sonne hoffen. Der Doktor

ließ Knulp aufstehen, da er flehentlich danach verlangte, und erzählte,

daß im Gerbersauer Spital Platz für ihn sei und er dort erwartet werde.

»Da will ich gleich nach dem Mittagessen marschieren,« meinte Knulp,

»vier Stunden brauche ich doch, vielleicht fünf.«

»Das fehlt noch!« rief Machold lachend. »Fußwandern ist jetzt nichts für

dich. Du fährst mit mir im Wagen, wenn wir sonst keine Gelegenheit

finden. Ich schicke einmal zum Schulzen hinüber, der fährt vielleicht

mit Obst oder mit Kartoffeln in die Stadt. Auf einen Tag kommt es jetzt

auch nimmer an.«

Der Gast fügte sich, und als man erfuhr, daß morgen der Schulzenknecht

mit zwei Kälbern nach Gerbersau fahre, wurde beschlossen, Knulp sollte

mit ihm fahren.

»Einen wärmeren Rock könntest du aber auch brauchen,« sagte Machold,

»kannst du einen von mir tragen? Oder ist der zu weit?«

Er hatte nichts dagegen, der Rock wurde geholt, probiert und gut

befunden. Knulp aber, da der Rock von gutem Tuch und wohlbehalten war,

machte sich in seiner alten Kindereitelkeit sogleich daran, die Knöpfe

zu versetzen. Belustigt ließ ihn der Doktor machen und gab ihm noch

einen Hemdkragen dazu.

Am Nachmittag probierte Knulp in aller Heimlichkeit seine neue

Kleidung, und da er nun wieder so gut aussah, begann es ihm leid zu tun,

daß er sich in der letzten Zeit nicht mehr rasiert hatte. Er wagte

nicht, die Haushälterin um des Doktors Rasierzeug zu bitten, aber er

kannte den Schmied im Dorf und wollte dort einen Versuch machen.

Bald hatte er die Schmiede gefunden; er trat in die Werkstatt und sagte

den alten Handwerksgruß: »Fremder Schmied spricht um Arbeit zu.«

Der Meister sah ihn kalt und prüfend an.

»Du bist kein Schmied,« sagte er gelassen. »Das mußt du einem andern

weismachen.«

»Richtig,« lachte der Landstreicher. »Du hast noch gute Augen, Meister,

und doch kennst du mich nicht. Weißt du, ich bin früher Musikant

gewesen, und du hast in Haiterbach manchen Samstagabend zu meiner

Handorgel getanzt.«

Der Schmied zog die Augenbrauen zusammen und tat noch ein paar Stöße mit

der Feile, dann führte er Knulp ans Licht und sah ihn mit Aufmerksamkeit

an.

»Ja, jetzt weiß ich,« lachte er kurz. »Du bist also der Knulp. Man wird

halt älter, wenn man sich so lang nicht sieht. Was willst du in Bulach?

Auf einen Zehner und auf ein Glas Most soll's mir nicht ankommen.«

»Das ist recht von dir, Schmied, und ich nehm's für genossen an. Aber

ich will was anderes. Du könntest mir dein Rasiermesser für eine

Viertelstunde leihen, ich will heut abend zum Tanzen gehen.«

Der Meister drohte ihm mit dem Zeigefinger.

»Du bist doch ein Lugenbeutel, ein alter. Ich meine, mit dem Tanzen

wirst du's nimmer wichtig haben, so wie du aussiehst.«

Knulp kicherte vergnügt.

»Du merkst doch alles! Schad, daß du kein Amtmann geworden bist. Ja, ich

muß also morgen ins Spital, der Machold schickt mich hin, und da wirst

du begreifen, daß ich nicht so wie ein Zottelbär antreten mag. Gib mir

das Messer, in einer halben Stunde hast du's wieder.«

»So? Und wo willst du denn hin damit?«

»Zum Doktor hinüber, ich schlafe bei ihm. Gelt, du gibst mir's?«

Das schien dem Schmied nicht sehr glaubwürdig.

Er blieb mißtrauisch.

»Ich geb dir's schon. Aber weißt du, es ist kein so gewöhnliches Messer,

es ist eine echte Solinger Hohlklinge. Die möcht ich gern wiedersehen.«

»Verlaß dich drauf.«

»Ja, schon. Du hast da einen guten Rock an, Freundlein. Den brauchst du

zum Rasieren nicht. Ich will dir was sagen: Zieh ihn aus und laß ihn da,

und wenn du mit dem Messer wiederkommst, kriegst du auch den Rock

wieder.«

Der Landstreicher verzog das Gesicht.

»Also gut. Extra nobel bist du nicht, Schmied. Aber es soll meinetwegen

gelten.«

Nun holte der Schmied das Messer, Knulp gab den Rock zum Pfande, duldete

aber nicht, daß der rußige Schmied ihn anfasse. Und nach einer halben

Stunde kam er wieder und gab das Solinger Messer zurück, und sein

struppiges Kinnbärtchen war weg, er sah ganz anders aus.

»Jetzt noch ein Nägelein hinters Ohr, dann kannst du weiben gehen,«

sagte der Schmied voll Anerkennung.

Aber Knulp war nicht mehr zu Scherzen gelaunt, er zog seinen Rock wieder

an, sagte kurzen Dank und ging davon.

Auf dem Heimweg traf er vor dem Hause den Doktor, der ihn verwundert

anhielt.

»Wo läufst denn du herum? Ja, und wie siehst du aus! -- Aha, rasiert!

Mensch, du bist doch ein Kindskopf!«

Aber es gefiel ihm, und Knulp bekam diesen Abend wieder einen Rotwein zu

trinken. Die beiden Schulkameraden feierten Abschied, und jeder war so

aufgeräumt wie möglich, und keiner wollte sich etwas wie eine Beklemmung

anmerken lassen.

Zeitig am Morgen kam der Knecht des Schulzen mit dem Wagen vorgefahren,

auf dem in Lattenverschlägen zwei Kälber standen, mit den Knien

zitterten und grell in den kalten Morgen starrten. Es lag zum erstenmal

Reif auf den Wiesen. Knulp wurde zu dem Knecht auf den Bock gesetzt und

bekam eine Decke über die Knie, der Doktor drückte ihm die Hand und

schenkte dem Knecht eine halbe Mark; der Wagen rasselte weg und dem Wald

entgegen, während der Knecht seine Pfeife anzündete und Knulp mit

verschlafenen Augen in die hellblaue Morgenkühle blinzelte.

Aber später kam die Sonne, und der Mittag wurde ganz warm. Die zwei auf

dem Bock unterhielten sich ausgezeichnet, und als sie in Gerbersau

ankamen, wollte der Knecht durchaus samt seinem Wagen und den Kälbern

den Umweg machen und am Krankenhaus vorfahren. Indessen hatte Knulp ihm

das bald ausgeredet, und sie trennten sich freundschaftlich vor der

Einfahrt in die Stadt. Da blieb Knulp stehen und sah dem Wagen nach, bis

er unter den Ahornen beim Viehmarkt verschwand.

Er lächelte und schlug einen Heckenpfad zwischen den Gärten ein, den nur

Einheimische kannten. Er war wieder frei! Im Spital mochten sie warten.

* * * * *

Noch einmal kostete der Heimgekehrte das Licht und den Duft, die

Geräusche und Gerüche der Heimat und die ganze erregende und sättigende

Vertrautheit des Daheimseins: Gewühl der Bauern und Bürger auf dem

Viehmarkt, durchsonnte Schatten brauner Kastanienbäume, Trauerflug

später dunkler Herbstfalter an der Stadtmauer, Klang des vierstrahligen

Marktbrunnens, Weingeruch und hohles hölzernes Gehämmer aus der

gewölbten Kellereinfahrt des Küfermeisters, wohlbekannte Gassennamen,

jeder dicht behängt von einem unruhigen Schwarm von Erinnerungen. Mit

allen Sinnen schlürfte der Heimatlose den vielfältigen Zauber des

Zuhauseseins, des Kennens, des Wissens, des Sicherinnerns, der

Kameradschaft mit jeder Straßenecke und jedem Prellstein. Schlendernd

und unermüdet war er den ganzen Nachmittag in allen Gassen unterwegs,

belauschte den Messerschleifer am Fluß, sah dem Drechsler durchs Fenster

seiner Werkstatt zu, las auf neugemalten Schildern die alten Namen

wohlbekannter Familien. Er tauchte die Hand in den steinernen Trog des

Marktbrunnens, seinen Durst aber löschte er erst unten am kleinen

Abtsbrünnlein, das noch immer geheimnisvoll wie vor all den verflossenen

Jahren im Erdgeschoß eines uralten Hauses entsprang und in der seltsam

klaren Dämmerung seiner Quellstube zwischen den Steinplatten rauschte.

Am Flusse stand er lange und lehnte an der hölzernen Brüstung überm

ziehenden Wasser, worin das dunkle Seegras langhaarig wallte und die

schmalen Rücken der Fische schwarz und stille über den zitternden

Kieseln standen. Er ging über den alten Steg und ließ sich in der Mitte

in die Kniekehlen sinken, um wie als Knabe den feinen, lebendig

elastischen Gegenschwung des Brückleins in sich zu spüren.

Ohne Eile spazierte er weiter und vergaß nichts, nicht die Kirchenlinde

mit dem kleinen Rasenstück und nicht das Wehr der oberen Mühle, seinen

einstigen Lieblingsbadeplatz. Er blieb vor dem Häuschen stehen, in dem

vor Zeiten sein Vater gewohnt hatte, und lehnte sich eine kleine Weile

zärtlich mit dem Rücken an die alte Haustür, suchte auch den Garten auf

und sah über einen lieblos neuen Drahtzaun weg in eine neu angelegte

Pflanzung hinein -- aber die vom Regenwasser abgerundeten Steinstufen und

der runde, feiste Quittenbaum neben der Tür waren noch die alten. Hier

hatte Knulp seine besten Tage gehabt, noch ehe er sich aus der

Lateinschule hatte wegjagen lassen, hier hatte er einst ein volles

Glück, Erfüllungen ohne Rest, Seligkeiten ohne Bitternisse gekostet,

diebesselige Kirschensommer, versunkenes flüchtiges Gärtnerglück im

Belauschen und Pflegen seiner Blumen: geliebter Goldlack, lustige Winde,

zärtlich samtenes Stiefmütterchen, und Kaninchenställe und Werkstatt und

Drachenbau, Wasserleitungen aus dem Markrohr des Holunders und Mühlräder

aus Fadenrollen mit Schaufeln aus Schindelstücken. Kein Dach, dessen

Katzen er nicht gekannt, kein Garten, dessen Früchte er nicht versucht,

kein Baum, den er nicht bestiegen, in dessen Krone er nicht ein grünes

Traumnest besessen hatte. Dieses Stück Welt hatte ihm gehört, war von

ihm in tiefster Vertrautheit gekannt und geliebt worden; hier hatte

jeder Strauch und jeder Gartenhag Bedeutung, Sinn, Geschichten für ihn

gehabt, jeder Regen- und Schneefall zu ihm gesprochen, hier hatte Luft

und Erde in seinen Träumen und Wünschen gelebt, sie erwidert und ihr

Leben mitgeatmet. Und heute noch, dachte Knulp, war vielleicht hier

ringsum kein Hausbewohner und kein Gartenbesitzer, dem dies alles mehr

angehört hätte als ihm, dem es mehr wert war, mehr sagte, mehr Antwort

gab, mehr Erinnerungen weckte.

Zwischen nahen Dächern stach hoch und spitzig der graue Giebel eines

schmächtigen Hauses empor. Dort hatte vor Zeiten der Rotgerber Haasis

gewohnt, und dort hatten Knulps Kinderspiele und Knabenwonnen ihr Ende

gefunden in den ersten Heimlichkeiten und zärtlichen Händeln mit

Mädchen. Von dort war er manchen Abend über die dämmernde Gasse

heimgekehrt mit keimenden Ahnungen der Liebeslust, dort hatte er den

Gerberstöchtern die Zöpfe aufgelöst und unter den Küssen der schönen

Franziska getaumelt. Er wollte hinübergehen, später am Abend, oder

vielleicht morgen. Jetzt aber lockten diese Erinnerungen ihn wenig, er

hätte sie alle zusammen gerne hingegeben für das Gedächtnis einer

einzigen Stunde der früheren, der Knabenzeit.

Eine Stunde und länger verweilte er am Gartenzaun und schaute hinunter,

und was er sah, war nicht der neue, fremde Garten, der dalag und mit

dem jungen Beerengesträuch schon ganz leer und herbstlich aussah. Er sah

den Garten seines Vaters, und seine Kinderblumen im kleinen Beet, am

Ostersonntag gepflanzte Aurikeln und glasige Balsaminen, und kleine

Gebirge aus Steinchen, auf welchen er hundertmal gefangene Eidechsen

ausgesetzt hatte, unglücklich, daß keine dort bleiben und wohnen und

sein Haustier sein wollte, und dennoch immer wieder voll Erwartung und

Hoffnung, wenn er eine neue mitbrachte. Alle Häuser und Gärten, alle

Blumen und Eidechsen und Vögel der Welt konnte man ihm heute schenken,

und es wäre nichts gegen den zaubervollen Glanz einer einzigen

Sommerblume, wie sie damals in seinem Gärtchen wuchs und die köstlichen

Blumenblätter leise aus der Knospe rollte. Und die Johannisbeerbüsche

von damals, deren jeden er noch genau im Gedächtnis hatte! Sie waren

fort, sie waren nicht ewig und unzerstörbar gewesen, irgendein Mann

hatte sie ausgerissen und ausgegraben und ein Feuer draus gemacht, Holz

und Wurzeln und welke Blätter waren miteinander verbrannt, und niemand

hatte darum geklagt.

Ja, hier hatte er oft den Machold bei sich gehabt. Der war jetzt ein

Doktor und Herr und fuhr im Einspänner bei den kranken Leuten herum, und

er war wohl auch ein guter und aufrichtiger Mensch geblieben; aber auch

er, auch dieser kluge und stramme Mann, was war er gegen damals, gegen

den gläubigen, scheuen, erwartungsvoll zärtlichen Knaben von damals?

Hier hatte ihm Knulp gezeigt, wie man Käfige für Fliegen baut und

Schindeltürme für Heuschrecken, und er war Macholds Lehrer und sein

größerer, klügerer, bewunderter Freund gewesen.

Der nachbarliche Fliederbaum war alt und moosig dürr geworden, und das

Lattenhaus im andern Garten war zerfallen, und man mochte an seine

Stelle bauen, was man wollte, es wurde nie mehr so schön und beglückend

und richtig, wie alles einmal gewesen war.

Es begann zu dämmern und kühl zu werden, als Knulp den vergrasten

Gartenweg verließ. Vom neuen Kirchturm, der das Bild der Stadt

veränderte, rief eine neue Glocke laut herüber.

Er schlich durchs Tor der Rotgerberei in den Gerbergarten, es war

Feierabend und niemand zu sehen. Unhörbar schritt er über den weichen

Lohboden an den gähnenden Löchern vorüber, wo die Häute in der Lauge

lagen, und bis zum Mäuerchen, wo der Fluß schon dunkel an den moosig

grünen Steinen hintrieb. Da war der Ort, an dem er einmal eine

Abendstunde mit Franziska gesessen war, die bloßen Füße im Wasser

plätschernd.

Und wenn sie mich nicht vergebens hätte warten lassen, dachte Knulp,

dann wäre alles anders gekommen. Wenn auch die Lateinschule und das

Studieren versäumt war, ich hätte Kraft und Willen genug gehabt, um doch

etwas zu werden. Wie einfach und klar war das Leben! Damals hatte er

sich weggeworfen und von allem nichts mehr wissen wollen, und das Leben

war darauf eingegangen und hatte nichts von ihm verlangt. Er war

außerhalb gestanden, ein Bummler und Zaungast, beliebt in den guten

jungen Jahren und allein im Kranksein und Altern.

Es ergriff ihn eine große Müdigkeit, er setzte sich auf dem Mäuerchen

nieder, und der Fluß rauschte dunkel in seine Gedanken. Da wurde über

ihm ein Fenster hell, das mahnte ihn, es sei spät, und man dürfe ihn

hier nicht finden. Er schlüpfte lautlos aus dem Lohgarten und aus dem

Tor, knöpfte den Rock zu und dachte ans Schlafen. Er hatte Geld, der

Doktor hatte ihn beschenkt, und nach kurzem Besinnen verschwand er in

einer Herberge. Er hätte in den »Engel« oder »Schwanen« gehen können, wo

man ihn kannte und wo er Freunde gefunden hätte. Aber daran war ihm

jetzt nicht gelegen.

* * * * *

Vieles hatte sich im Städtchen verändert, was ihn früher bis ins

kleinste interessiert hätte, aber diesmal wollte er nichts sehen und

wissen, als was zur alten Zeit gehörte. Und als er nach kurzem Fragen

erfuhr, daß die Franziska nicht mehr lebe, da verblaßte alles, und ihm

schien, er sei einzig ihretwegen hergekommen. Nein, es hatte keinen

Sinn, hier in den Gassen und zwischen den Gärten herumzustrolchen und

sich von denen, die ihn kannten, halb mitleidige Späße zurufen zu

lassen. Und als er zufällig in dem engen Postgäßlein dem Oberamtsarzt

begegnete, fiel ihm plötzlich ein, man könnte ihn am Ende droben im

Krankenhaus vermissen und nach ihm fahnden. Alsbald kaufte er bei einem

Bäcker zwei Wecken, stopfte sie in seine Rocktaschen und stieg noch vor

Mittag zur Stadt hinaus eine steile Bergstraße hinan.

Da saß hoch oben am Waldrande, an der letzten großen Straßenbiegung, ein

staubiger Mann auf einem Steinhaufen und klopfte mit einem

langstieligen Hammer den graublauen Muschelkalk in Stücke.

Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen.

»Grüß Gott,« sagte der Mann und klopfte weiter, ohne den Kopf zu heben.

»Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang,« probierte Knulp.

»Kann schon sein,« brummte der Steinklopfer und sah einen Augenblick

empor, vom Mittagslicht auf der hellen Straße geblendet. »Wo wollet Ihr

hinaus?«

»Nach Rom zum Papst,« sagte Knulp. »Ist's wohl noch weit?«

»Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall stehen bleiben müsset und

die Leute in der Arbeit stören, dann erlaufet Ihr's in keinem Jahr.«

»So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich's nicht, Gott sei Dank. Ihr seid ein

fleißiger Mann, Herr Andres Schaible.«

Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen und musterte den

Wanderer.

»Ihr kennt mich also,« sagte er bedächtig, »und ich kenn Euch auch, will

mir scheinen. Bloß auf den Namen muß ich noch kommen.«

»Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo wir Anno neunzig

allemal unseren Sitz gehabt haben. Aber er wird nimmer leben.«

»Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir's, alter Kunde. Du bist der

Knulp. Setz dich ein bißchen her, und grüß Gott auch!«

Knulp setzte sich, er war zu rasch gestiegen und atmete mit Beschwerden;

er sah erst jetzt, wie schön in der Tiefe das Städtchen lag, blaublanker

Fluß, rotbraunes Dächergewimmel und kleine grüne Bauminseln dazwischen.

»Du hast es nett hier droben,« sagte er aufatmend.

»Es geht so, ich kann nicht klagen. Und du? Früher ist's leichter den

Berg rauf gegangen, gelt? Du schnaufst ja heillos, Knulp. Hast wieder

einmal die Heimat besucht?«

»Jawohl, Schaible, es wird das letztemal sein.«

»Und warum denn?«

»Weil halt die Lunge kaputt ist. Weißt du nix dagegen?«

»Daheim geblieben wenn du wärst, mein Lieber, und hättest brav

geschafft, und hättest Weib und Kinder und jeden Abend dein Bett, dann

wär's vielleicht anders mit dir. Na, darüber weißt du meine Meinung von

früher her. Da kann man jetzt nichts machen. Ist's denn so schlimm?«

»Ach, ich weiß nicht. -- Oder doch, ich weiß schon. Es geht halt den

Berg hinunter, und jeden Tag ein bißchen schneller. Da ist's dann wieder

ganz gut, wenn man für sich allein ist und niemand zur Last fällt.«

»Wie man's nimmt; das ist deine Sache. Es tut mir aber leid.«

»Ist nicht nötig. Gestorben muß einmal sein, es kommt sogar an die

Steinklopfer. Ja, alter Kunde, da sitzen jetzt wir zwei und können uns

beide nicht viel einbilden. Du hast ja auch einmal andere Gedanken im

Kopf gehabt. Hast du nicht damals zur Eisenbahn gewollt?«

»Ach, das sind alte Geschichten.«

»Und deine Kinder sind gesund?«

»Ich weiß nichts andres. Der Jakob verdient jetzt schon.«

»So? Ha, die Zeit vergeht. Ich will, glaub ich, jetzt auch ein wenig

weiter.«

»Es pressiert nicht so. Wenn man sich so lang nimmer gesehen hat! Sag,

Knulp, kann ich dir mit etwas helfen? Viel hab ich nicht bei mir, es

wird eine halbe Mark sein.«

»Die kannst du selber brauchen, Alterle. Nein, danke schön.«

Er wollte noch etwas sagen, aber es wurde ihm elend ums Herz, und er

schwieg, und der Steinklopfer gab ihm aus seiner Mostflasche zu trinken.

Sie blickten eine Weile auf die Stadt hinunter, ein Sonnenspiegel im

Mühlkanal blitzte kräftig herauf, über die Steinbrücke fuhr langsam ein

Lastwagen, und unterm Wehr schwamm lässig ein weißes Gänsegeschwader.

»Jetzt hab ich ausgeruht und muß weiter,« fing Knulp wieder an.

Der Steinklopfer saß in Gedanken und schüttelte den Kopf.

»Hör, du, du hättest mehr werden können als so ein armer Teufel von

Pennbruder,« sagte er langsam. »Es ist doch sündenschad um dich. Weißt

du, Knulp, ich bin gewiß kein Stündeler, aber ich glaube halt doch, was

in der Bibel steht. Du mußt auch daran denken. Du wirst dich

verantworten müssen, es wird nicht so leicht gehn. Du hast Gaben gehabt,

bessere als ein anderer, und es ist doch nichts aus dir geworden. Du

darfst mir's nicht zürnen, wenn ich das sage.«

Knulp: Drei Geschichten aus dem Leben Knulps · 第 5 / 6 段